David gegen Goliath

Imbolo Mbues Roman „Wie schön wir waren“ zeigt ein westafrikanisches Dorf im Kampf gegen einen Ölmulti

Von Monika GroscheRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Grosche

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kosawa ist ein fiktives Dorf in Westafrika, doch weltweit gibt es viele Dörfer wie dieses: Ausgebeutet von internationalen Konzernen mit Hilfe korrupter einheimischer Machthaber, wird alles aus dem Land herausgepresst, was es an Schätzen birgt. Woanders sind es seltene Erden, Gold, Zucker und Soja, weshalb die Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort zerstört werden. In Kosawa ist es das Öl. Die Bewohner haben das Land einst von ihren Vorfahren übernommen, die es ihrerseits der Legende nach als Geschenk von einem Leoparden erhielten. Seither leben sie von der Jagd und vom Ackerbau. Was übrig ist, verkaufen sie in der nächsten Stadt auf dem Markt und finanzieren damit, was sie darüber hinaus brauchen.

Das althergebrachte Leben nimmt jedoch in den 1980er Jahren ein schleichendes Ende, als der US-amerikanische Konzern Pexton mit der Ölförderung in Kosawa beginnt. Das Projekt, das von „seiner Exzellenz“, dem skrupellosen Diktator des Landes, genehmigt wurde, soll den Bewohnern – die natürlich niemand um ihre Erlaubnis gefragt hat – angeblich Wohlstand und eine rosige Zukunft bringen. Doch allein der Dorfvorsteher und seine Familie profitieren davon und ziehen in ein Steinhaus mit westlichem Mobiliar. Der Rest geht leer aus. Und schlimmer noch: Die Ölpipeline verseucht den Boden, der Fluss versinkt unter einer stinkenden Müllschicht. Sogar die Luft ist durch ungefilterte Abgase verschmutzt.

Immer mehr Menschen in Kosawa, vor allem Kinder, leiden an unerklärlichen Krankheiten, mit denen die dörflichen Schamanen meist überfordert sind. Angesichts von immer neuen Todesopfern ist den Dorfbewohnern klar, dass die Ölförderung sie geradewegs ins Unheil geführt hat. Verzweifelt ergreifen sie Maßnahmen, um Hilfe von den Behörden zu bekommen und sich gegen den Konzern zur Wehr zu setzen. Doch alle Versuche bringen nur noch mehr Tote und noch mehr Leid über Kosawa.

Allein der Kontakt zu Austin, einem Journalisten, weckt neue Hoffnung, denn er bringt die Ereignisse in die amerikanischen Medien, sodass sich eine dortige Menschenrechtsorganisation für Kosawa einsetzt. Sie sorgt für erste Entschädigungszahlungen sowie für mehr Bildung der Dorfkinder. Zwar kommt Letztere fast ausschließlich den Jungen zugute, doch zumindest ein Mädchen, die Protagonistin Thula, erhält ebenfalls die Chance auf eine höhere Schulbildung. Später bringt sie sogar ein Stipendium als Einzige zum Studium nach New York. Dort trifft sie erstmals auf andere Menschen, die ähnliches erfahren haben wie sie und für eine Veränderung der Verhältnisse kämpfen. Dabei setzen sie allerdings eher auf Revolution als auf Reformen…

Mit Wie schön wir waren legt Imbolo Mbue nach ihrem mit dem PEN/Faulkner-Preis prämierten Debüt Das geträumte Land nun erneut einen Roman vor, der ihre großen Erzählkunst unter Beweis stellt. Anklage und Elegie zugleich, schildert der Roman eindringlich die Skrupellosigkeit, mit der multinationale Konzerne ihre Profitgier über menschliche Bedürfnisse stellen und dabei alte koloniale Abhängigkeiten Hand in Hand mit einheimischen Machthabern fortführen.

Die Darstellung ist jedoch weder schematisch noch plakativ, auch wenn Kosawa symbolisch für viele Orte dieser Welt stehen kann. Bei dem gezeigten Kampf David gegen Goliath versteht Mbue es, alle ihre Figuren als echte Menschen darzustellen. Mit viel Empathie und Feingefühl haucht sie Protagonisten wie Nebenfiguren mit ihren jeweiligen Bedürfnissen, Wünschen und Nöten Leben ein und lässt die Lesenden an deren Entwicklung Anteil nehmen. So präsentiert sie nicht nur die Dorfbewohner als komplexe Charaktere, sondern auch die Helfershelfer des Konzerns, die glauben, sich unbeschadet am Elend der anderen bereichern zu können. Gerade dies lässt die Geschichte realistisch und glaubwürdig wirken – und trägt zur Aufrechterhaltung des Spannungsbogens des durchaus langen Werks bei.

Dafür, dass dieser nicht abreißt, sorgen zudem stete Wechsel in der Perspektive der über mehrere Jahrzehnte hinweg erzählten Geschichte. Thula selbst kommt verschiedene Male zu Wort, aber wir erfahren auch die innersten Gedanken ihrer Mutter, ihrer Großmutter, ihres verstorbenen Vaters, ihres Onkel und ihres kleinen Bruders. Ebenso lernen wir die Sichtweise der anderen Kinder des Dorfes kennen. Als kollektives „Wir“ berichten sie zunächst gemeinsam, bis sie schließlich als Erwachsene für sich alleine sprechen, da sie uneinig sind, wie der Kampf gegen den Ölkonzern zu gewinnen wäre.

Auch wenn natürlich der ungleiche Kampf im Zentrum des Romans steht, ist er nicht das alleinige Thema. Mbue gibt tiefe Einblicke in ein archaisch anmutendes Leben, das von alten Traditionen und engen familiären Bindungen geprägt ist. Doch dies wird nicht als Idyll konstruiert. Ohne romantisierende Verklärung erzählt sie vom Glauben an den großen Geist, von schamanischen Ritualen, von Riten rund um Geburt, Erwachsenenwerden und Tod. Es wird nachfühlbar, das dies alles einerseits zwar Heimat und Halt bietet, aber andererseits Beschränkungen in der Entfaltung eigener Lebensziele und Träume auferlegt. Innerhalb der patriarchalen Dorfstruktur trifft dies insbesondere – aber nicht nur – auf die Mädchen und Frauen zu. Ein wütender, trauriger Roman von enormer erzählerischer Kraft.

Titelbild

Imbolo Mbue: Wie schön wir waren.
Maria Hummitzsch.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021.
448 Seiten, 23 EUR.
ISBN-13: 9783462054705

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