Poetik und kritische Hermeneutik

Marc Kleine re-evaluiert in „Korrespondenz und Widerspruch“ das Verhältnis zwischen Paul Celan und Theodor W. Adorno

Von Wolfgang JohannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wolfgang Johann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 1900 veröffentlichte Wilhelm Windelband bereits die zweite Auflage seiner bis heute beachteten Geschichte der Philosophie, in der man folgenden Satz liest: „Denn aus den Vorstellungen des allgemeinen Zeitbewusstseins und aus den Bedürfnissen der Gesellschaft empfängt die Philosophie ihre Probleme, wie die Materialien zu deren Lösung.“ Aus diesem Verständnis einer kultur- und problemgeschichtlichen Philosophie ergeben sich nicht nur kulturphilosophische Problemstellungen wie die der Menschenwürde oder die des Leidens des Subjekts. Es wird auch plausibel, weshalb Theodor W. Adornos Denken mitunter als „Philosophie nach Auschwitz“ bezeichnet wird. Und Paul Celans Gedichte formulieren eindringlich Semantiken der Opfer in der Sprache der Täter, Celans Dichtung ist also eine „Dichtung nach Auschwitz“. Die kulturphilosophischen Aushandlungsprozesse erfolgen seit jeher auch über Kunst und Literatur, so auch jene nach Auschwitz. Dichter und Philosoph stehen in einem reziproken Austausch miteinander, den Marc Kleine in der vorliegenden Konstellation zutreffend in „Korrespondenz und Widerspruch“ sieht. Die Zuversicht Windelbands indes, zu den philosophischen Problemen der jeweiligen Zeitumstände ließen sich zugleich auch Lösungen finden, wird man heute nicht mehr gleichermaßen teilen. 

Ist aber zu dem Verhältnis zwischen Paul Celan und Theodor W. Adorno nicht bereits alles gesagt, dokumentiert und veröffentlicht worden? Mit Blick auf einige jüngere Publikationen könnte man dies in einem ersten Impuls bejahen, allerdings könnte man auch aus dem gleichen Grund auf den Gedanken kommen: Vielleicht ist hier und da bereits mehr als der Sache zuträglich geschrieben worden. Kleines lesenswerte Re-Evaluation des Verhältnisses zwischen Celan und Adorno widmet sich diesem Befund, ohne zugleich Teil des damit beschriebenen Problems zu werden. Im Gegenteil, Kleines Einwurf ist ein unbedingt lesenswerter Debattenbeitrag zu einem bereits viel besprochenen Verhältnis.

Kleine sieht dabei Adorno und Celan als „Wahlverwandte“ (15), denn: „Kompromisslos und unversöhnlich wie niemand sonst schreiben und dichten Adorno und Celan gegen das Vergessen und Verdrängen von Auschwitz an.“ (14) Dadurch ergeben sich Widerspruch und Korrespondenz, die Kleine als „Rätsel der Konstellation Adorno-Celan“ (21) bezeichnet, um davon ausgehend „isolierte Motive“ (21) in den Blick zu nehmen. Diese Konzeption erweist sich als tragfähig, denn Kleine stellt vielversprechende „Parallelen“ (169) vor, die umsichtig ausgewählt sind und welche die Konstellation Adorno/Celan – wahlweise bezeichnet als „grundlegende Übereinstimmung“ (92) oder „überaus große Nähe“ (93) – beleuchten sollen. Denn dazu zählen nicht nur die ausschließlich als Phrase kolportierbaren „[Sätze Adornos] über Gedichte nach Auschwitz“ (21), also dass es barbarisch sei, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. Darüber hinaus geht es vielmehr um weiterführende Konzepte bei Adorno und Celan, die mal mehr, mal weniger Beachtung in der Forschung erhalten haben. Dazu gehören etwa Berührungspunkte und Differenzen in der Kafka-Interpretation, dem ausgebliebenen und literarisch nachgeholten Gespräch im Gebirg, der Frage nach dem Schönen und dem Bilderverbot, aber es geht auch um den Stellenwert des Absurden bei Adorno und Celan.

Insbesondere in der Ausleuchtung des letztgenannten Aspekts kann Kleine Gemeinsamkeiten und Differenzen herausarbeiten, die abseits sowohl von bereits viel Besprochenem als auch von bloß lexikalischen Übereinstimmungen angesiedelt sind. Den Ausgangspunkt des Absurden bei Celan sieht Kleine dabei in dessen Büchnerpreisrede – neben dem viel besprochenen „Gegenwort“ von Lucile – in dem Bild des Himmels als Abgrund, welches Kleine als „gesteigerte Paradoxie“ (75) bezeichnet und das Auf-dem-Kopf-Gehen mit Foltererfahrungen assoziiert. Bei Adorno hebt Kleine vor allem dessen Rezeption von Samuel Becketts Dramen als „Begriff des Absurden“ (65) hervor. Kleine sieht in den dramatischen Welten Becketts jenen „heillosen Zustand, den Adorno der realen Welt zuschrieb.“ (65) Celan und Adorno treffen sich nun hier, so die Fluchtrichtung der Argumentation, im „Sinnverzicht“ (81). Hier hätte man sich weitergehende Überlegungen erhofft, etwa ob Sinnverzicht und das Absurde identisch sind und ob dies nicht wiederum einen Versuch der Rationalisierung des konstatierten Sinnverzichts darstellt. Könnte diesen Zirkel vielleicht ein lyrisches Subjekt Celans beobachten? Kleine präsentiert in der Tat mannigfache Textbeispiele aus Celans Werk, die er textnah interpretiert: Findet aber nicht gerade darin wieder eine ‚Sinnstiftung‘ statt?

Kleine wählt für seine Darstellung, wenn man so möchte, ein Verfahren der Triangulation. Ein isoliertes Motiv oder ein künstlerisches Werk, etwa von Schönberg oder Kafka, oder Konzepte wie das Absurde, dienen als Bezugspunkt, auf den der jeweilige Blick der beiden Intellektuellen geklärt und dann diese Positionen aufeinander bezogen werden. Dadurch ergeben sich Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Was diese Differenzen bedingt, bleibt allerdings weitgehend ungeklärt. Ein Ansatz hierzu könnte etwa lauten, dass der Philosoph und der Dichter unterschiedliche Konzeptionen von ‚Verstehen‘ und ‚Sinn‘ verfolgen und sich eben aus diesen differenzierten Perspektiven unterschiedliche Betrachtungswinkel auf die Welt, die Auschwitz kennt, ergeben. Somit könnte man den Widerspruch, den Kleine identifiziert, selbst als ‚Korrespondenz‘ verstehen, also als unterschiedliche Perspektiven, die sich kritisieren, kommentieren und – weitgehend – ergänzen. Deutlich wird dies an den vorgestellten Kafka-Interpretationen: Hier findet ganz offenbar eine differenzierte Rezeption statt, die zwar jeweils eine eigene Perspektive auf Kafka eröffnen, die aber nicht miteinander um eine Deutungshoheit konkurrieren, sondern sich vielmehr ergänzen.

Kleine kann an seine umfassende Studie zu Adornos Literaturtheorie aus dem Jahr 2012 anknüpfen, in deren Fluchtrichtung man die vorliegende Arbeit sehen muss. Es ist dabei Kleines Verdienst, auf die nach wie vor für das Verhältnis Adorno/Celan maßgebliche Studie von Marlies Janz Vom Engagement absoluter Poesie. Zur Lyrik und Ästhetik Paul Celans nachdrücklich hinzuweisen und ausgehend von dieser bahnbrechenden Arbeit an wichtige Ansätze anzuknüpfen, die in jüngerer Zeit in einigen Arbeiten der Adorno/Celan-Forschung nicht mehr verfolgt oder berücksichtigt wurden. An vielen Stellen seiner Untersuchung kann Kleine plausibel und nachvollziehbar erläutern, inwiefern die Impulse von Janz – aber auch jene von Peter Szondi – auch heute noch wesentlich für das Verständnis für die Philosophie Adornos und die Poetologie Celans sind.

Marc Kleine wirft einen gleichermaßen differenzierten wie kritischen Blick auf das Verhältnis zwischen Adorno und Celan, aber insbesondere auch auf die Forschungsliteratur zu der bereits viel besprochenen Konstellation. Neuere Publikationen spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Hinweise auf die Forschung vergangener Jahre. Damit ist Kleines Studie eine lesenswerte Forschungsleistung und zugleich ein Beitrag zu einer Debatte, die die Literatur- und Kulturwissenschaften seit der Nachkriegszeit beschäftigt.

Titelbild

Marc Kleine: Korrespondenz und Widerspruch. Adorno und Celan (1959-1969).
Königshausen & Neumann, Würzburg 2021.
180 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783826072437

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