Die unterschiedlichen Ausdrucksformen der Angst

Der kolumbianische Autor Juan Gabriel Vásquez legt mit „Lieder für die Feuersbrunst“ seinen zweiten Erzählband vor

Von Michi StrausfeldRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michi Strausfeld

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Neun Erzählungen hat Juan Gabriel Vásquez (*1973) in diesem Band zusammengefügt, und sie alle können als Variationen von „Angst“ gelesen werden. Man kann anstelle von „Angst“ auch „Violencia“ (Gewalt) setzen. Diese Geißel, die das Leben in Kolumbien von 1948 nach der Ermordung des beliebten sozialistischen Politikers Jorge Eliécer Gaitán und dem sich anschließenden blutigen Bürgerkrieg unerbittlich bestimmt hat bis zum fragilen Friedensvertrag. Wenn man noch weiter in die Geschichte des Landes blickt, hat die Gewalt das ganze 20. Jahrhundert geprägt.

Wie lebt man mit der andauernden Unsicherheit, dieser Gewalt, die jeden – Alte und Kinder, Arme und Reiche, Politiker, Journalisten, Beamte, Priester usw. – unvermittelt und grundlos treffen kann? Was macht das mit einer Gesellschaft? Entwickeln sich bestimmte Verhaltensmuster? Wie wachsen Jugendliche auf, wie verkraften sie einen sinnlosen Tod von Vater oder Mutter, wenn eine Autobombe gezündet oder sie auf offener Straße erschossen werden? Der Autor erzählt sehr unterschiedliche Geschichten, „die man ihm berichtet hat, möglichst getreu wieder“: Frau am Ufer führt den Leser mit einer Fotografin in den Urwald, wo ein außer Kontrolle geratenes Pferd eine Frau schwer verletzt hat und betroffene Blicke von unerwarteten Geheimnissen sprechen. Junge Soldaten ziehen voller Stolz in den Koreakrieg, um dort den Kommunismus zu besiegen, aber manche desertieren in letzter Minute, ohne dies zuzugeben und führen ein Leben unter anderer Identität (Die Frösche). Eine Gruppe Teenager in einem bewachten Wohnblock prügelt sich als regelmäßige Mutprobe, bis zwei von ihnen ausrasten und sie ihre Trauer, Wut oder Verzweiflung – beide verloren ein Elternteil – bis zum Exzess steigern (Die Jungen): „Die Trägheit der Gewalt gleicht unterirdischen Strömungen, in die niemand die Hand tauchen kann“.        

Neben diesen „politischen“ Themen berichtet der Autor auch von eigenen Erlebnissen, erzählt von seinem prekären Leben in Paris, als er einmal als Statist in einem Film von Polanski etwas Geld verdient und sich an die Ermordung von Sharon Tate erinnert (Flughafen) oder er eine Gruppe mexikanischer Musiker auf ihrer Tournee durch Spanien begleitet (Der letzte Corrido). Anhand einer Widmung in einem antiquarischen Buch rekonstruiert er die Geschichte eines im 2. Weltkrieg in Europa gefallenen Kolumbianers, dessen Witwe mit kleiner Tochter zu der unbekannten Familie reist (Lieder für die Feuersbrunst).

Jede Erzählung ist in sich geschlossen und führt den Leser mit Leichtigkeit und Eleganz in das Geschehen. Man hält oft inne, um einige Sätze noch einmal zu überdenken, weil sie stark sind und manches aus dem Unbewusstsein der Figuren ans Licht bringen. Alle Texte kreisen in Gegenwart oder Vergangenheit um das Leben in Kolumbien. Der Autor zieht viele stilistische Register, und das Ergebnis wird zu einem Gesamtkunstwerk, das an Dubliners von Joyce oder Nine Stories von Salinger erinnert.  Juan Gabriel Vásquez hat nach sieben Romanen diesen zweiten Erzählband vorgelegt, der in Bogotá als „Bestes Buch des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Das Genre findet leider schwerer Anklang, aber jeder, der sich auf diese Sammlung einlässt, wird sich davon überzeugen, dass die Lektüre ein Vergnügen und die Auszeichnung hochverdient ist.

Titelbild

Juan Gabriel Vásquez: Lieder für die Feuersbrunst. Erzählungen.
Aus dem Spanischen von Susanne Lange.
Schöffling Verlag, Frankfurt a. M. 2021.
240 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783895610189

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