Brüderchen, Schwesterchen und Väterchen

Elke Schmitters „Inneres Wetter“ seziert eine Familie am Vorabend des 77. Geburtstags ihres Oberhaupts

Von Pascal MathéusRSS-Newsfeed neuer Artikel von Pascal Mathéus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Elke Schmitters neuer Roman erzählt eine aufregende Familiengeschichte, die ein wenig zu verkopft entwickelt wird, um ein richtig gutes Buch zu ergeben. Inneres Wetter ist ihr erster Roman seit 2006, weshalb man sich die Frage stellen könnte, was die Spiegel-Kolumnistin dazu bewogen hat, nach so langer Pause zu dieser Gattung zurückzukehren. Vielleicht sind die Gründe persönlich-autobiographischer Natur, denn der Roman stellt kein gesellschaftspolitisches Reizthema in den Mittelpunkt, wenngleich durchaus gesellschaftskritische Töne anklingen. Wichtiger scheinen Schmitter diesmal soziologische und psychologische Grundkonflikte gewesen zu sein.

Diese inszeniert sie auf der Folie einer um einige Nebenfiguren erweiterten Vierecksgeschichte mit den drei Geschwistern Huberta, Bettina und Sebastian sowie ihrem Vater Georg im Zentrum. Bettina, die mittlere Schwester, regt Huberta und Sebastian dazu an, den 77. Geburtstag ihres verwitweten Vaters mit einem Überraschungsbesuch zu begehen. Der Roman erzählt die Episode von Bettinas erster E-Mail bis zum Nachgang der Geburtstagsfeier, den die drei Geschwister mit ihren Partnern in einem miefigen Lokal begießen.

Verkopft ist der Roman insofern wortwörtlich, als er ausschließlich in den Köpfen seiner Helden spielt. Zu verkopft ist er hier genannt worden, weil die Gedankengänge nicht nur weitschweifend und komplex sind, sondern sich manchmal auch ins Abseitige versteigen. Zudem ähnelt sich der Erzählton trotz sehr unterschiedlichen Weltanschauungen und Lebenssituationen der Figuren merklich. Es fällt deshalb während der Lektüre schwer, nicht stets daran denken zu müssen, dass alle Figuren, denen Schmitter das Wort erteilt, letztlich doch so klug denken und sprechen wie Elke Schmitter selbst.

Den Gedankenströmen der Geschwister und ihrer Angehörigen wurde von Schmitter ein Gerüst von protokollierten E-Mails gegeben, das die eigentliche Handlung vorantreibt. Diese gegenseitige Spiegelung – organisatorische E-Mails auf der einen und Alltagsprobleme, Weltschmerz und Räsonnement auf der anderen – machen den größten Reiz des Romans aus. Man möchte sagen, dass hier noch Potential liegengelassen worden ist. Denn natürlich ist der Kontrast zwischen der Sprache, mit der man seine Geschwister adressiert, zwischen den motivierenden, gutmütig stimmen wollenden und möglichst heiter klingen sollenden E-Mails zu dem, wie es im Inneren aussieht, sehr groß. Allein die E-Mail-Adressen der Beteiligten, (wer hat welchen E-Mail-Anbieter, kürzt wie seinen Namen ab), die Uhrzeiten, zu denen die Mails versendet worden sind, die Zeit, die vergeht, bis eine E-Mail beantwortet wird, und die Beobachtung, wer direkt gemeint und wer bloß in CC gesetzt worden ist, stoßen eine Fülle von Interpretationen an. Im Grunde enthält die erste E-Mail von Bettina, die nach dem Stammbaum der Familie abgedruckt ist, den ganzen Roman. Das ist große Kunst.

Natürlich versteht man auch, wozu die langatmigen Reflexionen der Figuren über ihre Herkunft, ihre Lebensentscheidungen, ihre Geschwister und Eltern und ihre Partner benötigt werden. Erst durch das intensive Kennenlernen aller Beteiligten, entfalten nämlich die letzten beiden Szenen – das Geburtstagsessen mit dem Vater und die Afterglow-Feier – ihren Reiz. Sie werden wohl erst durch den langen Vorlauf zu dem großartigen Finale, das sie sind. Und dennoch kostet der Weg dahin einige Nerven. Viel Lamento muss bis dahin ertragen, unzählige Themen müssen bewältigt werden.

Der Roman gibt keine Antworten und verurteilt niemanden. Er wirft eine ganze Menge von interessanten Fragen und Problemen auf, die jedoch unter dem Gedankenschwall jedes einzelnen Protagonisten mitunter verloren zu gehen drohen. Inneres Wetter ist ein kluger und formal raffinierter Roman. Er würde sich noch besser lesen, wenn sich die einzelnen Stimmen noch mehr voneinander unterscheiden würden, ihre Gedanken präziser geordnet wären und die Autorin sich noch ein paar mehr E-Mails für sie ausgedacht hätte.

Titelbild

Elke Schmitter: Inneres Wetter.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
202 Seiten , 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783406774294

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