Er sagt, was er sagt

Persönliches und Objektivierendes zur plakativen Seite von Erich Frieds Lyrik

Von Rüdiger SingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rüdiger Singer

Am Anfang war ein Tweet

Dieser Text ist eine Auseinandersetzung mit einem „Äh…“. Mit diesen fünf Schriftzeichen nämlich bedachte der hoch geschätzte Moritz Baßler einen Tweet von mir:

Im Bemühen, diese Lakonie noch zu übertrumpfen, schickte ich ein „?“ hinterher. Eine direkte Antwort erhielt ich nicht, doch immerhin eine ,Übersetzung‘ durch Jan Süselbeck, die Baßler durch ein „Like“ autorisierte: „Schätze mal, Moritz fordert bessere Gedichte.“ Meine erste (und vorläufig letzte) Reaktion darauf war zwiespältig: „Hmm. Vielleicht zu plakativ? Mag sein. Aber erste Lyrik-Lieben lass ich mir nicht madig machen. Gilt sogar für Hesses ,Stufen‘.“ Das war einerseits das Eingeständnis einer Verunsicherung, andererseits ein Rückzugsmanöver: Mag ja sein, dass das Gedicht nicht ,gut‘ ist und dass ich das jetzt sehen sollte, aber ich beharre nostalgisch auf meiner kindlichen Sicht. Womit ich „Humorlos“ halb gerettet hätte, nämlich als brauchbar für eine bestimmte Entwicklungsstufe (tatsächlich fand ich es in meinem Deutsch-Lesebuch), aber auch halb preisgegeben. Das aber scheint mir bei weiterem Nachdenken nicht angemessen zu sein: Ich glaube, dieses Gedicht ist plakativ, aber es ist ein gutes Plakat. Andererseits ist dieser Glaube noch schwach, denn ich gestehe Unsicherheit und Nostalgieverdacht gegen mich selbst ein: Es gibt ja durchaus Lektüren – bei mir zum Beispiel Bölls Ansichten eines Clowns –, die einmal wichtig waren für einen selbst und vielleicht einmal auch für die deutsche Literatur, sich aber einfach überlebt haben. In Bölls Fall geht der Verdacht schon lange noch weiter, wie diese Strophe aus Robert Gernhardts Gedicht „Sechs berühmte Dichter“ zeigt:

Der Böll war als Typ wirklich klasse.
Da stimmten Gesinnung und Kasse.
Er wär’ überhaupt erste Sahne,
wären da nicht die Romane.

Ähnliches wurde auch schon von Frieds Lyrik behauptet. Ich will diese hier allerdings nicht insgesamt diskutieren, sondern bei dem Gedicht „Humorlos“ bleiben und später noch zwei verwandte einbeziehen. Und ich will eine Klärung versuchen, die zunächst persönlich ist: Warum fand ich das Lesebuch-Gedicht seinerzeit „tief beeindruckend“ und warum schrieb ich, es sei „aktueller denn je“? Dann aber bemühe ich um einen Perspektivwechsel: Welche Wertmaßstäbe habe ich implizit angewandt? Gelten sie für mich weiter? Und welche könnten hinter dem „Äh…“ stehen?

Philologische Fahrlässigkeit und eine freudige Entdeckung

Erstaunlich gut erinnere ich mich daran, warum mich das Schulbuch-Gedicht seinerzeit in seinen Bann schlug. Das hatte nicht zuletzt mit seiner Form zu tun: Ich war damals von Schüttelreimen und Sonetten fasziniert, verbrach auch selber welche und hatte wenig Sinn für Reimloses. Umso eindrücklicher fand ich, wie hier zwei simple Sätze, ein kürzerer und ein längerer, einfach durch Zeilenbrüche und Strophen ausgestellt und gewissermaßen gegeneinander abgewogen werden (und natürlich imitierte ich das dann auch). In diesem Zusammenhang muss ich mit einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und Zerknirschung meinen Tweet korrigieren. Die Erleichterung gilt meinem Gedächtnis, denn ich hatte mich, als ich von Frieds 100. Geburtstag erfuhr, an das Gedicht in dieser Gestalt erinnert:

Humorlos

Die Jungen
werfen
zum Spaß
mit Steinen
nach Fröschen 

Die Frösche
sterben
im Ernst

Da ich aber keine Fried-Ausgabe zur Hand hatte, googelte ich es und fand auf einer seriös wirkenden Seite eine Version, deren letzte beiden Verse zusammengezogen waren: „Die Frösche/sterben im Ernst“. Das versetzte mir einen kleinen Stich, aber vielleicht war es ja ein Irrtum? Ich googelte weiter: immer dasselbe. Nun gut, dann war der Schluss eben etwas geballter. Inzwischen aber habe ich den Grundtext aufgeschlagen, nämlich das Wagenbach-Bändchen Anfechtungen: Fünfzig Gedichte von 1967, und siehe da, meine Erinnerung behielt recht. 

Die Erleichterung ist zwar getrübt durch Zerknirschung ob meiner philologischen Fahrlässigkeit, doch die Freude überwiegt. Denn für mich bestand und besteht die Grundbewegung des Gedichtes darin, dass Fried eine schnelle, wilde, selbstverständlich-kindisch erscheinende Aktivität benennt und verlangsamt: ,Mo-ment mal! Was passiert hier eigentlich?‘ Und dann mit derselben Langsamkeit zur Gegenperspektive wechselt: Was für die einen Spaß ist, ist für die anderen Sterben.  

Der mitleidige Mensch ist der beste Mensch

Ich wusste, als ich das las, nichts über Erich Fried und seine Biographie – und viel zu wenig über die Shoah. Das Lesebuch half da auch nicht weiter. Aber die Perspektivumkehr des Gedichts von den Tätern zu den Opfern rief in mir eine prägende Erinnerung wach: An meinem ersten Schultag war ich neben einen Jungen gesetzt worden, der geduckt dasaß, mich verschüchtert aus sehr schwarzen Augen ansah und ein etwas drolliges Deutsch mit rollendem „R“ sprach. Das provozierte mich dazu, meine Macht und seine Ohnmacht auszutesten: Ich trat ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein. Mein Instinkt war richtig gewesen, er steckt seine Misshandlung klaglos ein. Ich fand das spaßig – und präsentierte das Kuriosum meinen Eltern als Höhepunkt des ersten Schultags. Meine Mutter tat daraufhin etwas, wofür ich ihr noch heute dankbar bin: Sie führte mich in das „Aussiedlerheim“ für „Russlanddeutsche“, in dem der Junge wohnte. Ich weiß nicht mehr, was sie mir dazu erklärte, und bin mir nicht einmal sicher, ob sie von ihren eigenen Erfahrungen als Flüchtlingskind sprach. Aber ich erinnere mich an die Eltern des Jungen, ihre scheue Freundlichkeit, die Geschwister – und dass alle in einem Zimmer wohnten. Heute würde man sagen: Ich begann zu ahnen, wie privilegiert ich lebte. Dass man auch von solcher Einsicht abgesehen Schwächere nicht „zum Spaß“ quälen sollte, dürften meine Eltern mir bei dieser Gelegenheit auch erläutert haben.

Diese Erinnerung also rief das Gedicht beim ersten Lesen in mir wach, und zugleich dachte ich an gewisse andere „Jungen“ auf meinem Schulhof, die andere schikanierten. Darüber hinaus faszinierte mich, wie ein solches Gebilde eine Grundwahrheit, die wohl auch in anderen Bereichen als meiner kleinen Schulwelt galt, verdichten konnte: szenisch-symbolisch, sprachkritisch, verstechnisch. Dass es mit so einfachen Worten, einer so offenkundigen Analogie, einer so faustdick sarkastischen Überschrift geschah, war alles andere als störend. Sollte ich aber nun, viele Lebensjahrzehnte und ziemlich nüchtern sezierte Gedichte weiter, abtun, was kindisch ist? 

Immerhin brauche ich wohl kaum auszuführen, warum ich schrieb, „Humorlos“ sei „aktueller denn je“: Diskussionen über gewisse Scherze gewisser Kabarettist*innen oder auch über über „Blackfacing“ (ein Begriff, den ich erst seit wenigen Jahren kenne) kreisen ja genau darum, dass man nicht „humorlos“ sein muss, um manches nicht lustig zu finden, sondern einfach machtlos, schutzlos – und nun nicht mehr bereit, die „Froschperspektive“ weiter zu akzeptieren. Andererseits wurde mir, seit ich vor einem Jahr die George Floyd-Proteste in Minneapolis aus nächster Nähe erlebte, eindringlich bewusst, wie man sich als Privilegien-Inhaber anstrengen muss, wenn man nicht dazu beitragen will, andere zu Fröschen zu degradieren. Aber natürlich bedarf es für solche Erkenntnisse nicht dieses Gedichtes. Es passt dazu – und könnte trotzdem „schlecht“ sein. Aber was heißt das eigentlich? 

Zur historischen Variabilität von Wertungsmaßstäben

Ich versuche einen Schritt zurückzutreten mit Hilfe von Simone Winkos Artikel „Textbewertung“, der, gestützt auf Friederike Worthmanns Dissertationsschrift Literarische Wertungen (2004), vier Typen von Wertmaßstäben unterscheidet: Sie können „formal-ästhetisch sein“ (z.B. ,Stimmigkeit‘ oder ,Komplexität‘), „inhaltlich“ (z.B. ,Humanität‘), „relational“ (z.B. ,innovativ‘) und „wirkungsbezogen“ (z.B. ,spannend‘). Winko hält fest, dass all diese Maßstäbe „in ihrer inhaltlichen Bestimmung und ihrer Geltung historisch variabel“ sind. Das heißt aber nicht, dass sie beliebig sind und ich die heute gültigen ignorieren könnte. 

Welche Maßstäbe habe ich also (bisher) an „Humorlos“ angelegt? Wichtig sind inhaltliche: Es geht um die grundlegenden ethischen Werte der ,Gerechtigkeit‘ und ,Humanität‘. Wer sie mit ideologiekritischen Konzepten verbindet, für den wird die Frage wichtig, „ob ein literarischer Text eine affirmative oder eine kritisch-subversive Stellung zur Gesellschaft oder Kultur seiner Zeit dokumentiere“ (Winko). Fraglos erhebt Frieds politische Lyrik diesen Anspruch, und dass auch „Humorlos“ dieses Potenzial hat, belegen die Likes für meinen Tweet von Userinnen wie „Uma Kumar Poster-Child for Diversity“ (@uslkum). Für meine ,Fried-Initiation‘ waren allerdings persönlichere Werte wichtiger, und zwar wirkungsbezogene: „Humorlos“ hatte den ,kognitiven Effekt‘, zur ,Reflexion‘ anzuregen (Winko). Dabei dürfe auch ein gewisses ,Mitleid‘ („einer der ältesten theoretisch untermauerten wirkungsbezogenen Maßstäbe, mit denen Literatur gewertet wird“, Winko) ein Rolle gespielt haben, und auf jeden Fall das Gefühl von ,Lebensbedeutsamkeit‘ und ,Betroffenheit‘. 

Gerade aber hier könnte das „Äh…“ einsetzen: „Die Anwendung dieses Maßstabs korreliert meist mit bestimmten inhaltlichen Textmerkmalen“, schreibt Winko, „vor allem der Darstellung von Ungerechtigkeit, und ist mit Einstellungen verbunden, die von Entrüstung bis zum Wunsch nach Veränderung reichen können. Ein solcher positiver Wertmaßstab hat in der Beurteilung der sogenannten ,Tendenzliteratur‘ seinen Ort.“ Damit sind wir bei einem Vorwurf gegen Frieds Lyrik, den er selbst bereits im Gedicht Gespräch über Bäume. Für K.W. offensiv angenommen hat. Es stammt ebenfalls aus den Anfechtungen von 1967 und beginnt so: 

Seit der Gärtner die Zweige gestutzt hat
sind meine Äpfel größer
Aber die Blätter des Birnbaums
Sind krank. Sie rollen sich ein
    In Vietnam sind die Bäume entlaubt

Dieses Muster – Alltagsmonolog und Kontrastierung mit dem Vietnam-Krieg – wird in zwei weiteren Strophen variiert; die letzte wird grundsätzlich:

Was ist das für ein langweiliger Patron?
Wovon man auch redet
er kommt auf Vietnam zu sprechen!
Man muß einem Ruhe gönnen in dieser Welt:
          In Vietnam haben viele schon Ruhe
          Ihr gönnt sie ihnen

Hier ist der Einspruch nicht nur,kritisch-subversiv‘, sondern auch programmatisch-penetrant. Das Gedicht beeindruckte den Literaturwissenschaftler Heinz Gockel 1992 nicht trotz, sondern wegen seiner plakativen Polarisierung. Frieds prosanahe Verssprache werde „gerade dadurch zu einem Gespräch in finsteren Zeiten, dass sie in der Konfrontation von Banalität und Faktum die sprachlichen Möglichkeiten ausschöpft, die es erlauben, auch die Unmenschlichkeit zu benennen. Dies schon dadurch, dass sie für die Mitteilung der Banalität vier Zeilen, für die des Faktums jeweils nur eine Zeile braucht. Zudem die Sprechhaltung: ,meine Äpfel, meine Kinder, mein Dach – man muß‘. Das wird konfrontiert mit der objektiven Aussage: ,In Vietnam sind…‘“. Allerdings ist diese Plakativität geadelt durch Intertextualität, und zwar gleich eine doppelte. Fried zitiert den Anfang von Brechts Exilgedicht „An die Nachgeborenen“, so Gockel, „nicht, ohne der Antwort Celans eingedenk zu sein“. Damit meint er folgendes Celan-Gedicht:

EIN BLATT, baumlos: 

Für Bertolt Brecht
Was sind das für Zeiten
wo ein Gespräch
beinah ein Verbrechen ist,
weil es soviel Gesagtes
mit einschließt?

Vor diesem Hintergrund kann Gockel Frieds plakatives Baum-Gedicht sogar als Einlösung einer Forderung Celans verstehen: „So gewinnt diese Sprache in der Benennung der Konfrontation zurück, was Celan von der lyrischen Sprache verlangte, näherhin von einem ,Gespräch über Bäume‘: erkennbar zu machen die Verbrechen, die ein Sprechen über Äpfel, Dächer und gesunde Kinder einschließt, indem es sie verschweigt.“ Was den schönen Nebeneffekt hat, dass der Name Celan gemeinhin für eine Lyrik steht, die engagiert ist und gleichzeitig – hier kommen relationale Wertmaßsstäbe ins Spiel – ,modern‘ und ,innovativ‘. Das färbt gewissermaßen auf Fried ab – aber lässt sich so auch ein Gedicht wie „Humorlos“ adeln, das zwar einem ähnlichen Muster von gedankenlosem Sprechen („zum Spaß“) und humorlosem Einspruch folgt, aber keine intertextuelle Dimension oder andere zusätzliche Sinnebene anzubieten hat?

Wir sind inzwischen im Bereich der formal-ästhetischen Bewertungsmaßstäbe, und zwar beim Gegensatzpaar Vieldeutigkeit beziehungsweise ,Polyvalenz‘ und ,Eindeutigkeit‘. Noch einmal Winko: „Mit der Einschätzung eines Textes als polyvalent wird ein literarischer Text in aller Regel zugleich auch positiv beurteilt, da ,Polyvalenz‘ in Theorien verschiedenster Richtung als unterscheidendes Merkmal von Literatur angenommen wird. ,Eindeutigkeit‘ dagegen wäre von heteronomer Literatur zu fordern, die eine klare Botschaft an die Leser vermitteln soll, z.B. von moralischer Erbauungsliteratur.“ 

Und das ist genau der Punkt: Gedichte wie „Humorlos“ verstehen sich tatsächlich als heteronome, man könnte auch sagen: persuasive Texte, mag man nun von Tendenz- oder Erbauungsliteratur sprechen, jedenfalls: Rhetorik. Und fallen damit in einem sehr grundlegenden Sinn zurück hinter den Standard des modernen Ideals von ,Literatur‘ als un-, wenn nicht sogar antirhetorisch. Nun können wir es heute (gerade mal wieder) durchaus goutieren, wenn Literatur sich engagiert – aber bitte nicht plakativ-didaktisch, sondern eben doch mit einem gewissen Zusatz von Polyvalenz oder zumindest Komplexität, zumal in der Lyrik. Am besten so, dass wir stutzen, rätseln, mit Widersprüchen zurechtkommen müssen – und darüber ins Nachdenken kommen über Widersprüchlichkeiten in der Gesellschaft. Bitte ohne zu frühe Auflösung und möglichst ohne völlige Auflösbarkeit. Denn wer maßt sich schon an, die Wirklichkeit zu durchschauen?

Durchgehen mag auch ein Text, der zunächst simpel erscheint und bei genauerem Hinschauen noch weitere Bedeutungsschichten offenbart. In diesem Sinn verlaufen Ehrenrettungen Erich Frieds schon eine ganze Weile – sei es bei Gockel, sei es in Volker Kaukoreits Reclambändchen Gedichte von Erich Fried aus der Reihe Literaturstudium: Interpretationen (1999): „Erstaunen mag nicht zuletzt das Resümee, das sich aus der Summe der vorgestellten Deutungen […] ziehen läßt, nämlich daß sich Erich Frieds Lyrik – ganz im Gegensatz zu der nicht ungeläufigen Meinung, daß seine Gedichte zu ,einäugig‘ und ,gering‘ in den Herstellungskosten seien – einer eingängigen Interpretation weitgehend entzieht.“

Die Prägnanz eines Sprichworts

Solche Wertmaßstäbe finde ich durchaus gerechtfertigt, solche Ehrenrettungen ehrenwert. Und gewiss gibt es Fried-Gedichte, auf die das Gesagte zutrifft. Andererseits gibt es allerdings Fried-Gedichte, die auch mich langweilen, weil die Haltung allzu selbstgewiss, die Gegenüberstellung allzu simpel, die Pointe allzu billig ist. Das gilt für „Humorlos“ zwar nicht, aber ich würde auch nicht behaupten, dass es sich einer eingängigen Interpretation „weitgehend entzieht“.

Wohl aber glaube ich, dass ein Kurztext, der ein Grundübel so allgemeingültig und immer neu anwendbar auf den Punkt bringt, nicht an Kriterien von moderner ,Lyrik‘ im emphatischen Sinne gemessen werden sollte, sondern an etwas, das man meinetwegen zu „moralischer Erbauungsliteratur“ in einem sehr weiten Sinn zählen kann, aber in einer sehr prägnanten und sehr nützlichen Spielart: Frieds Ein-Spruch hat die Prägnanz eines Spruchs oder Sprichworts. Da ich jetzt in Norddeutschland wohne, biete ich zum Vergleich an: „Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall.“ Auch hier ein Tierbeispiel, eine Aufforderung zum Perspektivwechsel, ein humanistischer Appell – wenn auch nicht dazu, die Erniedrigung anderer zu erkennen und zu bekämpfen, sondern dazu, das eigene Werturteil zu relativieren und andere zu tolerieren. 

Fried jedenfalls schätzte Sprichwörter, ließ sich von ihnen inspirieren, stellte sie auch in Frage oder dacht sie weiter. Zum Beispiel in folgendem Gedicht, wiederum aus Anfechtungen:

 

Taktfrage

Im
Haus
des
Gehenkten
darf
man
vom
Strick
nicht
reden
weil
jetzt
sein
Henker
dort
im
Ruhestand
lebt

Dass sich dieses Gedicht „einer eingängigen Interpretation weitgehend entzieht“, darf man bei einem jüdischen Verfasser, der aus Österreich vor dem Nationalsozialismus geflohen und, abgesehen von Lesereisen, nie wieder aus London dahin zurückgekehrt ist, durchaus bezweifeln. Die Grunderfahrung, als dem Strick Entkommener und Nachkomme von Gehängten im Haus des Henkers zu leben, ist im Übrigen – szenisch verdichtet und sarkastisch – auch in Georg Kreislers Chanson „Weg zur Arbeit“ gestaltet: Chanson wie Gedicht sind grandios gerade in ihrem Ingrimm über die Erwartung, die Opfer sollten Rücksicht nehmen auf die Täter. Der Titel „Taktfrage“ spitzt diese Absurdität ähnlich plakativ zu wie der Titel „Humorlos“. Doch plakativ ist „Taktfrage“ auch in einem sehr buchstäblichen Sinn – als Figurengedicht, das sich bestens auf einem Plakat ausnehmen würde.

Ich mag solche Plakate. Wat den eenen sin Uhl… 

 

Zitierte Literatur

Celan, Paul: Schneepart, Frankfurt am Main 1971.

Fried, Erich: Anfechtungen: Fünfzig GedichteBerlin 1967.

Gernhardt, Robert: Weiche Ziele: Gedichte. Zürich 1994.

Gockel, Heinz: Poésie engagée. Erich Frieds Lyrik [1992]. In: Ders.: Vorträge und Aufsätze. Würzburg 2005, 245-258.

Winko, Simone: Textbewertung. In: Thomas Anz (Hg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Bd. 2: Methoden und Theorien. Stuttgart 2007, 233-266.

Worthmann, Friederike: Literarische Wertungen. Vorschläge für ein deskriptives Modell. Wiesbaden 2004.