Fast alles, was Fälle sind

Jochen Vogts „13 Versuche“ über ein sehr beliebtes und gern verächtlich gemachtes Genre

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ecco, einer der Altmeister der Krimi-Forschung hat seine einschlägigen Aufsätze gesammelt und auf den ästhetischen Punkt gebracht: Schema und Variation hat Jochen Vogt seine Sammlung von Aufsätzen zum Kriminalroman überschrieben, fast schon enttäuschend bodenständig für einen Forscher und Lehrer, der für seine eingängigen und genauen Einlassungen, sein Gespür für das, was wirklich zählt, bekannt ist, und das auch noch unerhört nachhaltig zu vermitteln weiß. Aus dem Journalismus kommend hat der lange Jahre in Essen wirkende Vogt eine unerhört breite Wirkung entfaltet, eben nicht nur mit Arbeiten zu einschlägigen Themen der Literaturwissenschaft (mit Beiträgen zu Heinrich Böll, Thomas Mann, Peter Weiss, Hans Henny Jahnn, einer Einführung zur Erzähltheorie (!), mit einer dreibändigen Literaturgeschichte und einer Einladung zur Literaturwissenschaft, um nur einiges zu nennen). Darüber hinaus veröffentlichte Vogt bereits 1971 eine immer wieder aufgelegte Quellensammlung zum Krimi, mit der er sich seinen Namen im Genre machte.

Was für andere der Karrierekiller gewesen wäre, hat den an einer der Massenuniversitäten der 1970er Jahre berufenen Vogt eher ausgezeichnet – lange Jahre vor jener vergeblichen Ermutigung, die Peter Nusser Ende der 1980er Jahre an der FU Berlin an die jüngeren Kolleg/innen richtete, sich doch dem Krimigenre zu widmen. Es lohne sich. Bis heute kommt, wer sich mit Kriminalliteratur in der Germanistik beschäftigt (was immer noch nicht opportun ist), an Vogt nicht vorbei. Und sollte es auch nicht, wie diese Aufsätze, vor allem aber die „13 einfachen Sätze“ zeigen, die Vogt statt einer Einleitung an deren Anfang gestellt hat.

Lässt man diese „Sätze“ Revue passieren, dann entwickeln sie sich geradezu von selbst unter dem neugierigen Blick der Lesenden und sie entwickeln das erstaunliche Krimiprogramm Vogts. Ad 1: Der Krimi kein Roman? Naheliegend, er fängt als Erzählung an, schwappt in allerhand Genres über und mausert sich (ad 2) schließlich doch zu einem der produktivsten Antreiber des Vorzeigegenres der Gegenwart. Der Krimi ist modern (ad 3), weil er es nolens volens mit dem ersten Höhepunkt der Industrialisierung und Urbanisierung, am Beginn der Massen- und Mediengesellschaft um 1900 zur Serienreife bringt: Dem Urbanen ist der Krimi (selbst wenn er auf dem Land spielt) damit unrettbar verpflichtet. Dabei pflegt er die Marotte, sich (ad 4) einer vormodernen Struktur zu verschreiben, soll heißen, es mit wenigen immer wiederkehrenden Elementen immer aufs Neue und mit dem Realismus erst recht zu versuchen. Das muss man ihm mal nachmachen (keine Sorge, das passiert schon). Freilich hat ihm diese Kombination (forschungsstrategisch und was das symbolische Kapital angeht) durchaus zum Nachteil gereicht: Wissenschaftler wollen sich mit solch unseriösem Kram nicht beschäftigen (ad 6), Kunstanspruch erhebt er (ad 5) zudem auch nicht, aber das hat an seiner Vitalität, an seiner Beliebtheit nichts geändert (ad 8), weshalb ihm die Punkte 5 und 6 dann eben einfach egal sind (ein knappes Sätzchen ad 7). Der Krimi ist sogar derart erfolgreich, dass Vogt ihn zum „Genre der Globalisierung“ ausruft (ad 9), was als Variante zum think global, act local dazu führt, dass das Pendel eben auch ins Gegenteil, ins Regionale ausschlägt (ad 10). Schema hin, Variation her, ist der Krimi auch nach mehr als einhundert Jahren Geschichte immer wieder aufs Neue aktuell (ad 11), was ihn wohl zur Eier legenden Wollmilchsau der Literatur macht (ad 12), um mit einem solchen Satz (ad 13) zu enden: „Der Krimi kann (fast) alles.“

Wer wollte solchen „Sätzen“ widersprechen?

Auffallend ist freilich, dass Vogts gesammelte Krimi-Texte mit einer bezeichnenden Ausnahme aus den letzten 20 Jahren stammen, also vergleichsweise jüngeren Datums sind. Lediglich eine Studie zu Hans Henny Jahnns Roman Das Holzschiff hat nochmals dreißig Jahre mehr auf dem Buckel, sie wurde bereits 1970 gedruckt. Daraus lässt sich wohl entnehmen, dass das Interesse Vogts am Genre in den letzten beiden Dekaden gestiegen ist – vorher gab es wohl Dringlicheres zu tun.

Und obwohl aus Aufsätzen und Vorträgen – also aus Gelegenheitsarbeiten – zusammengestellt, lässt sich eine vergleichsweise stringente und systematische Anordnung der Texte festhalten, von den allgemeinen Themen wie dem Aufstieg des Ermittlers, der Literarisierung der Fall-Geschichte und der Rekapitulation der ewig währenden Schunddiskussion um den Krimi bis hin zu den Einzelstudien etwa zu Brechts Krimineigung, zu Patricia Highsmiths, Friedrich Dürrenmatts oder zu John le Carrés Werk. Dass er Uta-Maria Heim in die Reihe seiner Porträts aufnimmt, zeigt den Stellenwert, den diese Autorin für Vogt im Krimi genießt (oder seiner Meinung nach genießen sollte). Ansonsten visiert Vogt eher die großen Namen an, geht es in diesem Band doch nicht zuletzt darum, den wissenschaftlichen Stellenwert des Krimis herauszuheben, dessen Erfolg mit der Beschäftigung, die man ihm angedeihen lässt, nicht korrespondiert.

Das scheint sich in den letzten Jahren etwas zu ändern, wie neuere Studien etwa zum „Tatort“ das neue Interesse an seriellen Formaten und ein Realismus-Verständnis andeuten, in dem konventionelle und avantgardistische Mittel verbunden werden, wie Moritz Baßler gezeigt hat. Was die mediale Aufbereitung des Krimis angeht, hat Vogt seine eigenen Ansichten, die er in einem 2004 herausgegebenen Sammelband vorgestellt hat (MedienMorde, 2004). Aber eine entscheidende Aufwertung des Genres lässt sich daraus noch nicht ableiten.

Was die Mühe um den Krimi angeht, ist also noch lange kein Ende abzusehen, vielleicht steht seine Erforschung ja auch gerade erst am Anfang. In diesem Kontext wirken Vogts Aufsätze wie lang vermisste, grundsätzliche Aufarbeitungen zu Themen, die bisher nie zu Ende gedacht worden sind. Hier kann man sich dann nochmal vergewissern, wie man hinreißend reflektiert, die Themen, die das Genre umtreiben und zu seiner Vernachlässigung geführt haben, nachlesen und rekapitulieren. Man wird sicher von Vogt keine abstrakten, eher theoretischen Abhandlungen erwarten, Begriffsklärung hin, Abklärung und Reflexion her. Dazu bleibt er wohl zu sehr Aufklärer, dem es immer auch um die Interessen geht, die hinter Meinungen und Prämissen zu vermuten sind. Sein Interesse geht zudem mehr auf die Story und ihre Entwicklung, also auf das „Welt-Erklärungsmodell“, als das das „Erzählmodell“ des Krimis auftritt. Dürrenmatt und Brecht sind seine Zeugen.

Was nicht zu unterschätzen ist, und um es zu wiederholen: „Der Krimi kann (fast) alles.“

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Jochen Vogt: Schema und Variation. 13 Versuche zum Kriminalroman.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2020.
376 Seiten , 29,50 EUR.
ISBN-13: 9783865257376

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