Auf dem Bleistift von Wien einmal ins All und zurück

Der Wiener Autor Lucas Cejpek betreibt eine „Umkreisung“ seiner Heimat

Von Stephan WoltingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Wolting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie nähert man sich schreibend und schriftstellerisch einer Stadt neu, in der man seit vielen Jahren lebt? Indem man von ihr in vielen kleinen Geheimnissen, Assoziationssplittern, individuellen Erinnerungen aus ihrem großen Gedächtnisspeicher erzählt und geistreiche Beziehungen zur Welt wie zum All, zu Artefakten anderer Medien (dem Film, der Fotografie, der Bildenden Kunst, etwas weniger der Musik) herstellt. Heraus kommt ein Feuerwerk an geistigen und geistreichen Spuren, die diese ‚Kulturstadt‘ in einem ganz anderen, poetisch phänomenologischen Licht aufleuchten lässt. Leserinnen und Leser begeben sich auf Spurensuche eines unendlich bezüglichen Universums, wo vieles miteinander verbunden scheint, in den unendlichen Raum dieser Stadt (leicht verändert im Pascalschen Sinne) und folgen dem Ich-Erzähler in einer Art unendlicher Iteration bzw. noch genauer: unendlichen Umkreisungsbewegung von den kleinsten Requisiten (wie dem Bleistift oder dem Radierer) über die Stadt bis zu den Sternen, den Planeten und darüber hinaus. 

Die Bewertung schon vorweggenommen: Cejpek hat mit Umkreisung ein kluges Buch geschrieben, mit einer sehr genauen Beobachtungsgabe, oft erinnernd an einen Hyper- oder Suprarealismus, der in der deutschen Literatur so selten anzutreffen ist. Zugleich besticht der Autor als poeta doctus durch ein großes Wissen (vor allem aus den Bereichen der Astronomie, aber auch der Kunst und Kunstgeschichte, der Geschichte der Fotografie, der Filmkunst, der Literatur etc.), das er aber so gekonnt dosiert einsetzt, dass man an keiner Stelle den Eindruck gewinnt, der Autor würde zu enzyklopädisch werden oder gar mit seinem Wissen um sich werfen. Nein, ganz im Gegenteil. Er bleibt dem alten künstlerischen Prinzip treu: Es muss nicht unbedingt schädlich sein, etwas über die Dinge und Phänomene zu wissen, aber man muss sein Wissen im rechten Moment, zumindest zu großen Teilen, über Bord werfen und vergessen können. Natürlich wissen wir heute, dass dies, phänomenologisch betrachtet, so einfach nicht ist, und doch ist dies genau eine der großen Herausforderungen der Kunst bzw. der Literatur, eine Klippe, die Cejpek herausragend meistert.

Der Schriftsteller Lucas Cejpek, in Wien geboren und heute dort lebend, in Graz aufgewachsen, wo er auch studiert und mit einer Arbeit zu Robert Musils Mann ohne Eigenschaften als Kulturtheorie promoviert hat, findet auf eine zugleich innovative Weise unter Benutzung der schon bekannten Technik der Montage einen Weg, der zwischen verschiedenen Gattungsformen changiert. Der Autor nennt sein Vorgehen ein „Einschreiben in thematische Fiktionen“, was er bereits 2014 mit dem Werk Unterbrechung. Burn Gretchen begann und anschließend mit seiner Biografie Ein weißes Feld. Selbstversuch von 2017 fortsetzte. Insofern ist Umkreisung schon der dritte Teil eines Gesamtkomplexes. Als eigentlichen Beginn bezeichnet er den schon 2009 mit Wo ist Elisabeth? Roman, wo eine Namensgleichheit zu einer Spurensuche führt. Damit ist bereits das Stichwort für sein Schreiben, das der Spurensuche, gefallen. Cejpek selbst nennt sein Werk einen Stadtroman. Er verweist darauf, dass man in einer Stadt immer die gleichen Wege gehen sollte, um die Stadt und damit zugleich sich selbst besser oder überhaupt zu verstehen.

Nach eigenen Angaben hat diese Art des Schreibens kaum Vorbilder. Chatwin, den er im Werk erwähnt, wurde ihm angedichtet, weil er ebenfalls im Werk über Patagonien schreibt. Cortàzar begleitet ihn seit langem, seinen Umgang mit Zitaten nennt er ‚einfach befreiend‘! Zudem würde ihn einiges mit Roberto Bolaño verbinden, den er während des Schreibens als Leser entdeckt habe.

Zentral für sein Werk sind nach Auskunft des Autors dagegen für ihn seine Fotos, weil seine Recherche nach eigenen Angaben immer von Fotos begleitet ist, die er findet oder selbst macht. Das erinnert an W. G. Sebaldt, der ebenfalls im Werk zitiert wird. Dabei empfindet er die Verbindung von Lektüre und Selbsterfahrung für das Gelingen einer Umkreisung der Stadt entscheidend. Seiner Vorliebe für Südamerika, insbesondere Chile, geschuldet, erscheint es nicht als verwunderlich, wenn er außer auf den chilenischen Autor Roberto Bolaño in Hinblick auf die Vermischung von Fiktion und Biografie auf keinerlei weitere Vorbilder verweist. Dennoch steht er in einer großen erzählerischen Tradition, jener der Flaneure, der Stadtindianer oder „Mohicain de Paris“, die in ihrer Stadt nach den verborgenen und verlorenen Spuren suchen (nach der Fenimore Cooper-Lektüre der Surrealisten im 20. Jahrhundert, u. a. bei Aragon).

Schon nach der Lektüre der ersten Zeilen wird man zudem an den Satz von Franz Hessel aus Heimliches Berlin erinnert: „In einer Stadt sich zurechtzufinden kann jeder, die Kunst ist es, sich in einer Stadt zu verlieren.“ Bei Cejpek möchte man hinzufügen, sich in seiner eigenen Stadt zu verlieren, obwohl man immer wieder die gleichen Wege benutzt, ist ein notwendiges, vielleicht noch schwierigeres Unterfangen. 

Bereits der erste Satz aus einem zitatartigen Textteil, der dem Roman vorangestellt ist, lässt aufhorchen und gibt die Richtung vor: Zum Aufschreiben der Geschichte hat sich der Erzähler bzw. die Erzählfigur oder die Erzählinstanz einen Bleistift gekauft, „auf dem der Sternenhimmel“ verzeichnet ist. Damit wird gleich zu Beginn die Verbindung des kleinsten Kosmos des Stifts mit dem größten, eben jenem des Universums hergestellt, das übrigbleiben wird, wenn der Stift nicht mehr gespitzt werden kann, eine Bezüglichkeit, die etwas „Phantastisches“ hat und die den Weg zum Thema des „Alls“, so der Titel des 2. Teils, vorgibt.

Ohne dem alten narratologischen Grundsatz zu widersprechen, verrät Cejpek, der ja zugleich Hörspielautor, aber auch Regisseur ist, schon hier sein filmisches Sehen. Dem Rezensenten kam bei dieser „kleinen Szene“, die sich ohne einen Menschen, nur um die Kommunikation zwischen Bleistift (und damit verbundenem Radierer) und Kosmos abspielt, gleich die Eingangsszene von Hugo Cabret in den Sinn, die im Kosmos, schließlich im Himmel über Paris beginnt, und dann bis in das Uhrenwerk des Bahnhofs in Paris verläuft. Zum einen macht dieses filmische Sehen des Erzählers das Werk, den „Roman“, wenn man das Werk denn als einen solchen bezeichnen will, trotz seiner Handlungsarmut und Inhaltsleere ungeheuer spannend, etwa gleich zu Beginn, wo das „Auge“, so der Titel des ersten Teils, einer Frau über „Wiener“ Straßen folgt und schließlich im Unendlichen landet. Der Bezug zum Kosmos und der Astronomie, von der der Autor fundierte Kenntnis verrät, legen nicht zuletzt die zum Teil schon erwähnten Kapitelüberschriften nahe.

Was insofern für den Roman einnimmt, ist die Dynamik des Erzählflusses und jenes der Flüchtigkeit von Begegnungen, aber vor allem von Bewegungen in dieser Stadt, die auf gewisse Weise zu einer exemplarischen Stadt wird. Es sind, wenn man so will, bewegliche „Städtebilder“ im Benjaminschen Sinne.

Der Inhalt des Romans kann kaum angemessen wiedergegeben werden. Dennoch lässt sich seine Richtung insofern andeuten, als dass der Ich-Erzähler in Wien einer Frau begegnet, die er später unter vielen Bezüglichkeiten Iris nennt: die Iris des Auges, die Blume, der Name in Filmen, Büchern etc. Man ist bei dem Ausgangspunkt fast geneigt, an Tucholskys Gedicht Augen in der Großstadt zu denken, nur dass bei Cejpek dieser Augenblick nicht augenblicklich vergeht, sondern dass er aufgrund einer kurzen, nur blickhaften Begegnung eine lange Sequenz entwickelt, in der fast nichts geschieht. Man ist in dem Sinne zudem geneigt, an Rilkes „poetischen Roman“ Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge zu denken (auch in der Beschreibung der Museen, der Bibliotheken, bzw. jener Verbindung des Gelesenen mit dem Leben). 

Auf der anderen Seite ist Cejpeks „Versuch“ im wahrsten Sinne des Wortes Essay, ein Versuch, exemplarisch einen Ort wiederzugewinnen, der von Marcel Reich-Ranicki einmal als „schönste Stadt der Welt“ bezeichnet wurde. Auf diese Weise schafft es der Autor auch, die Stadt vom ganzen Schutt enzyklopädischer oder touristischer „Erwartungsbrocken“ freizulegen, er betreibt in diesem Sinne exemplarisch eine Art Aufräumarbeit, um die Schönheit dieser Stadt in einem poetisch-phänomenologischen Sinne wieder freizulegen. 

Man lässt sich vom Autor an die Hand nehmen, um mit ihm durch ein Wien zu flanieren, das sich ständig verwandelt1 und doch einen unveränderlichen Kern besitzt, einen Satz von Fontane abwandelnd, wonach diese Stadt wie Cecile, eine der Frauenfiguren Fontanes „ihrer Natur in diesem Sinne treu bleibt“, dass sie „ein Kind des Augenblicks ist und sich mit ihm wandelt“. Auf diese Weise bekommt Wien im Übrigen auch eine sehr moderne und innovative Variation, und macht sich von jeder Form des Musealen frei, der man es manchmal unter Generalverdacht stellt.

Der Ich-Erzähler in Cejpeks Roman präsentiert diese Stadt in einer ganz anderen Vielfalt, nicht auf den touristischen Wegen, sondern in den Assoziationen, der Wahrnehmung des Betrachters verschiedener Kunstwerke, Museen, Bibliotheken; hier wird in diesem Sinne eine ganz andere Vielfalt präsentiert. Man wünscht Cejpeks Buch eine große Leserschaft unter realen und virtuellen Wien-Besuchern: Man kann das Buch immer wieder neu aufschlagen, betreten und findet etwas Neues darin, kann eben ganz im Sinne Cejpeks immer wieder die gleichen Wege betreten und Neues finden, etwa wie Cezannes Mont-Saint-Victoire.

Anmerkungen

1 Man denke hier auch an Perecs Paris, Perec, Georges: Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen. Aus dem Französischen und mit einer Nachbemerkung von Tobias Scheffel. Regensburg: Libelle. (Original: Tentative d´epuisement d´un lieux Parisien (1975). Paris: Christian Bourgois éditeur) 42016 (Original: 2010).

Titelbild

Lucas Cejpek: Umkreisung.
Sonderzahl Verlag, Wien 2020.
189 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783854495475

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