Warum Kafka?

In seiner Studie „Das Habitat der mondblauen Maus“ beleuchtet Haimo Stiemer das literarische Feld, das Namen wie Kafka und Brod hervorbrachte

Von Erkan OsmanovićRSS-Newsfeed neuer Artikel von Erkan Osmanović

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ist es nicht verrückt? Es gibt große Namen der Weltliteratur, die einen Großteil der Leute weder kennen noch interessieren: etwa August Wilhelm Iffland oder Theodor Mügge. Und dann gibt es Autorinnen und Autoren, bei denen man nur vier oder fünf Wörter nennen muss und schon klingelt es in den Köpfen. Glauben Sie nicht? Nach welchem Autor suche ich? Er war deutschsprachig, Jude und lebte in Prag. Die Chance liegt bei 99%, dass sie gerade nur einen Namen vor Augen haben: Kafka. Nun gut, der Titel wird auch sein Übriges dazu beigetragen haben.

Warum auch nicht? Schließlich ist und war Franz Kafka nicht nur das „Sonderphänomen“ (Manfred Weinberg) der deutschsprachigen Prager Literatur, sondern ist auch der mit Abstand international bekannteste Autor des 20. 
Jahrhunderts aus dieser Runde. Spätestens in der Pubertät kommt man in Kontakt mit Die Verwandlung, Der Process oder Das Urteil und erfährt am eigenen Leib: er konnte schreiben. Dass Kafka spätestens nach seinem Tod zum Weltstar der deutschsprachigen Literatur aufsteigen musste, ist daher keine Überraschung – oder etwa doch? Wie konnte sich ein Autor wie Franz Kafka im damaligen Literaturbetrieb etablieren und durchsetzen? Gab es eine geheime Zauberformel oder bestimmte Regeln?

In seiner Studie Das Habitat der mondblauen Maus macht sich der deutsche Literaturwissenschaftler Haimo Stiemer auf die Suche nach Antworten auf folgende Fragen: Wie gelang deutschsprachigen Prager Juden wie etwa Max Brod oder Franz Kafka zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Eintritt in die literarischen Feuilletons? Wie funktionierte der Literaturbetrieb der Goldenen Stadt? Welche Mechanismen entschieden über den literarischen Durchbruch oder Absturz eines Autors? 

Stiemer analysiert auf rund 200 Seiten die „Regularitäten, Machtverhältnisse und poetologischen Wertmaßstäbe sowie Strategien, mit denen sich die Autoren im literarischen Feld positionierten.“ Literarische Selbststilisierungen und -positionierungen stehen nicht im Fokus von Stiemers Studie, deswegen widmet sich seine Analyse einerseits den Feuilletons der auflagenstärksten deutschsprachigen Tageszeitungen Prags: der Deutschen Zeitung Bohemia und dem Prager Tagblatt. Andererseits beschäftigt er sich mit „kollektiven Publikationsforen der Autoren“ wie den Frühlingsblättern, der Zeitschrift Wir und den Herder-Blättern. Dabei stützt sich Stiemer auf die Theorie des literarischen Feldes des französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu. 

Haimo Stiemers Studie besticht durch ihr reiches Untersuchungsmaterial. Außerdem gelingt es ihm durch eine stringente Methodik, nicht nur eine neue Perspektive auf Autoren der pragerdeutschen Literatur – konkret Friedrich Adler, Paul Leppin, Max Brod und Franz Kafka – zu ermöglichen, sondern diese auch im Kontext ästhetischer Positionen und realer Machtverhältnisse zu verorten. 

Das Habitat der mondblauen Maus zeigt aber auch, was alles möglich gewesen wäre. Denn die Arbeit argumentiert überzeugend, dass die pragerdeutsche Literatur feldtheoretisch betrachtet ein Vorfeld war, das unter anderen historischen Konstellationen „in eine fünfte deutsche Literatur hätte münden können.“

Titelbild

Haimo Stiemer: Das Habitat der mondblauen Maus. Eine feldtheoretische Untersuchung der pragerdeutschen Literatur (1890–1938).
Königshausen & Neumann, Würzburg 2020.
221 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-13: 9783826069666

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