Ein Detmolder bereist England

Frühe Texte des Schriftstellers, Satirikers, Journalisten und Kaufmanns Georg Weerth liegen in einer Neuedition vor

Von Ulrich KlappsteinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrich Klappstein

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Bielefelder Aisthesis Verlag sind unter dem Titel Englische Reisen die Reiseskizzen und Reportagen von Georg Weerth (1822–1856) neu erschienen, die dieser schon in den Jahren 1843 bis 1847 publiziert hat. Herausgegeben und erläutert wurde dieser kleine Band – die Texte umfassen im Großdruck nur ca. 120 Seiten – von Bernd Füllner, der zu den derzeit besten Kennern des Werks des Vormärz-Schriftstellers gehört. Als Mitglied der Literaturkommission Westfalen hatte er im gleichen Verlag bereits 2018 ein Georg Weerth Lesebuch herausgegeben (als Band 78 der Reihe „Nylands Kleine Westfälische Bibliothek“).

Zusammenstellungen von Weerths Texten – Werke und Briefe – waren sonst nur noch antiquarisch erhältlich, so die Sämtlichen Werke in fünf Bänden (1956/57 im Berliner Aufbau-Verlag, hg. von Bruno Kaiser), die Ausgewählten Werke (1966 im Frankfurter Insel Verlag, ebenfalls hg. von Bruno Kaiser) oder die Sämtlichen Briefe (1989 im Frankfurter Campus Verlag, hg. von Jürgen-Wolfgang Goette). Auch in der akademischen Forschung über den Vormärzdichter ist es still geworden, allerdings: Im Bielefelder „Forum Vormärz Forschung“ kümmert man sich noch um ihn, auch die Detmolder Grabbe-Gesellschaft hat ihm in ihren Jahrbüchern einen festen Platz eingeräumt, und unter dem Logo „Georg 200 Weerth“ in diesem Jahr ein auch überregional viel beachtetes und groß angelegtes Projekt initiiert und durchgeführt; zuletzt wurde Uwe Zemkes große Weerth-Biografie Georg Weerth (1822–1856). Ein Leben zwischen Literatur, Politik und Handel (Band 96 der Veröffentlichungen der Literaturkommission für Westfalen) in einer überarbeiteten Fassung neu herausgegeben.

Schon in seinem Lesebuch hatte Füllner Weerths Reiseskizzen und Sozialreportagen vorgestellt, in denen der Schriftsteller in seinen Beschreibungen für das England der 1840er Jahre einen Ton gefunden hatte, der den Vergleich mit heutigen journalistischen Formen nicht zu scheuen braucht. Auch in dieser Zusammenstellung war es Füllner gelungen, die manchmal hellseherisch erscheinende Modernität Weerths herauszustellen, der soziale Missstände anprangerte, das Schicksal „realer“ Menschen plastisch darstellen konnte und sich für die Parias des aufkommenden Industrialismus einsetzte und so einen wichtigen Beitrag in einer Zeit der sich ankündigenden und weltgeschichtlich sich überschlagenden Ereignisse lieferte, der gerade heute, auf dem Hintergrund der Folgen eines globalisierten Kapitalismus und auch inmitten eines hinterrücks vom Zaum gebrochenen Krieges in Europa, zum Nachdenken anregen kann.

Georg Weerth trat stets für die heute viel beschworene Menschenwürde ein, und das nicht nur als politischer Feuilletonist in der damaligen Presse, sondern auch in seinen anderen Werken, die oft von einem humoristisch-sarkastischen Stil geprägt sind, der sich sonst nur bei seinem Zeitgenossen Heinrich Heine (1797–1856) finden lässt, der deutsche und französische „Zustände“ in journalistischen Texten und seiner Lyrik angeklagt hat, sich der Alltagssprache widmete, das Feuilleton und den Reisebericht zu einer Kunstform erhoben hat und so vorbildhaft auch für viele andere Dichterinnen und Dichter wirkte. 

Dieser Impuls mag auch Füllner bewogen haben, sich nicht nur an der historisch-kritischen Düsseldorfer Heine-Ausgabe zu beteiligen, sondern sich auch nachhaltig für das Werk des anderen Vormärz-Dichters einzusetzen, der im Mai 1849 im Alter von 27 Jahren, als sein literarisches Vorbild Heine vor dem Durchbruch zu einem renommierten Dichter stand, seine literarische Karriere abrupt abbrach. 1840 war Weerth nach Köln umgezogen und hatte dort nach Beendigung seiner kaufmännischen Lehre seine erste Stelle als Buchhalter angetreten. Schon 1841 begann er erste Gedichte zu publizieren, und von 1843 an arbeitete er als Feuilletonredakteur der „Kölnischen Zeitung“. Von ihm erschienen erste Erzählungen und Reiseberichte. Als Mitarbeiter von Karl Marx bei der „Neuen Rheinischen Zeitung“ setzte er seine journalistische Karriere erfolgreich fort, bis diese nach den Wirren des Revolutionsjahrs 1848 mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe am 17. Mai 1849 ihr Ende fand. Danach nahm Weerth seinen kaufmännischen Beruf wieder auf, erledigte Geschäfte in England, Belgien, Frankreich und den Niederlanden, bis er auf einer Reise nach Westindien an einem Tropenfieber erkrankte und am 30. Juli 1856 – im selben Jahr wie Heine – im Alter von nur 34 Jahren verstarb.

Im September 1843 hatte Weerth nach einem innenpolitischen Eklat – er hatte den Bonner Oberbürgermeister und dessen Haltung zur Judenemanzipation in einem Zeitungsartikel bloßgestellt – sein rheinisches Domizil verlassen und war zu einer vierzehntägigen Reise nach England aufgebrochen, die er literarisch, aber vor allem feuilletonistisch verarbeite. Seine Vorbilder lagen klar auf der Hand: Von Heine waren schon 1828 deutsche und italienische Reisebilder erschienen, darunter auch die Englischen Fragmente, Innenansichten der englischen politischen und gesellschaftlichen Landschaft, die er unter dem Eindruck der französischen Julirevolution von 1830 beschloss; im gleichen Jahr hatte auch Hermann Fürst Pückler-Muskau seine Briefe eines Verstorbenen publiziert.

Wie diese wollte Weerth keine reinen „Reisebilder“ liefern, sondern ein Panorama des englischen Lebens zeichnen und dem deutschen Lesepublikum Bilder des gewöhnlichen Alltags in Städten – darunter Bradford und London – und den von ihm besuchten ländlichen Gebieten vermitteln. Er stellte auch einige bedeutende Vertreter der englischen Literatur vor, Sterne, Goldsmith, Dickens, und gab am Beispiel der im „Punch“ veröffentlichten politischen Karikaturen Einblicke in die britische Satireszene.

Seine publizistischen Texte erschienen in mehreren Folgen in der „Kölnischen Zeitung“, beginnend mit einem ersten Teilartikel Von Köln nach London, mitgetheilt von G.W. in der Nummer 301 vom 30. Oktober 1843, die erste publizistische Arbeit übrigens, für die Weerth ein Honorar erhielt. Gefördert wurde er von Hermann Püttmann, der seit 1842 die Feuilleton-Redaktion der Zeitung leitete. Weerths Berichte stießen auf ein großes Leserinteresse, und so konnten auch seine nächsten Reisebilder, in getrennten Lieferungen, mehrheitlich dort erscheinen.

Weerth bewegte sich auch politisch auf der Höhe der Zeit: Von Karl Marx und Arnold Ruge wurden 1844 die Deutsch-Französischen Jahrbücher herausgegeben, von Friedrich Engels erschien 1845 das epochemachende Werk Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Diese Schriften nahm Weerth begeistert auf und erweiterte so auch sein schriftstellerisches Repertoire: Nicht nur in den sieben Fortsetzungen der Berichte von seinen Englischen Reisen in der „Kölnischen Zeitung“, sondern auch in seinen fünfteiligen Scherzhaften Reisen im gleichen Presseorgan. Sein schriftstellerisches Wirken konnte er erfolgreich ausweiten: 1945 erschien in dem vom frühsozialistischen Philosophen Moses Hess (1812–1875) herausgegeben „Gesellschaftsspiegel“ – einer in Elberfeld (Wuppertal) erscheinenden einflussreichen gesellschaftskritischen Zeitschrift des Vormärz, zu deren Autoren neben Hess selbst auch Karl Marx und Friedrich Engels gehörten – sein längerer Bericht über das Blumen-Fest der englischen Arbeiter, in dem Weerth die „frische Literatur“ und „eine neue, gewaltige Kunst“ des englischen Proletariats feierte.

Den Abschluss seiner Reiseskizzen, die im Zusammenhang mit seinem zweieinhalbjährigen Englandaufenthalt entstanden sind, bildet die Humoreske An Bord des Glen Albyn, die mit einem Jahr Verspätung 1847 im sozialistischen Exilblatt „Deutsche-Brüsseler Zeitung“ erscheinen konnte. Im März 1846 war Weerth eine Stelle in der Kammspinnerei Emanuel & Son in Brüssel angeboten worden, welche er sofort annahm. Als er im Februar/März 1848 vom Ausbruch der Revolution in Frankreich hörte, reiste er sofort nach Paris, um sie mitzuerleben und sich daran zu beteiligen. Im April 1848 ging er mit Engels und Marx nach Köln, um bei der Gründung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ mitzuhelfen.

Weerth hat seine Zeitungstexte noch neu ediert, sie sollten den Hauptteil der Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten bilden, ein Werk, dessen Erscheinen Weerth jedoch nicht mehr erlebte; seine umfangreiche Tätigkeit als einer der führenden Feuilletonisten Deutschlands führten dazu, dass seine Reisebilder in der Schublade blieben. Erst 1957 hat sie Bruno Kaiser im dritten Band der Sämtlichen Werke publizieren können, schätzte sie jedoch mehr als „harmlose Reiseabenteuer“ ein, welche die „etwas trockenen Hauptteile des Werkes“ nur umrahmten, die allerdings „eine Fülle von Überraschungen“ bereithielten, wie es im Vorwort seiner Ausgabe heißt.

Es ist das Verdienst Füllners, dass die dargebotenen Texte nun in chronologischer Folge in Gestalt der Erstdrucke nun endlich erscheinen können – im 19. Jahrhundert übliche orthographische Unregelmäßigkeiten und abweichende Schreibungen wurden, abweichend von der Fassung in der Ausgabe Bruno Kaisers, beibehalten. Angereichert ist die Ausgabe des Aisthesis Verlags nicht nur durch ein umfangreiches Personenverzeichnis, sondern auch durch einen „Apparat“, der zwölf Abbildungen enthält: historische Radierungen von Städten und Landschaften, die von Weerth erwähnt werden sowie einige charakteristischen Zeichnungen aus dem „Punch“ und dem „Gesellschaftsspiegel“. Beigegeben wurde auch ein Ausschnitt des Faksimiles der Zollbesichtigung in Antwerpen, ein nur handschriftlich überliefertes Artikelfragment, das sich im Nachlass des Dichters befindet und dem Konvolut der Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten beilag. Der Titel „Zollbesichtigung in Antwerpen“ war mit Bleistift von fremder Hand in das vorliegende Fragment hinzugefügt worden, und in die nicht konsequente Zeichensetzung wurde in der Füllner’schen Ausgabe nicht eingegriffen.

Es ist auch dieser Text, den Weerth vermutlich 1846 nach seiner Rückkehr auf den Kontinent und der unvermeidlichen Zollkontrolle verfasst hat, der den satirischen Ton Weerths kenntlich macht und dabei dessen bis heute nachwirkende Stellung als einem der bedeutendsten, aber immer noch unterschätzten Schriftsteller im Deutschland des 19. Jahrhunderts herausstellt:

„Aber, lieber Herr! wie kann man eine solche Bibliothek mit sich führen?“ fragte der Kontrolleur. Nicht wahr, ist es nicht schrecklich? Aber das ist noch gar nichts! Da sollten Sie erst einmal meine eigenen, unsterblichen Werke sehen! Siebenzig Bände und darüber, ungedruckt und ungelogen – dort in jener Kiste – was ich in stillen Mitternächten schuf – lauter kritische Arbeiten. „Gegen die Philosophie. Gegen die Theologie. Gegen die Medizin. Gegen das Recht. Gegen die Familie. Gegen das Eigenthum. Gegen die Liebe. Gegen den Teufel. Gegen die HühnerAugen. Gegen – „Stille! Stille! Stille!“ murmelte der Kontrolleur

Titelbild

Georg Weerth: Englische Reisen. Reiseskizzen und Reportagen 1843 bis 1847.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2022.
222 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783849818074

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