Als Kritzeleien noch von Tugend waren

Rolf Bergmann und Stefanie Stricker stellen aktuelle Forschungsergebnisse der „Glossenstudien“ vor

Von Jörg FüllgrabeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Füllgrabe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt böse Zungen, die behaupten, dass diejenigen, die sich intensiv mit Glossenforschung beschäftigen, dies vor allen Dingen deshalb tun, um sich eine späte Genugtuung für während ihrer Schulzeit erlittene Rügen für eigene Texteinträge in Schulbücher zu verschaffen. Womöglich ließen sich ja tatsächlich durch das Vernetzen beider Lebens- und Arbeitsbereiche, also Schulzeit und Forschung, manch aussagekräftige Psychogramme und Persönlichkeitsprofile erstellen, aber das ist selbstverständlich eine ganz andere Frage.

In jedem Fall ist womöglich gerade angesichts der vermeintlichen Trivialität der in diesem Kontext untersuchten schriftlichen Überlieferungen – und es soll jetzt hier nicht die im Rahmen der Geschichtsforschung naheliegende Frage nach ‚Tradition und Überrest‘ aufgeworfen werden – das Feld eben wegen des mitschwingenden Aspekts einer gewissen Lernnaivität so unmittelbar und interessant. Auch lassen sich hier zumindest in einzelnen Aspekten die Kulturkompetenzen von Sprach- und dann auch Schrifterwerb beobachten. Und genau das macht zumindest einen Teil des Reizes davon aus, sich mit althochdeutschen wie altsächsischen/altniederdeutschen Glossen zu befassen.

Der vorliegende Band ist die Erweiterung eines Zwischenergebnisses zur Glossenforschung respektive Glossenfeststellung, das 2009 in sechs Bänden vorgestellt wurde, und damit seinerseits eine weitere Station auf dem Pfad der Glossenforschung, da zu hoffen ist, dass auch zukünftig Neufunde allein schon die Zahl der erfassten Glossen vermehren. Ein Jahrzehnt intensiver Glossenforschung hat unweigerlich zu vielen neuen Erkenntnissen im Kontext der Sprachwissenschaft und Kulturgeschichte, und damit letztlich zu diesem Buch als verschriftlichten Ergebnis, geführt. Das Ganze ist daher im Grunde ein erweiterter Zwischenbericht, der gleichwohl mehr als nur einen bloßen lexikalischen Wert in sich trägt.

Damit ist deutlich gemacht, dass die Publikation als eigenständiges Werk von doch nur begrenztem Nutzen sein kann. Mit dieser Feststellung ist jedoch – nota bene! – kein Qualitätsurteil und schon gar nicht eines der abwertenden Art verbunden, sondern diese Einschränkung liegt schlicht in der Natur der Sache respektive des Buches, das eben als Standortbericht für die Ergebnisse der Glossenforschung angelegt wurde. Das bedeutet selbstverständlich auch, dass sowohl im Buch selbst als auch gewissermaßen flankierend in der Rezeption einerseits die klassisch-analogen, also die in Büchern und Artikeln vorliegenden schriftlichen, andererseits auch die digitalen Quellen und Informationen zu Glossen und Glossenforschung mitzudenken sind, um die Glossenstudien mit vollem Gewinn zu lesen.

Das wesentliche Basiswerk zur Glossenforschung der jüngeren Vergangenheit ist der ebenfalls von Rolf Bergmann und Stefanie Stricker unter Mitarbeit von Yvonne Goldammer und Claudia Wich-Reif herausgegebene sechsbändige Katalog der althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften von 2005, in dem die seinerzeit bekannten 1.276 Glossenhandschriften aufgelistet und eine Beschreibung der ‚Rahmenhandschriften‘ sowie der in ihnen enthaltenen volkssprachlichen Glossen gegeben werden. Dieses Mammutwerk wurde dann 2009 zur Grundlage des zweibändigen Handbuchs Die althochdeutsche und altsächsische Glossographie, das seinerseits zwischenzeitlich digitalisiert und damit in noch breiterem Umfang nutzbar gemacht werden konnte.

Die vorliegenden Glossenstudien beinhalten neben der Einleitung der Herausgeberin und des Herausgebers neun Hauptkapitel, die ihrerseits in Unterkapitel von unterschiedlichem Umfang und ‚Intensität‘ – gemeint ist hier, dass es neben knappen überblicksartigen Zusammenstellungen umfangreichere und grundsatzorientierte Beiträge gibt – unterteilt sind.

Im ersten Themenblock Zum Kenntnisstand der althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften haben Stefanie Stricker und Michaela Pölzl insgesamt vier Artikel beigesteuert, von denen derjenige zu den Glossenneufunden wohl der spannendste sein dürfte. Der Folgeartikel, der über Ausschlüsse von althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften Auskunft gibt, ist wiederum der wohl irritierendste. Dass bedauerliche Verluste verschiedenster Ursache solcher Glossentexte zu beklagen sind, ist einleuchtend – das Ausschließen allerdings auf den ersten Blick eher nicht. Die Lektüre nennt hier jedoch einleuchtend Gründe: Es sind unter anderem Glossen, die nicht mehr in die Frühphase fallen, also zu jung sind, Glossen, die nicht in den Volksidiomen verfasst sind, Texte, bei denen auch der Grundbestand volkssprachlich ist, et cetera. Alles in allem wird also doch nachvollziehbar gemacht, warum manche der in früheren Untersuchungen oder Fundzusammenstellungen aufgeführten frühen Glossen ausscheiden mussten.

Die folgenden beiden Abschnitte – Zum Editionsstand der althochdeutschen und altsächsischen Glossen sowie Ermittlung, Edition und Auswertung der althochdeutschen und altsächsischen Griffelglossen – sind jeweils durch einen, eben diese Überschriften tragenden Beitrag, vertreten. Erst im dann folgenden vierten größeren Block werden Glossographische Aspekte sowie die bereits angesprochene digitale Glossenedition von Stefanie Stricker und Rolf Bergmann (BStK Online) als Forschungsinstrument thematisiert und unter den Titeln Was sind eigentlich Kontextglossen? und Was sind eigentlich Federproben? näher in den Blick genommen. Die beiden nächsten Punkte sind erneut jeweils durch einen Beitrag (Zum grammatischen Ertrag der neueren althochdeutschen Glossenforschung sowie Zum lexikographischen Ertrag der neuen althochdeutschen Glosseneditionen) repräsentiert, die jeweils Forschungsstand, Anwendungs- und Nutzungsmöglichkeiten der Glossenforschung und ihrer Ergebnissicherung ansprechen.

Topographischer orientiert ist der darauf folgende Schwerpunkt Forschungserträge zu geographischen Aspekten der althochdeutschen Glossographie, der neben einem Überblick zu den Orten der althochdeutschen Glossographie explizit auch Neues zu Freisinger Glossenhandschriften sowie St. Gallen und Reichenau im Licht der neuen Forschung vorstellt. Ähnlich aufgebaut und ebenfalls aus drei Einzelbeiträgen bestehend sind die Forschungserträge zu Verteilung und Schwerpunkten der Textglossierung, die in einem gleichnamigen Artikel als Überblick vorgestellt sowie anhand der Prudentiusglossierung und der Glossierung Gregors des Großen an Einzelbeispielen ausgeführt werden.

Neben der ‚Overtüre‘, also den einleitenden Worten der Herausgeberin und des Herausgebers, beinhaltet der Band, um ein nicht ganz ernst gemeintes stilistisches Bekenntnis der britischen Rockgruppe The Who in ihrer Rock-Oper Tommy zu zitieren, auch eine Underture, die quasi eine Ausleitung darstellt. Ganz ohne Rückgriff auf die Populärkultur der späten Sechziger lässt sich feststellen, dass Glossieren – kulturhistorische und mediale Kontexte auf knappem Raum ganz Essenzielles zum Phänomen der Glosse als Kulturphänomen zusammenfasst und damit eine (späte) Klammerinformation liefert, die auf wesentliche Aspekte dieser ‚Textgattung‘, die natürlich keine solche ist, verweist und damit für Glossennovizinnen und -novizen durchaus als Einstiegsempfehlung für diese Publikation zu empfehlen wäre.

Die Glossenstudien sind zugegebenermaßen als Einzelpublikation nur bedingt tauglich, was jedoch nicht am Unvermögen der Herausgeberin und des Herausgebers oder der verschiedenen Beitragenden liegt, sondern am Grundkonzept, demzufolge der vorliegende Band in ein großes Netz aus Publikationen sowohl in klassischer als auch digitaler Variante eingebunden ist und sein muss, das dann sozusagen den orchestralen Wohlklang erst vollumfänglich ermöglicht. Das bedeutet freilich nicht, dass alles quasi nur im Gesamtzusammenhang gesehen und gelesen werden kann. Zumindest der eine oder andere Text ist durchaus eine wertvolle Schatztruhe neuer Erkenntnisse aus dem Bereich der frühmittelalterlichen Glossen, aus der sich bedient werden kann, ohne sich in höherem Maße in die Querverbindungen zu vertiefen.

Dies wird auch durch die eingestreuten Abbildungen ermöglicht, die etwa im Beitrag zu den Griffelglossen in der Tat mehr aussagen oder – besser formuliert – verdeutlichen, als das in der reinen textlichen Beschreibung möglich sein könnte. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis und das unabdingbare Handschriftenregister bilden die Grundvoraussetzungen des ‚Verwendungswertes‘, auch wenn sich der Begriff weder charmant liest noch der hohen Qualität des Buches gerecht wird. Für ‚Laufkundschaft‘ sind die Glossenstudien sicherlich bisweilen von Wert, aber vermutlich nicht lebensnotwendig, denn die volle Wissensblüte entfaltet sich tatsächlich erst im Kontext mit bereits Vorhandenem – und für diejenigen, die sich der Glossenforschung bereits verschrieben haben oder noch verschreiben wollen, ist es unbedingt empfehlenswert.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Rolf Bergmann / Stefanie Stricker (Hg.): Glossenstudien. Ergebnisse der neuen Forschung.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2020.
403 Seiten, 76,00 EUR.
ISBN-13: 9783825347703

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