Vom Händewaschen und Verseschreiben zu Zeiten der Pandemie(n)

Safiye Can versucht in ihrem neuen Lyrikband „Poesie und Pandemie“, dem Unvorhersehbaren eine Form zu geben

Von Stephan WoltingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Wolting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Erschienen zu Beginn der Pandemie vor allem Tagebuchaufzeichnungen oder biographische Notizen als Aufzeichnungen[1], so finden sich in jüngster Zeit innerhalb der deutschsprachigen Literatur verstärkt formalästhetisch strengere, sprich lyrische Bände, die versuchen, der Pandemie eine Form zu geben, was an anderer Stelle aber auch schon als „Quarantänelyrik“ abqualifiziert wurde (Michael Braun, Deutschlandfunk Kultur). Als eines der bekanntesten Werke in diesem Zusammenhang gilt sicherlich das Werk von Volker Braun mit dem Titel Große Fuge, das mehrere Wochen auf der SWF-Bestenliste stand, wo der Lyriker mit der inzwischen gern zitierten Formel die Situation beschreibt: „die Hände gewaschen und eine Handvoll Verse geschrieben“.

Zugleich befand sich auf der SWR-Bestenliste das Werk der in Offenbach lebenden Lyrikerin Safiye Can, die vier Jahre später, nach dem Lyrikband Kinder der verlorenen Gesellschaft einen neuen Gedichtband mit dem beinahe alliterationsmäßig anmutenden Titel Poesie und Pandemie vorlegte. Zur Autorin lässt sich bemerken, dass sie die Tochter tscherkessischer Einwanderer ist, einem kleinen Kaukasusvolk, das seit dem Kaukasuskrieg in Russland eine unterdrückte Minderheit darstellt. Heute leben viele Tscherkessen außerhalb des Kaukasus, etwa in der Türkei, in Syrien, in Jordanien, in Israel, Südserbien, Bosnien, den USA und in der EU. Can beschäftigt sich stark mit persischer und arabischer Dichtung und übersetzt ins Türkische und aus dem Türkischen. Sie hat verschiedene Preise erhalten wie den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis und den AMF-Preis für aufrechte Literatur, jeweils 2016. Can gilt als eine Art „poetische Scheherazade“, oder „Botschafterin der Poesie“ (A poetry ambassador, Arizona Daily Sun). Die Autorin veröffentlicht Erzählungen, schreibt Lyrik, übersetzt und vermittelt vor allem sehr bildstark orientalische Poesie. Darüber hinaus hat sie sich mit konkreter Poesie auseinandergesetzt und sich davon in Bezug auf ihr eigenes Werk stark beeinflussen lassen.

Das gilt auch für den Band Poesie und Pandemie, was allein graphisch schon am Titelbild deutlich wird: Eine Rose sprießt aus dem Kopf einer Frau, worin als Blüte in der Mitte das bekannte Corona-Symbol herauswächst. Insgesamt umfasst der Band nur ca. 90 Seiten, wobei das Titelgedicht (Part I und II) Poesie und Pandemie fast die
Hälfte des Bands ausmacht. Sie legt den Begriff über die medizinische „Indikation“ von Covid-19 weit aus und bezieht die vielen Pandemien auf der Welt mit ebenfalls zum Teil schweren Krankheitsverläufen wie Diskriminierung, Rassismus, Benachteiligung von Frauen etc. mit ein. Vorweg gesagt, stellt sie in einem konkreten wie abstrakten Sinne diesen Heimsuchungen die Liebe und die Menschlichkeit entgegen, was an ein Zitat des polnischen Lyrikers und Literatur-Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz erinnert, dass allein die Güte und die Poesie bleiben werden, auch in diesen dunklen Zeiten. Sie möchte im konkreten wie im übertragenen Sinne ein Zeichen setzen, ein „Windlicht für dunkle Tage“ und setzt dem Werk ein Motto aus Kierkegaards Entweder-Oder voran: „Sieh, darum will ich lieber Schweinehirt sein auf Amaberbro und von den Schweinen verstanden sein, als Dichter sein und mißverstanden (sic!) von den Menschen.“

Dieses Zitat „beschreibt“ die Darstellungsweise von Safiye Can äußerst präzise, die man als politisch engagierte Poesie bezeichnen könnte. Sie oszilliert zwischen dem lyrischen Bild und einem starken gesellschaftspolitischen Engagement. So ist das Gedicht Wenn du eine Frau bist in „Zusammenarbeit“ mit 150 Teilnehmerinnen entstanden, die einem Aufruf Canszur Mitgestaltung folgten. Das Gedicht Einzeltäter ist eine direkte Erwiderung auf Dirk Hülstrunks Gedicht attentat. Es ließe sich hier von einem Gedicht und Gegengedicht, im Sinne von Rede und Gegenrede sprechen und das ironisch, fast sarkastisch mit den Zeilen endet: „nur ein Einzeltäter noch/ nur noch ein Einzeltäter/ und noch ein aller/ letzter Einzeltäter/ nur einer noch/ wirklich/ dann wird alles/ wieder gut“. Dieses politische Engagement durchläuft alle Werke Cans, verbunden aber immer mit eindringlichen existentiell poetischen Bildern, wie etwa: „Wir konnten in diesem Jahr keinen Abschied nehmen von unseren Liebsten. Wir starben alleine.“

„Was haben sie 2020 eigentlich gemacht?“ Die Frage und Antwort von Volker Braun ließe sich mit dem Titelgedicht von Safiye Can so beantworten: „Wir haben in diesem Jahr gelernt“, ca. 46mal taucht diese Wendung auf, hier nur ein Beispiel dazu:

Wir haben in diesem Jahr gelernt
wie man sich die Hände wäscht
Wir haben in  diesem Jahr gelernt
was wichtig ist
nämlich die einfachsten, simplen Dinge
wie Mehl, Salz, Zucker, Seife
Natron, eine gute Handcreme
Essig, Kolonya
die Anwesenheit von Familienmitgliedern
die Stimme am anderen Ende der Leitung
Vitamine für die Abwehrkräfte
und das Einatmen frischer Luft.

Manchmal auch mit: „Wir haben in diesem Jahr erfahren“ oder „Wir haben in diesem Jahr verstanden.“ Das gesamte Gedicht Poesie und Pandemie fängt immer wieder mit dem Satz „Wir haben in diesem Jahr gelernt“ an und kombiniert ihn mit immer neuen (manchmal auch wiederholbaren) Inhalten. Dieser Satz kennzeichnet die Poesie Cans, er ist wie eine Beschwörungsformel zu lesen: Der Teilsatz wird so oft wiederholt, dass man schließlich in Zweifel gerät, ob wir wirklich gelernt haben, frei nach dem Motto Adornos. Man muss einen Satz so lange anblicken, bis er fremd zurückblickt.

Formalästhetisch besticht der Band zudem mit Beispielen konkreter Poesie wie Bild/Text-Collagen und Versatzstücke aus Breaking News (teilweise ist auf der einen Seite der Text, auf der anderen Seite ist der Text graphischen dargestellt), wie etwa das Gedicht Europa auf dem Prüfstand, das auf eine Landkarte folgende (Schlag-)Zeilen in unterschiedlicher Schriftgröße projiziert (alles, was riesig markiert ist, wird im Folgenden fett gedruckt): „Europa auf dem Prüfstand/ Der Flüchtlingsstrom bewegt/ die große/ Katastrophe. Der Todeskampf./ Wohlstand/ und Ruhm ohne Lieben/ ist erstarrtes Leben.“ In ähnlicher Weise sind die Gedichte Himmel auf Erden und Morning World gestaltet. Zu erwähnen ist außerdem, dass neben den Nachrichtenmeldungen noch Hygienetipps und Statistiken der Johns-Hopkins University in Zusammenhang mit Todesfällen (15.02.2021 und 21.06.2021) als „literarische Texte“ aufgelistet sind.

Allein diese Art der Gestaltung und Zusammenstellung lässt Leserin und Leser politisch aufhorchen, besser noch aufblicken. Man kann nur hoffen, dass die von der Autorin beabsichtigte Karg- und Einfachheit mancher Texte nicht mit Simplizität verwechselt wird.

Insgesamt ist der Lyrikerin ein durchaus engagierter poetischer Wurf gelungen, indem sie darauf aufmerksam macht, dass noch „Lieder jenseits oder nach der Pandemie zu singen“ bzw. Gedichte zu schreiben sind, die den Finger tief in die Wunde legen und auf all das verweisen, was wir, konfrontiert mit der Pandemie, hätten lernen können bzw. hoffentlich noch lernen werden.

[1] Man denke etwa an das „Journal“ von Caroline Emke oder „Als wäre immer Sonntag. Die Corona- Tagebücher“ von Marco Lalli

Titelbild

Safiye Can: Poesie und Pandemie.
Wallstein Verlag, Göttingen 2021.
96 Seiten, 18 EUR.
ISBN-13: 9783835350083

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