Von Vergangenheit durchdrungene Gegenwart

Mit „Dresden. Die zweite Zeit“ kehrt Kurt Drawert nach gut einem halben Jahrhundert an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurück

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 2018 zog der 1956 in Hennigsdorf geborene Kurt Drawert als 23. Dresdener Stadtschreiber von Juni bis November in die Elbmetropole. Es war nicht seine erste Begegnung mit der sächsischen Stadt. Ab 1967 war der Sohn eines Kriminalbeamten hier aufgewachsen und später zum Studium nach Leipzig gegangen. Das nun beginnende halbe Jahr war also tatsächlich seine „zweite Zeit“ an diesem Ort.

Dresden – das ist für Drawert, der als Lyriker begann, eine zerrissene Stadt: „Zerrissen zwischen links und rechts, arm und reich, Kunst und Kitsch, hohem Anspruch und Gewöhnlichkeit, eine Stadt im Konflikt mit der Welt, am meisten aber mit sich selbst.“ Der bei den Pegida-Demonstrationen manifeste Hass – als in einem Feuilleton Passagen aus dem entstehenden Buch des Stadtschreibers veröffentlicht werden, sieht der sich auch selbst als Zielscheibe von üblen Beschimpfungen „in schmutziger Sprache“ – irritiert ihn anfänglich. Doch dann beginnt er ihn zu begreifen als ein nachgeholtes Aufbegehren gegen „die da oben“, als verspäteten Aufstand gegen das autoritäre System DDR, das es so nach dem Ende der deutschen Teilung aber gar nicht mehr gibt:

Pegida kommt mir gelegentlich vor wie eine Gesellschaft von Kindern, die ihren Vater nicht kennt. Irgendwer muss nachträglich getötet werden, und er muss den Vater ersetzen, der unkenntlich blieb und überlebte, als das System zusammenbrach und das Land sich in ein anderes verlor.

Das Vater-Thema dominierte schon Drawerts ersten Roman Spiegelland (1992, erweiterte Ausgabe 2015). Auch in Dresden. Die zweite Zeit kommt er immer wieder auf die verstörenden Erfahrungen zurück, die er mit seinem Vater machen musste. In seinem Verständnis entspricht dabei die Rolle des Vaters in der Familie jener des Staates in Bezug auf seine Bürger. Beide stellen eine Macht dar, der sich zu widersetzen Ungemach bedeutet. „Der autoritäre, strenge Ton, die Gewalt in der Sprache, das Niederhalten des Anspruchs eines Einzelnen auf sich selbst“: Drawert hat es bei dem einen – dem Vater – wie bei dem anderen – dem Staat, in dem er aufwuchs – erlebt. Wird er von Ersterem für seinen Widerspruchsgeist geohrfeigt, schickt ihn der andere zur Bewährung in die Produktion, wo er aus nächster Nähe eine Arbeiterklasse erlebt, die alles andere als die ihr von der Ideologie zugeschriebene „führende Rolle“ ausfüllt, sondern „ohnmächtig und verbittert“ eine „Disziplinargesellschaft“ zu überleben versucht.

War Spiegelland der Roman des „symbolischen Vatermords“ ohne die Sicherheit, ob überhaupt der eigene Vater oder nicht doch vor allem das diesen prägende System gemeint war, so geht Dresden. Die zweite Zeit mit dem an seinem Lebensende in die Demenz abdriftenden Vater nicht ganz so rigoros ins Gericht. Zumindest Mitleid empfindet der Sohn nun, wenn er seinem „Vorwendevater“ – „Mein Vorwendevater war autoritär, hartherzig, bisweilen cholerisch, […] unnahbar und kalt.“ – den „Nachwendevater“ vergleichend gegenüberstellt: „Mein Nachwendevater war ein gebrochener Mann […] er war zu schwach, zu müde, zu sehr geschlagen vom Verlauf der Geschichte, in der er unter die Räder der Ereignisse kam.“

In 33 Abschnitten mischt Drawerts Buch Gegenwart und Vergangenheit, Politisches und Privates, Beglückendes und Empörendes, Anekdoten und Träume. Der Autor erzählt von seinen literarischen und philosophischen Vorlieben – Jaques Lacan, Julia Kristeva, Georges Perec, Marcel Proust, Maurice Blanchot, Annie Ernaux tauchen als Namen und Wegmarken seines literarischen Interesses auf –, besucht die noch in Dresden wohnende Mutter und schlägt sich mit den ihm unangenehmen Folgen seines halbjährigen Aufenthalts herum: Man verlangt, dass er immer präsent ist, Interviews gibt und vor Kameras posiert. Hat er auswärtige Verpflichtungen zu erfüllen, ist es deshalb fast ein schuldbewusstes Wegschleichen, das er praktiziert. Allein mit einem Schuldgefühl war er bereits bei seiner ersten Ankunft in Dresden beladen. Hatte er doch, bevor die Familie aus dem Brandenburgischen ins Sächsische umzog, seinem besten Freund im Spiel mit Pfeil und Bogen ein Auge ausgeschossen.    

Dresden. Die zweite Zeit ist ein Text mit vielen Facetten. Teils baut Kurt Drawert Erinnerungen collagenhaft zusammen, teils zitiert er aus Leserbriefen, arbeitet mit Anspielungen auf seine sächsischen Dichterkollegen Heinz Czechowski und Volker Braun – auf Czechowskis Vers „Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss“ aus dessen Sonett An der Elbe (1961) stößt man im Übrigen nicht nur in den Erinnerungen Kurt Drawerts – sowie auf das eigene Werk. Großartig und das Denken des Autors erhellend sind auch die Bildbeschreibungen von Harald Hakenbecks Peter im Tierpark, das ihm beim Wiederbetrachten nicht besser gefällt, aber den Blick auf die Gefühlswelt der fernen Kindheit eröffnet, und des berühmten armen Poeten von Carl Spitzweg, was Drawert natürlich an die Fragilität der eigenen Existenz gemahnt und mit den Worten „der große Künstler, die arme Sau“ ironisch kommentiert wird.

Zu Drawerts Schreiben gehören Unsicherheit und Angst immer dazu. „Ich habe Angst zu schreiben“, bekennt er und fährt fort: „Größer aber noch als die Angst zu schreiben, ist die Angst, nicht mehr zu schreiben oder nicht mehr schreiben zu können oder keinen Sinn darin zu entdecken, es weiterhin zu tun“. Kein Wunder deshalb, dass er knapp dreißig Seiten vor dem Ende des Romans bekennt, sich noch immer nicht klar darüber zu sein, „was es wird“. Schreiben mit einem klaren Ziel vor Augen ist nicht Kurt Drawerts Methode. Stattdessen führt ihn die Verzweiflung – „wenn ich einmal nicht geschrieben habe, dann war ich auch nicht verzweifelt“ –, die er zu seinen Schreibvoraussetzungen zählt, konsequent weg von einem linearen Erzählen hin zu einer auch Wiederholungen einschließenden sprachlichen Spurensuche, in deren Verlauf man „ins Innere der Verhältnisse“ gelangt, „dorthin, wo sich die Gesellschaft am tiefsten eingeschrieben hat“. Eine schmerzliche Methode, der im Verlauf des Dresdenaufenthalts des Dichters ein körperlicher Schmerz korrespondiert, resultierend aus einem schweren Sturz auf Blitzeis, als er der Mutter einen Gefallen tun und für ein gemeinsames Kaffeetrinken Kuchen besorgen will.       

Kurt Drawerts Debütband als Lyriker hieß Zweite Inventur. Als der 1987 im Aufbau Verlag Berlin und Weimar erschien, hatte der Dichter längst abgeschlossen mit dem Land, in dem er aufwuchs. IIm titelgebenden, Günter Eich gewidmeten Gedicht hieß es damals:

Mein Vorteil ist die Anwesenheit
von Gegenständen, die mir vertraut sind,
die mir vertraut sind wie die Erfahrung,
sie wieder verlieren zu können
endgültiger.

Nach der „zweiten Inventur“ nun also die „zweite Zeit“. Auch sie läuft auf eine Bestandsaufnahme hinaus – des Lebens, der Familie, innerhalb derer Drawert aufwuchs und zu (über-)leben lernte, Literatur und Philosophie als Flucht- und Rettungspunkte und einer Stadt, die nach fast einem halben Jahrhundert in der Fremde immer noch keine heimische Wärme verströmt. 

Titelbild

Kurt Drawert: Dresden. Die zweite Zeit.
Verlag C. H. Beck, München 2020.
272 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783406754777

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