Der Vater des Folk Horror

Der Berliner Elfenbein Verlag veröffentlicht derzeit das Werk des walisischen Schriftstellers Arthur Machen in einer umfassenden Edition

Von Sascha SeilerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sascha Seiler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der walisische Schriftsteller Arthur Machen (1863-1947) gilt aus heutiger Sicht als der ‚Vater des Folk Horror‘; eines Genres allerdings, das erst seit knapp zehn Jahren diesen Namen trägt und dessen Popularität im letzten Jahrzehnt stetig gestiegen ist. Bei Machen wie bei seinem Zeitgenossen M.R. James finden sich bereits die Zutaten, die heute jedes gelungene Folk Horror-Narrativ ausmachen. Während James allerdings noch tief verwurzelt in eher konventionelleren, tradierten Horror-Stoffen scheint, erschafft Machen mit seiner Grundthematik, dem Aufeinanderprallen einer vorchristlichen, voraufklärerischen Archaik und des modernen Menschen, ein neues Feld in der Literatur. Zwar kann man diese Thematik bereits in Grundzügen etwa bei H.P. Lovecraft und seinem kosmischen Horror beobachten, jedoch setzt Machen die verschiedenen Bausteine (die heute den erfolgreichen Folk Horror ausmachen) in einen anderen Kontext; er ordnet sie neu an und konfrontiert somit seine Leser*innen mit existentiellen Fragen, die weit über das ja immer auch mit Schockeffekten operierende Horror-Genre hinausreichen.

Viele seiner Erzählungen funktionieren nach einem ähnlichen Schema, bei dem stets, wie bereits erwähnt, die Konfrontation des modernen Menschen mit dem Archaischen im Mittelpunkt steht. Jenes Archaische nimmt hierbei immer eine bedrohliche Rolle ein, es tritt in Form von alten Ritualen in Erscheinung, die sich bis in unsere Gegenwart (bzw. die Gegenwart Machens, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts) hinein im Verborgenen halten konnten und immer wieder an die Oberfläche drängen. Diese Rituale dienen in der Regel dazu, alte Gottheiten zu beschwören, die Unheil über die moderne Gesellschaft bringen wollen. Worin deren Motivation besteht, bleibt, wie bei den kosmischen Wesen H.P. Lovecrafts, meist im Dunkeln. Machens Texte ähneln aber nicht nur in diesem Punkt den Erzählungen Lovecrafts. Auch findet sich die meist absichtslose Beschwörung alter Dämonen, oder besser gesagt: Kräften bzw. Entitäten, die so grauenerregend sind, dass sie jeglicher Beschreibung entbehren müssen, oder, wie bei Machen oft der Fall, nur anhand ihrer irdischen Stellvertreter umkreist werden können.

Unterstellt man den Texten Lovecrafts und somit auch ihrem Autor stets einen latenten Rassismus, eine damit verknüpfte Angst vor dem Fremden, so ist das Furchterregende für Arthur Machen in der Sexualität, vor allem in der weiblichen Sexualität, zu finden. Dies verleiht seinen Geschichten zusätzlich einen gewissen voyeuristischen Reiz, bewegen sie sich doch stets in einem dynamischen Feld zwischen Akzeptanz des Unvermeidlichen und einem kindlich-naiven Staunen, das schnell in grauenhafte, nahezu existenzielle Angst vor dem weiblichen Körper und der Macht, die er ausstrahlt, wandelt. Dass die Wurzel der für ihn undurchdringlichen Sexualität bereits im Kind angelegt ist, machen die Beobachtungen seiner Protagonisten umso unerhörterr. Hierbei ähnelt er nicht zuletzt Frank Kafka, dessen groteske Inszenierungen von angedeuteten Sexualakten bei Machen zu rituellen, paganen Schauspielen werden, eigens inszeniert für den christlich-naiven Betrachter, die zu schrecklich, vor allem aber zu anstößig sind, als dass sie der jeweilige Ich-Erzähler ungefiltert an seine Leser*innen weitergeben könnte. Zumal sie, so erfährt man recht bald, stets auf direktem Wege ins Verderben führen.

In seiner wohl berühmtesten Erzählung, „Der große Pan“, werden viele der Machen‘schen Motive recht anschaulich dargelegt. Geschildert wird die Geschichte einer jungen Frau, die, so erfahren wir gegen Ende der Erzählung, das Produkt eines rituellen Experiments ist, das an ihrer Mutter vollzogen wurde. Bereits als Mädchen ist sie verhaltensauffällig, lockt andere Kinder in den Wald, die dann völlig verstört wieder aus diesem herauskommen. Später erfahren wir vom zentralen Ich-Erzähler (die Geschichte besteht, wie so oft bei Machen oder seinen Geistesverwandten Poe und Lovecraft, aus einer Sammlung von Berichten und zusammengetragenen Anekdoten), dass junge, wohlhabende Männer in London auf seltsame Art zu Tode kommen, eine mysteriöse Dame der Gesellschaft scheint hier eine Rolle zu spielen. Offenbar hat die gleiche Frau bereits zuvor in Argentinien residiert und dort Unheil verbreitet. Schließlich kommt heraus, dass es sich in all diesen zunächst scheinbar wahllos aneinandergereihten Berichten um ein und dieselbe Frau dreht, die unter verschiedenen Identitäten auftritt, um Unheil zu stiften. Offenbar war es ihrer Mutter während der rituellen Geburt möglich, den ‚großen Pan‘ zu sehen, eine so erschütternde Vision, dass man darüber nur dem Wahnsinn verfallen kann. Und dennoch strebt jeder nach dieser Erkenntnis, die eine Pforte in ein anderes Bewusstsein zu sein scheint, und das die Protagonistin, möglicherweise die Tochter Pans, zu ermöglichen verspricht. Und doch bleibt alles irgendwie im Ungewissen. Und genau diese Ungewissheit ist es, welche die Texte Machens so reizvoll macht.

Im Gespräch mit literaturkritik.de legte der britische Historiker Ronald Hutton dar, dass Arthur Machen ein Autor gewesen sei, der getrieben war von seinen Ängsten, die er ästhetisch gewinnbringend verarbeitet hat. Machen, so Hutton weiter, sei ein fest in Moderne und Rationalismus verwurzelter Mensch, den eine unbeschreibliche Angst vor dem Unbekannten umtrieb, dass er in der wilden Natur, der sagenumwobenen Vergangenheit seiner walisischen Heimat zu finden fürchtete. Doch bleibt das Archaische natürlich nicht fernab in der Natur, wo man es in Ruhe lassen könnte. Durch die Neugierde des modernen Menschen wird es in den urbanen Bereich gelockt, wo es noch schrecklicher erscheint, weil man es gerade hier nicht erwartet. So geschieht in nicht wenigen Erzählungen Machens die Konfrontation mit dem Archaischen tatsächlich eben nicht in der Natur, im Pastoralen, sondern im urbanen Raum; eine im Folk Horror-Kontext manchmal anachronistisch wirkende Strategie, die aber durchaus Sinn macht. Wirkungsvoller sind seine Erzählungen jedoch, wenn das Unbekannte, Archaische die jeweiligen Erzähler aus ihrem urbanen Schutz herauslockt und sie zur Konfrontation an abgelegenen Orten des walisischen Hinterlands zwingt. Hier gehen sie alten Symbolen, Riten oder Kulten nach und finden mitunter furchtbare Dinge, wie etwa das an Kinder gemahnende, bösartige Zwergenvolk, das unter der Erde haust und zu ihren grauenerregenden Spielen an die Oberfläche kommt (was dies genau für ‚Spiele‘ sind, lässt der schockierte Erzähler offen, doch kann man sich denken, was er zu sehen bekam).

Die Angst Machens vor dem sexualisierten Ritual spiegelt die Angst des modernen Menschen vor der Konfrontation mit seiner eigenen archaischen Natur – ähnlich wie in Lars von Triers Film Antichrist, in dem die Natur zunächst als Körper Satans bezeichnet wird, vor dem man sich zu fürchten hat, nur um dann schließlich zu dem Schluss zu kommen, dass die Natur, und damit das, vor dem man sich ängstigt, in uns selbst wohnt. Natur und Mensch sind im animistischen Weltbild untrennbar miteinander vereint, und, hier eine weitere Parallele zu Antichrist (ein Film, der zugebenermaßen sämtliche Folk Horror-Tropen durchdekliniert), somit ist es auch die Sexualität. Die Konfrontation von Machens Protagonisten ist somit stets auch eine Konfronation mit dem Selbst, das mit einer bedrohlich wirkenden Natur eins ist.

Machen scheint sich hierbei bewusst zu sein, dass der moderne Mensch mit der Aufklärung nach und nach die Einheit mit der Natur verloren hat; Adornos ‚Beseeltheit der Dinge‘ verursacht in ihm eine existenzielle Angst, die er jedoch nicht einordnen kann und auf das Element des Schreckens, des Horrors projiziert. Um ein weiteres mal Antichrist anzuführen: Die Natur ist böse.

Neu übersetzt und mit aufschlussreichen Nachworten versehen wurde die neue, sechs Bände umfassende Ausgabe der Werke Machens von Joachim Kalka.

Titelbild

Arthur Machen / Arthur Machen: Die leuchtende Pyramide. und andere Erzählungen.
Aus dem Englischen von Joachim Kalka.
Elfenbein Verlag, Berlin 2020.
200 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783961600243

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Titelbild

Arthur Machen / Arthur Machen: Die leuchtende Pyramide. und andere Erzählungen.
Aus dem Englischen von Joachim Kalka.
Elfenbein Verlag, Berlin 2020.
200 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783961600243

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Arthur Machen: Der Schrecken. eine Phantasie.
Aus dem Englischen von Joachim Kalka.
Elfenbein Verlag, Berlin 2020.
157 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783961600236

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Titelbild

Arthur Machen: Die drei Häscher oder. Die Verwandlungen.
Aus dem Englischen von Joachim Kalka.
Elfenbein Verlag, Berlin 2019.
231 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783961600212

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Titelbild

Arthur Machen: Der geheime Glanz. Roman.
Aus dem Englischen von Joachim Kalka.
Elfenbein Verlag, Berlin 2019.
245 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783961600229

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