Er leuchtet!

Das „Marbacher Magazin“ wirft Licht auf Peter Rühmkorfs Schaffen und Nachlass

Von Markus Oliver SpitzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Markus Oliver Spitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Trotz der Teilhabe einiger prominenter Kultur- und LiteraturwissenschaftlerInnen kommt er wohltuend unverkopft daher, dieser kleine Band zur Ausstellung des Rühmkorf-Nachlasses im Marbacher Literaturarchiv. Gerade die Tatsache, dass sie nicht unbedingt als Exegeten ausgewiesen sind, ermöglicht den Beitragenden einen unverstellten Zugriff auf diesen autodidaktischen Poeta ductus.

Dabei zielen die eingangs von Pia Frankenberg, Nora Gomringer, Jan Philipp Reemtsma, Heinrich Detering und Jan Wagner gegebenen Interpretationen ausgewählter Gedichte Rühmkorfs nicht auf eine tiefgreifende literaturwissenschaftliche Analyse, sondern möchten auf zentrale Topoi hinweisen, etwa die literarische Parodie. Diese war laut Detering wie auch Jan Bürger seitens Rühmkorfs durchgehend nicht als Verspottung des Originals, sondern als „Gegengesang“ intendiert, als kongeniale Neuabfassung zur Etablierung einer differenten Lesart, mit der Variation auf ‘Abendlied’ von Matthias Claudius als vielleicht schlagendstem Beispiel. Das bei allem ernsten Unterton Spielerisch-Ironische, welches ein weiteres Charakteristikum der Lyrik Rühmkorfs darstellt, offenbart dessen Bezugnahme auf „Freund Heine.“ Belege hierfür sind leicht zu finden, so beispielsweise in den Schlussversen des im Grundsatz elegischen Gedichts Der Fliederbusch

Der Fliederbusch, der Krüppel

letzten Winter im Sturm gebrochen, aber nachdrängend jetzt

die eigene Walstatt lila überlagernd, 

was kann er seinen Dichter damit lehren?

Detaillierter wird auf die Liebeslyrik eingegangen, wenn Roland Berbig, insbesondere mit Blick auf Das niedere Hohelied, darstellt, wie der Anspruch und die Hoffnung auf Liebe auch im Vergänglichen, d.h. mit zunehmendem Alter, „ungebrochen“ bleiben.

Hinsichtlich Rühmkorfs Poetik fokussiert Jan Wagner auf agar agar – zaurzaurim: Zur Poetik des Reims und der menschlichen Anklangsnerven. Kunst kommt von können, davon war der Wahlhamburger überzeugt, allerdings soll das Kunstwerk die zuvor aufgewendete Mühe nicht zeigen: „Was dann nachher so schön fliegt…/ wie lange ist darauf rumgebrütet worden“ (Phönix voran!) – bezeichnenderweise ein Aussage-, kein Fragesatz. Immer auch im poetischen Fundus hatte er die Volkspoesie (Über das Volksvermögen: Exkurse in den literarischen Untergrund) als eine derjenigen Quellen, die ihm „Lyriden“, also Funken und Einfälle, sprachliche Grundeinheiten des Gedichts zuhauf zur Verfügung stellte, welche er unentwegt bearbeitete, umstellte, wieder entfernte, andernorts einsetzte. 

Der ansonsten gegenüber „leichtfertig geschürten Hoffnungen“ nüchtern-zurückhaltende Rühmkorf sah dennoch in der Lyrik ein sublimes Mittel zur Bildung von „Gegengesellschaften“ (so Petra Lutz) – wenn sich beispielsweise durch die simple Veränderung der Flexion eine Bedeutungsveränderung einzustellen vermag, so lasse dies doch auch gesellschaftliche Veränderung denkbar erscheinen? Insofern konstatiert Wagner zurecht, dass der Reim ein Spiel sei, „das dazu einlädt, anders zu denken.“ Notwendig hierzu sei ein „Unruhestifter“ im Reimpaar, welcher sich gegen die Glättung der gesellschaftlichen Verhältnisse wendet. 

Rühmkorf selbst praktizierte keinen Schulterschluss mit einer bestimmten politischen, gar ideologischen Richtung – das Kriegserlebnis zog eine dauerhafte Zwischen-den-Stühlen-Positionierung, die „Notwendigkeit, sich der Mehrheit entgegenzustellen,“ nach sich, programmatisch abgefasst als „Ich! Will! Nicht dazugehören!“ (Tabu I). Vielmehr leistete er Widerstand gegen die Vertreter einer Neuen Innerlichkeit – von Benn bekanntlich als „Bewisperer von Nüssen und Gräsern“ tituliert, indem auch er mit seinem Gedicht Lied der Naturlyriker bestimmte Vertreter der Gruppe 47 parodierte. Als frühes Forum solcher Opposition trat die zusammen mit Werner Regel herausgegebene, expressionistisch ausgerichtete, leider kurzlebige Zeitschrift Zwischen den Kriegen auf den Plan, wie Sophie Plagemann kurz und bündig darlegt. Später, gegen Ende der fünfziger Jahre, wirkte Rühmkorf dann bei konkret mit, schied aber alsbald wieder aus, da sich die Zeitschrift seiner Auffassung nach mit „Schlagseite nach ultralinks“ bewegte. 

Mit Susanne Fischer, Felix Latendorf, Louisa Meier und Christoph Hilse kommen die Archivar- beziehungsweise KuratorInnen zu Wort und verweisen auf die einzelnen Etappen der „Tiefenerschließung des Bestandes,“ die „Überarbeitungsspuren“ und die angesichts der Vielzahl und Disparität der Papiere, Fotos und Zeichnungen notwendige Kategorisierung anhand „formale[r] Erschließungskriterien.“ Hilse sieht als Motivation von Rühmkorfs Sammelleidenschaft das Bestreben, „ein vollständiges Dichterleben zu dokumentieren.“ Der zweite Strang in diesem Zusammenhang besteht einerseits aus der Autobiografie Die Jahre die ihr kennt, in welcher Susanne Fischer eine „Montage“ aus Erinnerungsfragmenten und „älteren Texten Rühmkorfs aus der jeweils beschriebenen Lebensphase“ erkennt; andererseits im Führen eines Tagebuchs, erschienen als Tabu I und II (1995 bzw. 2004), welches Stephan Opitz thematisiert. Er hält fest, dass für das literarische Schaffen das „Lebensthema Tagebuch […] für rund vier Jahrzehnte“ mitbestimmend war und resümiert: „Erst mit den Tagebüchern entsteht Rühmkorfs […] Verständnis der Dichtkunst als Hochseilübung ohne Netz.“

Die Beitragenden kokettieren nicht mit einer Fülle an Fußnoten, sondern bieten stattdessen einen übersichtlichen Apparat aus Anmerkungen und Siglen. Der Rühmkorf-Neuanhänger findet so auf recht unkomplizierte Weise Zugang zu Person und Schaffen. Aber auch den (Wiederer-)Kennern erschließt sich durch die Texte und das sorgsam eingefügte, detaillierte Bildmaterial das ein oder andere, beispielsweise zum expressionistischen Ton des jungen Dichters (Berlin, Erstveröffentlichung 1951) und Dramatikers (Michaela Nowotnick) oder auch die Verbindung zu Kurt Hiller, welche aufgrund der Riegel-Rühmkorf-Zeitschrift zustande kam.

Kein Bild

Sandra Richter (Hg.): Laß leuchten! Peter Rühmkorf – selbstredend und selbstreimend.
Deutsches Literaturarchiv Marbach, Marbach 2020.
192 Seiten , 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783944469522

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