Die Wiederkehr eines Verdrängten

Die Neuausgabe von Wilhelm Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ lädt zur wissenschaftshistorischen Rekonstruktion eines epochalen Werkes ein

Von Bernd NitzschkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernd Nitzschke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für Wilhelm Reich stand fest: Psychoanalyse und Faschismus sind unvereinbar. Als politisch denkender und handelnder Psychoanalytiker gab er dieser Überzeugung in Wort und Tat schon lange vor 1933 Ausdruck. Ins Exil geflohen veröffentlichte er 1933 sein epochales Werk Massenpsychologie des Faschismus. Bevor man die Neuausgabe dieses Buches nun wieder zur Hand nimmt, sollte man über die historischen Zusammenhänge näher Bescheid wissen, in denen es konzipiert, publiziert, rezipiert – und Jahrzehnte nach seinem Erscheinen noch immer kontrovers interpretiert wurde. Das heißt, es geht hier nicht nur um einen Text, in dem die massenpsychologischen Voraussetzungen analysiert werden, die es einem ‚Führer‘ ermöglichten, ‚die Macht zu ergreifen‘ – es geht auch um das ‚Schicksal‘ der Psychoanalyse unter Hitler und um vereinspolitisch motivierte Versuche, Autor und Werk zu diffamieren.

Um sich trotz der Geschehnisse im NS-Staat auch weiterhin ungestört mit den Rätseln des Unbewussten beschäftigen zu können, trafen sich die Freudianer 1934 auf Schweizer Boden. Hier fand vom 26. bis zum 31. August in Luzern der 13. Internationale Psychoanalytische Kongress statt. Zu diesem Zeitpunkt wusste jeder, der es wissen wollte, wem die Stunde in Deutschland geschlagen hatte. Im Frühjahr 1933 waren die Schriften missliebiger Autoren verbrannt und in Dachau das erste Konzentrationslager eröffnet worden. Darüber berichteten die Münchner Neuesten Nachrichten am 21. März 1933 wie folgt: „Hier werden die gesamten kommunistischen und – soweit notwendig – Reichsbanner- und marxistischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen.“ Das heißt: Das erste Konzentrationslager auf deutschem Boden galt den politischen Gegnern Hitlers, wobei es unerheblich war, welcher ‚rassischen‘ Gruppe sie zugeordnet wurden. Unter der Schlagzeile Fünfzig Ermordete in Dachau erfuhr man Dreivierteljahr später aus der in Wien erscheinenden Arbeiter-Zeitung am 4. Januar 1934 Einzelheiten über die in diesem Lager begangenen Grausamkeiten wie Baumhängen, Verprügeln oder Totschlagen wehrloser Gefangener. Kannte Freud derartige Meldungen? Wir wissen es nicht. Gewiss ist aber, dass er einen derjenigen sehr gut kannte, die der KZ-Haft mit knapper Not entkommen waren: Wilhelm Reich.

Reichs damalige Lebensgefährtin, die Tänzerin Elsa Lindenberg, hatte ihr Domizil in der Berliner ‚Künstlerkolonie‘, einer Hochburg des Widerstands gegen Hitler. Reich war Mitglied der dortigen kommunistischen Zelle, der u. a. der Schriftsteller Arthur Koestler, der Philosoph Ernst Bloch und der Schauspieler-Sänger Ernst Busch angehörten. Nur wenige Tage nach dem Reichstagsbrand kam es zu einer Großrazzia, über die der Völkische Beobachter am 15. März 1933 berichtete: „Heute Vormittag wurde durch eine Bereitschaft Schutzpolizei […] der große Block am Südwestkorso in Wilmersdorf, der den schönen Namen ‚Künstlerkolonie‘ führt, abgeriegelt und durchsucht. Dieser Gebäudekomplex beherbergte seit seinem Bestehen eine Auslese übelster Intellektueller und Kommune-Blutredner, die dort in luxuriösen Wohnungen, im Schutze eisenbeschlagener Türen, ihre Haßgesänge gegen das erwachende Deutschland verfaßten.“ Zu diesem Zeitpunkt war Wilhelm Reich schon nicht mehr in Berlin. Denn er gehörte zu den „österreichischen Staatsangehörigen“, die wegen „ihrer Betätigung in der kommunistischen Bewegung“ auf einer Liste standen, die die Gestapo im Mai 1933 der Bundespolizeidirektion Wien übermittelte. Dorthin war Reich geflohen, um seiner Verhaftung zu entkommen. Dass Reich in Gefahr war, das wusste auch Max Eitingon, der Vorsitzende der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), der im Sommer 1933 (nach Palästina) emigrierte. Er ließ Wilhelm Reich „mitteilen“, das Berliner Psychoanalytische Institut (BPI) „nicht mehr [zu] betreten, damit, falls er verhaftet werden würde, dies nicht in unseren Räumen geschehen könne“. So steht es in einem der Berichte, die Felix Boehm – der im November 1933 als ‚arischer‘ Nachfolger Eitingons das Amt des DPG-Vorsitzenden übernahm – für Ernest Jones, den Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) anfertigte, um ihn über das ‚Schicksal‘ der Psychoanalyse unter Hitler auf dem Laufenden zu halten.

Nach seiner Flucht hielt Reich in Wien beim Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs am 7. April 1933 einen Vortrag über Die Massenpsychologie der nationalen Bewegung (eine der Vorstufen des hier besprochenen Buches). Am 27. April schrieb Anna Freud an Ernest Jones, Reich habe „bei seinem kurzen Aufenthalt hier in kommunistischen Versammlungen politische Reden mit psychologischem Anstrich“ gehalten. „Was das in heutigen Zeiten für die analytische Vereinigung bedeuten kann, weiß jeder. […] Mein Vater […] kann nicht erwarten, Reich als Mitglied loszuwerden. Ihn beleidigt die Vergewaltigung der Psychoanalyse ins Politische, wo sie nicht hingehört.“ Drei Tage zuvor, am 24. April, hatte man Reich bei einer Vorstandssitzung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) aufgefordert, die von ihm vertretene Position – die er in der Massenpsychologie des Faschismus als „Sexualökonomie“ bezeichnete, die „auf dem soziologischen Fundament von Marx und dem psychologischen von Freud“ aufbaute – nicht mehr unter Berufung auf die Psychoanalyse öffentlich vorzutragen. In Reichs Worten: „Der Vorstand der Vereinigung forderte von mir mit Rücksicht auf die herrschende politische Situation die Einstellung meiner politischen Arbeit und soziologisch-wissenschaftlichen publizistischen Tätigkeit. […] Ich erklärte, eine solche Zusage nicht machen zu können.“

Unvereinbarkeit von Psychoanalyse und Faschismus

Wie er in der von ihm ab Mai 1934 im Exil herausgegebenen Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie schreibt, stand für Reich die „Unvereinbarkeit von Psychoanalyse und Faschismus“ fest. Er hatte daher bereits im Frühjahr 1933 die Selbstauflösung der DPG gefordert, um so jeder möglichen Kollaboration der Psychoanalytiker mit dem NS-Regime vorzubeugen. Otto Fenichel, der Reichs Forderung damals noch abgelehnt hatte, bereute seine Entscheidung angesichts der Politik der DPG-Funktionäre gegenüber dem NS-Regime später zutiefst. Am 1. Juni 1935 schrieb er in einem der Rundbriefe an die mit ihm verbündeten Linksfreudianer, „daß es im Interesse der Analyse […] am besten gewesen wäre, Institut und Vereinigung […] aufzulösen“. Und im Rundbrief vom 16. April 1939 bedauerte er sein anfängliches Zögern noch einmal: „Es nutzt nichts, aber man muss zugeben, dass die einzig moegliche Loesung gewesen waere, die deutsche psychoanalytische Vereinigung schon im Fruehjahr 1933 aufzuloesen, ein Vorschlag, den Reich propagierte, waehrend Edith J.[acobsohn] und ich [damals] dagegen gewesen waren.“

Hier die vermeintlich ‚neutrale‘ Psychoanalyse, die Freud vertrat – dort die vermeintlich ,parteiische‘ Psychoanalyse, die Reich angelastet wurde: Dieser Gegensatz bestimmt die Debatte um die Geschichte der Psychoanalyse in der NS-Zeit bis heute. Freud wollte die Psychoanalyse als „parteiloses Instrument“ verstanden wissen, das, vergleichbar der „Infinitesimalrechnung“, unter allen politischen Verhältnissen anzuwenden sei, solange es nicht verboten werde. Reich hingegen wollte die Psychoanalyse als Instrument der Aufklärung nutzen, um die psychosozialen Bedingungen autoritärer Herrschaft aufzudecken (im konkreten Fall hieß das: die bewussten und unbewussten Motive zu benennen und zu erklären, die der Bereitschaft zugrunde lagen, die NS-Ideologie als ‚Erlösung‘ aufzufassen).

Wilhelm Reich war – neben Otto Gross als Vorläufer und Erich Fromm als Zeitgenosse – einer der Pioniere der Erforschung der autoritären Persönlichkeit. Die 1933/34 in Szene gesetzte Ausgrenzung Wilhelm Reichs aus den psychoanalytischen Organisationen erfolgte nach Lesart der vereinspolitisch motivierten Geschichtsschreibung jedoch nicht wegen dieser – aus heutiger Sicht – begrüßenswerten Pionierleistung, sondern deshalb, weil aus Reich ein ‚schlechter‘ Psychoanalytiker wurde. Robert Waelder, ein vormaliger Lehranalysand Anna Freuds, der 1934 beim Luzerner Kongress an der Sitzung des IPV-Gremiums teilgenommen hatte, das den 1933 beschlossenen DPG-Ausschluss Reichs absegnete, formulierte in einer Besprechung der von Reich herausgegebenen Exil-Zeitschrift harsch: „So muß denn in aller Klarheit gesagt werden, daß die hier vorliegenden ‚wissenschaftlichen‘ Bestrebungen mit der Psychoanalyse nichts mehr zu tun haben, daß niemand, der Reich auf seinem Weg folgt, mehr Recht hat, sich noch auf die Psychoanalyse zu berufen […].“

Am 17. April 1933, also nur zehn Tage, nachdem Reich seinen Vortrag über die Massenpsychologie der nationalen Bewegung in Wien gehalten hatte, traf dort Boehm mit Freud zusammen, um mit ihm die weitere Politik der DPG zu besprechen. „Die Unterredung verlief sehr herzlich“, heißt es in einem Bericht Boehms für Jones (dem auch die folgenden Zitate entnommen wurden). Bei der Verabschiedung habe Freud u. a. den „Wunsch“ geäußert: „befreien Sie mich von Reich“. Nachdem Eitingon (vermutlich durch Boehm selbst) von diesem „Wunsch“ erfahren hatte, schrieb er an Freud, sollte Boehm tatsächlich „den Auftrag bekommen [haben], Reich hinauszuwerfen, so wird er das mit dem Takt machen, der uns sicher die Freude an der vollzogenen Tatsache ganz verderben würde“. Und dann setzte er noch hinzu: „Wir sollten Reich nicht gerade jetzt hinauswerfen […].“

Nach Berlin zurückgekehrt beeilte sich Boehm, Freuds „Wunsch“ auf eine Art und Weise zu erfüllen, die Eitingons Befürchtung recht gab – und den Weg der Selbstzerstörung der Psychoanalyse im NS-Staat eröffnete. In Boehms Bericht für Jones heißt es dazu: „Bei all meinen Schritten hat mir die Stellungnahme Freud’s vorgeschwebt, es solle durchaus versucht werden, das Werk der Ps[ycho]-A. [nalyse] in Deutschland aufrecht zu erhalten und keiner Behörde eine Handhabe für ein Verbot unserer Tätigkeit gegeben werden.“ Wenn Boehm die Psychoanalyse (oder besser: den Fortbestand der psychoanalytischen Institutionen) vor einem Verbot bewahren wollte, dann musste er sich von Reich und dessen Schriften deutlich distanzieren, in denen Reich – wie etwa schon in der 1932 erschienenen Broschüre Der Einbruch der Sexualmoral. Zur Geschichte der sexuellen Ökonomie – die psychosozialen Voraussetzungen autoritärer Herrschaft unter Berufung auf Psychoanalyse und Marxismus beschrieben hatte.

Boehm kannte in Berlin einen Mann von Einfluss – und diesen Einfluss wollte er nutzen: Otto von Kursell, Parteigenosse und SA-Mann, vormals Boehms Corpsbruder in Riga, 1923 Teilnehmer am Hitler-Putsch, deshalb Träger des ‚Blutordens‘, jetzt Redaktionsmitglied des Völkischen Beobachters. „Da ich ihn als durchaus zuverlässige Persönlichkeit kannte, wusste, dass er mich sehr schätzte und dass er jetzt Professor an der Akademie für bildende Künste und Referent im Kultisministerium [sic!] geworden war, suchte ich ihn dort auf, um zu erfahren, wie sich das Schicksal der Psychoanalyse in Deutschland gestalten könnte.“ Boehm gab sich große Mühe, Kursell über das wahre „Wesen der Psychoanalyse aufzuklären“. Das war nicht ganz einfach, denn die „bisherige Ansicht K.’s über die Ps. A. war: eine jüdisch-marxistische Schweinerei“. Offenbar setzte Kursell ‚die‘ Psychoanalyse mit den Positionen gleich, die bislang Reich in zahlreichen öffentlichen Reden und vielen Publikationen vertreten hatte. Dazu heißt es im Bericht Boehms: „Bekanntlich war Reich häufig öffentlich als Kommunist und Psychoanalytiker aufgetreten, wobei er seine Ansichten als Ergebnisse der Psychoanalyse hingestellt hatte. In unzähligen Flugschriften war in Berlin vor Reich gewarnt worden. Gegen dieses Vorurteil [‚die‘ Psychoanalyse sei mit den Positionen Reichs gleichzusetzen] hatte ich zu kämpfen.“ In einem Brief, den Boehm ein Jahr später (am 15.11.1935) an Jones schrieb, heißt es dazu dann noch einmal, Kursell habe die Auffassung vertreten, „daß er sehr gut über die Psychoanalyse orientiert wäre und zu dem Resultat gekommen sei, es handle sich um eine jüdisch-kommunistische Schweinerei. Sie müssen wissen, daß im Frühjahr 1933 in öffentlichen Anlagen und Straßen Zehntausende von Zetteln verteilt und angeklebt worden sind mit dem Inhalt ‚Schützt unsere Jugend vor der Reichschen Kulturschande‘!“

Boehm informierte den NS-Funktionär Kursell nun aber, dass Reich „im Sommer 1933 aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen“ wurde. An dieser Stelle des Briefes an Jones heißt es weiter: „Die absolute Gewißheit, daß in unserem Kreise niemand war, der uns durch seine Beziehung zum Kommunismus in Gefahr bringen konnte, war für mich die wesentliche Grundlage zur Aufnahme von Verhandlungen.“ Kann man das Junktim, das zwischen Reichs Ausschluss aus der DPG und der versuchten ‚Rettung‘ der Psychoanalyse unter Hitler bestand, deutlicher formulieren? Ich habe mehrfach auf diesen Zusammenhang hingewiesen – zum Beispiel in dem Aufsatz Psychoanalysis and National Socialism. Banned or Brought into Confirmity? Break or Continuity? (International Forum of Psychoanalysis, 2003). Die Lektüre dieses Beitrags inspirierte Mitchell G. Ash zur Formulierung: „Nitzschke 2003 behauptet [Hervorh. B. N.], Felix Boehm habe schon 1933 den Ausschluss Reichs aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung dazu mobilisiert, ein Verbot der Psychoanalyse im Nationalsozialismus abzuwenden – um danach die Unabhängigkeit der Freud’schen Psychoanalyse selbst Schritt für Schritt preiszugeben. Hier verbindet sich der Wunsch nach einer Auffassung der Psychoanalyse als per se emanzipatorische Theorie und Praxis mit einer offenen Sympathie für die Kapitalismuskritik Reichs – eine Haltung, die anscheinend seit den 1970er-Jahren bis heute unverändert aufrechterhalten wird“ (Materialien zur Geschichte der Psychoanalyse in Wien 1938-1945. Frankfurt/M. 2012). An dieser Stelle fällt mir Giovanni Trapattonis berühmte Rede ein: „Was erlauben Strunz?“ Und dann setzte er so fort: „Ich habe fertig!“ Und was erlauben Nitzschke? Er hat noch immer nicht fertig! Denn jetzt „behaupte“ ich sogar, die Freudianer durften den Kapitalismus nicht erst „seit den 1970er Jahren“, sondern spätestens seit 1927 kritisieren – und zwar nicht mit Berufung auf Reich, sondern auf Freud, der damals schrieb: „Es braucht nicht gesagt zu werden, daß eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt läßt, […] weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient.“ Und hatte Freud die Psychoanalyse nicht selbst als „per se emanzipatorische Theorie und Praxis“ charakterisiert? Er empfahl sie 1933 (!) „wegen ihres Wahrheitsgehalts“ (Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse).

Psychoanalyse und Weltanschauung

Bei seinem Bemühen, die Psychoanalyse zu ‚retten‘, handelte Boehm in steter Absprache und Übereinstimmung mit Ernest Jones und Anna Freud (als Stellvertreterin ihres an Gaumenkrebs erkrankten Vaters). Dabei gab er – um noch einmal Ash zu zitieren – die „Unabhängigkeit der Freud’schen Psychoanalyse selbst Schritt für Schritt“ preis. Auf den ersten Schritt – Boehms Unterredung mit Kursell – folgte als zweiter Schritt der Auftrag Kursells, Boehm solle die vorgetragenen Argumente, mit denen er die Nützlichkeit der Psychoanalyse für den NS-Staat begründet hatte, noch einmal schriftlich fixieren. Diesen Auftrag gab Boehm an den in Weltanschauungsfragen belesenen Carl Müller-Braunschweig weiter, der im November 1933 Boehms ‚arischer‘ Stellvertreter und Kassenwart der DPG wurde. Als solcher bemühte er sich, die noch ausstehenden Stipendienschulden geflüchteter jüdischer DPG-Mitglieder nachträglich einzutreiben, wobei er von Jones tatkräftig unterstützt wurde.

In dem von Kursell angeforderten Memorandum brachte Müller-Braunschweig den NS-Machthabern die Psychoanalyse folgendermaßen nahe: „Durch die politischen Ereignisse hat sich nun eine weitere Veränderung in der Mitgliedschaft [der DPG] vollzogen, insofern als neuerdings eine Reihe von Mitgliedern in das Ausland gegangen ist [das heißt: sie mussten vor ihren Verfolgern fliehen – B. N.]. Glücklicherweise ist die ‚Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft‘ in der Lage, die so entstandenen Lücken in der Dozentenschaft des Instituts durch einen arbeitsfreudigen Nachwuchs ausfüllen zu können.“ Die Abgrenzung von Wilhelm Reich und von der Auffassung der Psychoanalyse, die er vertrat, war ein wichtiges Ziel dieses Schriftstücks. Obwohl er nicht offen beim Namen genannt wurde, so war doch klar, wer gemeint war, wenn es hieß, dass die Psychoanalyse „ein gefährliches Instrument in der Hand eines destruktiven Geistes [sprich: Wilhelm Reich] ist, und daß es darum entscheidend ist, wessen Hand dieses Instrument führt“. In den richtigen Händen sei die Psychoanalyse hingegen aufbauend, denn sie fördere die Selbstbeherrschung. In Müller-Braunschweigs Worten hieß das: „Die Psychoanalyse bemüht sich nicht allein […] sexuell unfähige Menschen zu sexuell fähigen zu machen, sondern überhaupt auf allen Gebieten des Menschseins unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen, Instinktgehemmte zu Instinktsicheren, lebensfremde Phantasten zu Menschen, die den Wirklichkeiten ins Auge zu sehen vermögen, ihren Triebimpulsen Ausgelieferte zu solchen, die ihre Triebe zu beherrschen vermögen, liebesunfähige und egoistische Menschen zu liebens- und opferfähigen, am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Dienern am Ganzen umzuformen. Dadurch leistet sie eine hervorragende Erziehungsarbeit und vermag den gerade jetzt neu herausgestellten Linien wertvoll zu dienen.“ Dieser Passus zielte auf Reichs Schrift Der sexuelle Kampf der Jugend (1932), „die an die niedrigsten Instinkte unreifer Menschenkinder sich wendet und versucht, im Jugendlichen die Verpflichtung zu Sitte, Anstand und Selbstbeherrschung zu zersetzen“, wie der Völkische Beobachter am 2. März 1933 schrieb, zu dessen Redaktionsmitgliedern Kursell gehörte, der bislang der Ansicht war, ‚die‘ Psychoanalyse sei eine „jüdisch-marxistische Schweinerei“, und nun eines Besseren belehrt werden sollte.

Die Psychoanalyse als Therapiemethode, mit deren Hilfe „unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen“ und „Dienern am Ganzen umzuformen“ seien: diese Zielsetzung imponierte selbst dem Vetter des Reichsmarschalls Heinrich Matthias Göring, der als Vorsitzender des Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie, das 1936 die Räume des Berliner Psychoanalytischen Instituts bezog, bei einer Mitgliederversammlung sagte: „Leider hat niemand vor Freud die Erkenntnis des Unbewußten praktisch verwertet. Die Anwendungsmöglichkeit uns zu zeigen, ist das Verdienst Freuds. Seine Methode ist Allgemeingut aller Psychotherapeuten geworden. Viel wichtiger als die Methode ist aber die Weltanschauung“. Und das hieß in Görings Worten: „Der Nationalsozialismus nimmt heute alles für sich in Anspruch, den ganzen Menschen, auch die Wissenschaft […]. Uns Psychotherapeuten sollte es nicht schwer fallen, die Wichtigkeit der Weltanschauung zu erfassen, da ohne Weltanschauung keine Psychotherapie getrieben werden kann.“

Bei einem Treffen, das am 1. Oktober 1933 in Den Haag stattfand, legten Boehm und Müller-Braunschweig dem IPV-Präsidenten das Memorandum vor. Nachdem auch Anna Freud über das Ergebnis dieser Besprechung informiert worden war, veröffentlichte Müller-Braunschweig einen Teil des Memorandums am 22. Oktober 1933 unter der Überschrift Psychoanalyse und Weltanschauung in der antisemitischen Zeitschrift ReichswartNationalsozialistische Wochenschrift u. Organ des Bundes Völkischer Europäer (S. 2-3). Wilhelm Reich druckte diesen Artikel in der von ihm herausgegebenen Exil-Zeitschrift unter der Überschrift ‚Unpolitische‘ Wissenschaft nach und kommentierte ihn so: Das „Vorstandsmitglied der deutschen psychoanalytischen Zweigvereinigung Dr. Carl Müller-Braunschweig [hat] die Gleichschaltung der psychoanalytischen Theorie der Neurosen mit der Hitlerschen Weltanschauung vollzogen. Die Verbrennung der Bücher Freuds im ‚Dritten Reich‘ hatte dem genannten Vorstandsmitglied die Unvereinbarkeit von Psychoanalyse und Faschismus offenbar nicht klar genug demonstriert […].“ Michael Schröter, Mitherausgeber einer Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, kam Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes zu einer ganz anderen Einschätzung. Im Hinblick auf meine Zustimmung zu der von Reich formulierten Auffassung schrieb er: „Nitzschke glaubt, […] der Artikel ‚Psychoanalyse und Weltanschauung‘, den Müller-Braunschweig 1933 veröffentlichte, sei ‚inspiriert vom Geist der nationalsozialistischen ‚Weltanschauung‘. […] Ich kann dieses Urteil nicht nachvollziehen. In Müller-Braunschweigs Text stehen wenige, vielzitierte Sätze, die das therapeutische Ziel in einer anbiedernden Sprache, die später ins ‚Wörterbuch des Unmenschen‘ einging, beschreiben […]; ansonsten werden analytische Gemeinplätze geboten. Daß die Psychoanalyse auf Psychotherapie reduziert wird, ist kein aktuelles Zugeständnis, sondern bewegt sich auf einer älteren Berliner Linie […]. Kurz: anders als bei Reich beeinflußt hier die Politik nicht die sachliche Substanz; kein Grund für einen Bannfluch in der IPV“ (Hervorh. B. N.).

Mit dem Nachdruck des Reichswart-Artikels wollte Wilhelm Reich die politischen Implikationen eines vermeintlich unpolitischen Textes dokumentieren. In der Massenpsychologie des Faschismus heißt es dazu über einen Wissenschaftler, der glaubt, er könne unter allen politischen Bedingungen ‚neutral‘ weiterarbeiten: „Sein Unpolitischsein ist ein Stück der Stärke der politischen Reaktion und seines eigenen Unterganges gleichzeitig“ (s. Bernd Nitzschke: Psychoanalyse als „un“-politische Wissenschaft. Die politischen Konsequenzen der „Weltanschauungs“-Debatte vor 1933 für das Verhalten einiger offizieller Repräsentanten der deutschen (DPG) und der internationalen (IPV) Psychoanalyse während der Zeit des „Dritten Reiches“. In: Zeitschrift für psychosomatische Medizin und Psychoanalyse, 1991). Nachdem Helmut Dahmer in Reichs Exil-Zeitschrift den Nachdruck des – längst vergessenen – Reichswart-Artikels wiedergefunden hatte, publizierte er ihn 1983 in der Psyche erneut, deren Mitherausgeber er damals (noch) war (einige Jahre später verlor er diesen Posten – s. Bernd Nitzschke: Vom Höhenflug zum Sturzflug. Zum Jahresende ein Skandal: Das Ende der Zeitschrift „Psyche“, DIE ZEIT 1/1992). Dahmer fügte der Republikation des Artikels einen Kommentar hinzu, in dem er die historischen Zusammenhänge erläuterte, in denen der Artikel entstanden ist. Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los – der sich aber nicht gegen Müller-Braunschweig, sondern gegen Dahmer richtete.

… true, real, genuine analysts

Prominente Vertreter der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) beschimpften ihn als „Simon Wiesenthal der Psychoanalyse“, „marxistischen McCarthy“, „Nazi-Jäger“ und dergleichen mehr. Beim 34. Internationalen Psychoanalytischen Kongress, der 1985 in Hamburg stattfand, stimmte die Vizepräsidentin der IPV Janine Chasseguet-Smirgel in diesen Chor ein. In einer Scheinfrage brachte sie spitzfindig die Behauptung unter, „70 %“ der Artikel in der Psyche seien „soziopolitisch […], wie der Chefredakteur, marxistischer Soziologe, weder Analytiker noch analysiert, freimütig selbst bekennt“. Mit dem Hinweis auf das angeblich ‚freimütige‘ – tatsächlich von Chasseguet-Smirgel frei erfundene – ‚Bekenntnis‘ spielte sie auf den seinerzeit gegen Wilhelm Reich erhobenen Vorwurf an, er habe Psychoanalyse und Politik unzulässig vermischt. Und mit der Bemerkung, er sei „weder Analytiker noch analysiert“, wollte sie offenbar Dahmers Kompetenz infrage stellen, sachgerecht über Psychoanalyse zu urteilen. So könnte auch der Erzbischof von Köln argumentieren: einem Kritiker, der weder getauft ist noch sonntags zur Messe geht, fehlt die Kompetenz, sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche zu beurteilen. Janine Chasseguet-Smirgels Hinweis auf den „marxistischen Soziologen“ Dahmer ist aber auch noch aus einem anderen Grund pikant: Bis 1956 war sie Mitglied der moskautreuen Kommunistischen Partei Frankreichs, während Wilhelm Reich den Stalinismus bereits anlässlich der Moskauer Prozesse in den 1930er Jahren als Paradigma autoritärer Herrschaft kritisiert hatte.

Warum all die Dahmer als Person herabsetzenden Attacken? Offenbar drohte die Wiederkehr eines verdrängten Teils der Vereinsgeschichte. Denn Dahmer hatte in seinem Kommentar zum Reichswart-Artikel des Kaisers neue Kleider beim Namen genannt – und Müller-Braunschweig, der „Gründungsvater“ der DPV, wie ihn Friedrich-Wilhelm Eickhoff, Mitbegründer des Vereins Archiv zur Geschichte der Psychoanalyse nannte, stand plötzlich nackt da. Dahmer habe, so Eickhoff weiter, in seinem Kommentar die „Legitimation der DPV und damit auch der mühsam erworbenen Identität ihrer Mitglieder in Frage“ stellen wollen (s. https://www.academia.edu/40509717 – Aufruf: 10.10.2020). Der „Gründungsvater“ hatte 1949 im Geleitwort des Herausgebers einer Zeitschrift für Psychoanalyse (von der nur zwei Ausgaben erschienen sind) sich und die Psychoanalyse als NS-Opfer stilisiert: „Uns bedeutet der Name Freud, die Erscheinung des Begründers der modernen Tiefenpsychologie und das Werk, das er hinterlassen hat, eine Verpflichtung. Diese Verpflichtung fordert umso stärker, als – bei uns in Deutschland – eine Zeit hinter uns liegt, in der sein Name und seine Schöpfung verfemt waren. […] Das ‚Berliner Psychoanalytische Institut‘ […] mußte sich 1936 der allgemeinen deutschen psychotherapeutischen Organisation des ‚Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie‘ einordnen.“

Kein Wort davon, dass die jetzt beklagte ‚Einordnung‘ seinerzeit von Müller-Braunschweig aktiv unterstützt wurde. Unter der Überschrift Nationalsozialistische Idee und Psychoanalyse hatte er 1935 geschrieben: „Die deutschen Psychoanalytiker wünschen sich, dass ihnen die nationalsozialistische Regierung wohlwollend eine fruchtbare Fortsetzung ihrer wissenschaftlichen und therapeutischen Arbeit sichern möge. Sie wünschen sich das umso mehr, als seit dem nationalsozialistischen Regime für die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft in ganz anderem Umfang die Voraussetzungen dafür geschaffen waren, der Gesellschaft ein wirklich deutsches Gesicht geben zu können […]. Vor allem glauben wir, dass wir Wertvolles für das Ziel einer ‚deutschen Psychotherapie‘ beizusteuern vermögen.“

Die öffentlich beklatschte Auferstehung Müller-Braunschweigs als ‚unpolitischer‘ Hüter der Freud‘schen Psychoanalyse unter Hitler und ausersehener „Gründungsvater“ der DPV fand 1949 beim 16. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Zürich statt. Es sei, so erklärte der noch immer amtierende IPV-Präsident Ernest Jones dem Kongresspublikum, zwischen 1933 und 1945 in Deutschland nicht leicht gewesen, zu Freud zu stehen – doch: “some analysts have remained true, real, genuine analysts […]. Dr. Müller-Braunschweig gave an excellent example of this yesterday.” Damit spielte Jones auf einen Vortrag an, den Müller-Braunschweig tags zuvor gehalten hatte. Darin hatte er den Verrat der Freud’schen Lehre nicht anhand der von ihm während der NS-Zeit verfassten Schriften gegeißelt, vielmehr kritisierte er jetzt die von Harald Schultz-Hencke bereits vor 1933 vertretenen Positionen, die als Neopsychoanalyse bekannt wurden. Bleibt anzumerken, dass er noch eine Rechnung mit Schultz-Hencke offen hatte. Als Müller-Braunschweig und Boehm erstmals im Mai 1933 versucht hatten, Eitingon als DPG-Vorsitzenden abzulösen, war Schultz-Hencke einer der wenigen ‚Arier‘, die gegen die beiden Karrieristen stimmten. Käthe Dräger, die aktiv am Widerstand gegen das Hitler-Regime teilgenommen hatte, bescheinigte ihm später: „Seiner politischen Gesinnung nach war er kein Nationalsozialist und er bewies persönlichen Mut.“ Schultz-Hencke hatte Wilhelm Reich und Lotte Liebeck bei der Flucht geholfen und den Kontakt zu John Rittmeister, der bei ihm in Lehranalyse war und wegen Widerstands hingerichtet wurde, und zu Edith Jacobsohn aufrechterhalten, die wegen Hochverrat verhaftet wurde.

Bündnis mit den Arbeiterparteien

Hier die Anpassung der Psychoanalyse an das NS-Regime – dort die Unvereinbarkeit von Psychoanalyse und Faschismus, eine Position, die Reich nicht erst in Berlin, sondern bereits in Wien vertreten hatte. Ausgangspunkt seiner Politisierung war eine Demonstration vor dem Wiener Justizpalast im Juli 1927, bei der mehr als achtzig Menschen erschossen und hunderte verletzt wurden. Zu diesem Zeitpunkt war Wilhelm Reich bereits Leiter des Technischen Seminars der WPV und hatte in dieser Position großen Einfluss auf die Ausbildung der jüngeren Psychoanalytiker. Bruno Bettelheim, der damals Reichs Vorlesungen besuchte, äußerte sich in einem Interview über Anna Freuds Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936) später so: „[…] das waren Gedankengänge, die sich in den Seminaren, in denen Willi Reich sprach und in denen sie als eine Studentin teilnahm, aufgetan hatten.“ Nach der Niederschlagung der Demonstration trat Reich in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) ein. Kurz darauf wird er Mitglied der Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ). Von jetzt an gehört er zu den jüdischen Intellektuellen, über die Arnold Zweig später schreiben wird, sie hätten ein „Bündnis“ mit den Arbeiterparteien geschlossen, um die Zivilisation zu verteidigen. Ab 1928 leitet er gemeinsam mit der Dermatologin Marie Frischauf-Pappenheim die Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung. 1929 erscheint in der Zeitschrift Die psychoanalytische Bewegung ein Bericht über Die Stellung der Psychoanalyse in der Sowjetunion, dem Reichs Notizen von einer Studienreise in Rußland (so der Untertitel) zugrunde liegen. (s. Galina Hristeva & Philip W. Benett: Wilhelm Reich in Soviet Russia: Psychoanalysis, Marxism, and the Stalinist reaction. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/0803706X.2015.1125018 – Aufruf 01.12.2020). Im selben Jahr publiziert er in der Zeitschrift Unter dem Banner des Marxismus den Beitrag Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse. 1930 hält er in Wien beim Gründungskongress der Weltliga für Sexualreform ein Grundsatzreferat. Gestützt auf die in den Sexualberatungsstellen gesammelten Erfahrungen zeigt er Zusammenhänge zwischen repressiver Sexualmoral, autoritärer Erziehung, Geschlechterungleichheit und sozialen Missständen auf. Im Oktober 1930 tritt Reich bei der Nationalratswahl als Kandidat der KPÖ an. Kurz darauf zieht er nach Berlin um. Dort wird er Mitglied der KPD. Ab 1931 hält er an der KP-nahen Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) Vorträge, an der auch Albert Einstein, Erwin Piscator, Walter Gropius und Egon Erwin Kisch lehrten. Kriterium für die Dozentur war nicht die Parteizugehörigkeit, sondern die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Anfang 1931 erscheint Reich erstmals in den Berliner Polizeiakten zur Überwachung potentieller Staatsfeinde. Im Auftrag der KPD nimmt er im Mai des Jahres an der Gründung des Einheitsverbands für Proletarische Sexualreform und Mutterschutz teil, der die Kriminalisierung der Abtreibung bekämpft. Luise Dornemann, die Vorsitzende, deren Ehemann 1933 von den Nationalsozialisten ermordet wird, emigriert 1936.

Vor seinem Umzug nach Berlin hatte sich Reich noch einmal mit Freud getroffen. Am 10. Oktober 1930 erhält er einen Brief, in dem Freud ihm versichert: „Wir haben in unserer Unterhaltung ausgemacht, dass Ihre zeitweise Übersiedlung nach Berlin nicht den Verlust Ihrer Stellungen in Wien zur Folge haben soll, und das meine ich, sollten wir festhalten.“ In den kommenden Jahren änderte sich Reichs politisches Engagement nicht, wohl aber änderte sich die politische Situation in Deutschland: Im Mai 1931 wird die NSDAP erstmals stärkste Fraktion in einem deutschen Landtag (Oldenburg). Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 wird sie stärkste Partei. Ein halbes Jahr zuvor hatte Wilhelm Reich am Berliner Psychoanalytischen Institut seinen Antrittsvortrag gehalten. Er sprach über Die sexuelle Ökonomie des masochistischen Charakters. Im Vorwort der Massenpsychologie des Faschismus heißt es dazu später, das Buch knüpfe „an die früheren Versuche [an], den Prozess der Sexualökonomie unserer Gesellschaftsordnung zu enthüllen“. Wie im Vortrag so widersprach Reich auch in der Massenpsychologie der Auffassung Freuds, aggressive (Sadismus) und autoaggressive (Masochismus) Impulse seien auf einen biologisch verankerten Todestrieb zurückzuführen. Reich machte soziopolitische Bedingungen für die Entstehung von Sadismus und Masochismus verantwortlich. Sie seien Folgen einer das Liebesbedürfnis des Kindes zugleich ausnutzenden und unterdrückenden (sexualfeindlichen) Erziehung.

Otto Fenichel, damals (noch) verantwortlicher Redakteur der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse (wenig später wurde er auf Geheiß Freuds von diesem Posten abberufen), hatte Reichs Masochismus-Vortrag zur Veröffentlichung angenommen. Als Freud diesen Text liest, notiert er in seinem Kürzeste Chronik genannten Tagebuch am 1. Januar 1932: „Langer Magenanfall – Schritt gegen Reich.“ Wenige Tage später schreibt er an Eitingon, „Reichs und Fenichels Versuch, die [psychoanalytischen] Zeitschriften für bolschewistische Propaganda zu missbrauchen“, hätten ihn „entsetzt“. Kurz darauf lässt er Ferenczi wissen, Reich habe einen Vortrag gehalten, „der in dem Unsinn gipfelte, was man für Todestrieb halte, sei die Tätigkeit des kapitalistischen Systems“. Zwar hatte Reich als Kritiker der bestehenden Gesellschaftsordnung ein weiteres Mal Schlüsse für die psychoanalytische Theorie und Praxis gezogen, doch er war in seinem Vortrag nicht über das hinausgegangen, was er bereits früher vertreten hatte. Dennoch wollte Freud den Text jetzt nur mit einer von ihm verfassten Fußnote erscheinen lassen, in der es heißen sollte: „Besondere Verhältnisse zwingen den Herausgeber [Freud] an dieser Stelle, die Leser an etwas zu mahnen, was sonst als selbstverständlich angenommen wird. Nämlich, daß diese Zeitschrift [die Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse] innerhalb des Rahmens der Psychoanalyse jedem Autor, der ihr einen Aufsatz zum Abdruck anvertraut, das volle Recht der freien Meinungsäußerung einräumt und keinem die Verantwortlichkeit für diese Äußerung abnimmt. Im Falle des Herrn Dr. Reich soll aber der Leser davon verständigt werden, daß der Autor Mitglied der bolschewistischen Partei ist.“

Hier wurde Reich erstmals als parteiischer Autor markiert. Das konnte durch den Inhalt des Vortrags zwar nicht belegt werden, war aus Sicht Freuds jetzt aber offenbar notwendig. Als Reich und Fenichel davon erfuhren, riefen sie die ‚linken‘ Psychoanalytiker Berlins zusammen, ein Kreis, aus dem die späteren Empfänger der von Fenichel im Exil verfassten Rundbriefe hervorgingen. Sie protestierten erfolgreich gegen die von Freud vorgesehene Fußnote. Sie unterblieb daraufhin und Reichs Aufsatz Der masochistische Charakter. Eine sexualökonomische Widerlegung des Todestriebes und des Wiederholungszwanges erschien stattdessen von einem Gegenartikel flankiert, den Freud bei Siegfried Bernfeld in Auftrag gegeben hatte. Er beschrieb Reich als einen Befehlsempfänger der KP und meinte, dessen Artikel bestehe aus „zwei voneinander unabhängige[n] Aufsätze[n], die hier ineinander gewoben sind; einer über den masochistischen Charakter, und einer über – man weiß nicht recht worüber. Offenbar die geforderte kommunistische Fleißaufgabe“. Diese paranoid anmutende Schlussfolgerung gipfelte in dem Vorwurf, Reich sei für die „Verwilderung und Verschundung der Wissenschaft“ verantwortlich, die sich wegen der ihm vom Politbüro auferlegten Vorgaben ergeben haben sollten. „Wenn dem wirklich so ist, dann sind Kommunismus und Psychoanalyse unvereinbare Gegensätze“, schlussfolgerte Bernfeld und gab damit die Argumentation vor, mit der später der Ausschluss Reichs aus den psychoanalytischen Organisationen begründet wurde.

Der Faschismus hat gesiegt

Ein halbes Jahr nach dem Masochismus-Vortrag hielt Reich am Berliner Institut einen zweiten Vortrag. Am 28. Juni 1932 sprach er dort über Massenpsychologische Probleme innerhalb der Wirtschaftskrise. Boehm fasste den Inhalt dieses Vortrags in einem Kurzreferat, das im Korrespondenzblatt der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse erschienen ist, wie folgt zusammen: „Anhand der nationalsozialistischen Bewegung wird gezeigt, daß die familiäre Situation des Kleinbürgertums seine Radikalisierung im Sinne der politischen Reaktion statt in dem der Revolution abbiegt. Der Nationalsozialismus erfüllt die Rebellion der Mittelschichten mit reaktionären Inhalten, zu deren Annahme die frühere soziale und familiäre Lage besonders disponierte. Die Analyse des effektiven Gehaltes der Rassentheorie ergibt, daß ‚nordisch-rassisch‘ gleich rein, d. h. asexuell setzt, ‚fremdrassig‘ dagegen das Sinnliche, niedrige Tierische meint.“ Das waren Thesen, die Reich ein Jahr später in der Massenpsychologie des Faschismus breiter ausführen sollte. Das Buch erschien 1933 im dänischen Exil, finanziert von Reichs Freund Karl von Motesiczky, der 1943 in Auschwitz umkam.

Im Sommer 1934 reiste Reich nach Luzern, um am 13. Internationalen Psychoanalytischen Kongress teilzunehmen. Jetzt erfährt er, dass ihm bereits vor einem Jahr die DPG-Mitgliedschaft (und damit – nach den damals gültigen Statuten – auch die Mitgliedschaft der IPV) entzogen wurde. Die Massenpsychologie des Faschismus darf beim Kongress in Luzern nicht mehr ausgelegt werden. Diese auf Anordnung der IPV-Führung erfolgte Zensurmaßnahme richtete sich gegen den einzigen Versuch eines Psychoanalytikers der damaligen Zeit, die massenhafte Zustimmung zum nationalsozialistischen Führerkult mit Rückgriff auf psychoanalytische Erkenntnisse aufzuklären. Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes kommentierte ein Vereinsapologet die Ablehnung des Buches von Reich scheinbar sachlich so: „Ich halte nur fest, daß die IPV-Mehrheit genau wie Freud den Autor der Massenpsychologie des Faschismus […] nicht mehr als ihresgleichen anerkannte.“ An anderer Stelle unterstrich dieser Autor seine Kompetenz, in Sachen Psychoanalyse im Nationalsozialismus zu urteilen, in einem Leserbrief an das Deutsche Ärzteblatt PP (12/2002) mit dieser Selbstdarstellung: „ich als Historiker der Psychoanalyse“ (Michael Schröter).

Was sollte an Reichs Buch so anstößig sein, dass man sich 1933 davon distanzieren musste? Schröter gibt darauf keine Antwort. Umso freigiebiger ist er, wenn es um die Diffamierung der Person Reichs geht. Er sei ein „Störenfried“ gewesen, der an „grandioser Realitätsverkennung“ gelitten habe – meint Schröter. Und weiter: „Gewiss hat ein Mann wie Reich die Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und Psychoanalyse frühzeitig betont […]. Was aber prima vista wie eine realistische Prognose erscheint, stellt sich anders dar, wenn man liest […], daß Reich zugleich als gläubiger Kommunist ‚eine revolutionäre Umkehrung im Kräfteverhältnis des Kampfes um eine neue gesellschaftliche Daseinsform‘ erwartete.“ Der an „grandioser Realitätsverkennung“ leidende „gläubige Kommunist“ Wilhelm Reich stellte in der Vorrede der Massenpsychologie fest: „Die deutsche Arbeiterklasse hat eine schwere Niederlage erlitten […]. Der Faschismus hat gesiegt und baut seine Positionen mit allen verfügbaren Mitteln, in erster Reihe durch kriegerische Umbildung der Jugend, stündlich aus. Aber der Kampf gegen das neuerstandene Mittelalter, gegen imperialistische Raubpolitik, Brutalität, Mystik und geistige Unterjochung, […] für die Beseitigung dieser mörderischen gesellschaftlichen Ordnung wird weitergehen. […] Die Formen, unter denen sich die Machtergreifung des Nationalsozialismus vollzog, erteilten dem internationalen Sozialismus eine unauslöschliche Lehre: dass die politische Reaktion sich nicht mit Phrasen, sondern nur mit wirklichem Wissen, nicht mit Appellen, sondern nur durch Weckung echter revolutionärer Begeisterung, nicht mit bürokratischen Parteiapparaten, sondern nur mit innerlich demokratischen […] Arbeiterorganisationen […] schlagen lassen wird“ [Hervorh. B.N.].

Für stalinistische Parteifunktionäre, die Hitlers Machtergreifung als letztes Signal für den nun bald zu erwartenden Aufstand der Arbeiterklasse verstanden wissen wollten, waren solche Äußerungen unerträglich. Die Massenpsychologie des Faschismus war für sie Häresie, hatte Reich darin doch die – aus Sicht der Parteifunktionäre ketzerische – Frage gestellt, wie es zu erklären sei, „daß die proletarisierte Masse sich einer erzreaktionären Partei“ (der NSDAP) unterwerfen konnte? Reichs Antwort lautete, dass sich nicht nur Kleinbürger, sondern auch autoritär erzogene Arbeiter nach einem Führer sehnen, jedenfalls solange, wie sie sich nicht von dem ihnen anerzogenen und dann verinnerlichten Autoritätsgehorsam befreien können. Schließlich ist die „Unterdrückung der Kinder durch die Väter […] in der Arbeiterschaft nicht geringer, ja manchmal brutaler, als im Kleinbürgertum“, heißt es in der Massenpsychologie.

Reichs anti-autoritäre – und daher zwangsläufig nicht nur anti-faschistische, sondern auch anti-stalinistische – Position führte zum Bruch mit den Apparatschiks. Dem dänischen Arbejderbladet vom 21. November 1933 konnte er entnehmen, dass er wegen der „Herausgabe eines Buches mit konterrevolutionärem Inhalt“ (gemeint war die Massenpsychologie des Faschismus) aus der Partei ausgeschlossen worden sei. Am 7. Januar 1934 hieß es im Gegen-Angriff, „dass der vorübergehende [sic!] Erfolg Hitlers allerhand Kleinbürger, die sich – wie Reich – für Kommunisten halten, mitgerissen“ habe. Und am 30. April 1934 entlarvte die Deutsche Volkszeitung den ‚gläubigen Kommunisten‘ (so Schröter noch 1989 über Wilhelm Reich) als einen „Sexualprediger“, der in der Massenpsychologie „die Position des internationalen Trotzkismus“ vertreten und den „Klassencharakter des Faschismus mit einer undurchsichtigen Schleimhaut gehemmter Sexualität“ überzogen habe.

Die hier zitierten Gegenstimmen billigten Reich immerhin eine, wenngleich irregeleitete, politische Position zu. Anders Béla Grunberger und Janine Chasseguet-Smirgel, die die Frage stellten Freud oder Reich? (Ullstein 1979). Darauf gaben sie die Antwort, „daß es uns nicht richtig und in jedem Fall oberflächlich erscheint, die Unterschiede zwischen Freud und Reich mit Meinungsverschiedenheiten in politischen Fragen erklären zu wollen“. Man sollte vielmehr auf die Psychopathologie zurückgreifen, denn dann könnte man Freud und Reich besser unterscheiden. Bei „Reich haben wir […] gesehen, daß die Differenz zwischen ihm und dem Freudismus als ein Werk seiner Psychose zu verstehen ist“. Reich als Psychotiker? Das erinnert an die guten alten bösen Zeiten, in denen Freud nach Zerwürfnissen mit vormals geschätzten Kollegen (etwa Wilhelm Fließ oder Carl Gustav Jung) zerknirscht feststellen musste, dass er sich wieder einmal auf einen Paranoiker eingelassen hatte. Mitglieder des Geheimen Komitees folgten diesem Muster später und schrieben Mitgliedern, mit denen sie Meinungsverschiedenheiten hatten, ebenfalls heftige Diagnosen zu. Darunter hatte auch der sanfte Sándor Ferenczi zu leiden, dem Jones „latente psychotische Tendenzen“ bescheinigte.

Die Gesetze der Massenpsychologie machen offenbar vor Vereinstüren nicht halt, jedenfalls dann nicht, wenn sich eine Gruppe gläubiger Anhänger um einen charismatischen ‚Führer‘ schart, dessen Aussagen sie als sakrosankt ansehen. Das trifft auch auf die ‚psychoanalytische Bewegung‘ zu. Max Graf, einst Mitglied der um Freud gescharten Mittwochs-Gesellschaft, erinnerte sich so: „Es herrschte eine Atmosphäre von Religionsgründung im Raum […]. Freuds Schüler waren seine Apostel.“ Und selbst Wilhelm Stekel hat sich in seiner posthum erschienenen Autobiographie, obgleich von Freud verstoßen, noch immer als „Apostel“ Freuds charakterisiert (https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=17205). Auch Wilhelm Reich wurde zum Guru für seine Anhänger, die bereit waren (und sind), ihm bis in die ‚Orgon‘-Tiefen des Universums zu folgen. Er hatte als scharfer Kritiker jeder Religion begonnen (s. dazu in der Massenpsychologie das Kapitel über „Die Kirche als internationale sexualpolitische Organisation des Kapitals“) – und endete bei der Identifizierung mit Jesus Christus, einem Religionsstifter, den er als Mensch der Zukunft verklärte (s. Petteri Pietikainen, Utopianism in Psychology: The Case of Wilhelm Reich, in: Behavioral Sciences 38/2002).

In der Massenpsychologie des Faschismus schreibt Reich: „Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit des Kindes […] macht ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, gehorsam, im bürgerlichen Sinne brav und erziehbar; sie lähmt, weil nunmehr jede aggressive Regung mit schwerer Angst besetzt ist, die auflehnenden Kräfte, setzt durch das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikunfähigkeit; kurz, ihr Ziel ist die Herstellung des an die privateigentümliche Ordnung angepaßten, trotz Not und Erniedrigung sie duldenden Staatsbürgers.“ Zu Stellvertretern der in der Kindheit als ‚mächtig‘ erlebten Autoritäten werden im Erwachsenenalter religiöse und/oder politische Führer, die dem zum Autoritätsgehorsam erzogenen Untertanen Muster vorgeben, anhand derer er die ‚Feinde‘ von Sitte und Moral (göttliche Offenbarung) beziehungsweise Recht und Ordnung (politisches Programm) erkennen kann. Im Fall des Nationalsozialismus waren diese ‚Feinde‘ die Angehörigen ausgewählter Minderheiten, allen voran ‚die‘ Juden. Rassereinheit, Blutsvergiftung, Mystizismus – das sind entsprechende Begriffe, deren propagandistische Funktion im Kapitel „Die Rassentheorie“ analysiert werden. Die phantasierte Einheit der ‚Volksschädlinge‘, vor denen sich die phantasierte Einheit der ‚Volksgenossen‘ durch Vernichtung der ‚Schädlinge‘ schützen muss, um der eigenen phantasierten Vernichtung zuvorzukommen: auf diese Weise verkehrten sich Verfolgungsängste in tatsächliche Verfolgung und mörderische Wut konnte guten Gewissens schamlos rauschhaft ausgelebt werden. Das gemeinsam vergossene Blut band Führer und Geführte noch fester aneinander.

Schließlich wollte Reich in der Massenpsychologie eine Antwort auf die Frage finden, „warum der Faschismus als ein Problem der Massen und nicht allein als ein Problem der Persönlichkeit Hitlers oder der objektiven Rolle der nationalsozialistischen Partei zu betrachten ist“. Reichs Antwort lautete: Ein Führer ist ohne die Masse nichts – und die Geführten fühlen sich ohne Führer so hilflos wie alleingelassene Kinder. „Je hilfloser das Massenindividuum aufgrund seiner Erziehung […] ist, desto stärker prägt sich dann die Identifizierung mit dem Führer aus, desto mehr verkleidet sich das kindliche Anlehnungsbedürfnis in die Form des Sich-mit-dem Führer-eins-Fühlens.“ Das heißt aber auch, dass ein Führer nur dann massenhaften Zuspruch findet, wenn „seine Ideologie oder sein Programm an die durchschnittliche Struktur einer breiten Schicht von Massenindividuen anklingt“.

Nach Hitlers Regierungsantritt drängte Freud verstärkt darauf, den „gefährlichen Narren Reich“, wie er ihn in einem Brief an Eitingon nannte, aus der DPG ausschließen zu lassen. „Ich wünsche es aus wissensch.[aftlichen] Gründen, habe nichts dagegen, wenn es aus politischen geschieht, gönne ihm jede Märtyrerrolle.“ Dieser Passus klingt wie die unheimliche Übertragung einer Passage aus Wilhelm Reichs Leidenschaft der Jugend. Eine Autobiographie 1897-1922 (Kiepenheuer & Witsch, 1994). Dort heißt es: „Unter meinen späteren Charakterzügen ragte ein […] seelischer Masochismus hervor, denn als ich nach Vaters Tod in arge materielle Verhältnisse geriet, fühlte ich mich in der Rolle des Märtyrers recht wohl […].“

Alsdann fuhr ich nach Berlin

Nach Reichs DPG-Ausschluss folgten weitere Schritte der Gleichschaltung (beziehungsweise der ‚Rettung‘ der Psychoanalyse), von denen ich hier noch einen der wichtigsten ausführlicher darstellen will. Für den Eintritt der DPG in das im Sommer 1936 gegründete Deutsche Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie war es notwendig, die bis Ende 1935 noch in der DPG verbliebenen Juden zum ‚freiwilligen‘ Verzicht auf ihre Mitgliedschaft zu bewegen. Dabei half den ‚arischen‘ DPG-Funktionären Boehm und Müller-Braunschweig der IPV-Präsident Jones, der eigens zu diesem Zweck nach Berlin reiste. In seiner nach dem Krieg erschienenen Freud-Biographie schreibt Jones: „Alsdann fuhr ich nach Berlin und präsidierte am 1. Dezember 1933 [richtig müsste es heißen: am 1. Dezember 1935] eine Sitzung, in der die wenigen zurückgebliebenen Juden freiwillig ihren Rücktritt nahmen, um die Vereinigung vor der Auflösung zu retten“ (Hervorh. B. N.). Einer, der gar nicht wissen konnte, dass er ‚freiwillig‘ zu dieser ‚Rettung‘ der Psychoanalyse unter Hitler beigetragen hatte, war Erich Fromm. Er war zwar schon 1934 emigriert, aber noch immer Mitglied der DPG. Als er erfuhr, dass man ihn aus der DPG ausgeschlossen hatte, beschwerte er sich in einem Brief bei Müller-Braunschweig, der ihm am 21. März 1936 antwortete, es sei „der freie Entschluss aller jüdischen Mitglieder“ gewesen, aus der DPG auszutreten. „Also von Ausschluss kann keine Rede sein.“ Vier Tage später erhielt Fromm dann noch einen zweiten Brief, diesmal vom IPV-Vorsitzenden persönlich, den Müller-Braunschweig in dieser Angelegenheit zwischenzeitlich um Hilfe gebeten hatte. Jones teilte Fromm mit: „Dr. Müller-Braunschweig forwarded to me your letter of complaint concerning the resignation of the Jewish members. It is not literally true that they have been excluded (you use the word ‘ausgeschlossen’), but after a considerable discussion in Berlin […], at which I also was present, they subsequently decided it would be in everyone’s interest for them to send in their resignation […].”

In einem der Berichte, die Boehm für Jones anfertigte, wird eine Äußerung Eva Rosenfelds, die 1936 emigrierte, zitiert. Sie sei der Auffassung, „daß die Kollegen […] nicht freiwillig austreten könnten, weil so ein zu hoher Grad von Masochismus involviert würde, wie, wenn man sich selbst freiwillig hinrichten müßte“. Dennoch kam es zum geforderten ‚freiwilligen‘ Austritt, dessen Folgen Fenichel im Rundbrief vom 26. März 1936 so beschrieben hat: Die „,arischen‘ Mitglieder der DPG [vermeiden] jetzt jeden, auch den leisesten, wissenschaftlichen wie persönlichen Kontakt zu ihren nichtarischen Kollegen; ein fast unglaubliches Beispiel des Teufels, der die ganze Hand ergreift, wenn man ihm den kleinen Finger reicht“.

Im März 1936 traf Boehm in Brünn (Tschechoslowakei) noch einmal mit Anna Freud zusammen, um mit ihr den bevorstehenden Eintritt der DPG ins Deutsche Institut zu besprechen. Nach diesem Treffen schrieb sie an Jones: „Mir scheint es begreiflich, daß er diesen Versuch machen will. Gelingt es nicht, so hat die Analyse nichts dabei verloren. Dann ist uns eben eine Gruppe verloren gegangen, die unter diesen Bedingungen nicht zu halten war. Rettet er eine kleine Arbeitsgruppe in eine andere Zeit hinüber, so ist es gut“ [Hervorh. B. N.].

Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes kam ein Vereinshistoriker zu der Erkenntnis, die „Tradition Freuds“ wäre im NS-Staat „untergegangen, aber mit fliegenden Fahnen“, hätten die Funktionäre der DPG und IPV – wie von Wilhelm Reich vorgeschlagen – „die ‚Gleichschaltung‘ bekämpft“. Boehm und Müller-Braunschweig konnten jedoch – so Schröter weiter – in Berlin „Poliklinik, Vereinigung und Institut in der freudianischen Tradition“ fortführen, „solange höhere Mächte es zuließen“. Die Nationalsozialisten als „höhere Mächte“! Auf diese Formulierung muss man erst einmal kommen! Die „von Freud gedeckte Appeasement-Politik der IPV“ war nach Einschätzung Schröters daher „auf kurze Sicht realistisch – und auf lange erfolgreich“. Das heißt im Klartext: Boehm und Müller-Braunschweig konnten in Berlin 1933 mehr als Daladier und Chamberlain in München 1938 erreichen. Dabei standen Ernest Jones und Anna Freud den „Hiergebliebenen“ (sprich: den im NS-Staat praktizierenden ‚arischen‘ Psychoanalytikern) „mit Rat und Tat“ zur Seite. So konnte ein „Keim“ überleben (laut Schröter die „,gerettete‘ Gruppe“), aus dem „die bundesdeutsche Psychoanalyse in der neugeknüpften Verbindung zur internationalen Freud-Schule“ nach 1945 wieder erblühte. Der um die Vereinsgeschichte verdiente Ludger M. Hermanns äußerte sich ähnlich. Er meinte, wenigstens einige „der im Lande verbliebenen ‚arischen‘ Psychoanalytiker“ hätten in der NS-Zeit das Freud’sche Erbe bewahrt und standen daher „für die Zeit nach Hitler als Nukleus einer Psychoanalyse-Renaissance zur Verfügung“.

Setzt man diesen „Nukleus“ mit den DPG-Mitgliedern gleich, die 1950 Gründungsmitglieder der DPV wurden, dann gehörte neben Käthe Dräger, die aktiv am Widerstand gegen Hitler teilnahm, auch Gerhard Scheunert dazu, der im Mai 1933 – damals wurden die Werke Sigmund Freuds und Wilhelm Reichs auf den Scheiterhaufen geworfen – in die NSDAP eintrat und dem Regime als Blockwart diente. Nach dem Krieg wurde er 1956 Nachfolger Müller-Braunschweigs als DPV-Vorsitzender. Ingeborg Kath gehört ebenfalls zum „Nukleus“. Während der NS-Zeit schrieb sie in der psychiatrischen Anstalt Buch nur solchen Patienten euthanasierelevante Diagnosen zu, die „sowieso bald gestorben wären“ – wie sie später in einem Interview sagte. Und schließlich gehörte Müller-Braunschweig zu dem von Hermanns gemeinten „Nukleus“ der „im Lande verbliebenen ‚arischen‘ Psychoanalytiker“, die Freud die Treue hielten. Er hatte 1939 noch „eine kommende deutsche Psychotherapie“ vor Augen, die er als „schöpferische Synthese“ aller therapeutischen Schulen pries. Als er diese Zukunftsvision im Zentralblatt für Psychotherapie zu Papier brachte, hatte Müller-Braunschweig angeblich schon seit einem Jahr Publikationsverbot. Als Grund nannte er nach dem Ende des Krieges seinen Einsatz für Freud 1938 nach der Besetzung Österreichs. Müller-Braunschweigs Engagement in Wien sah damals so aus: Er wollte im beschlagnahmten Internationalen Psychoanalytischen Verlag eine „auf dem Boden des III. Reiches“ stehende Zeitschrift für Psychoanalyse herausbringen. Dieser Vorschlag stieß bei Franz Wirz, der als Geschäftsführer der Hochschulkommission der NSDAP beim Stellvertreter des Führers Rudolf Hess für die ‚Reinigung des deutschen Hochschulwesens von jüdischem Einfluss‘ zuständig war, allerdings auf wenig Gegenliebe und so musste sich „Dr. phil. Carl Müller-Braunschweig“ mit einem Interview begnügen, das am 22. August 1939 in der Berliner illustrierte Nachtausgabe unter der Überschrift Wer ist denn nun hysterisch? erschienen ist.

Die Psychoanalyse konnte im NS-Staat nun aber weder als „Nukleus“ noch sonst wie „gerettet“ werden, denn sie wurde ja restlos zerstört, wollen wir Jones glauben, der in seiner nach dem Krieg erschienenen Freud-Biographie unter der Überschrift „1934“ feststellte: „Dieses Jahr brachte die Flucht der noch gebliebenen Analytiker aus Deutschland und die ‚Liquidierung‘ der Psychoanalyse im Deutschen Reich, eine der wenigen Taten, die Hitler vollständig gelungen sind“ (Hervorh. B. N.). Alsdann beschreibt Jones den Weg, auf dem die Zerstörung ihren Lauf, beziehungsweise – so die Worte von Jones – die „Gleichschaltung […] ihren Fortgang“ nahm. Eine Etappe war der erwähnte Eintritt der DPG ins Deutsche Institut 1936, dessen Mitglieder auf Hitlers Mein Kampf eingeschworen wurden. In der Freud-Biographie von Jones heißt es dazu: „Es nahm einige Zeit in Anspruch, die neue Organisation“ – gemeint ist die Integration der DPG in die Organisationsstruktur des Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie – „auf die Beine zu stellen, und am 19. Juli 1936 traf ich Göring“ – gemeint ist der Vetter des Reichsmarschalls und Vorsitzende des Instituts – „zu einer Besprechung in Basel. […] Ich fand in Göring einen recht liebenswürdigen und zugänglichen Menschen, aber wie sich später zeigte, war er nicht in der Lage, der psychoanalytischen Gruppe das Ausmaß an Freiheit zu gewähren, das er mir zugesichert hatte.“ Ein Dreivierteljahrhundert später kommentierte Schröter diese Basler Unterredung so: „Jones gab sich noch einmal viel Mühe, um in Deutschland zu retten, was zu retten war.“ Nun gab es 1936 aber gar nichts mehr zu retten, da die „,Liquidierung‘ der Psychoanalyse im Deutschen Reich“ (Jones – siehe oben) bereits 1934 abgeschlossen war. Wie dem auch sei, unverdrossen fährt Schröter an dieser Stelle fort, die DPG habe damals an einer „professionelle[n] Modernisierungsbewegung“ teilgenommen, „von der die Psychoanalyse in den 30er Jahren nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern erfaßt“ worden sei. Die heutigen deutschen Psychoanalytiker sollten daher „im Nachdenken […] über ihr historisches Erbe das Göring-Institut“ endlich einmal „in eine sachlichere Perspektive“ rücken. An anderer Stelle gelang es Schröter dann auch noch, Wilhelm Reichs Kampf gegen die Gleichschaltung zu diffamieren und dabei die Grenze zwischen „Sein Kampf“ (Boehm) und Mein Kampf (Hitler) zu verwischen. Die Gespräche, die Boehm mit den Nationalsozialisten führte, um sie davon zu überzeugen, dass die DPG (und Freud) nichts mit der von Reich vertretenen „jüdisch-marxistischen Schweinerei“ zu tun haben konnten, kommentierte Schröter mit einem Satz so: „Sein [Boehms] Kampf gegen die ‚linke‘ Psychoanalyse richtete sich dezidiert gegen die militant-politische Variante von Reich.“

Was immer Göring Jones in Basel auch ‚zugesichert‘ haben mag, es konnte sich nur in dem Rahmen bewegen, den Göring bei einer Mitgliederversammlung des Deutschen Instituts so absteckte: „Wer im nationalsozialistischen Staat lebt und für ihn arbeiten will, muß den Gegensatz der Rassen anerkennen […]. Es wird also unsere Aufgabe sein, in den Vorträgen, Vorlesungen und Kursen zu versuchen, eine Scheidung zwischen jüdischer und arisch-germanischer Weltanschauung herauszuarbeiten.“ Und erst dann setzte Göring hinzu: „Es war für uns alle eine große Freude, als wir hörten, daß zu derselben Zeit, zu der das Deutsche Institut gegründet wurde, die Kommission für Psychotherapie der Schweizer Gesellschaft für Psychiatrie zu einer Tagung nach Basel einlud, die als einziges Verhandlungsthema hatte: ‚Grundlinien, auf denen sich die verschiedenen psychotherapeutischen Schulen einigen können.‘ Das Interesse für dieses Thema war so groß, daß […] der Präsident der internationalen psychoanalytischen Vereinigung Jones […] und viele Deutsche erschienen waren.“ Nur wenige Wochen nach dem Baseler Treffen versicherte Jones den beim 14. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Marienbad 1936 versammelten Psychoanalytikern aus aller Welt, die ins Deutsche Institut integrierte DPG habe „ihre Selbständigkeit hinsichtlich der wissenschaftlichen Arbeit und der Lehrtätigkeit bewahrt“.

… im Interesse unserer psychoanalytischen Sache in Deutschland

Anders als die zum ‚freiwilligen‘ Austritt bereiten jüdischen DPG-Mitglieder hat sich Wilhelm Reich beharrlich geweigert, ‚freiwillig‘ auf seine DPG-Mitgliedschaft zu verzichten. Kurz vor Beginn des Luzerner Kongresses 1934 hatte ihm Müller-Braunschweig mitgeteilt, der Internationale Psychoanalytische Verlag werde „zum Kongreß einen Kalender mit einem Mitgliederverzeichnis der Psychoanalytischen Vereinigung herausbringen. Die Situation läßt es nun dringend geboten erscheinen, daß Ihr Name im Verzeichnis der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft nicht enthalten ist. Ich würde mich freuen, wenn Sie dem Gegebenen Verständnis entgegenbringen, die etwaige persönliche Empfindlichkeit im Interesse unserer psychoanalytischen Sache in Deutschland zurückstellen und sich mit dieser Maßnahme einverstanden erklären würden“ (Hervorh. B. N). Die Infamie dieses Schreibens liegt darin, dass Müller-Braunschweig wusste, dass man Reich bereits im Sommer 1933 aus der DPG ausgeschlossen hatte. Reich, der das noch nicht wusste, schrieb nun wegen der vorgesehenen Nichterwähnung seines Namens im Kongresskalender an die Sekretärin der IPV Anna Freud: „Der Welt muß die Auslassung meines Namens ein Zeichen sein, daß ich entweder ausgeschlossen wurde oder selbst austrat. Da ich das Letztere nicht beabsichtige, das Erste meines Wissens nicht zutrifft, kann der eingeschlagene Weg […] kaum zum Ziele […] führen. So peinlich die Umstände und der Zwang der Verhältnisse auch sein mögen, und zwar für alle Teile: Ich muß mich dagegen wehren, still kaltgestellt zu werden.“ Darauf erhielt Reich von Anna Freud diese Antwort: „Mir war von der ganzen Angelegenheit nicht das mindeste bekannt, ich frage Jones, ob er etwas davon gewusst hat.“ Bleibt anzumerken, dass Jones seit April 1933 wusste, dass Anna Freuds Vater nicht erwarten konnte, Reich „loszuwerden“. Und dass Reich 1933 aus der DPG ausgeschlossen worden war, das wusste auch Anna Freud.

Beim 16. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Zürich 1949 hielt Jones die Eröffnungsansprache. Darin bezog er sich auf „Laien“, die den Vorwurf erheben würden, die Psychoanalyse vernachlässige den Einfluss soziopolitischer Faktoren. „Our reply is that the deeper we delve into the mind the less can we perceive any influence of sociological factors on its most primitive layers, those belonging to the first year or two in life.“ Heute würde kein ernstzunehmender Psychoanalytiker den Einfluss gesellschaftlicher Faktoren auf die Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren bestreiten, in denen sich die Fundamente der seelischen Struktur im leiblich-emotionalen Austausch mit der Mutter und anderen Menschen bilden, da sich deren Bindungsangebote nicht im gesellschaftsfreien Raum bewegen. Die Behauptung von Jones war aber auch schon zu der Zeit Unsinn, als er sie aufstellte. In Fenichels drei Jahre zuvor erschienenem Standardwerk The Psychoanalytic Theory of Neurosis heißt es: „Not because primitive instincts are still effective within us do we have wars, misery and neuroses; rather, because we have not yet learned to avoid wars and misery by a more reasonable and less contradictory regulation of social relations, our instincts are still kept in an unfavourable form.“

In seiner Kongressansprache fuhr Jones fort: „The temptation is understandably great to add socio-political factors to those that are our special concern, and to re-read our findings in terms of sociology, but it is a temptation which, one is proud to observe, has, with very few exceptions been stoutly resisted.“ Damit spielte Jones verdeckt noch einmal auf Wilhelm Reich an, der die Bedeutung sozial-politischer Bedingungen der Kindererziehung, der Geschlechterrollen und der familiären Beziehungen immer wieder betont hatte. In der Massenpsychologie widmete er diesem Themenbereich ein eigenes Kapitel mit der Überschrift Die sexualpolitischen Voraussetzungen der bürgerlichen Familie. Darin beschrieb er die Familie als „ideologische Keimzelle“ einer Gesellschaft, in der die Frau als ‚Mutter‘ glorifiziert und als selbstbestimmtes sexuelles Wesen entmündigt beziehungsweise als ‚Hure‘ verunglimpft wird. Diese patriarchale Geschlechterideologie bezeichnete Reich als tragenden Pfeiler der NS-Ideologie. Er forderte daher, den Nationalsozialismus nicht nur als politisches Ereignis, sondern auch als psychologisches Phänomen zu analysieren. In Erich Fromms 1942 erschienener Schrift Fear of Freedom heißt es dazu weiter: „Nazism is a psychological problem, but the psychological factors themselves have to be understood as being moulded by socio-economic factors; Nazism is an economic and political problem, but the hold it has over a whole people has to be understood on psychological grounds“ (s. https://pescanik.net/wp-content/uploads/2016/11/erich-fromm-the-fear-of-freedom-escape-from-freedom.pdf – Aufruf 20.10.2020).

In seiner Freud-Biographie hatte Jones geschrieben, im NS-Staat durften „keine psychoanalytischen Begriffe mehr gebraucht“ werden, der „Ödipuskomplex“ musste „unter einem Synonym figurieren“ und „Lehranalysen wurden verboten“. Diese und ähnliche Falschbehauptungen gehörten jahrzehntelang zum Fundament des offiziösen Vereinsgeschichtsbildes, das in den 1980er Jahren durch Dahmers Reprint und Kommentar zu Müller-Braunschweigs Reichswart-Artikel erste Risse erhalten hatte und durch Andreas Peglaus 2013 erschienenes Buch Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus endgültig erschüttert wurde (s. https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18903 – Aufruf 20.10.2020).

Vom Vorleben und Nachleben des „Göring-Instituts“

Dahmer wurde – wie dargestellt – seinerzeit wüst beschimpft, ja, man klagte ihn gar an, er habe Müller-Braunschweigs „posthume Exekution“ beabsichtigt, während Peglaus wissenschaftshistorische Untersuchung, bei der er sich auf eine Vielzahl bislang unbekannter Dokumente stützen konnte, durchweg positiv aufgenommen wurde – mit einer Ausnahme. Wolfgang Bock trat 2017 als Kenner der Geschichte der Psychoanalyse in und nach der NS-Zeit auf und proklamierte in seinem Buch Dialektische Psychologie: Adornos Rezeption der Psychoanalyse: Peglau „hypostasiert […] die Rolle, welche die IPV als Dulderin der Anpassungen, die die deutschen Psychoanalytiker von sich aus vornehmen, und will nicht die deutschen ‚Arisierer‘, sondern die jüdischen Psychoanalytiker anschließend für den Vorgang insgesamt verantwortlich machen.“ Diese Unterstellung ist gravierend, da sie insinuiert, Peglaus Darstellung könnten antisemitische Ressentiments zugrunde liegen. Die Gegenüberstellung – hier die ‚Arisierer‘, dort die ‚jüdischen Psychoanalytiker‘ – ist aber auch deshalb fatal, weil sie eine nationalsozialistische Einteilung aufgreift, während sich die Trennlinie zwischen Befürwortern und Gegnern der DPG/IPV-Anpassungspolitik nicht anhand rassistischer Zuschreibungen, sondern nur anhand politischer Kriterien ziehen lässt – ganz abgesehen davon, dass nicht alle Betroffenen bereit waren, die Fremdbestimmung ihrer Identität durch die Nationalsozialisten zu akzeptieren. So weigerte sich zum Beispiel die in USA emigrierte Psychoanalytikerin Else Pappenheim, die rassistische Zuschreibung zu akzeptieren. Sie und ihre Familie hätten die „jüdische Identität“ nicht angenommen, „die Hitler uns aufoktroyieren wollte“. Und Ernst Federn, der Sohn von Freuds Stellvertreter Paul Federn, der als politischer Häftling Dachau und Buchenwald überlebte, wollte sich seine Identität auch nicht von seinen Gegnern vorschreiben lassen. Er habe sich „nie als Jude betrachtet“, sagte er in einem, Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes geführten, Interview (Bernhard Kuschey: Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstrukturen des Konzentrationslagers, Gießen 2003).

Bock hat sich in seinem Buch auch mit dem Reichwart-Artikel befasst. Er charakterisiert ihn als „Anbiederung der Psychologen an den neuen Staat“ (Hervorh. B. N.). Waren es die „Psychologen“ – oder war es der Psychoanalytiker Müller-Braunschweig, der den NS-Machthabern die Psychoanalyse mit Hinweis auf die Dienste empfahl, die sie für den neuen Staat leisten könnte? Bock merkt an, Müller-Braunschweig habe „die klassischen Sekundärtugenden im vollmundigen Propagandaton“ angepriesen. Propagierte Müller-Braunschweig „klassische Sekundärtugenden“ oder empfahl er die Umformung des Geistes in Untertanengeist? Müller-Braunschweig behauptete doch, mit Hilfe der Psychoanalyse seien „am Ganzen des Lebens Uninteressierte zu Dienern am Ganzen umzuformen“. Es geht Bock aber auch hier nicht um eine präzise Darstellung, vielmehr setzt er seine Anklage fort. Peglau hat den Reichswart-Artikel in seinem Buch vollständig wiedergegeben. Bock kommentiert: „Er druckt den Text zwar im Anhang ab, dieser bekommt aber den Charakter eines Stückchens aus dem Kuriositätenkabinett.“ Und dann fährt er fort: „Peglau verweist stattdessen […] auf ein ganz ähnlich formuliertes ‚Memorandum‘ vom Sommer 1933, um das Felix Boehm, damals Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, seinen Kollegen Carl Müller-Braunschweig gebeten hatte. Dieses Papier soll von Ernest Jones und dem Rest der IPV-Leitung in einer Art Vorbesprechung, die in Holland […] stattgefunden haben soll, abgesegnet worden sein. Kurz, die wirkliche Anpassung der Psychoanalyse an den NS soll […] auf Jones und die Politik der IPV zurückgeführt werden“ (Hervorh. B.N.). Bleibt anzumerken, dass der „Rest der IPV-Leitung“, soweit er die Sekretärin der IPV (Anna Freud) betrifft, bei der „Art Vorbesprechung“ in Holland gar nicht anwesend war und Felix Boehm weder im „Sommer 1933“ noch, wie Bock an anderer Stelle behauptet, „am 31. Dezember 1933“ Vorsitzender der DPG wurde, dieses Amt vielmehr am 18. November 1933 und „die Präsidentschaft […] der DPV“, wie Bock an wieder anderer Stelle schreibt, zu keinem Zeitpunkt übernommen hat. Neben den Ungenauigkeiten stehen die rhetorischen Tricks (in Holland „soll“ eine „Art Vorbesprechung“ stattgefunden haben usw.), die Bock benutzt, um Peglaus Darstellung als nicht gesichert erscheinen zu lassen. Die Anklage soll den Vorwurf begründen, Peglau habe die historischen Zusammenhänge so wiedergegeben, dass er „eine Entlastung der NS-Analytiker“ vornehmen konnte. Und dann legt Bock noch einmal nach: „Er [Peglau] schiebt […] den schwarzen Peter der IPV zu, wo er nun dauerhaft bleiben soll.“

Bock erwähnt sowohl den Reichswart-Artikel wie das „ähnlich formulierte ‚Memorandum‘ vom Sommer 1933“. Offenbar kennt Bock das Memorandum, das die Kopfzeile „29. September 33“ trägt, nur aus zweiter Hand – sprich: aus der Sekundärliteratur, der er auch noch anderen Unsinn entnommen haben will. So schreibt er: „Für die zunächst noch in Deutschland verbliebenen freudianischen Juden wie Therese Benedenk [richtig: Benedek], Edith Jacobsohn oder Lotte Lebeck-Kirschner [richtig: Lotte Liebeck-Kirschner] bedeutete die angepasste Politik der DPG, die Juden aktiv und von sich aus freiwillig auszuschließen, ab 1933 damit faktisch ein Berufsverbot: sie durften offiziell keine Patienten mehr behandeln […].“ Bleibt wiederum anzumerken, dass der ‚freiwillige‘ Austritt der jüdischen DPG-Mitglieder nicht, wie Bock behauptet, 1933, sondern – unter aktiver Beihilfe des IPV-Präsidenten Jones – 1935 stattfand, während Therese Benedek und Edith Jacobsohn im November 1933 noch in den Unterrichtsausschuss der DPG aufgenommen wurden und damit zum erweiterten Vorstand der DPG gehörten. Und wie hätte Edith Jacobsohn 1935 wegen der Behandlung eines Patienten, der Kontakt zu einer Widerstandsgruppe hatte, verhaftet werden können, wenn sie, wie Bock behauptet, doch schon seit 1933 „offiziell keine Patienten mehr behandeln“ durfte? Mit der Behandlung eines ‚politischen‘ Patienten hatte Edith Jacobsohn gegen den Beschluss des Vorstands verstoßen, „not to treat such cases“, wie Jones im November 1935 an Anna Freud schrieb. Und weiter heißt es in diesem Brief: „had it not been for the heroic efforts of Dr. Boehm“, die Psychoanalyse im NS-Staat wäre längst verboten worden. Nun aber hatte Edith Jacobsohn die Psychoanalyse in Gefahr gebracht, weshalb ihr Anna Freud vorwarf: „[…] was wir bei Reich, solange er noch unser Mitglied war, kennen gelernt haben, stimmt für alle ähnlich eingestellten Mitglieder [Edith Jacobsohn gehörte zum Kreis um Reich und Fenichel]. Rücksicht auf die Vereinigung ist ihnen fremd.“

Als Kenner der Geschichte der Psychoanalyse stellt Bock fest, dass Freud „im Januar 1933“ (richtig müsste es heißen: im April 1933) Boehm „angeblich“ zwei Wünsche mitgeteilt habe. Einer davon habe gelautet: „Befreien Sie mich von Reich.“ Das ist richtig. Genauso steht es in einem der Berichte, die Boehm für Jones anfertigte, auch wenn Bock nun weiter so schreibt, als sei die Mitteilung Boehms womöglich nicht korrekt: „Ob diese Fassung tatsächlich wahr ist, mag dahingestellt sein, passt sie doch auch zu schön in die Selbstdarstellung von Boehm und den anderen angeblichen ‚Rettern der Psychoanalyse‘ über die NS-Zeit hinweg.“ Dass Freuds Wunsch in Boehms Bericht richtig wiedergegeben wurde, ist auch einem Brief Anna Freuds zu entnehmen, den sie kurz nach der Abreise Boehms an Jones schrieb. Darin heißt es: „Mein Vater […] kann nicht erwarten, Reich als Mitglied loszuwerden. Ihn beleidigt die Vergewaltigung der Psychoanalyse ins Politische, wo sie nicht hingehört.“ Genau in diesem Sinne äußerte sich Jones als IPV-Präsident ein Jahr später in Luzern, als er mit Fingerzeig auf die Psychoanalytiker um Reich und Fenichel noch einmal betonte: „[…] eigene soziale Ideen im Namen der Psychoanalyse zu verbreiten, heißt ihre wahre Natur fälschen, ist ein Missverständnis der Psychoanalyse, das ich entschieden rügen und zurückweisen möchte.“

Ebenso entschieden verteidigte Jones Boehm, den er noch vor Beginn des Kongresses gewarnt hatte, er werde in Luzern auf „Schwierigkeiten“ stoßen. Und weiter heißt es in diesem Brief des IPV-Vorsitzenden an den DPG-Vorsitzenden: „Wahrscheinlich wissen Sie nichts vom Sturm der Empörung und der Opposition, der zurzeit bestimmte Kreise aufwühlt, besonders unter den aus Deutschland ins Exil Geflohenen. Dies kann leicht die Form einer […] Resolution [annehmen], die Deutsche Gesellschaft aus der Internationalen Vereinigung auszuschließen.“ Eben das sollte mit allen Mitteln verhindert werden. Im Korrespondenzblatt der IPV ist nachzulesen, was Jones in Luzern unternahm, um Boehm zu verteidigen. Er teilte dem Kongresspublikum mit, dass er sich von Boehms Integrität bei „persönlichen Besprechungen“ überzeugen konnte, die „ich mit ihm und anderen Kollegen im Oktober [1933] in Holland hatte“. Und er setzte noch hinzu, er hoffe, „daß die Dienste, die Dr. Boehm der Psychoanalyse geleistet hat, jede zeitweilige Kritik, der er ausgesetzt sein mag, überdauern werden“. Nun wissen wir mehr als Bock erzählte: In Holland „soll“ nicht nur eine „Art Vorbesprechung“ stattgefunden haben, die Unterredung fand tatsächlich statt, wie Jones öffentlich bekundete.

Fassen wir zusammen: Im Kapitel „Zum Nachlebens des Göring-Instituts in der deutschen Psychologie nach 1945“ will Bock den Lesern seines Buches nahebringen, dass es die ‚Arisierer‘ waren, die die Anpassung der Psychoanalyse an das NS-Regime betrieben – während Peglau versucht habe, „den schwarzen Peter der IPV“ zuzuschieben. Nun gibt es aber nicht nur das von Bock erzählte „Nachleben“ mit Auslassungen und Verdrehungen, es gab auch ein Vorleben mit Diffamierungen und Verfälschungen. Dazu heißt es in Fenichels Rundbrief vom 26. April 1935, in dem er zu dem im Korrespondenzblatt der IPV abgedruckten Bericht über den Luzerner Kongress Stellung nimmt: „Der großen Schwierigkeit, die der Fall Reich bietet, hat man sich auf die einfache Weise entzogen, dass man diesen Fall, dessen Debatte im Mittelpunkt des Kongresses stand, überhaupt nicht erwähnt.“ Und weiter: „Die Art, wie der Bericht nunmehr totschweigt und fälscht“ [Hervorh. B. N.], mache ihm, Fenichel, die Diskussion mit Reich schwerer, mit dem er sich wegen der Strategie im Umgang mit der Politik der DPG/IPV-Funktionäre zwischenzeitlich überworfen hatte.

Vereinsgeschichte als Halb- oder Viertelswahrheit

Während die Namen aller Emigranten, die nach 1933 ihre DPG Mitgliedschaft niederlegten, im Korrespondenzblatt veröffentlicht wurden, erschien Reichs Name dort letztmals in einer DPG-Mitgliederliste Stand Frühjahr 1933. Wollte man also nur diese Vereinsmitteilung zugrunde legen, dann wäre Reich offiziell weder ausgetreten noch ausgeschlossen worden, vielmehr wäre er spurlos verschwunden. Doch niemals geht man so ganz … (Trude Herr). Reichs partielles Verschwinden aus den psychoanalytischen Organisationen begann am 16. April 1933. Damals erfuhr er, dass der Internationale Psychoanalytische Verlag einen mit ihm bereits abgeschlossenen Vertrag nicht mehr einhalten werde: „Gestern teilte mir der Verlagsleiter, Herr Dr. [Martin] Freud, mit, dass […] der Vertrag, wonach mein Buch ‚Charakteranalyse‘ im Verlag demnächst herauskommen sollte, rückgängig gemacht wird. Begründet wurde dieser Beschluss mit der Rücksicht auf die gegenwärtigen politischen Verhältnisse, die es nicht angebracht erscheinen liessen, meinen kompromittierten Namen neuerdings offiziell zu vertreten.“

Schon in diesem Brief warnte Reich vor „Illusionen“: Es sei „vollkommen gleichgültig, ob die Vertreter der Ps[ycho]a[nalyse] nunmehr diese oder jene Schutzmassnahme ergreifen, ob sie sich von der wissenschaftlichen Arbeit zurückziehen oder diese den herrschenden Verhältnissen anpassen werden. Der soziologisch-kulturpolitische Charakter der Psychoanalyse lässt sich durch keinerlei Massnahme aus der Welt schaffen. Der Charakter ihrer Entdeckungen […] macht sie vielmehr zu einem Todfeind der politischen Reaktion.“

Die Charakteranalyse erscheint schließlich doch – offiziell im „Selbstverlag“ (so das Titelblatt), inoffiziell wurde das Buch aber durch den Internationalen Psychoanalytischen Verlag ausgeliefert und abgerechnet. Im Oktober 1937 meldete sich Reich beim Verlag mit einer Bitte: „Wir hätten gerne für unser Archiv ein Photo von Freud mit Zigarre“, womit er, wie Peglau schreibt, einen „Abzug von einem der bis heute bekanntesten Freud-Porträts“ meinte. „Dessen Übersendung wird ihm am 20.10.1937 ‚gegen vorherige Überweisung von ö. S. [österreichischen Schilling] 20.-‘ zugesagt. Gleichzeit wird ihm mitgeteilt, dass von der Charakteranalyse noch 65 in Leinen gebundene, 27 broschierte sowie 230 Exemplare als noch nicht gebundene Druckfahnen vorrätig seien“ (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/keine-vernichtungsaktion-sondern-heimliche-kooperation-reichs-charakteranalyse-und-der-internationale-psychoanalytische-verlag/ – Aufruf 10.10.2020).

In seiner nach dem Ende des NS-Regimes erschienenen Freud-Biographie kommt Ernest Jones noch einmal auf Wilhelm Reich zu sprechen. Wider besseres Wissen behauptet er jetzt: „An diesem Kongreß [in Luzern 1934] trat Wilhelm Reich aus der Vereinigung aus.“ Anna Freud teilte in einem Brief, den sie kurz nach dem Kongress an Lou Andreas-Salomé schrieb, hingegen offen mit: „Reich mußten wir ausschließen, es ist nicht mehr mit ihm gegangen.“ Michael Schröter wusste es besser. Jones‘ offensichtliche Lüge bezeichnete er als „Halb- oder Viertelswahrheit“, womit er sagen wollte, ein bisschen hatte Jones doch recht. „Hast du eine Halbwahrheit erzählt? Man sagt, dass man zweimal lüge, wenn man die andere Hälfte der Wahrheit erzähle.“ Diese Feststellung des spanischen Lyrikers Antonio Machado lässt sich auch auf „Halb- oder Viertelswahrheit“ anwenden, womöglich lügt man dann aber nicht nur zweifach, sondern dreifach. So entschied sich Volker Friedrich, Historiker der Psychoanalyse und Mitglied der Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft Hamburg (DPV), in seinem Kommentar zu Tim N. Gidals Fotoband Die Freudianer auf dem 13. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 1934 in Luzern (1990), die von Jones in die Welt gesetzte Lüge gleich dreifach zu variieren. Demnach sollte es (1) noch „eine offene Frage“ sein, ob Reich „ausgeschlossen wurde oder selbst ausgetreten ist“, beziehungsweise hat (2) Reich in Luzern „freiwillig [sic!] auf die Mitgliedschaft“ der IPV „verzichtet“, beziehungsweise ist, (3) „soweit bis jetzt bekannt, […] Wilhelm Reich nicht ausgeschlossen worden“, vielmehr hat er „selbst seinen Austritt erklärt“.

Hätte Friedrich in dem Buch „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter…“ – Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland (1985) nachgeschlagen, das fünf Jahre vor seinem Kommentar zu Gidals Fotoband erschienen ist und zu dessen Mitherausgebern er selbst gehörte, dann hätte er auf Seite 38 lesen können, dass es in Luzern 1934 zum „de facto-Ausschluß“ Wilhelm Reichs gekommen ist. Außerdem sind in diesem Buch die von mir zitierten Berichte, die Boehm für Jones angefertigt hat, im Faksimile abgedruckt. Darin werden die Gründe für Reichs Ausschluss in allen Einzelheiten dargestellt. Und wie lässt sich der Abwehrmechanismus der Verleugnung kurz und knapp erläutern? Dabei „werden bestimmte Aspekte der Realität, die für andere offensichtlich sind, nicht anerkannt. Beispielsweise wäre dies der Fall, wenn eine Person ganz offensichtlich Aggressionen gegen eine andere Person hegt, sich diese aber nicht eingestehen will, sprich deren Vorhandensein verleugnet“ (Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie kompakt. Weinheim, 2010).

In einer Besprechung des genannten Fotobandes für DIE ZEIT habe ich Friedrichs Umgang mit historischen Fakten scharf kritisiert. Drei Jahre später verfasste Nachum T. Gidal, „Historiker und Fotograf“, einen Beitrag für den Katalog zu einer Ausstellung seiner in Luzern aufgenommen Bilder. Darin äußerte er sich u. a. über Wilhelm Reich, der 1934 „aus der Internationalen Vereinigung austrat“, um dann so fortzufahren: „Ein Referent“ – gemeint ist ein „Rezensent“, denn ich habe das Buch ja nicht referiert, sondern rezensiert – „meines Buches Die Freudianer in der Zeitschrift Die Zeit (5. Oktober 1990) in einer Attacke auf den Psychoanalytiker Volker Friedrich, der in großartiger Akribie die Dokumentation zu diesem 13. Kongreß der Psychoanalytiker erarbeitet hatte, behauptet, Reich sei 1934 wegen seiner lautstarken antifaschistischen Äußerungen ausgeschlossen worden. Das ist, um mit Reich [sic!] zu reden, marxistische Vulgärterminologie, eine unanständige Behauptung.“ In einer dem Katalog beigegebenen Kurz-Vita Wilhelm Reichs heißt es für das Jahr 1934 dann noch einmal ausdrücklich: „Austritt aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.“

Angesichts dieser von Jones Anfang der 1950er Jahre in die Welt gesetzten und dann über Jahrzehnte hinweg immer wieder von Neuem vorgetragenen Geschichtsklitterung war es notwendig, die Ereignisse, die zum Ausschluss Wilhelm Reichs aus den psychoanalytischen Organisationen führten, detailliert zu rekonstruieren. Das geschah in einem Beitrag, der 1997 anlässlich des 100. Geburtstags und des 40. Todestags Wilhelm Reichs veröffentlicht wurde: Bernd Nitzschke, „Ich muß mich dagegen wehren, still kaltgestellt zu werden.“ Voraussetzungen, Umstände und Konsequenzen des Ausschlusses Wilhelm Reichs aus der DPG/IPV in den Jahren 1933/34 (in: Karl Fallend & Bernd Nitzschke [Hrsg.], Der ‚Fall‘ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik. Suhrkamp 1997 – überarbeitete Neuausgabe: Psychosozial-Verlag 2002). Diesen Text hatte ich der Zeitschrift Psyche zum Vorabdruck angeboten, erhielt jedoch eine Absage. Ein Redaktionsmitglied, das sich von der Mehrheitsentscheidung deutlich abgrenzte, schrieb mir damals, die Entscheidung bedauernd, mein Text sei als „tendenziös“ bezeichnet worden. Offenbar folgte man damit dem Urteil eines ‚Kenners‘ der „Halb- und Viertelswahrheiten“ der Vereinsgeschichte, der in einem bestellten Gutachten die Auffassung vertrat, in meinem Text sei Jones schlechter weggekommen, als er es verdient habe. Außerdem sei zu bezweifeln, ob der Prozess der Ausgrenzung Reichs aus der DPG und IPV als „modellhaftes Moment der Anpassungspolitik gegenüber dem NS-Regime“ dargestellt werden könne, so wie ich das getan habe. Reich sei schließlich „ein schwieriger Mensch und Kollege“ gewesen, ich aber hätte „offen für Reich Partei“ ergriffen. Im Übrigen stehe in meinem Beitrag gar nichts Neues, denn „alles sei im Prinzip bekannt“. Damit das alles „im Prinzip“ nicht länger unter der Decke gehalten, sondern allgemein bekannt werden konnte, veröffentlichte Berthold Rothschild den von der Psyche abgelehnten Text in den Psychoanalytischen Blättern, Band 5, den er unter dem Titel Selbstmystifizierung der Psychoanalyse (1996) herausgab. Und nachdem dann auch noch Andreas Peglau in seinem Buch Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus (2013) die Behauptung von Jones mit den historischen Fakten konfrontierte, ist – soweit mir bekannt – die Lüge, Wilhelm Reich sei – womöglich gar „freiwillig“ – aus der DPG/IPV „ausgetreten“, nicht mehr wiederholt worden.

Vom äußeren ins innere Exil

Hilarion Petzold, Professor für Psychologie an der Freien Universität Amsterdam, stellte 1997 in einer Petition die Frage, ob man „anläßlich des 100-jährigen Geburtstages von Wilhelm Reich“ seinen Ausschluss aus der DPG/IPV nicht rückgängig machen könnte. Die angeschriebenen Vertreter einer Wissenschaft, die den Nutzen des Erinnerns und Durcharbeitens kennen sollten, hüllten sich in Schweigen. Petzold fasste das Ergebnis seiner Anfrage wie folgt zusammen: „Mein ‚Offener Brief‘ an alle großen psychoanalytischen Vereinigungen und Fachzeitschriften […] mit der Bitte um Abdruck und der Forderung, den Ausschluß von Reich […] zurückzunehmen, blieb (von einer Empfangsbestätigung des ‚Forums Psychoanalyse‘ abgesehen) ohne Reaktion.“ Ganz so schweigsam blieb man hinter den Kulissen dann aber doch nicht – wenigstens nicht in der DPG. Günther Schmidt, seines Zeichens Vorsitzender einer DPG Arbeitsgemeinschaft Psychoanalyse und Kultur, äußerte sich in einem internen Papier zur Frage einer möglichen Rehabilitierung Wilhelm Reichs so: „Zusammenfassend kann gesagt werden, daß mit dem Ausschluß Reich formal [sic!] Unrecht geschehen ist. Dieses Unrecht ist nicht wiedergutzumachen […]. Weder durch Zustimmung oder Unterstützung der Petition von Prof. Petzold kann das Geschehene […] rückgängig gemacht werden. Von daher soll dem DPG-Vorstand vorgeschlagen werden, die geäußerte Idee einer Petition an die Internationale Psychoanalytische Vereinigung nicht zu unterstützen.“ Und dann noch einmal: „Geschehenes Unrecht ist nicht mehr korrigierbar.“ Das gilt auch für die durch das NS-Regime am 19. Dezember 1939 verfügte Ausbürgerung Wilhelm Reichs  (s. Philip B. Bennet & A. Peglau: The Nazi Denaturalization of German Emigrants: The Case of Wilhelm Reich. In: German Studies Review 37, (2014), 41–60 – https://www.researchgate.net/publication/265867835_The_Nazi_Denaturalization_of_German_Emigrants_The_Case_of_Wilhelm_Reich – Aufruf 21.12.2020). Man kann sich für zugefügtes Unrecht aber auch entschuldigen – und sowohl entzogene Staatsbürgerschaften wie aberkannte Vereinsmitgliedschaften rückgängig machen.

Es gab aber auch noch eine zweite Wortmeldung zu Petzolds Offenem Brief. Darin rang sich die vom DPG-Vorstand zu einer Stellungnahme aufgeforderte Rosemarie Eckes-Lapp zu folgender Erkenntnis durch: „Der Ausschluß Wilhelm Reichs zum damaligen Zeitpunkt, 1933/34, […] war politisch motiviert und ist, was seine psychoanalytische Kompetenz zum damaligen Zeitpunkt betrifft, zu Unrecht erfolgt.“ Dann schränkte die Autorin aber wieder ein: „Eine heutige Bezeichnung W. Reichs als Psychoanalytiker und eine posthume Wiederaufnahme ist wegen seiner späteren theoretischen Entwicklung nicht möglich. Das würde seinen vielfältigen Ideen und Aktivitäten nicht entsprechen und auch dem psychoanalytischen Profil der heutigen DPG nicht entsprechen.“ Mit der „späteren theoretischen Entwicklung“ ist der Weg gemeint, den Reich nach seinem doppelten Ausschluss – aus den psychoanalytischen Organisationen und der Kommunistischen Partei – zurückgelegt hat. Dieser Weg führte ihn von der Orgasmus- und Genitaltheorie über die Sexualökonomie zu elektrophysiologischen Versuchen und körperpsychologisch-bioenergetischen Erkundungen hin zu Bionen, die er als Ursprung aller lebender Materie begriff, und schloss mit dem Postulat einer kosmischen Orgon-Energie ab. Hardcore-Reichianer fassen das als konsequente Fortsetzung naturwissenschaftlicher Forschung auf, während Reich-Kritiker darin ein Zeichen fortschreitender psychischer Erkrankung sehen wollen.

Betrachtet man Reichs und Freuds naturwissenschaftliche Grundannahmen im Hinblick auf ihre Suche nach dem Ursprung des Lebens, ergibt sich ein paradox verschränktes Bild. Freud nahm ein traumatisches Ursprungsereignis an, aus dem er den Todestrieb ableitete: „Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt. […] Die damals entstandene Spannung, in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete danach, sich abzugleichen; es war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen zurückzukehren“ (Jenseits des Lustprinzips, 1920). Und Reich? Er strebte die Einheit der (scheinbaren) Gegensätze an, die aber nicht auf Kosten der Rückkehr des Organischen zum Anorganischen erreicht werden, vielmehr ‚natürlicherweise‘ als Einheit der Energie im Lebendigen wie im Unlebendigen (Kosmos) von Anfang an vorhanden sein sollte.

Und während Freud den Krebs als somatische Erkrankung begriff, an der er 1923 erkrankte, und sich von einer Steinach-Operation (Unterbindung beider Samenleiter) eine ‚Verjüngung‘ versprach, mit der die Erkrankung aufgehalten werden sollte, führte Reich diese und andere „Biopathien“ auf die gesellschaftliche (Un-)Ordnung zurück: „Diese Störungen sind […] sozial bedingt […]. Die Bekämpfung der Biopathien wird eine der schwersten Aufgaben sein, die je dem Menschen und seiner Gesellschaft zufielen. […] Die Lösung dieser Aufgabe wird […] die größte Umwälzung im Denken und Handeln erfordern, die die Menschen je zu leisten hatten. […] Wir sind erst im Beginn der ersten Einsichten in das Riesenunglück, dem das Menschengeschlecht […] fast zu erliegen droht“ (Der Krebs, Köln 1974). Zwischen Freuds Kulturtheorie und Reichs Gesellschaftstheorie gibt es aber auch eine Gemeinsamkeit: Ausgangspunkt sind in beiden Fällen Trauma und Trieb, wenngleich sie zueinander in einem kontradiktorischen Verhältnis stehen. „Der Mensch wird frei geboren, aber überall liegt er in Ketten“. Diesem Satz, mit dem Rousseaus Gesellschaftsvertrag (1762) beginnt, widersprach Freud. Für ihn bestanden die Ketten von Anfang an, die Fesseln der Triebe, aus denen sich der Mensch mit Hilfe der Kultur bis zu einem gewissen Grad lösen kann. Die Geschichte der Kultur beginnt bei Freud daher mit dem Urvatermord (Trauma), in dessen Folge es zur Domestikation der Triebe kommt (Entwicklung des Über-Ichs, Verzicht auf archaische Triebbefriedigung = Mord und Inzest), während bei Reich die ‚natürliche‘ Freiheit des Menschen durch die (repressive) ‚Kultur‘ gestört wird (Trauma), so dass aus dem frei geborenen Menschen ein den pervertierten Trieben (Masochismus – Sadismus) ausgelieferter Mensch wird.

Berücksichtigt man schließlich, dass Freud im Anschluss an Ferenczis phylogenetisch-naturwissenschaftlich fundierten Versuch einer Genitaltheorie (1924) eine künftige ‚Bioanalyse‘ für möglich hielt und Bernfeld und Feitelberg sich 1930 auf die Suche nach einer biologisch-energetischen Ökonomie des Todestriebs begaben, kann man beim Urteil über Reichs ‚Orgonphysik‘ auch dann, wenn man sie für abstrus hält, mit Hinweis auf den zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Mystizismus für mildernde Umstände plädieren.

Reichs spätes Eintauchen in die Welt des Kosmischen ist vor dem Hintergrund einer von zahlreichen Verlusterlebnisse und Traumatisierungen geprägten Lebensgeschichte zu beurteilen (s. Bernd Nitzschke: Familiäre und gesellschaftliche Gewalt und Verfolgung im Leben Wilhelm Reichs. In: Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Heft 42, 2017). Anfang der 1960er Jahre konnte man in einer psychoanalytischen Fachzeitschrift einen Beitrag lesen, der den Titel trug: „Die Ermordung von wievielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“ Der – polemisch zugespitzten – Formulierung lag die Frage zugrunde, ob die psychische Erkrankung eines Überlebenden nationalsozialistischer Gewalt und Verfolgung als Traumafolgestörung anzuerkennen sei oder aber als anlagebedingt zu gelten habe. Im letzteren Fall konnte man die Forderung nach ‚Wiedergutmachung‘ zurückweisen. Unter der Zwischenüberschrift „Trauma und Psychose“ schrieb Kurt R. Eissler, der Autor dieses Beitrags, dass „die Widerstandskraft gegen psychotische Erkrankungen“ bei jedem Menschen „durch die Umwelt gestärkt oder geschwächt werden kann“. Auf Wilhelm Reich bezogen heißt das: bei der Beurteilung seines Spätwerkes wären neben den lebensgeschichtlich frühen auch die Traumata zu berücksichtigen, denen er nach seiner Flucht aus Deutschland ausgesetzt war.

Nach seiner Emigration kurz vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs im August 1939 wurde Wilhelm Reich in den USA erneut zum Objekt der Beobachtung – durch das FBI (Federal Bureau of Investigation) – und der Ausgrenzung – durch die FDA (Food and Drug Administration). Anfang der 1950er Jahre wurde seine ‚Orgon‘-Medizin als Quacksalberei verurteilt. Seine Schriften wurden zum zweiten Mal verbrannt (s. Philip B. Bennet: The persecution of Dr. Wilhelm Reich by the government of the United States. In International Forum of Psychoanalysis, 2009). Schließlich kam er wegen Missachtung des Gerichts ins Zuchthaus Lewisburg, Pennsylvania, wo er kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag am 3. November 1957 einsam und verlassen an Herzversagen – beziehungsweise an gebrochenem Herzen – starb.

Reich hatte sich in eine scheinbar bessere Welt gerettet, die er in den ‚Orgon‘-Schriften beschwor, während er die schlechte Welt, in der er Verfolgung und Vertreibung, Diffamierung und Verurteilung erlebte, mehr und mehr aus den Augen verlor. Bei einem 1951 unternommenen ORANUR-Experiment (abgeleitet von: ORgone Against NUclear Radiation) jagte er die Welt um sich herum buchstäblich in die Luft. Das in einen ‚Orgon‘-Akkumulator eingebrachte Radium hatte eine Explosion ausgelöst, bei der Mitarbeiter Reichs, seine Tochter Eva (aus erster Ehe) und seine zweite Ehefrau, Ilse Ollendorff, zu Schaden kamen, die sich kurz darauf (1954) von ihm scheiden ließ. Der Versuch, DOR (abgeleitet von: Deadly Orgon = radioaktive Strahlung) mit Hilfe heilsamer ‚Orgon‘-Energie unschädlich zu machen, war gescheitert. In einem Brief an Alexander Neill beschrieb Reich die Katastrophe mit diesen Worten: „Es war eine schreckliche und zugleich sehr aufregende Erfahrung, so als hätte ich den Grund des Universums berührt.“

Verworfen und ausgegrenzt geriet Wilhelm Reich bald nach seinem Tod in Vergessenheit. Ein Jahrzehnt später erinnerten sich dann aber die 68er-Rebellen an ihn, denn einige Titel seiner Bücher klangen so, als hätte er sie eigens für sie geschrieben: Die Funktion des Orgasmus (1927), Die sexuelle Revolution (1966). In Westdeutschland kam die Auseinandersetzung der Söhne und Töchter mit den Eltern, die ihnen nicht erklären konnten oder wollten, warum sie sich 1933 einer Diktatur beugten oder sie sogar enthusiastisch begrüßten, noch hinzu. Die 68er interessierten sich deshalb nicht nur für Marx und Freud, sondern auch für einen marxistischen Psychoanalytiker, der als Gegner der Nationalsozialisten im Exil ein Buch mit dem Titel Massenpsychologie des Faschismus veröffentlicht hatte.

Dabei kam es allerdings zu Missverständnissen, denn Reich meinte nicht sexuelles Ausleben im expansiven Sinn, vielmehr sollten die in der „Zwangsfamilie als Erziehungsapparat“ (Überschrift des 5. Kapitels von Reichs Die sexuelle Revolution) verinnerlichten Fixierungen und Hemmungen beseitigt werden, so dass intensives Erleben innerhalb freiwilliger (das heißt: nicht juristisch vorgeschriebener) psychosexueller Bindungen wieder möglich sein könnte. In einem Interview, das Kurt R. Eissler mit ihm führte, hat Reich seine Vorstellung von der sexuellen Revolution beziehungsweise sein Konzept der Befreiung so umschrieben: „Es ist nicht nur […], verstehen Sie, […] die Umarmung, nicht der Geschlechtsverkehr. Es ist die wirkliche, emotionale Erfahrung des Verlusts des Ichs, des gesamten geistigen Selbst.“

Geschichte als Gegenwart: eine Neuedition

Wollte man bisher die von Wilhelm Reich 1933 formulierte Analyse des realen Faschismus beziehungsweise der Gläubigkeit der Anhänger und Befürworter autoritärer Herrschaft (kirchlicher, politischer oder sonstiger Gruppierungen) nachvollziehen, musste man auf einen der ‚Raubdrucke‘ der Massenpsychologie zurückgreifen, die in der Folge der Wiederentdeckung Reichs durch die 68er-Bewegung erschienen sind, oder man nahm eine Neufassung zur Hand, in die Reich die ‚Orgon‘-Theorie umfangreich eingearbeitet hat. Bis heute zitierten geschichtsvergessene Autoren, die Reich kritisieren wollten, immer wieder spätere Überarbeitungen, ohne auf die Unterschiede zur Originalausgabe der Massenpsychologie zu achten, geschweige denn darauf hinzuweisen. Nun aber hat Andreas Peglau eine sorgfältig editierte Neuausgabe des Originaltextes der Massenpsychologie des Faschismus von 1933 vorgelegt, ergänzt durch das Nachwort zur 2. Auflage von 1934, eine Zeittafel mit den wichtigsten Lebens- und Werkdaten zu Wilhelm Reich sowie einen biographisch-zeitgeschichtlichen Abriss, in dem der Kontext des Werkes vorzüglich erläutert wird. Diese Neuausgabe ist allen Lesern zu empfehlen, die nachvollziehen wollen, wie sich ein jüdisch-marxistischer Psychoanalytiker 1933 in einer Exil-Publikation mit dem sich abzeichnenden Unheil nationalsozialistischer Macht- und Gewaltpolitik auseinandergesetzt hat. Mögen auch manche der Antworten, die Wilhelm Reich damals gab, für unsere Zeit nicht mehr zutreffen – die Fragen, die er stellte, sind auch heute von höchster Aktualität (s. https://www.boell.de/sites/default/files/2020-11/Decker-Braehler-2020-Autoritaere-Dynamiken-Leipziger-Autoritarismus-Studie.pdf – Aufruf 01.12.2020). Der Schlaf der Vernunft, der Ungeheuer gebiert, ist die Voraussetzung der Macht der Lügenbarone in Washington (Trump) und London (Johnson), der nationalreligiösen Demagogen in Jerusalem (Netanjahu), Delhi (Modi) und Ankara (Erdoğan), der Killerpräsidenten in Brasilien (Bolsonaro) und auf den Philippinen (Duterte), der kleinen Autokraten in Polen (Kaczyński) und Ungarn (Orbán) und der großen Führer in Moskau (Putin) und Peking (Xi Jinping). Man muss die Angst schüren und die Wut auf andere lenken: das ist das Kalkül der Herrschaft, das Reich beschrieben – und an dem sich bis heute nichts geändert hat.

Titelbild

Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus. Der Originaltext von 1933.
Herausgegeben, redigiert und mit einem Anhang versehen von Andreas Peglau.
Psychosozial-Verlag, Gießen 2020.
280 Seiten , 32,90 EUR.
ISBN-13: 9783837929409

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