Spiegel der Welt

Hans Pleschinski nähert sich Paul Heyse an und übergibt München eine Liebeserklärung

Von Helmut SturmRSS-Newsfeed neuer Artikel von Helmut Sturm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Paul Heyse (1830 – 1914) war wie Gustav Freytag oder Ernst von Wildenbruch einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Heute sind diese Autoren fast vollständig aus dem Schulkanon verschwunden und deshalb kaum mehr gelesen. In Hans Pleschinskis neuem Roman Am Götterbaum heißt es einmal: „Literatur muss an die Vergessenen, an die Besiegten erinnern. Das ist eine ihrer ersten Pflichten.“. In einem Interview mit Niels Beintker identifiziert sich Pleschinski mit dieser Behauptung, in dem er angibt, sich immer für das Versunkene, Vergessene oder Verstoßene zu interessieren. So kommt es zu diesem Roman, in dem der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1910, Paul Heyse, zwar nicht auftritt, aber im Zentrum der Gespräche steht. (An Königsallee und Wiesenstein anschließend steht damit bei Pleschinski nach Thomas Mann und Gerhart Hauptmann zum dritten Mal ein Literaturnobelpreisträger im Mittelpunkt einer Erzählung.)

Im München des Jahres 2019 sind im Monat April die kurz vor der Pensionierung stehende Stadträtin Antonia Silberstein, die Schriftstellerin Ortrud Vandervelt und die Bibliothekarin Therese Flößer unterwegs zum alten Wohnhaus Paul Heyses in München, einer Villa in der Luisenstraße am Königsplatz. Unterwegs stoßen zu den drei Frauen noch der Heyse-Experte Professor Harald Bradford und Deng Long, sein beträchtlich jüngerer Mann und Betreiber von Schönheitssalons. Aus den Gesprächen der fünf entsteht dabei ein Bild von Paul Heyse, diesem „jugendschönen Mann mit den geistreich-heiteren Zügen, den hellen Augen und beredten Lippen […] einer ganz überlegenen Persönlichkeit von wundervoll hohem Gleichmaß der künstlerischen und menschlichen Eigenschaften“. Freilich kommt nicht nur Heyses Bemühen um die sprachliche Form, seine enorme Produktivität, seine gewinnende Art und sein engagierter Einsatz für Frauen- und Mädchenbildung und gegen Tierquälerei (von ihm stammt das erste Gedicht gegen eben diese) zur Sprache. Die Schriftstellerin Vandervelt urteilt über den Nobelpreisträger „formvollendete Leere“ und „Dichtung wie stockige Wäsche“. Wir erfahren, dass der getaufte Jude Heyse mit seinem Drama Colberg den Stoff für „die monumentalste, teuerste Kinoproduktion des Nazireiches“ lieferte. Während für Deng Long generell „zu viel Heyse.“ gilt. Jedenfalls gelingt es den Protagonisten in Am Götterbaum mit ihren Reden über und vielen Zitaten von Paul Heyse den Dichterfürsten recht unaufdringlich und durchaus amüsant wieder interessant zu machen.

Was den Weg zur Villa motiviert und die drei Frauen sowie das Männerpaar in Gang hält, ist die Vision eines Paul-Heyse-Zentrums in München, in dem es bisher nur eine vierspurige Straße und „die schlimmste Unterführung aller Zeiten“ mit Heyses Namen gibt. Der Götterbaum, ein Ailianthus altissima, soll übrigens im Vorgarten der Villa stehen, ein ungewöhnlich langlebiges Exemplar der Gattung übrigens, zumal „schon Johannes Brahms, Adolf von Menzel und Theodor Fontane […] an seinem Stamm hinaufgeblickt“ haben sollen.

Steht im Mittelpunkt des Buches auch ein Großschriftsteller der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so ist die Erzählung doch in der Gegenwart angesiedelt. Als eine Art Dingsymbol kreist eine Drohne um die Villa und durch den Roman. Von Anfang an weiß der Erzähler nicht bloß über die Heyse-Begeisterung oder -Ablehnung der Protagonistinnen Bescheid, sondern weiß sich in einem „Zeitalter des Mülls“ daheim und charakterisiert die Gegenwart wenig optimistisch als „späte Tage der Menschheit“. Ein verlorenes Handy bedeutet alles, „die Kontakte … die PINs! … der Chef … Melanie … die Bali Buchung …“. Der lamentierende Geschäftsmann erinnert den Erzähler „an den schlanken, smarten, österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz.“ Viel ist die Rede von Literatur und wie sie heutzutage gefördert wird. Die dabei vorgebrachte Kritik ist nicht immer ausgewogen, dafür oft amüsant und humorvoll. Es verwundert wenig, dass der Erzähler von der Position eines traditionellen Erzählens aus argumentiert. Schön ist, dass dabei auch deutlich wird, was mit einer Aufgabe derselben verloren ginge.

Die Darstellung Münchens, des Königs Maximilian und der Architektur der Jahrhundertwende ist teilweise in einem impressionistischen Stil hingetupft, die die emotionale Nähe des Erzählers zu dieser Stadt sichtbar macht und durchaus auch für einen (erneuten) Besuch dieser Stadt sogar ohne Oktoberfest wirbt.

Titelbild

Hans Pleschinski: Am Götterbaum.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
280 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783406766312

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