Erinnerung und eine Leerstelle

Mit „Der amerikanische Sohn“ legt Bernd Cailloux nun den dritten und letzten Teil einer autobiografischen Trilogie vor

Von Karsten HerrmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karsten Herrmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den wilden Sechzigern hatte der Ich-Erzähler zusammen mit anderen Freunden ein Kollektiv für Veranstaltungs- und Lichttechnik begründet und auch die berühmte Discokugel erfunden. Es war eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten, des Rausches und der Utopien – doch diese zerschellten bald in zwischenmenschlichen Streit und Betrug und im Nachhinein muss er feststellen, dass sie als Avantgarde nichts weiter als die Wegbereiter einer kapitalistischen Kulturindustrie gewesen sind.

All dies reflektiert und erinnert der in die Jahre gekommene Ich-Erzähler anlässlich eines Treffens mit einem ehemaligen und ewig nicht gesehenen Weggefährten. Und in diesem Gespräch steigt auch die immer wieder verdrängte Erinnerung an seinen nie gesehenen Sohn hoch, der während einer wilden Hippie-Phase auf Jamaika gezeugt wurde und jetzt irgendwo in Amerika leben soll.

Der Sohn ist eine zunehmend schmerzende Leerstelle im Leben des Alt-68ers und so nutzt er einen Gastaufenthalt in New York für Recherchen über seinen Sohn. Zugleich entdeckt er die Stadt mit ihren Bilder- und Geräuschorgien neu und ist „verwirrt und betört vom Wiederhören des tosenden Klangs von alterndem Schwermetall […] heavy metal, ein Sound der tief in meinem Geräuschgedächtnis die Zeit überdauert hatte“.

Bernd Cailloux lässt in Der amerikanische Sohn (s)ein Leben Revue passieren, das im wilden revolutionären Aufbruch der 68er begann. Einige Kollateralschäden sind zu beklagen, mit denen er sich jetzt auseinandersetzen muss und die er mit Verweis auf die damalige Zeit nicht mehr wegbegründen kann. Doch es dauert, bis er sich dem wirklich stellen kann und mit dem Sohn auf der anderen Seite des Kontinents im Menlo Park Kontakt aufnimmt.

Der amerikanische Sohn ist eine Mischung aus Erzählung und kritischer Reflektion der damaligen und heutigen Verhältnisse. Er bietet durchaus einige gelungene Passagen und Bilder, vermag aber letztlich keinen packenden Lesesog zu erzeugen. Dafür bleibt die Prosa allzu bemüht und steif und beißt sich gleichzeitig mit einer aufgesetzt wirkenden rebellischen und coolen Attitüde.

Titelbild

Bernd Cailloux: Der amerikanische Sohn. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.
223 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783518429129

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