Dichter, Philosoph, aber auch Geologe und Salinentechniker

Der 250. Geburtstag von Novalis wird mit zahlreichen Neuerscheinungen gewürdigt

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Friedrich von Hardenberg, der sich später Novalis nannte, gilt bis heute als der Romantiker par excellence, als der einzige wahrhafte Dichter der deutschen Frühromantik. Dabei betrachtete er selbst seine „Schriftstellerei“ stets als „Nebensache“. Vielmehr bereitete er sich mit Eifer und Sorgfalt auf einen bürgerlichen Beruf vor. Nach einem erfolgreichen Jurastudium bildete er sich durch ein bergmännisches Studium und durch eigene intensive naturwissenschaftliche Studien weiter, um in der kursächsischen Salinenverwaltung seinen Lebensinhalt zu finden.

Bereits seinen Zeitgenossen und vor allem den Spätromantikern war es äußerst befremdlich, Novalis sich als Amtshauptmann oder als Bergbau- und Salinenbeamter vorzustellen. Eine Vorstellung, die auch heutigen Lesern immer noch abwegig erscheint. Das schriftstellerische Schaffen von Novalis beweist aber ebenfalls diesen Doppelcharakter. So beinhaltet die vierbändige Gesamtausgabe seiner Werke immerhin zwei Bänden mit philosophischen und naturwissenschaftlichen Betrachtungen und einen Band mit Briefen, autobiografischen Fragmenten und Nachträgen, während sein dichterisches Schaffen mit Gedichten, Liedern und Romanfragmenten nur einen Band füllt. Leben und Werk stellen gewissermaßen eine ideale Verbindung von präziser Wissenschaft und feinfühliger Dichtung dar. Erst die moderne Literaturwissenschaft hat mit der Stilisierung des Dichters zum „Mystiker und Schwärmer“ aufgeräumt.

In den dichterischen Werken – vor allem in seiner Lyrik – hat Novalis das eigene innere Bergwerk ergründet und ausgelotet, dabei beschritt er bislang unbekannte Wege. Aber auch hier richtete er immer wieder den Blick nach außen. Mensch und Welt, Geist und Natur waren für ihn eine Einheit, die er in seinen Werken vielfältig gestaltete. Für Novalis war Romantik nicht Sentimentales und Kitschiges; mit ihr wollte er das Gewöhnliche mit dem Besonderen, das Begrenzte mit dem Unendlichen zusammenführen.

Vor 250 Jahren, am 2. Mai 1772, wurde Friedrich von Hardenberg auf dem Familiengut in Oberwiederstedt (Südharz) geboren. Der Familienbesitz bestand aus einem bescheidenen, 1683 erbauten Renaissanceschloss und einem Gutshof. Friedrich war das zweitälteste von elf Kindern des aus dem Adel stammenden und späteren Salinendirektors Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg und der jungen verarmten Adligen Auguste Bernhardine von Bölzig. Der Vater, Mitglied der pietistischen Herrnhuter Brüdergemeinde, erzog die Kinder mit patriarchischer Strenge, während die Mutter von stiller, zurückhaltender Natur war. Ihre besondere Fürsorge galt dem kleinen Fritz, der ein zartes, oft kränkelndes Kind war, aber auch äußerst lernbegierig, fleißig und auffallend fantasievoll. Da die Bewirtschaftung des Familiengutes für den Unterhalt der kinderreichen Familie nicht genug hergab, nahm der Vater 1784 die Stelle des kursächsischen Direktors der Salinen Artern, Kösen und Dürrenberg an, was mit einem Umzug nach Weißenfels verbunden war. Die Stadt an der Saale wurde zum neuen Lebenskreis des jungen Friedrich, die sich in den folgenden Jahren durch ihre günstige Lage zwischen seinen späteren Wirkungsorten Jena, Tennstedt, Bad Dürrenberg, Weimar und Leipzig auszeichnete.

Wie seine zehn Geschwister wurde Friedrich weitgehend von Hauslehrern unterrichtet. Seine Schulbildung zur Vorbereitung eines Studiums schloss er 1790 am Luther-Gymnasium in Eisleben ab. Im Oktober immatrikulierte er sich an der traditionsreichsten „Alma Mater Jenensis“. An der „Juristerei“ hatte der junge Student allerdings wenig Gefallen, weit mehr interessierten ihn philosophische Vorlesungen. Bald gewann er auch Kontakt zu den Lehrstuhlinhabern Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854) und Friedrich Schiller (1759-1805). Das rief den Vater auf den Plan, der besorgt war, dass sein Sohn das Studium und seinen beruflichen Werdegang vernachlässigte, und bewog ihn ein Jahr später zu einem Studienwechsel an die Universität Leipzig. Hier lernte Hardenberg Friedrich Schlegel (1772-1829) kennen, der sein Studium ebenfalls nur halbherzig betrieb. Mit Hardenberg und Schlegel hatten sich zwei intellektuell verwandte Seelen getroffen. Fortan verbanden sie gemeinsame Interessen an Philosophie, Geschichte und Literatur. Wieder drängten die Eltern zu einem weiteren Wechsel des Studienortes und so schloss Hardenberg sein Jurastudium im Mai 1793 an der Universität Wittenberg mit „erster Censur“ ab.

Danach überzeugte der Vater seinen Sohn von einer Lehrstelle bei dem Kreisamtmann Coelestin August Just (1750-1822) im Amt Tennstedt, um hier praktische Erfahrungen zu sammeln. Sein Vorgesetzter wurde bald ein väterlicher Freund (und später sein erster Biograf). Der 17. November 1794 sollte ein entscheidendes Datum für den jungen Hardenberg werden – ein Tag, der auch viele Spuren in seinen Dichtungen hinterlassen hat. Auf einer gemeinsamen Dienstreise ins unweit gelegene Grüningen lernte er die Tochter des Schlossherren, die erst knapp 13-jährige Sophie von Kühn, kennen. Eine Schicksalsbegegnung, denn nach einer Viertelstunde hatte er sich in sie Hals über Kopf verliebt. Soweit es seine dienstlichen Obliegenheiten zuließen, sattelte Hardenberg in den folgenden Wochen sein Pferd und eilte in einem gut zweistündigen Ritt nach Grüningen. Im März 1795 kam es dann zur heimlichen Verlobung. Doch bald erkrankte Sophie an einem Lebergeschwür und ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich 1796 rapide. Ihr früher Tod am 19. März 1797, sie starb zwei Tage nach ihrem 15. Geburtstag, stürzte Friedrich in eine schwere Lebenskrise mit Todessehnsüchten und der Hoffnung auf die baldige Wiedervereinigung mit seiner Sophie.

Seine tiefe Trauer verarbeitete er später in den berühmten Hymnen an die Nacht, die in zwei verschiedenen Fassungen überliefert sind: einer handschriftlichen Fassung in freien Versen und einer Fassung in rhythmischer Prosa, die erstmals 1800 in der von August Wilhelm (1767-1845) und Friedrich Schlegel herausgegebenen Zeitschrift Athenäum veröffentlicht wurde. Die Hymnen enthalten die wesentlichen Gedanken von Novalis’ romantischer Religiosität und seines Weltbildes und gelten bis heute als die bedeutendste Dichtung der Frühromantik. Dem Tagesglauben der Antike wird die Nacht als das schöpferische Geheimnis des Lebens und des Todes entgegengestellt und hymnisch gefeiert. Biografischer Hintergrund war ein Besuch am Grab seiner verstorbenen Verlobten im Mai 1797. In seinem Tagebuch hielt er später fest: „Abends ging ich zu Sophien. Dort war ich unbeschreiblich freudig – aufblitzende Enthusiasmus Momente – Das Grab blies ich wie Staub, vor mir hin – Jahrhunderte waren wie Momente – ihre Nähe war fühlbar – ich glaubte sie solle immer vortreten“. Dieses Erlebnis fand vor allem in der dritten Hymne ihren Niederschlag. Daher wurde das Gedicht in der Literaturgeschichte oft aus einer autobiographischen Perspektive gelesen, als „Sophienerlebnis“. Da die Hymnen aber mehr als zweieinhalb Jahre nach der Tagebuchnotiz entstanden, wurde später die These vom Grabeserlebnis als entscheidender Anlass vielfach angezweifelt.

Für sein berufliches Fortkommen absolvierte Hardenberg ab Ende 1797 ein montanwissenschaftliches Zusatzstudium an der Berg-Akademie in Freiberg, wo er sich in Hüttentechnik, Stollenbau und Gesteinskunde weiterbildete. Hier lernte er Julie von Charpentier, die Tochter seines Geologieprofessors, kennen, mit der er sich Weihnachten 1798 verlobte. Neben seinem Studium fand Hardenberg Zeit, sich der Literatur und der Lektüre vor allem von philosophischen Werken zu widmen. Seine poetisch-philosophischen Betrachtungen und Gedanken hielt er in mehreren Fragmentsammlungen fest; bei der Veröffentlichung der bekanntesten Sammlung Blüthenstaub verwendete er erstmals das Pseudonym Novalis. Der Name geht auf einen älteren Zweig seiner Familie bis ins 12. Jahrhundert zurück, der den lateinischen Beinamen „de novali“ („Neuland roden“) trug. Novalis selbst interpretierte den Namen als „einer, der Neuland bestellt“.

Neben den Fragmentsammlungen entstanden in der kurzen Schaffensperiode von drei Jahren die fünfzehn Geistlichen Lieder sowie der Natur- und Entwicklungsroman Die Lehrlinge zu Sais und der Roman Heinrich von Ofterdingen, die beide Fragmente blieben. Die Geistlichen Lieder, die nicht als Gedichtzyklus zu verstehen sind, schuf Novalis mit dem Ziel, dass sie in protestantische Gesangbücher aufgenommen werden. Er trug sich sogar mit dem Gedanken, ein „neues geistliches Gesangbuch“ zu schaffen.

Der Roman Die Lehrlinge zu Sais, der erst 1802 posthum (herausgegeben von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck) erschien, besteht aus den beiden Teilen „Der Lehrling“ und „Die Natur“. Er besitzt aber nahezu keine Handlung; vielmehr setzte sich Novalis mit den verschiedenartigen philosophischen Anschauungen über die Natur auseinander, vor allem mit den Ansichten Fichtes. Schauplatz ist der Tempel von Sais im heutigen Ägypten, wo die Lehrlinge unter Leitung ihres weisen Meisters versuchen, die Wahrheit über das Wesen der Natur zu ergründen. Tieck nannte das Romanfragment mit seiner Fülle an Figuren und Fragestellungen „ein herrliches und vielleicht sein eigenthümlichstes Werk“, das aber nie die Popularität der anderen Werke von Novalis erreichte.

Der fragmentarische Roman Heinrich von Ofterdingen (1802) ist ebenfalls in zwei Teile aufgeteilt. Die Idee zu dem Roman kam Novalis bei einer seiner häufigen Inspektionsreisen als Salinensachverständiger im Jahre 1799 im thüringischen Artern unweit des sagenumwobenen Kyffhäuserberges. Daneben schöpfte Novalis auch aus einer Vielzahl weiterer Quellen, nicht zuletzt aus regionalen Bergmannssagen von einer Wunderblume im Kyffhäuser. Die Handlung des Romans spielt in einem idealisierten, poetisch überhöhten Mittelalter. Erzählt wird die Geschichte des jungen Minnesängers Heinrich von Afterdingen (so die ursprüngliche, auch in Novalis’ Romanmanuskript beibehaltene Schreibweise), der auf der Suche nach der blauen Blume ist, die ihm in einem paradiesischen Traum erschienen war. Auf einer Reise von Eisenach nach Augsburg erkennt er seine eigentliche Bestimmung zum Dichter und Propheten einer neuen Welt. Mit der „Blauen Blume“ schuf Novalis das wirkungsmächtige Symbol für romantisches Unendlichkeitsstreben und christliche Religion. Der Roman, als romantischer Gegenentwurf zu Goethes Bildungsroman Wilhelm Meister Lehrjahre angelegt, ist ein Beispiel für ein romantisches Gesamtkunstwerk, Prosa, Poesie, Lieder und Märchen verschmelzen hier miteinander.

In die Literaturgeschichte eingegangen ist der Jenaer Freundeskreis um die Brüder Schlegel, Novalis, Schelling, Fichte und Ludwig Tieck (1773-1853). Neben dem Physiker Johann Wilhelm Ritter (1776-1810) und dem Philosoph Friedrich Immanuel Niethammer (1766-1848) hatten in dem Literaturkreis auch die Frauen Dorothea Veit (Schlegel) und Caroline Böhmer (Schlegel-Schelling) eine tragende Rolle. Hier entstanden erste programmatische Dichtungen der Frühromantik. Bei der legendären „Poetenzusammenkunft“ vom 11. bis 14. November 1799 trug Novalis seinen denkwürdigen Europa-Aufsatz (später unter dem Titel Die Christenheit oder Europa bekannt geworden) vor. In dem vielschichtigen Text hatte Novalis zunächst ein verklärendes Bild des Mittelalters entworfen, dann im zweiten Teil einen durch eine geistig-religiöse Erneuerung friedlich vereinten europäischen Kontinent. Der Essay wurde sehr kontrovers diskutiert. Die Idealisierung des katholischen Mittelalters veranlasste Schelling spontan zu einem polemischen Gedicht mit dem Titel Epikurisch Glaubensbekenntnis Heinz Widerporstens. Da man sich nicht einigen konnte, ob die beiden Texte in der Zeitschrift Athenäum erscheinen sollten, rief man Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) als unparteiischen Schiedsrichter hinzu, der jedoch von einer Veröffentlichung abriet, da gerade der Atheismusstreit um Fichte hohe Wellen geschlagen hatte.

Das kleine Jena war damals zu einer Geistesmetropole geworden, hier hatten sich die führenden Köpfe der Frühromantik zusammengefunden. Die zwei folgenden Jahre sollten ein Höhepunkt des frühromantischen und philosophischen Schaffens werden: u.a. mit Heinrich von Ofterdingen (Novalis), Florentin (D. Schlegel), Die Bestimmung des Menschen (Fichte), „Romantische Dichtungen“ (Tieck) oder Über den wahren Begriff der Naturphilosophie und die richtige Art ihre Probleme aufzulösen (Schelling). Nach 1801 löste sich die Gruppe jedoch langsam auf. Das hatte verschiedene Gründe: die Enttäuschung über die französische Revolution, die mit der Machtübernahme Napoleons endete, der frühe Tod von Novalis, das fehlende Interesse, die Zeitschrift Athenäum fortzusetzen, und letztendlich auch die persönlichen Befindlichkeiten der Mitglieder und die daraus resultierenden Zerwürfnisse zwischen ihnen.

Doch zurück zur beruflichen Vita von Hardenberg. Vor und nach seinem Freiberger Studium war er in Weißenfels als Salinenakzessist tätig. Zu seinen vielfältigen Aufgaben gehörten die Einführung und Erprobung der Kohlefeuerung bei der Salzgewinnung sowie die Suche nach geeigneten Lagerstätten. So erhielt er den Auftrag, mit dem Bergstipendiaten Friedrich Traugott Michael Haupt (1776-1852) eine geognostische Untersuchung der Gegend um Leipzig, Borna, Zeitz, Pegau und Zwenkau vorzunehmen. Ihre Ergebnisse flossen später in die „geognostische Spezialkarte des Königreichs Sachsen und der angrenzenden Länder-Abtheilungen“ ein. So gesehen, hat der Poet Novalis einen Beitrag zum späteren Braunkohlenabbau in Mitteldeutschland geleistet und einen zumindest indirekten Anteil an der heutigen Leipziger Neuseenlandschaft. Heute erinnert ein Gedenkstein an der Abbruchkante des Tagebaus Profen Süd an das bergmännische Wirken von Hardenberg.

Die geognostischen Untersuchungen sollten Hardenbergs letztes berufliches Unternehmen sein. Bald stellten sich Symptome eines unheilbaren Lungenleidens ein. Im Dezember 1800 wurde er noch zum Amtshauptmann (entspricht einem heutigen Landrat) des Thüringischen Bergkreises mit den Ämtern Weißenfels, Heldrungen und Sachsenburg ernannt. Die damit vorgezeichnete Laufbahn konnte er aber nicht mehr einschlagen. Auch zur geplanten Eheschließung mit seiner Julie kam es nicht mehr. Am 25. März 1801 starb Novalis im Weißenfelser Haus der Familie im Alter von nicht einmal 29 Jahren. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch begleiteten ihn in den letzten Stunden sein Freund Friedrich Schlegel und sein jüngerer Bruder Karl. Die Beisetzung fand drei Tage später auf dem Weißenfelser Gottesacker statt.

Zum 250. Geburtstag von Novalis ist im Anaconda Verlag eine einbändige und preiswerte Ausgabe mit seinen wichtigsten Schriften erschienen – eine Nachauflage der Ausgabe des Aufbau Verlages aus dem Jahre 1983. Neben Gedichten, Liedern und den beiden Romanen Die Lehrlinge zu Sais und Heinrich von Ofterdingen sind hier auch die Fragmentsammlungen Blütenstaub und Glauben und Liebe oder Der König und die Königin, der Essay Die Christenheit oder Europa sowie eine Auswahl von Texten Über Goethe vertreten. In seiner umfangreichen Einleitung gibt der Literaturwissenschaftler Hans-Dietrich Dahnke einen fundierten Überblick über Leben und Werk von Novalis, wobei historische Hintergründe einbezogen werden. So verweist er bei der Programmschrift Die Christenheit oder Europa, der häufig eine gegenrevolutionäre Position zugeschrieben wird, auf die zeitgenössischen Geschehnisse der Koalitionskriege in den 1790er Jahren. Daher sollte der Text als Novalis’ Sicht auf die Epoche und Ausdruck seiner Friedenssehnsucht gelesen werden. Ergänzt wird die Ausgabe durch zahlreiche erläuternde Anmerkungen des Literaturhistorikers Rudolf Walbiner.

Eine neue Novalis-Biografie ist zum Jubiläum nicht erschienen, daher sei auf die lange Zeit vergessene Biografie Friedrich von Hardenberg genannt Novalis aus dem Jahre 1872 von Sophie von Hardenberg (1821-1898) hingewiesen, die es seit 2010 auf immerhin sechs Auflagen gebracht hat. Die Nichte von Novalis hatte zwar selbst keine persönlichen Erinnerungen mehr an den Dichter, aber als seine Nachlassverwalterin hatte sie nicht nur Zugang zu handschriftlichen Überlieferungen und Briefen, sondern konnte auch auf persönliche Berichte der Familie und von Freunden zurückgreifen. In seinem Vorwort unterstreicht der Herausgeber Ulrich Taschow, dass Sophie von Hardenberg die Rezeptionsgeschichte des 19. Jahrhunderts miterlebt hat, die häufig ein ganz anderes Bild von ihrem Onkel zeichnete, mitunter im Gegensatz zu den umfangreichen handschriftschriftlichen Überlieferungen, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen. Sie trat erstmals dem „bis heute gepflegten Klischee vom romantisch verklärten, lebensfern-verweichlichten Dichterjüngling entgegen“. Neben den persönlichen Dokumenten punktet die Biografie auch mit zahlreichen historischen Abbildungen, vor allem von Novalis’ Weggefährten.

Der Reclam Verlag würdigt das Novalis-Jubiläum mit einer Neuausgabe des Romans Heinrich von Ofterdingen, die auch „Tiecks Bericht über die Fortsetzung“ bringt. Grundlage dieses Berichtes waren persönliche Gespräche mit Novalis; auch aus Briefen und anderen Hinterlassenschaften hatte Ludwig Tieck versucht, die Fortsetzung des Romans zu rekonstruieren. Ergänzt wird die Reclam-Ausgabe außerdem durch „Paralipomena zu Heinrich von Ofterdingen“, nachgelassenen Skizzen zu dem nicht vollendeten zweiten Teil des Romans, durch ein Verzeichnis von Texteingriffen, umfangreiche Literaturhinweise und ein Nachwort des Literaturwissenschaftlers Mario Zanucchi, der verschiedene Aspekte des Romans beleuchtet: die Entstehung und Quellen, die Auseinandersetzung mit Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren, die romantische Zeitpoetik, das Figurenpersonal oder die Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert.

Die Neuerscheinung Die Poesie des Unendlichen. Dichtungen und Texte des Universalgeistes der Frühromantik aus dem Marix Verlag legt dagegen den Schwerpunkt auf die Fragmentensammlungen von Novalis und ihre Vorarbeiten. So findet man hier die selten veröffentlichten Teplitzer Fragmente und ihre Ergänzungen, die während eines einmonatigen Kuraufenthaltes in dem böhmischen Badeort Teplitz, dem heutigen Teplice, im Sommer 1798 entstanden. In den kurzen Texten setzte sich Novalis mit poetisch-philosophischen Fragen, der christlichen Religion sowie Sitten und Gebräuche auseinander. Die LeserInnen müssen aber nicht auf die Romane Die Lehrlinge zu Sais und Heinrich von Ofterdingen (Auszüge) verzichten; auch die Hymnen an die Nacht und der Essay Die Christenheit oder Europa ergänzen die Neuerscheinung. In ihrer Einleitung betrachtet die Germanistin Gabriele Rommel, die von 1992 bis 2019 Direktorin der Novalis-Forschungsstätte und des Novalis-Museums Schloss Oberwiederstedt war, u.a. „(Berufs-)Leben und Poesie“ des Dichters, der in seinen wichtigsten Schaffensjahren eine Doppelexistenz führte: „die Tagesgeschäfte als Jurist und Ingenieur, die Nachtarbeit als Dichter und Denker“.

Mit Novalis – Dichter einer neuen Zeit hat Silvio Vietta eine sehr persönliche Biografie vorgelegt. Der Kultur- und Literaturwissenschaftler hatte sich bereits in seiner Dissertation Sprache und Sprachreflexion in der modernen Lyrik mit Novalis’ neuer Sprachauffassung beschäftigt. Nach seinen Novalis-Erfahrungen während einer Gastprofessur in den USA und in Indien geht Vietta näher „auf jenen Autor ein, der über die mehr als zwei Jahrhunderte, die uns von ihm trennen, Weltgeltung erlangt und auf so vielfältige Weise gewirkt hat“. Die Vielfalt von Novalis’ Ideen und seine Botschaft einer neuen Zeit der religiösen Naturerfahrung und naturhaften Religiosität haben uns auch heute noch viel zu sagen. Für Vietta war die ganze Frühromantik „ein Experimentallabor kreativen Denkens, das uns auch heute noch neue Impulse vermitteln kann“. In dem Europa-Essay sieht er einen Meilenstein in der Geschichte zu einem friedlichen, nachhaltigen und neospirituellen Europa.

Die Neuerscheinung Ich sehe dich in tausend Bildern aus dem St. Benno Verlag macht auf rund sechzig Seiten mit Zitaten zu den Themen Achtsamkeit, Ruhe und Gelassenheit mit Novalis bekannt. Sie stammen aus den Geistlichen Liedern, den Hymnen an die Nacht, dem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen oder aus anderen Fragmenten. Das von Novalis geschaffene romantische Sinnbild der blauen Blume spiegelt sich dabei in den zahlreichen Farbabbildungen. So untermalen Kornblumen, Wegwarte, Schwertlilie und andere blaue Blüten in zarten Aquarellfarben Novalis’ inspirierende Worte. Ein schön gestaltetes Geschenkbuch, das am Ende mit einer Kurzbiografie ergänzt wird.

Einen guten Einstieg bietet das Hörbuch Hymnen an die Nacht des Verlages Jumbo Neue Medien, das neben dem Gedichtzyklus auch die fünfzehn Geistlichen Lieder zu Gehör bringt. Der bekannte Sprecher Stephan Schad findet für Novalis’ lyrische Werke stets den richtigen Ton und die eindringliche Stimme; mit Gefühl und Ausdruckskraft belebt er die Verse.

In der Forschungsstätte für Frühromantik und dem Novalis-Museum Schloss Oberwiederstedt wird das Novalis-Jubiläum am 1. und 2. Mai mit einem feierlichen Festprogramm begangen. Im Zuge der Veranstaltungsreihe wird in den frisch sanierten und erneuerten Museumsräumen die neue Sonderausstellung Wie verkörperte Worte. Bild-Netze und Netz-Werke der Romantik eröffnet.

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Novalis: Werke in einem Band.
Auswahl und Einleitung von Hans-Dietrich Dahnke. Textrevision und Kommentar von Rudolf Walbiner.
Anaconda Verlag, Köln 2022.
392 Seiten , 7,95 EUR.
ISBN-13: 9783730611241

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Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Ein Roman.
Hg. von Wolfgang Frühwald. Nachwort von Mario Zanucchi.
Reclam Verlag, Ditzingen 2022.
293 Seiten , 6,40 EUR.
ISBN-13: 9783150141847

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Sophie von Hardenberg: Friedrich von Hardenberg genannt Novalis. Eine Nachlese aus den Quellen des Familienarchivs.
6. Auflage.
Avox Verlag, Leipzig 2018.
324 S. , 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783936979022

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Novalis: Die Poesie des Unendlichen. Dichtungen und Texte des Universalgeistes der Frühromantik.
Hg. von Gabriele Rommel.
Marix Verlag, Wiesbaden 2022.
272 Seiten , 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783737411851

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Novalis: Ich sehe dich in tausend Bildern. Gedanken heiter & achtsam.
St. Benno-Verlag, Leipzig 2022.
64 Seiten , 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783746261386

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Silvio Vietta: Novalis – Dichter einer neuen Zeit.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2021.
196 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783826073571

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Novalis: Hymnen an die Nacht. Audio CD.
Gesprochen von Stephan Schad.
Jumbo Verlag, Hamburg 2022.
12,00 EUR.
ISBN-13: 9783833744877

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