Die ukrainische Minderheit

(1928)

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Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vorbemerkung der Redaktion:
Der folgende Bericht über die Ukraine (hier in einer gekürzten Fassung) ist zuerst am 12. August 1928 in der Frankfurter Zeitung erschienen – als Sechste Folge der achtteiligen Serie „Briefe aus Polen“ von Joseph Roth. Er wurde 1894 in der Stadt Brody geboren, die heute im Westen der Ukraine liegt und 1928 zu Polen gehörte, und starb im Mai 1939 in Paris im Exil. 2015 wurde der „Brief“ vom C.H.Beck Verlag nachgedruckt in Joseph Roth: Reisen in die Ukraine und nach Russland. Hg. von Jan Bürger (5. Auflage 2022). S. 9-14. In seinem Nachwort zitiert Jan Bürger eine „Notiz“ Roths vom 10. Oktober 1926 aus Kiew: „Wenn ich ein Buch über Rußland schreiben würde, so müßte es die erloschene Revolution darstellen, einen Brand, der ausglüht, glimmende Überreste und sehr viel Feuerwehr.“ Die „Nähe zu Polen und der Ukraine“ machte Roth „bereits 1920 als sehr junger Journalist zu seinem Thema“, betont Bürger. Und „die Vergangenheit und die Gegenwart Russlands und der Ukrainer blieben für ihn ein Thema von überragender Bedeutung.“
T.A.

Lieber Freund,

während ich mich anschicke, Ihnen über das Volk der Ukrainer zu schreiben, habe ich den Klang seiner Lieder im Ohr und vor meinem Auge das Angesicht seiner Dörfer. Meine ständige Bemühung, Ihnen lieber eine statistische Tatsache als einen lyrischen Eindruck zu vermitteln und bei der Schilderung einer Stadt etwa über der Beschreibung ihrer Atmosphäre die Zahl ihrer Einwohner nicht zu vergessen, störte in diesem Fall der besondere Charakter einer Nation, die niemals dazu kommt, ihre eigenen Statistiken selbst anzulegen, sondern das Unglück hat, von Völkern, von denen sie regiert wird, gezählt, eingeteilt und überhaupt „behandelt“ zu werden. In diesem Europa, in dem die möglichst große Selbständigkeit der Nationen das oberste Prinzip der Friedensschlüsse, Gebietsteilungen und Staatengründungen war, hätte es den europäischen und amerikanischen Kennern der Geographie nicht passieren dürfen, daß ein großes Volk von 30 Millionen in mehrere nationale Minderheiten zerschlagen, in verschiedenen Staaten weiterlebe. Zwingt man sich (wider sein besseres Wissen) zu jener naiven Anschauung, daß die Nationen in Europa in säuberlich voneinander getrennten Gebieten leben, wie auf Schachbrettern, so ist nicht einzusehen, weshalb man ein großes Volk einfach vergaß und weshalb man das Gebiet, auf dem es lebt, nicht zusammenzuschließen versuchte, sondern neuerlich aufteilte. Die Ukrainer, die in Rußland, in Polen, in der Tschechoslowakei, in Rumänien vorhanden sind, verdienten gewiß einen eigenen Staat, wie jedes ihrer Wirtsvölker. Aber sie kommen in den Lehrbüchern, aus denen die Weltaufteiler ihre Kenntnisse beziehen, weniger ausführlich vor als in der Natur – und das ist ihr Verhängnis.

[…]

Was ich selbst von den Ukrainern weiß? Nicht sehr viel: Ich erinnere mich an einen griechisch-katholischen Feiertag im Sommer. Auf dem Hügel über dem Dorf leuchtete die weiße Kirche, von einem grünen Friedhof umgeben. Auf ihrer Kuppel aus grauem Blech glänzte ein goldenes Kreuz. Man konnte, wenn man die Hand über die Augen hielt, die große Glocke in der Mitte des Glockenstuhls schwingen sehn und links und rechts von ihr die zwei kleinen. Auf den tiefen, dichten und dicken Strohdächern der niedrigen Hütten lag die Sonne wie in mehreren Schichten, ein Haufen aufgebetteter Sonne. Stand man vor dem Eingang zur Kirche, so sah man rings im flachen Land die vielen geraden und gewundenen Straßen und in der Ferne ein zweites Dorf und dann noch ein drittes. Aus allen Dörfern – in denen es keine Kirche gab – strömten die Menschen herbei. Die Bäuerinnen trugen grüne, rote und weiße Schürzen über weißen Kleidern und die Bauern große gelbe Strohhüte, weiße Hemden und schwarze Stiefel mit kurzen Schäften. Die Bäuerinnen trugen hohe Schnürstiefel an den Senkeln zusammengebunden über der Schulter und gingen barfuß. Die ganze Welt war voller Licht, der blaue Himmel ging in einer ganz weiten Ferne in einen schmalen silbernen Streifen über, mit dem er rings um die Erde geschmiedet zu sein schien. Alles war klar, es gab kein Geheimnis in der Welt, keine zweideutige Farbe, keine Ahnung. Sogar die Bettler vor der Kirche steckten in scharf konturierten Lumpen aus einem selbstverständlichen Braun, und die Krüppel, denen Beine und Arme fehlten, waren nicht wie Verstümmelte, sondern in ihrer Mangelhaftigkeit Vollkommene.

Ich behalte dieses Bild in der Erinnerung, wie unter einer gläsernen Decke, und glaube, daß es charakteristisch ist für das simple ukrainische Land. Wäre ich jetzt bei Ihnen, ich versuchte, Ihnen ein ukrainisches Lied vorzusingen. Diese Lieder sind die schönsten, die ich im Osten Europas gehört habe. Sie sind so einfache Äußerungen der Natur und des täglichen Lebens wie Gras auf einer Wiese und ein junges Mädchen, das eine Sichel trägt. Ebenso einfach wie die zackigen bunten Muster an den Kragen und Manschetten der Hemdblusen, die das Volk trägt und in denen ein tiefes, fast bräunliches Rot mit einem ganz dunklen Gewitterwolken-Blau abwechselt.

Einen ukrainischen Bauer behalte ich im Gedächtnis, der noch nie eine Eisenbahn gesehn hatte und der mir einmal sagte: „Zu Fuß komme ich später an als Sie mit der Eisenbahn, aber ich will ja auch gar nicht dorthin, wo Sie ankommen wollen.“ Er hatte ein winziges Gesicht aus braunem Leder. Seine Augen verbarg er, wenn er sprach, unter den Lidern, als wäre es ihm zu verschwenderisch erschienen, zu sprechen und auch noch zu schauen.

Erklären Sie sich, lieber Freund, aus diesen Brocken den „Charakter des Volkes“, wenn Sie Lust haben. Es ist von der Zivilisation weiter entfernt als seit der Revolution das russische und als (seit jeher) das polnische. Es ist unwissend, arm, zerschnitten und schön.

Ich werde Ihnen bei einer anderen Gelegenheit von seiner Literatur berichten.

Ihr ergebener
Joseph Roth.

Titelbild

Joseph Roth: Reisen in die Ukraine und nach Russland.
(Reihe textura).
Hg. von Jan Bürger.
Verlag C. H. Beck, München 2015.
132 S. , 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783406675454

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