Das Experiment von der politisch korrekten Satire

„Ciao“ ist Johanna Adorjáns streichzarte Gesellschaftskritik für jedermann/-frau

Von Jens LiebichRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Liebich

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Beginnen wir den kleinen Steckbrief des Protagonisten im Präsens: Hans Benedek schreibt als Feuilletonist bei „Die Zeitung“, er bewegt sich sicher im literarischen Kanon, ist zumindest nicht unglücklich verheiratet und hat eine pubertierende und den Familienessensplan diktierende Tochter. Achtung, es folgt der Wechsel ins Präteritum: Er galt als eine der Edelfedern der Redaktion, der dem Lesepublikum in kunstvoll geschliffener Sprache selbst die abstrakten Themen der Gegenwartskunst in einer Nussschale anschaulich präsentieren konnte. In seinen Kreisen war er ein wichtiger Mann, wurde von Galeristen, Auktionshäusern und offiziellen Stellen hofiert. Doch worauf diese Rezension so charmant plakativ hinweist, nämlich den Unterschied zwischen dem was ist und bleibt, und dem, was war und vergeht, darauf hat Hans niemand aufmerksam gemacht.

Mit Ciao veröffentlicht Johanna Adorján, vielen als Autorin der SZ-Kolumne Nichts Neues bekannt, ihren fünften Roman, der vom herausgebenden Verlag Kiepenheuer & Witsch als Gesellschaftssatire über den Untergang des alten weißen Mannes beworben wird. Erfreulicherweise ist das nur die halbe Wahrheit, denn wäre dies das alleinige Anliegen des Romans, erschiene er unangenehm platt.

Auf den ersten Blick ist es die Dekonstruktion des blasshäutigen und von der Zeit überholten Patriarchats. Allen voran Hans Benedek, der jahrelang seiner Leserschaft den Puls der Zeit deuten konnte, doch inzwischen Schwierigkeiten hat, diesen überhaupt noch aufzuspüren. Um dennoch bei Redaktionskonferenzen scheinbar beiläufig die Namen der jungen und aufstrebenden Talente der Kulturszene fallen lassen zu können, trifft sich Hans mit Lothar Herzig. Dieser ist Journalist eines Konkurrenzblattes und dient dem Protagonisten nicht allein als Quelle für all die popkulturellen Phänomene, die nach Take That kamen und die Hans schon nicht mehr verfolgte, sondern auch als Studienobjekt für den Typus des neuen Mannes: Diese „genderten nicht nur, ohne dass es sie die geringste Mühe zu kosten schien, sie machten auch niemals Witze auf Kosten anderer, sie machten eigentlich, wenn Hans es genau bedachte, überhaupt keine Witze, und ihr Privatleben kam ihm neuartig, faszinierend und rätselhaft vor.“

So versucht Hans mit der neuen Zeit stolpernd Schritt zu halten und sieht seine Chance in einem Interview mit der jungen und populären Feministin Xandi Lochner. Diese ist, ganz zeitgemäß, in den neuen Medien unterwegs, machte zunächst durch selbst gedrehte YouTube-Videos mit satirischen Kommentaren zum Weltgeschehen auf sich aufmerksam und wurde später vom Fernsehen entdeckt und in verschiedene Talkrunden geladen:

Dort konnte man sie fortan oft sitzen sehen, und bevor die anderen Gäste noch laut fertig überlegt hatten, was man heutzutage denn eigentlich überhaupt noch sagen dürfe, hatte Xandi Lochner schon drei Mal fehlerfrei LGBTQ+ in einem Satz über Identitätspolitik untergebracht, und der alarmierende Hauch einer neuen Zeit wehte durch die abgestandene Luft des Fernsehstudios und riss die Zuschauer vor ihren Bildschirmen aus dem Dämmerschlaf.

Das geplante Aufeinandertreffen von älterem weißen Mann und junger Feministin lässt erahnen, auf welchen Abgrund Hans mit großen Schritten zuschreitet, zumal er kurz zuvor der Demontage des ebenfalls in die Jahre gekommenen Moderators Michael Denninger beiwohnte, der Xandi zu seiner Talkshow Ois Bonanza? eingeladen hat. Diese war früher sehr erfolgreich, obwohl bzw. weil platte Altherrenwitze und sexistische Kommentare zum Standardprogramm gehörten. Die junge Frau hält den ehemaligen Kult-Moderator die Konsequenzen seines Handelns vor Augen, der „ganz vorne auf seinem Sessel saß und aussah wie ein in die Jahre gekommener Lausebengel, der etwas ausgefressen hatte und ins Lehrerzimmer zitiert wurde. […] Er hatte den Kopf gesenkt. Schließlich sah er auf, sah zu Xandi Lochner und zuckte traurig mit den Schultern: ‚Und jetzt?‘“ Fast möchte man ihm aufmunternd auf die Schulter klopfen, denn die Autorin inszeniert die verschiedenen Demontagen der alten Herren ohne jegliche Häme, dafür mit Empathie. Und auch Xandi Lochner wird, wenngleich sie in der Sache recht hat, keineswegs als Sympathieträgerin dargestellt.

Auf den zweiten Blick scheint es dem Roman also nicht einfach um die Darstellung des Untergangs dieser einstmals einflussreichen Männer zu gehen, sondern eher um die zunehmend immer schwerer zu überbrückende Kluft zwischen den unterschiedlichen Positionen – und jede extreme Position steht naturgemäß nahe am Abgrund und droht zu stürzen. Egal ob radikale Feministin oder von der Zeit überholter Macho wider Willen. Diese Empathie der Autorin gegenüber ihren Figuren macht die Lektüre einerseits sehr leicht und angenehm, doch zugleich zieht sie der Satire die Zähne, die nun sehr zahm und ohne Biss daherkommt. Und auch hinsichtlich seiner sprachlichen Qualität wird der Roman kaum in Erinnerung bleiben, wenngleich er für einige Abende eine amüsante und kurzweilige Lektüre bietet. Letztlich handelt es sich um ein nettes Büchlein, das man jungen Feministinnen, alten weißen Männern und allen dazwischen bedenkenlos schenken kann – man eckt gewiss nicht an. Aber genau das sollte Satire tun!

Titelbild

Johanna Adorján: Ciao.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021.
272 Seiten, 20 EUR.
ISBN-13: 9783462001716

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