Nie haben wir uns so grün gefühlt

Luisa Neubauer und Bernd Ulrich zeigen in „Noch haben wir die Wahl. Ein Gespräch über Freiheit, Ökologie und den Konflikt der Generationen“, wie eine 1,5 Grad-Politik noch möglich ist

Von Laura HarffRSS-Newsfeed neuer Artikel von Laura Harff

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach knapp drei Jahren Klimastreiks, in denen Bewegungen wie Fridays For Future (FFF) und Extinction Rebellion laut geworden sind, mit einem boomenden Markt aus angeblich nachhaltigen Produkten, einer wachsenden Veganismus-Bewegung und dem allgemeinen ‚klimabewussten Kopfnicken‘ eines Großteils der deutschen Politiker*innen (ohne dass echte Taten folgten), sind die Eckdaten zur größten Katastrophe der Menschheit wohl den allermeisten bekannt: Die Klimakrise ist menschengemacht. Die Klimakrise gefährdet das (menschliche) Leben auf diesem Planeten. Um die Klimakrise zu bekämpfen, braucht es strukturelle politische Veränderungen. Einige Ökosysteme und Arten sind schon jetzt unwiederbringlich verloren.

Wie diese strukturellen Veränderungen aussehen können, davon – aber nicht nur davon – handelt das neue Buch der deutschen Klimaaktivistin Luisa Neubauer, das sie gemeinsam mit dem Journalisten Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT, verfasst hat.

Aufgebaut als Gespräch in Dialogform verknüpft das Buch aktuelle politische Themen wie die Corona-Pandemie, die anstehende Bundestagswahl und das Ende der Ära Merkel mit Überlegungen zur menschlichen Natur, Geschichte und Psyche und der alles entscheidenden Frage: „Hat die Menschheit das Vermögen, im Einklang mit der Erde zu leben?“

Hierin zeigt sich schnell, dass Bernd Ulrich trotz seiner 60 Jahre kein typischer Vertreter der sogenannten „Boomer“ ist. Längst hat er das eigene Auto aufgegeben, lebt vegan, trägt fair produzierte und nachhaltige Kleidung… Das „Gespräch der Generationen“ zwischen dem „Boomer“ Ulrich und Neubauer als Vertreterin der Generation Z liest sich daher vielmehr als Gespräch zweier Menschen mit sehr unterschiedlichen biografischen Hintergründen, die auf verschiedenen Wegen zum gleichen Thema gekommen sind. Hier will niemand den jeweils anderen von der eigenen Meinung überzeugen, auch wenn Neubauer und Ulrich in Sachen Medien, Schuld der Boomer und Selbstgefälligkeit der Generation Z nicht immer die gleiche Ansicht teilen.

So wünscht die 25-jährige Klimaaktivistin sich, die Klimakrise hätte schon viel früher mehr Aufmerksamkeit durch die Vertreter*innen der Medien bekommen, während Ulrich auf die Schuldzuweisungen der Generation Z folgendes kontert: „Manchmal wäre es allerdings auch schön, man würde nicht ständig das Gefühl vermittelt bekommen, ihr wärt moralischere Menschen, nur weil ihr noch nicht so viel Zeit wie wir hattet zu sündigen.“

Grundsätzlich wollen jedoch beide dasselbe: eine (klima)gerechtere Welt. Eine Welt, in der wir uns klar machen, dass technische Innovation allein uns nicht retten wird, in der wir erkennen, dass die Politiker*innen unserer Hilfe bedürfen und es nicht ‚schon irgendwie in den Griff‘ bekommen werden.

Statt mit dem ewigen „Wir müssen etwas tun“ zu argumentieren, nennt Neubauer die Aufgaben, die die zukünftige Regierung ihrer Meinung nach zu lösen hat, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, auch gleich mit: nämlich den

massiven Ausbau erneuerbarer Energien, landesweite Schienennetze, die Grundsanierung des Gesundheitssystems, ein landwirtschaftliches Förderprogramm hin zu einer echten Agrarwende, eine Allianz für saubere und leise Städte, mit einer gewissen Rigorosität, Geschwindigkeit und dem Fokus auf die Schaffung neuer, nachhaltiger Arbeitsplätze.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen jedoch vor allem Ulrichs und Neubauers Überlegungen hinsichtlich des alten und verengten Freiheitsbegriffs. Freiheit könne nicht gleichbedeutend mit Gewohnheitsrechten oder Konsumfreiheit sein. Sie umfasse keineswegs das Recht auf das tägliche Stück Fleisch auf dem Teller, den Flitzer in der Garage oder den 30-Euro-Flug nach Mallorca. „Man verwechselt Freiheit mit Gewohnheit, Gewohnheit mit Anspruch, Anspruch mit Recht“, heißt es da. Der globale Norden und Westen habe die vergangenen 70 Jahre als Lebensrecht zu akzeptieren gelernt, nicht als „Ausnahmezustand“ oder „demokratisch-westlich fossile[n] Honeymoon“ – wie Neubauer es ausdrückt. FFF wiederum kämpfe nicht für Konsumfreiheit, sondern für „ultimative Freiheit“ dieser und zukünftiger Generationen in allen Teilen der Welt.

Vor diesem Hintergrund ist es nur eine Frage der Zeit, bevor die beiden darauf zu sprechen kommen, wer die Kosten für unser angebliches Recht auf Konsumfreiheit trägt.

Man kann den Beginn der Klimakrise auf den Beginn des neuzeitlichen sogenannten Sklavenhandels zurückdatieren. Die Überhöhung der Weißen über die Schwarzen haben die Industrialisierungsschübe erst möglich gemacht. Die Abgrenzung zwischen Mensch und Natur war genau genommen die Abgrenzung des weißen Mannes von allem und allen anderen, jenen, die in seinem Verständnis mit der Natur verschmolzen,

sagt Ulrich in diesem Zusammenhang. Und: „Klima lässt sich, in dieser Lesart, nicht trennen von Rassismus, vom Patriarchat, vom Kolonialismus und vom Kapitalismus.“

Man möchte dieses Buch mit einem Bleistift in der Hand lesen, jedes zweite Wort unterstreichen und einige der stärksten Sätze mit Buntstiften auf Plakate malen und zum nächsten Klimastreik tragen. Für jene, die sich über Jahre hinweg mit dem Thema beschäftig haben, vermittelt es zwar nicht unbedingt viel Neues. Doch es bringt viele Gedanken, die man bislang nicht gut in Worte fassen konnte, auf 237 Seiten perfekt auf den Punkt. Wie absurd es ist, dass unsere heutige Welt auch nach mehreren Jahrhunderten noch immer patriarchal und kolonial geprägt ist und dass der globale Norden und Westen (beziehungsweise plakativ formuliert „der weiße Mann“) sich nach wie vor als Herr über die Natur sieht sowie marginalisierten Gruppen überlegen. Die Klimakrise, liebe Leser*innen, ist eine systemische Krise, der intersektional begegnet werden muss.

Dabei ist es in Ordnung, von Zeit zu Zeit den Kopf in den Sand zu stecken und um jene Ökosysteme und Arten zu trauern, die bereits verloren sind. Doch um es mit den Worten von Luisa Neubauer zu sagen: „[…] solange irgendwo noch Ökosysteme, Arten, Lebensräume, Menschenleben und Zukünfte zu retten sind – wie könnte ich aufgeben?“

Titelbild

Luisa Neubauer / Bernd Ulrich: Noch haben wir die Wahl. Ein Gespräch über Freiheit, Ökologie und den Konflikt der Generationen.
Tropen Verlag, Stuttgart 2021.
240 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783608505207

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch