Leben im Schatten einer berühmten Mutter

In „Das ist dein Leben“ erzählt Meg Wolitzer eine mitreißende Familiengeschichte, bei der alle Protagonistinnen haarscharf dem endgültigen Scheitern entgehen

Von Monika GroscheRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Grosche

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Leben der Familie Engels ist weit entfernt davon, das einer Durchschnittsfamilie zu sein. Denn Dottie Engels entspricht keineswegs den gesellschaftlichen Erwartungen an eine treusorgende Mutter und Ehefrau in den USA der 1970er und beginnenden 1980er Jahre. Statt in einer freudlosen und konfliktreichen Ehe mit ihrem Ehemann zu verharren, behält sie zwar dessen Nachnamen – ändert ihr Leben aber ansonsten radikal. Nachdem sie zunächst mit ihren beiden Töchtern Opal (11) und Erica (16) Zuflucht bei einer Tante suchte, erfindet sie sich vollkommen neu: Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten brilliert sie auf den Talentbühnen der New Yorker Comedy Clubs und avanciert zum Star. Jeder will die übergewichtige, laute Dottie Engels in ihren Pünktchenkleidern sehen, die ungeniert Witze über ihren Körperumfang macht und auch ansonsten nicht gerade zimperlich ist, was ihren Humor anbelangt. Gerne beziehen ihre Gags Familiäres und Erlebnisse mit ihren Töchtern ein, was diese nur bedingt komisch finden. Doch alle anderen lieben Dottie, sodass sie dauernd zwischen New York, L.A. und Las Vegas hin und her jettet. Und selbst wenn sie einmal eine kleine Pause vom Showbusiness macht, geht die Performance im Grunde weiter, schließlich will jeder von Groß bis Klein ein Foto, ein Autogramm oder ein Küsschen von ihr. Für Dottie gehört das zum Deal und sie genießt es, überall im Mittelpunkt zu stehen. Leider erleben ihre Töchter die Kehrseite der Medaille: Während die Mutter die Menschen von der Bühne aus mitreißt und zum Lachen bringt, sitzen sie in der New Yorker Wohnung und sind sich – von wechselnden Babysittern abgesehen, die selbst von einer Bühnenkarriere träumen – weitgehend selbst überlassen. Die Mutter erleben sie wochen- und monatelang nur über den Bildschirm oder bei Ferngesprächen am Telefon. Wenn sie mal in New York ist, müssen die beiden Mädchen als Probepublikum für ihre neuen Gags herhalten. Während Opal darunter sehr leidet, da sie sehr an der Mutter hängt, reagiert Erica mit wachsender Ablehnung. Doch auch die beiden Schwestern, die zunächst ein inniges Verhältnis haben, entfremden sich mehr und mehr voneinander. Somit ist jede auf sich allein gestellt. Umso schwieriger wird die Lage, als der Stern des Comedy-Stars zu sinken beginnt. Plötzlich müssen sich sowohl die Töchter als auch die Mutter miteinander auseinandersetzen, um gemeinsam die tiefe Krise zu überwinden.

Wer hier eine zuckrige Familiengeschichte der „Chick Lit“, also seichter „Frauenliteratur“ vermutet, liegt grundfalsch. Meg Wolitzer erzählt kein turbulent-spaßiges Familiendrama, dessen Hollywoodverfilmung bereits beim Lesen durch die Zeilen hindurchschimmert. Vielmehr präsentiert sie mit ihrem Roman, der in den USA bereits 1989 erschienen ist, eine unkonventionelle, tiefgehende Geschichte um weibliches Rollenverständnis und die Frage der eigenen Identität. Gleichzeitig ist es eine anrührende „Coming-of-Age-Geschichte“ um das Erwachsenwerden der beiden Töchter. Erzählt wird das Ganze mit schonungsloser Ehrlichkeit und einem wunderbaren Humor. So lernt man beispielsweise gleich zu Beginn des Romans das etwas seltsame Spiel kennen, das Opal und Erica liebend gern spielen: Gemeinsames Hyperventilieren, bis sie das Bewusstsein verlieren.

Dabei zeichnet Wolitzer aus, dass sie ihre Figuren stets mit großem Respekt und tiefer Empathie behandelt. Sie führt sie nie vor, sondern zeichnet sie als vielschichtige Persönlichkeiten und lässt sie ihr eigenes facettenreiches Wesen entwickeln. Dabei sind diese, obwohl sie sich abseits von gängigen gesellschaftlichen Erwartungen bewegen, keine tragischen Figuren. Auch wenn der Leser stets um sie bangt und ihr Scheitern befürchtet, schaffen sie es letztendlich, allen Niederlagen zum Trotz, sich selbst zu retten und für sich zu sorgen – obwohl oder gerade weil sie nicht den gesellschaftlichen Stereotypen von Frauen oder Familie entsprechen. Somit hat dieser lesenswerte Roman auch heute mit seinen Themen wie Körperlichkeit und Identität nichts an seiner Aktualität verloren und man fragt sich, warum es so lange gedauert hat, bis er nun endlich auf Deutsch vorliegt.

Titelbild

Meg Wolitzer: Das ist dein Leben.
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger.
DuMont Buchverlag, Köln 2020.
432 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783832181352

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch