Berlin, wie es tanzt und mordet

Mit „Metropolis“ liegt der letzte Band der Bernie-Gunther-Reihe des 2018 verstorbenen Philip Kerr nun auch auf Deutsch vor

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

14 Bände, die zwischen 1993 und 2018 entstanden, umfasst die Bernie-Gunther-Reihe des britischen Schriftstellers Philip Kerr. Vielleicht wären es noch ein paar mehr geworden, jedoch verstarb Kerr im März 2018, gerade 62 Jahre alt geworden, an Krebs. In Metropolis, kurz vor seinem Tod fertiggestellt, nimmt er seine Leser mit zu den Anfängen der Karriere seines Helden. Gunther, später Berliner Kriminaloberkommissar, dann Privatdetektiv und Spion für verschiedene Seiten, moralisch labil und ideologisch alles andere als festgelegt, hat noch die grausamen Erlebnisse aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs im Hinterkopf und den festen Vorsatz, sich als Ermittler einen Namen zu machen.

Metropolis spielt im Jahr 1928. Berlin wird erschüttert von zwei brutalen Mordserien. Skalpiert der im Volksmund „Winnetou“ genannte Psychopath seine weiblichen Opfer immer nach der Tat, hat man es bei „Dr. Gnadenschuss“ mit jemandem zu tun, der Jagd auf Kriegsversehrte macht und seine Morde in offenen Briefen als Werke eines Patrioten feiert, dem es nicht passt, auf Schritt und Tritt auf den Berliner Straßen an den verlorenen Krieg erinnert zu werden.

Der von der Sitte zur Mordermittlung gekommene und fortan eng sowohl mit Bernhard Weiß, dem Chef der Berliner Kriminalpolizei, als auch mit dem wegen seiner Größe und seines Leibesumfangs „Buddha“ genannten berühmten Mordaufklärer Ernst Gennat zusammenarbeitende Bernhard „Bernie“ Gunther hat einen Verdacht: Könnte hinter beiden Mordserien nicht ein und derselbe Täter stecken? Verbirgt jener „Dr. Gnadenschuss“ mit seinem nationalistischen Getöse nicht sein wahres Motiv, nämlich zu verhindern, dass es zur Aufklärung der von ihm begangenen Prostituiertenmorde kommt? Denn offensichtlich wurde der Täter bei seinem letzten Anschlag von einem jener sich Tag und Nacht über Berlins Straßen schleppenden Versehrten beobachtet und vielleicht sogar erkannt.

Um den Mörder zu überführen, lässt sich Kerrs Held auf ein gefährliches Spiel ein. Getarnt als bettelnder Krüppel spielt er den Lockvogel für einen Täter, der sich seine Opfer offensichtlich ganz willkürlich aussucht. Schwer ist das nicht, denn Berlins Straßen sind auch zehn Jahre nach dem Kriegsende noch voll von Zeugen des staatlich sanktionierten Schlachtens. Überall in der Stadt sieht man

Verstümmelte und Lahme, viele von ihnen noch in Uniform, die vor Bahnhöfen und Banken um ein bisschen Kleingeld betteln. Es kommt eher selten vor, dass einem die Plätze und Straßen Berlins nicht an ein Gemälde von Pieter Breughel erinnern.

Zudem darf der Mann wohl sogar hoffen, in einer Zeit, in der die Nationalsozialisten auf dem Vormarsch sind und Juden zunehmend beargwöhnt werden, die stille Zustimmung etlicher Orientierung suchender und populistischen Erklärungen nicht abgeneigter Menschen zu seinen Taten zu bekommen.

Kerr hat die Atmosphäre der Millionenstadt in den späten Goldenen Zwanzigern mit vielen historischen Details zum Leben erweckt. Figuren der Zeitgeschichte – Maler wie George Grosz und Otto Dix, Schriftsteller und Kritiker wie Kurt Tucholsky und Alfred Kerr sowie Film- und Theaterleute wie Thea von Harbou oder Lotte Lenya – treten auf. Ein Mitglied des „A-cappella-Chor[s]“ der Comedian Harmonists stört eine Mitarbeiterin Ernst Gennats dermaßen, dass sie im Scherz einen Mord an dem unter ihr wohnenden und ständig betrunken aus vollem Hals grölenden Mann erwägt. Bernie muss an dunklen Halbwelt-Treffpunkten etliche Mutproben bestehen – etwa, wenn er sich im Nachtlokal „Sing-Sing“ zur Unterhaltung des Publikums auf eine täuschend echte Nachbildung des elektrischen Stuhls schnallen lässt. Und nicht zuletzt ist es die Maskenbildnerin der Dreigroschenoper, zu der eben im Theater am Schiffbauerdamm die letzten Proben laufen, die ihm beim Zurechtmachen für seine Auftritte als Beinamputierter hilft und nebenbei noch eine intensive, aber kurze Affäre mit ihm hat.

Dass sich Gunther von einem der Berliner Unterweltbosse – es ist der Vater des letzten Opfers – bei seiner Mörderjagd helfen lässt, findet seine spätere Fortsetzung darin, dass er im Laufe seines Lebens höchst unterschiedlichen Herren zu Diensten ist. Die Palette seiner Auftraggeber reicht von Nazigrößen bis zu Stasi-Chargen. Wobei er immer auf einen inneren Abstand zu den einen wie den anderen bedacht ist und vor allem eines will: überleben. Eine Entwicklung, wie sie der in vielen Punkten mit ihm vergleichbare Gereon Rath in den Romanen Volker Kutschers zwischen 1929 (Der nasse Fisch, 2008)und 1936 (Olympia, 2020) durchläuft, hat Gunther hingegen nicht aufzuweisen. Und auch die Reihenfolge der 14 vorliegenden Bände orientiert sich nicht an der historischen Chronologie, wie das die bisher acht Romane des Rath-Zyklus tun.    

Das Vorwort zum letzten Bernie-Gunther-Roman stammt übrigens von einem Landsmann und guten Freund Philip Kerrs: Ian Rankin. Ihm hat der Autor mit der Figur des „gut aussehenden, hageren Engländer[s]“ Robert Rankin, der in derselben Berliner Pension untergekommen ist wie Bernie Gunther, ein kleines Denkmal gesetzt. Seinen Bemerkungen zum Werk Kerrs – auch wenn es sich bei Metropolis nicht um den stärksten Band der Gunther-Reihe handelt – und zur ungebrochenen Produktivität des Freundes in dessen letzten Lebensjahren darf man entnehmen, dass dieser mit Bernie Gunther noch lange nicht an ein Ende gekommen war. Dass nun auch für Kerrs deutsche Leser einige Fragen für immer unbeantwortet bleiben werden, macht die Lektüre von Metropolis in der deutschen Übersetzung genauso „bittersüß“, wie das Ian Rankin für sein Leseerlebnis vermerkt.        

Titelbild

Philip Kerr: Metropolis.
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.
Wunderlich Verlag, Reinbek 2021.
496 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783805200479

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