Über Lebensläufe und Identitätsfindung

Ulrich Woelk spannt in seinem 600-Seiten-Roman „Für ein Leben“ ein episoden- und facettenreiches Panorama der letzten 50 Jahre auf

Von Karsten HerrmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karsten Herrmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Zentralgestirne seines Romans hat Ulrich Woelk zwei Frauen gewählt und verfolgt deren Lebenswege mit teils sehr intimen Einblicken von der Wendezeit bis in die 2000er Jahre. Niki Lamont ist auf dem Hippie-Trail zwischen Kabul und Kathmandu geboren und in Indien und einem kleinen Wüstenort in Mexiko aufgewachsen. Mit Ehrgeiz und Zielstrebigkeit hat sie dennoch ihr Abitur gemacht, Medizin studiert und arbeitet nun in einem Krankenhaus in Berlin, wo sie den Schriftsteller Clemens kennen lernt. Ihr Lebensweg wird am Tag der Hochzeit entscheidend gekreuzt von Lu, die in Wedding aufgewachsen und deren kroatische Mutter früh an Krebs gestorben ist. Seitdem ist ihr Vater immer mehr dem Alkohol ver- und schließlich ins Koma gefallen. Früh ist Lu schon zu ihrem Nachbarn Vic in die Wohnung gezogen, der nach einem Fluchtversuch aus der DDR abgeschoben wurde und sein Geld dort jetzt mit geschmuggelten Pornofilmen verdient. Lu macht ihr Abitur, arbeitet als Filmvorführerin, jobbt in einem Szenecafé, spielt Theater und steigt schließlich auch ins Pornogeschäft ein – und erfüllt weiter ihr Programm, nie mit einem Mann aus Liebe zu schlafen.

Mit seinem Roman beleuchtet Ulrich Woelk die verzwickten Läufe des Lebens und die Suche nach Rolle und Identität in Abgrenzung zu den Eltern. Niki hat so

fast zwanzig Jahre perfekt funktioniert und wie ein Automat in einer Endlosschleife gebüffelt und studiert und gearbeitet. Genau das, wovor mich meine Eltern immer bewahren wollten.

Durch die Begegnung mit Lu bekommt ihr durchgeplantes Leben eine unerwartete Wendung und führt sie schließlich zurück nach Mexiko zu ihren Eltern, wo sie eine weitere schicksalhafte Volte erwartet.

Rund um seine beiden Hauptprotagonistinnen versammelt Ulrich Woelk eine Vielzahl von weiteren illustren Romanfiguren und verschränkt deren Vergangenheit und Gegenwart. Mit geradezu enzyklopädischem Ausgriff bereitet er dabei auch eine Vielzahl von Themen kenntnisreich auf: Von der Medizin über Musik und Komposition, Film und Theater, Bildender Kunst und Literatur bis zu Gender, Religion, Mythos und bewusstseinserweiternden Drogen.

Doch Ulrich Woelk gelingt es trotz hochspannender Figurenanlage und interessanter Themen nicht, in seinem Roman einen Erzählsog zu erzeugen und seinen Protagonisten Tiefe zu verleihen. Er hangelt sich vielmehr von Episode zu Episode und nähert sich dabei immer wieder der Gefahr von Klischee und Konstruktion. Häufig wird sein Erzählen überlagert von referierender Themendarstellung und der detailreichen Nacherzählung von avancierten Film-, Theater- oder Musik-Inhalten. So bleibt Ulrich Woelk erzählerisch einiges schuldig und der Roman entwickelt über die Strecke von mehr als 600 Seiten deutliche Längen.

Titelbild

Ulrich Woelk: Für ein Leben.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
632 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783406774515

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