Menschen in Ruinen

Die beiden Schriftsteller George Orwell und Stig Dagerman dokumentierten 1945/46 auf unterschiedliche Weise die Misere in Deutschland

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Herbst 1946 schickte die Stockholmer Zeitung Expressen den 23-jährigen Autor Stig Dagerman auf eine Reportagereise ins vom Krieg schwer gezeichnete Deutschland. Dagerman hatte im Vorjahr mit seinem Debüt Die Schlange für Aufsehen gesorgt und eben erst war sein zweites Buch, der düstere Roman Die Insel der Verdammten, erschienen. Die Zeitung ging damit ein Risiko ein, wusste sie doch selbst nicht, was für Texte der junge Anarchosyndikalist zurückbringen würde. Doch das Risiko lohnte sich, weil sich Dagerman nicht auf die traditionellen journalistischen Tugenden verlassen wollte. In einem Brief an den Autor und Freund Werner Aspenstöm schrieb er: „Ich habe keine Lust, mir all die bedauernswerten Eigenschaften anzueignen, die einen perfekten Journalisten konstituieren.“ Politik und Diplomatie interessierten ihn demnach kaum, ebenso wenig die Verlautbarungen durch die alliierten Siegermächte. Es zog ihn vielmehr direkt zu den Menschen hin, zu jenen, in denen er Versehrte sah, egal ob sie Verfolgte, Mitläufer oder Anhänger der Nazis waren. So lehnte er gleich in der ersten Reportage die wohlfeile Ansicht einer kollektiven Schuld ab, denn: „In Wahrheit ist es Erpressung, die politische Einstellung des Hungrigen zu analysieren, ohne gleichzeitig auch den Hunger einer Analyse zu unterziehen.“

Der Übersetzer Paul Berf weist im Nachwort darauf hin, weshalb Dagerman geradezu prädestiniert war für eine differenzierte Sicht auf die deutschen Zustände. Seine Frau Annemarie, geborene Götze, war die Tochter von emigrierten deutschen Anarchosyndikalisten, deren Kontakte es möglich machten, dass Dagerman auf ein Beziehungsnetz vertrauen konnte, das ihm half, nicht nur tiefer einzutauchen in die kollektive deutsche Misere, sondern persönlich auch viele Menschen zu treffen, die ein Deutschland repräsentierten, das Widerstand leistete und sich vom Nazismus nie hatte vereinnahmen lassen. „Die Deutschen gefallen mir sehr gut“, schrieb er in einem Brief nach Hause. 

In seinen neu aufgelegten Reportagen schildert Dagerman Menschen, die in elenden Ruinen hausen, ohne mehr zu haben als die Kleider am Körper und etwas Brot oder Kartoffeln. Er berichtet von langen Zugfahrten in völlig überfüllten, undichten Waggons, die äußerste Geduld abfordern und in der jemand, der einen Apfel mit dabeihat, zur Sensation wird. Er erzählt die tragische Geschichte von einer Frau, die mit aller Mühsal der Welt auf dem Land vier Säcke Kartoffeln zusammengebettelt hat, mit diesen vier Säcken aber in keinen Zug kommt, um sie nach Hause in die Stadt zu bringen. Darob könne er, notiert der Chronist, „nur schweigen und ein schlechtes Gewissen haben“.

Dagerman nimmt auch die lächerlichen Entnazifizierungsverfahren in den Blick und schildert zwei „typische Standardfälle“ von NS-Parteimitgliedern, einem Volksschullehrer und einem Blockwart, die wie alle Mitläufer feindliches Radio gehört haben und „nett zu einer jüdischen Familie“ gewesen seien, wie er lakonisch vermerkt. Statt auf unbeugsame Nazis trifft Dagerman weit mehr auf „eine Art antifaschistische jalousie de métier, einen Brotneid auf die legitimierten Nazigegner“, denen keinerlei Bevorzugung gegönnt wird, wo unter den Nazis doch alle Opfer der Repression gewesen waren.

Ein Jahr vor ihm, sogar noch vor dem offiziellen Kriegsende Ende Mai 1945, gelangte der Autor und Journalist George Orwell im Auftrag des britischen Observer nach Deutschland. Er reiste im Gefolge der alliierten Siegerarmeen, denn eine Reportage auf eigene Faust wäre noch nicht möglich gewesen. Von Paris aus erreichte er das total verwüstete Köln, das ihn erschreckte. Anschließend ging es weiter ins ebenfalls zerstörte Nürnberg, wobei ihm auf dem Weg der Kontrast zwischen Stadt und Land besonders auffiel: dort Zerstörung, da ein scheinbar unbeschädigter Alltag. Über Süddeutschland gelangte er schließlich nach Österreich, wo er einer Wehrmacht in Auflösung begegnete, mit Tausenden von Soldaten ohne Waffen und Abzeichen, denen von den Alliierten bloß noch Landstriche zugeteilt wurden, in denen sie sich aufhalten mussten. 

Orwell stellt in seinen Reportagen ähnliche Fragen wie Dagerman, so etwa nach Schuld und Rache, Hunger und dem Leben in Ruinen. Seine Antworten nehmen sich aber völlig anders aus. Es ist nicht allein, dass seine Beiträge in der Regel kürzer abgefasst sind, Orwell beobachtet aus der Perspektive des Bürgers einer Siegermacht. Er dringt nur sporadisch zu den einzelnen Menschen durch, sondern behält vor allem die politischen und die administrativen Aufgaben mit im Blick. Was soll aus diesem Land werden? Wie lassen sich Millionen von Displaced Persons in ihre Heimatländer schaffen? Wie lässt sich das Chaos organisieren? Welche Mittel sind notwendig, damit aus dieser Ruinenlandschaft wieder ein lebenswertes Land und kein „agrarisches Elendsgebiet“ werde? Erstaunt fragt er sich, wie diese armseligen Menschen sich einst selbst als „Herrenrasse“ sehen konnten. Gänzlich irritierend wirken schließlich seine Überlegungen über den Nutzen von Bombardements im Krieg. Orwell betont, dass der Krieg an sich „unmenschlich“ sei. Allerdings hält er Bombardements für „eine relativ zivilisierte Waffe“, weil „eine Bombe einen eher zufälligen Querschnitt der Bevölkerung um[bringt], während Männer, die auf dem Schlachtfeld sterben, genau diejenigen sind, die eine Gemeinschaft am wenigsten entbehren kann.“ 

Interessant ist auch seine Begegnung mit einem jungen Wiener Juden, der innerhalb der US-Armee für die Befragung von Gefangenen zuständig war. In einem Zellentrakt, in dem 25 SS-Offiziere auf dem Zementboden lagen, steigerte er sich in einen Furor der Demütigung, der Orwell über Rache nachdenken lässt und ob sie überhaupt irgendwelche Befriedigung bringe. Er merkt an, dass Rache nur „ein kindischer Tagtraum“ sei. „Rache ist etwas, das man sich vorstellt, wenn man ohnmächtig ist und weil man ohnmächtig ist. Sobald das Gefühl der Ohnmacht vorbei ist verschwindet auch dieser Wunsch“. Folglich sei auch darauf zu achten, dass nicht wieder, wie 1918, auf eine „monströse Friedensregelung“ hingearbeitet werde. Politische Ansichten spielen in dem Band eine große Rolle, auch deshalb, weil der Verlag zusätzlich vier Texte aus den Jahren 1940–1945 anfügte, die Hitlers Mein Kampf, Thomas Manns politischer Haltung und abschließend der Frage gewidmet waren, was nach 1945 aus der Welt werden würde. Ein ausführliches Nachwort des Historikers Volker Ulrich setzt diese Texte in einen größeren Rahmen. Orwell erweist sich hierin – kurz bevor er mit seinen Romanen Animal Farm (1945) und 1984 (1949) Berühmtheit erlangen sollte, als kluger politischer Analyst. Als literarischer Autor tritt er in den Reportagen aber nicht in Erscheinung. 

Orwell und Dagerman fanden je einen eigenen Weg, sich mit den erschreckenden Zuständen im Deutschland der Jahre 1945 und 1946 auseinanderzusetzen, ohne sich damit wohlfeil zu arrangieren. Orwell blieb dabei der Journalist, der eingebettet in die alliierten Siegerarmeen von oben herab beobachtete und so die schwierigen Lebensumstände im Alltag der Bevölkerung kaum in den Blick bekam. Dagerman dagegen war freier, weil er selbst über ein Kontaktnetz verfügte, das ihm eine Sicht von unten erlaubte. Seine Briefe waren der Zensur unterstellt, die Texte aber schrieb er auf Basis von Notizen erst in Schweden; dies auch deshalb, wie er einmal notierte, weil „um Mitleid mit denen zu haben, die hier leiden“, eine gewisse Distanz zwingend notwendig sei. Seine Texte fallen umfangmäßig länger aus, sie befassen sich intensiver, emphatischer mit dem alltäglichen Leben und den Menschen, die damit zu kämpfen hatten. Dagermans dreizehn Reportagen erschienen im Zeitraum vom 26. Dezember 1946 bis 28. April 1947. Nur einen Monat später wurden sie in teilweise überarbeiteter Form auch als Buch unter dem Titel Deutscher Herbst (Tysk Höst) veröffentlicht. Dieses Buch hat, zusammen mit seinen fulminanten und tieftraurigen Romanen, in Schweden weiterhin Bestand. Es ist mehrfach neu aufgelegt worden und erscheint auch auf Deutsch bereits zum dritten Mal – nach den Übersetzungen von Günter Barudio (Barudio & Hess, 1979) und Jörg Scherzer (Suhrkamp, 1987). Der dritte Übersetzer Paul Berf hat der Ausgabe ein paar schöne Briefe beigegeben, die Dagerman von der Reise nach Hause schrieb, in denen sein Mitleiden mit den Menschen in Deutschland gut zum Ausdruck kommt. 

Dagerman ist das ungeschliffene Juwel der schwedischen Literatur. In der zweiten Reportage Ruinen heißt es gleich eingangs: „Wenn jeder andere Trost aufgebraucht ist, muss man eine neue Art von Trost erfinden, selbst wenn er absurd anmuten sollte.“ Eine schreckliche Feststellung mit Blick auf den Autor selbst. Einer seiner letzten Texte war 1952 ein kleiner Essay für die Zeitschrift Die Hausfrau mit dem Titel Unser Bedürfnis nach Trost ist unermesslich – ein großartig menschlicher Text, der Dagerman indes nicht davon abhielt, wenig später selbst jede Hoffnung auf Trost aufzugeben und im Alter von nur 31 Jahren Selbstmord zu begehen. 

Ein Jahr nach ihm, im Spätsommer 1947, besuchte auch der Schriftsteller und Freund Peter Weiss das Nachkriegsdeutschland, für die Stockholmer Zeitung Stockholms Tidningen. Weiss war ursprünglich Deutscher, er besuchte das Land also als Rückkehrer und war wie Dagerman nicht an Journalismus interessiert. Sein Blick auf die deutschen Zustände ist tief mit jenem Dagermans verwandt. Dem Erscheinen seiner Reportagen ließ Weiss ein Jahr später ein sehr eigenwilliges Prosawerk folgen, Die Besiegten, in dem er die Eindrücke von Krieg und Nachkrieg auf genuin literarische Weise verarbeitete. Dagerman wie Weiss waren Brüder im Geiste, bei der Suche nach der menschlichen Schuld waren sie beide bei Kafka in die Lehre gegangen. 

Titelbild

Stig Dagerman: Deutscher Herbst.
Aus dem Schwedischen von Paul Berf.
Guggolz Verlag, Berlin 2021.
190 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783945370315

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

George Orwell: Reise durch Ruinen. Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
128 Seiten , 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783406776991

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