Der Kleine verblüfft und fasziniert

„Das Wanderkind“ von Aude erzählt anrührend vom Zusammenspiel in einer ungewöhnlichen Familie

Von Renate SchauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Renate Schauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wehen am 232sten Tag der Schwangerschaft, die von der Nachricht überschattet ist, dass zwischen den Zwillingen der Blutaustausch schon länger gestört ist. Wider Erwarten kommt das zweite Kind doch lebend zur Welt, so winzig, dass „es mehr an ein Vögelchen als an ein Menschenkind erinnert“. Benoît, von nun an nur „Der Kleine“ genannt, erweist sich bereits im Brutkasten als Trost und Halt für den kräftigeren Bruder Hans. Damit beginnt die stellenweise fast märchenhafte Geschichte einer Geschwisterbeziehung, die 1999 den Großen Leserpreis von „Elle Québec“ gewann. Das Wanderkind ist ein Hoffnung stiftender Roman, der in der Seele lange nachwirkt, weil „schwach“ und „stark“ keine eindeutige Zuweisung erfahren, sondern die frankokanadische Autorin Aude unter anderem mit dem Doppelungsmotiv die „schmerzhafte Schönheit menschlicher Bindungen“ nahebringt.

Mit L’enfant migrateur, wie der Roman im Original heißt, widmet sich Claudette Charbonneau alias Aude (1947–2012) der für sie typischen Auseinandersetzung „mit der Schwierigkeit des Seins“. Stilistisch fällt auf, dass jedes Kapitel mit einem aktuellen Moment beginnt, der uns sofort umfängt, um dann Vorangegangenes aufgeblättert zu bekommen und schließlich wieder im Hier und Jetzt zu enden. Die 29 Kapitel sind konzis, jedes auf seine Weise eindringlich. Dadurch entsteht eine Unmittelbarkeit, die uns dennoch gestattet, den nötigen Abstand für das Verständnis des Geschehens zu wahren.   

Chronologisch wird das Aufwachsen der Zwillinge erzählt. „Der Kleine“ wirkt zart und schwächlich, hatte auch in seinen ersten Tagen Probleme mit seiner Herzschwäche und Atemnot. Es bleibt aber in der Schwebe, inwieweit er wirklich als „zurückgeblieben“ einzustufen ist, da seine Lehrerin im zweiten Schuljahr meint, „dass der Kleine genauso lesen, schreiben und rechnen kann wie die anderen Kinder, obwohl ihm das niemand zugetraut hat und er gemeinhin auch nichts davon zu erkennen gibt.“ Hans, der angeblich schon im Mutterleib von dem unausgewogenen Blutaustausch profitiert hat und bei seiner Geburt vor Gesundheit zu strotzen scheint, ist sehr bezogen auf den „Kleinen“, schirmt ihn und sich teilweise hartnäckig von den anderen Familienmitgliedern ab, neigt zu Ängsten und Stimmungsschwankungen, was sich später in einem fast aggressiven Ringen um Nähe und Distanz zeigt.

Szenen und Personal sind übersichtlich: Corinne und Piere sind verständnisvolle Eltern, die ein zweites Kind wollten und vor den Zwillingen eine Fehlgeburt betrauen mussten. Tochter Alexandra ist vier Jahre älter als Benoît und Hans, fühlt sich oft ausgeschlossen, findet aber offenbar ihren Weg. Dann ist da noch ein Lehrer, Alexis Santerre, der für Hans durch literarischen Austausch Bedeutung gewinnt. Im Gegensatz zu Benoît hat Hans die Aufgabe, sich nach und nach einen eigenen Lebensentwurf jenseits der Zwillingssymbiose zu erarbeiten. 

Gemessen an dieser Herausforderung bewegt sich „Der Kleine“ fast wie nachgeordnet, jedoch mit der wertvollen Eigenschaft, ohne Vorsatz und Absicht die Familie zu harmonisieren, Hans den Rücken zu stärken und ein Vorwissen von den Zeichen der Zukunft zu haben. Damit kommen fast mystische Anklänge in den Roman, was ihn zusätzlich faszinierend macht. Einmal präsentiert „Der Kleine“ ein großes Gemälde, das er „Mein Bruder“ nennt. Da sich Benoît und Hans sehr ähnlich sehen, kann jeder von beiden der Bruder sein. Es gibt zwar Unterschiede, aber im Grunde erinnern diese gleichermaßen an „zwei Seiten einer Medaille“, und somit kann man das Doppelungsmotiv auch als eine Sehnsucht lesen: man möge doch immer zu zweit sein – mit einem, der einen nährt, ohne sich selbst zu verzehren, der uns abschirmt von der Einsamkeit der Welt, ohne sich aufzudrängen.

Diese Sehnsucht lässt sich nicht zuletzt angesichts der Schicksalsschläge interpretieren, die die Autorin zu bewältigen hatte und die in der Zeittafel am Ende des Büchleins angerissen werden. Bereits als Neunjährige schreibt Claudette ernste Geschichten im Kinderheim, in das sie zwei Jahre zuvor nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter hatte ziehen müssen. Das Wanderkind ist u. a. ihrer älteren Schwester Denise gewidmet, denn diese habe „in ihrer Kindheit eine ähnliche Rolle für sie gespielt“ wie Benoît für Hans. Weitere Daten geben Aufschluss über das literarische Wirken, das sich vornehmlich zwischen den Genres bewegt und in den 1970er Jahren wiederholt Themen wie Wahnsinn und Tod aufgreift. Aude ist ab 1983 ihr Pseudonym; sie gilt als eine der wichtigsten Figuren der fankokanadischen Literaturszene und wurde zur Ehrenpräsidentin des nach ihr benannten Centre Aude d’ètudes sur la nouvelle zur Förderung der Gattung Kurzgeschichte ernannt.

Sinnigerweise enthält das Buch ein Glossar, das Hans‘ Austausch mit seinem Lehrer über Literatur einordnen hilft. Davon unabhängig ist es lohnend, sich Zeit zu nehmen, um hier den inhaltlichen Verstrebungen mit dem Wanderkind nachzuspüren. Der Titel rückt zwar den „Kleinen“ in den Mittelpunkt, jedoch sind Sinnsuche und Reflexion seinem Bruder Hans vorbehalten, der – wie es im 17. Kapitel heißt – lieber mit Worten als mit Musik in die Tiefe taucht, gegen „den Widerstand, den sie ihm entgegensetzen, […] um ihnen das Unsagbare abzuringen“.  Kurz: es handelt sich insgesamt um eine angenehme Lektüre, plausibel trotz der märchenhaften Elemente, die nicht zuletzt dank der Übersetzung von Ina Böhme vielfältig Sinne und Geist anspricht. Format und Aufmachung des Buches (Halbleinen, mit Lesebändchen!) tragen zusätzlich dazu bei, dass man Das Wanderkind gerne zur Hand nimmt.

Titelbild

Aude: Das Wanderkind.
Aus dem Französischen von Ina Böhme.
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2021.
120 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783520616012

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