Lichtblau mit gelben Knöpfen

Die Neuausgabe von Rilkes „Briefen an einen jungen Dichter“ liefert wertvolle Hinweise und entbehrliche Ergänzungen

Von Christian MariotteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christian Mariotte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Spätherbst 1902 erholt sich ein Offiziersschüler im Park der Wiener Militärakademie vom kaiserlichen-königlichen Drill, als einer seiner Lehrer sich zu ihm setzt und das Buch näher betrachtet, in das er vertieft war: „Hier und dort blätterte er dann auf, überflog ein paar Verse, schaute sinnend ins Weite und nickte schließlich : ’So ist aus dem Zögling René Rilke also ein Dichter geworden.’“ Für den jungen Mann ist es eine Offenbarung, dass eine bekannte Figur des literarischen Lebens früher genau denselben Leidensweg wie er beschreiten musste. Sofort entsteht der Wunsch, seine lyrischen Schreibversuche „an Rainer Maria Rilke zu senden und ihn um sein Urteil zu bitten“.

Auch wenn letzteres nicht wirklich enthusiastisch ausfällt (die Verse hätten „keine eigene Art […], wohl aber stille und verdeckte Ansätze zu Persönlichem“), markiert Rilke die Bereitschaft zu einem Dialog, der dann sechs Jahre andauert. Ihm geht es jedoch kaum um handwerkliche Ratschläge, sondern er äußert sich zu allgemeinen Fragen der Lebensführung jedes sensiblen und künstlerisch veranlagten jungen Menschen. Angesprochen werden zum Beispiel die richtige Distanz zum Elternhaus, die Eingliederung in ein berufliches Umfeld unter Wahrung der eigenen Identität und das Streben nach einer „menschlicheren Liebe“, die sich „unendlich rücksichtsvoll und leise“ verwirklichen und die allgemein vorausgesetzte Polarität zwischen Mann und Frau außer Kraft setzen wird. Obwohl sich der Gedankenlauf in die verschiedensten Richtungen entwickelt, lässt er sich auf eine schöne und einfache Botschaft zurückführen: „es gibt nichts, was uns ängstigen oder quälen sollte“. 

Über Jahrzehnte hat dieses Ideal des Amor fati Leser aus den verschiedensten Kulturkreisen berührt und inspiriert, und das wird besonders im Nachwort einer Neuausgabe der Briefe an einen jungen Dichter deutlich, die 2019 veröffentlicht wurde und nun in einer neuen Aufmachung vorliegt. Vom Computer-Pionier zu den Schauspielern des New Yorker Actors Studio, von der deutschen Geigerin zur brasilianischen Tänzerin – sie alle berufen sich auf das schmale Bändchen aus dem Jahre 1929. Dabei unterstreicht der Herausgeber und Präsident der Internationalen Rilke-Gesellschaft Erich Unglaub freilich auch, dass besagter Enthusiasmus nicht immer mit einer tiefen Kenntnis von Autor und Werk einhergeht. Recht amüsant ist in dieser Hinsicht seine Bemerkung zu einer US-amerikanischen Sängerin: „Da Lady Gaga wiederholt davon spricht, dass […] Rilke auf Briefe von mehreren Anfragern antworte, kann von einer eher flüchtigen Lektüre, aber einem mächtigen Gesamteindruck gesprochen werden.“

Vom „jungen Dichter“ Franz Xaver Kappus (1883–1966) wussten allerdings bisher selbst gewissenhafte Leser nur wenig. Durch die Initiative des Wallstein-Verlags, ihm das Wort zu erteilen und den Fokus auf seinen Lebensweg zu richten, nimmt er nach fast einem Jahrhundert Rezeptionsgeschichte schließlich doch noch eine klare Gestalt an. Zu Beginn der Korrespondenz (der erste Brief ging verloren, aber elf weitere lagerten im Rilke-Archiv Gernsbach und werden hier zum ersten Mal abgedruckt) erwähnt der achtzehnjährige Offiziersschüler „die pessimistische Skepsis und Ruhelosigkeit“, die seinen Alltag prägen würden und früher ebenfalls für Rilke bezeichnend gewesen seien. Vergleichsweise scheint er jedoch ziemlich gut mit der Militärakademie zurechtzukommen. Während der Ältere sein Studium abbricht und ein Leben lang mit dieser traumatischen Erfahrung hadert, arbeitet Kappus in manchen Phasen zielstrebig an seiner Karriere. Um schneller voranzukommen, nimmt er sogar einen gefährlichen Einsatz an der österreichisch-montenegrinischen Grenze an. Dass er im letzten Jahr des Briefwechsels den Grad des Oberleutnants erreicht, ändert aber nichts an seiner wahren Berufung. Wie Herausgeber Unglaub schildert, versucht er sich „[m]it Briefen an Schriftsteller, frühen Kontakten zu Redaktionen von Zeitschriften, Einsendungen an Verlagslektorate“ einen Platz in der zeitgenössischen Literatur zu erkämpfen. Vielleicht weil sich die Zielperson Rilke mit ihrer ersten Antwort etwas Zeit lässt, schreibt er zum Beispiel im Jahre 1903 ebenfalls an den Berliner Lyriker Carl Busse. Näher betrachtet erklärt sich die von Kappus in seiner Einleitung geschilderte Kontaktaufnahme also nicht nur durch einen plötzlichen Wiedererkennungseffekt. Sie ist Teil einer langfristigen Strategie, die auch der junge Rilke in seiner Prager und Münchner Zeit benutzt hatte.

Es wäre aber trotzdem verfehlt, in den häufig verwendeten und reichlich stereotypen Dankesformeln (Kappus ist „zu ewigem Danke verpflichtet“, er dankt „von ganzem Herzen“, er bekundet seine „grenzenlose Dankbarkeit“) nur den Ausdruck von kühler Berechnung zu sehen. Mit Sicherheit ist der sieben Jahre ältere Dichter der ideale Gesprächspartner, um über „Eltern und andere fremde Menschen“ oder „den großen Haufen […], der sich Gesellschaft nennt“ nachzusinnen. Auch für die verschiedenen Ausprägungen sexuellen Verlangens zeigt Rilke stets großes Verständnis. Ihm kann man eine homoerotische Erfahrung oder fetischistische Neigungen anvertrauen, ohne ausgelacht oder verurteilt zu werden. Seine Feinfühligkeit und Menschenkenntnis äußern sich darüber hinaus in dem Vermögen, Momente besonders starker Einsamkeit vorauszusehen und anzusprechen.

Kappus, zur Selbstoffenbarung ermutigt, treibt diese jedoch bis an die Grenzen der Rücksichtslosigkeit. Zwar stellt er selbst den Sinn seiner langen Ausführungen in Frage und äußert immer wieder die Befürchtung, Rilke zu langweilen und zu belästigen. Das hindert ihn aber keineswegs daran, unbeirrt und manchmal ziemlich salopp weiterzumachen. „Müssen wir denn wirklich alles wissen?“, möchte der heutige Leser nach der Schilderung einer Affäre mit einer Opernsängerin fragen. Überhaupt ist entgegen allen Beteuerungen nicht ersichtlich, ob die Botschaft von Rilke jemals beim „jungen Dichter“ angekommen ist. Prinzipiell sollte letzterer ja dazu angehalten werden, die Antwort auf seine vielen Fragen in seinem „innersten Gefühl“ zu suchen: „Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand.“ Der ansonsten über „ein alles zersetzendes Spiel des Zweifels“ klagende Kappus macht aber den Briefpartner zur „einzigen Instanz“ und zum Urheber seines Glücks, oder besser gesagt zum Objekt seiner Anbeterei. Eine solch distanzlose Haltung lebt übrigens heute in der von Unglaub zitierten Forderung einer Bewunderin weiter, die Künstler sollten es ja nicht unterlassen, die Briefe an einen jungen Dichter zu lesen.

Viel bedachter und persönlicher wirkt da Rilkes im April 1903 ausgesprochene Empfehlung der Romane und Erzählungen des dänischen Schriftstellers Jens Peter Jacobsen (1847–1885). Die bibliographischen Angaben mit Preisschätzung („5 oder 6 Mark pro Band“) nimmt Kappus dankbar auf, aber seine anschließende Lektüre wirkt doch eher wie die Erledigung einer Hausaufgabe. Ohnehin führen keine der im Laufe des Briefwechsels aufgezählten Vorsätze und Prinzipien (den Alltag im Blick behalten, die Ironie fruchtbar machen, die Geduld erlernen) den Musterschüler wirklich näher an seinen Traum von der Schriftstellerei. Es ist eine freundliche Geste, wenn Rainer Maria Rilke eins der ihm zugesandten Gedichte abschreibt und die Kopie dem nächsten Brief beilegt („ich weiß, daß es wichtig und voll neuer Erfahrung ist, eine eigene Arbeit in fremder Niederschrift wiederzufinden“), aber Kappus hatte sich wohl eher eine konkrete Hilfe bei der Suche nach einem Verlag erhofft. Die wird ihm von dem in anderen Fällen durchaus großzügigen Dichter jedoch verweigert, und die Neuausgabe verweist auf einen verschollenen Brief, in dem Rilke sich am 30. August 1908 entschuldigt, ein Manuskript kommentarlos zurückgeschickt zu haben. Eine Erklärung für diese ablehnende Haltung ist laut Herausgeber die Tatsache, dass Kappus in einer konventionellen Poesieauffassung gefangen war, von der sich Rilke zur Zeit des Briefwechsels schon befreit hatte. Nicht zuletzt unter dem Einfluss von Lou Andreas-Salome verzichtete der ältere Briefpartner auf die gefühlsbetonte Stimmung seiner früheren Lyrik und leitete mit den Dinggedichten eine neue Phase seines Schaffens ein.

Bei aller Ungleichheit und Distanz zwischen einem anerkannten Dichter, der sich gerade neu erfindet, und einem Amateurschriftsteller, der Absagen sammelt und später im Bereich der Unterhaltungsliteratur seinen Lebensunterhalt bestreitet (als Autor und Lektor des Ullstein-Verlags übt Kappus genau einen dieser „halbartistischen Berufe“ aus, vor denen Rilke gewarnt hatte) – man sollte nicht bei der Feststellung stehen bleiben, dass die Briefe des jungen Dichters „sprachlich keineswegs auf der Höhe“ von Rilkes Antworten sind (Unglaub). Natürlich verfügt Kappus nicht annähernd über die Auffassungsgabe und Expressivität seines Gegenübers, aber im gelegentlichen Eingeständnis seiner Überforderung äußert sich zumindest eine liebenswürdige Ehrlichkeit. Seine Schwierigkeiten mit den Schriften Friedrich Nietzsches mögen unfreiwillig komisch wirken, hingegen kann man ein schmerzhaftes Gefühl der Isolation durchaus nachvollziehen, das mit der von Rilke propagierten Fruchtbarmachung der Einsamkeit kaum in Einklang zu bringen ist. Falsch und aufgesetzt wirken die Sätze vom „jungen Dichter“ vor allem da, wo er auf ungeschickte Weise den Ton seines Vorbildes zu treffen versucht: „Und was ich dann empfing war so schön und groß, dass ich Wochen brauchte, um ganz in den wundertiefen Geheimnissen aufzugehen, die Sie mir anvertraut haben.“

Dazu muss allerdings bemerkt werden, dass es sich hier um eine Steigerung der Schwächen handelt, die bereits Rilkes eigene Briefe prägten. Neben scharfsinnigen Betrachtungen (zum Beispiel über die Lächerlichkeit von Bildungsreisen deutscher Touristen) und ungemein schönen Formulierungen, die heute manchmal zu geflügelten Worten geworden sind („vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen“) begegnet der Leser immer wieder einer weihevollen und ausgerechnet deshalb so belanglos wirkenden Zelebrierung der Größe, Tiefe und Erhabenheit des Lebens: „Das Geschlecht ist schwer; ja. Aber es ist Schweres, was uns aufgetragen wurde, fast alles Ernste ist schwer und alles ist ernst.“ Hier spricht nicht so sehr ein einzelner Dichter als der Geist einer Epoche, wie er sich damals bestimmt in zahlreichen Poesiealben oder Sonntagsreden vervielfältigt hat. Ein heutiges Äquivalent wären vermutlich die aus den Vereinigten Staaten eingeführte positive Psychologie und ihre Durchhalteparolen, die wir unreflektiert durch unsere Unterhaltungen und Textnachrichten geistern lassen.

Es ist auch diese Anfälligkeit des eigentlich integren und eigensinnigen Dichters für die Schwülstigkeit seiner Zeitgenossen, die das „ständige […] ‘aufwärts oder hinab’“ seiner deutschen Rezeption erklärt, „zwischen Hysterie des Ruhms und des Hohns, […] zwischen Erhebung zum größten Lyriker deutscher Sprache durch Robert Musil und dem ständigen Kitschverdacht“ – so der österreichich-französische Germanist Gerald Stieg. Nun ist aber nicht zu leugnen, dass die zehn überlieferten Briefe an Franz Xaver Kappus eine Resonanz gefunden haben, die in vieler Hinsicht die von Rilkes lyrischem Werk übersteigt und in keinem Verhältnis zu derjenigen seiner in ihrem Umfang höchst beeindruckenden restlichen Korrespondenz steht. (Am 4. November 1904 erklärt der Dichter, dass er heute „schon viele Briefe schreiben mußte, so dass [s]eine Hand müde ist“. Laut einer von Unglaub zitierten Spekulation sind es schließlich 30.000 an der Zahl geworden.) Allein schon aus diesem Grund hat eine historisch-kritische Ausgabe selbstverständlich ihre Berechtigung. Sehr gerne erfährt man, dass sich Rilke und Kappus anders als vermutet im wahren Leben tatsächlich begegnet sind. Was Rilke gegenüber einer dritten Person über Kappus zu äußern hat, belegt die Aufrichtigkeit seiner Anteilnahme und verleiht seinem Glauben an die “unendliche[n] Erneuerungsmöglichkeiten” des Lebens nun doch etwas Originalität und Überzeugungskraft. Auch in die Entstehung und Rezeption der Korrespondenz geben uns das Nachwort und die Endnoten erhellende Einblicke.

Zu kritisieren ist allerdings die inkonsequente Auswahl der Informationen. Möglicherweise erleichtert die Bemerkung, dass die Uniformen des k.u.k Infanterie-Regiments „Freiherr von David“ Nr. 72 „nach ungarischem Muster lichtblau mit gelben Knöpfen“ waren, einen visuellen Zugang zu dieser Epoche. Manchmal jedoch wird allzu Bekanntes angeführt oder aber sehr spezielles Wissen vorausgesetzt. Gibt es tatsächlich einen Leser, der nicht weiß, dass Albrecht Dürer ein „Nürnberger Maler und Grafiker“ war, und dem gleichzeitig der Name des Literaturkritikers und Übersetzers Maurice Betz (1898–1946) derart geläufig ist, dass er so einfach in den Raum gestellt werden kann, irgendwie wichtig aber gleichzeitig keiner Erläuterung wert? Ähnlich widersprüchlich wirkt es, wenn auf einen saloppen Ausspruch (die Herausgeberschaft einer Zeitschrift „wimmeltevon prominenten Namen“)  literaturwissenschaftliche Fachbegriffe folgen und dann ein Abstecher in die Welt der gedankenlos angefertigten Zeitungsartikel gemacht wird. Trotzdem Rilke sich von seiner Heimatstadt schon früh abgewendet hat, tituliert ihn der Herausgeber dem Klischee entsprechend als „Prager Dichter“.

Die Frage, welche Kenntnisse und Erwartungen der Adressat dieses editorischen Projekts eigentlich mitbringen sollte, wird durch die aktuelle Ausgabe leider keineswegs beantwortet. Dem Erscheinungsbild seiner Bücher hat Rilke stets große Bedeutung beigemessen und er versuchte so gut es ging, die Kontrolle zu behalten. Die Briefe an einen jungen Dichter erschienen erst posthum, aber dieser Band 406 der Insel-Bücherei trug das von ihm sehr geschätzte und schon seit einiger Zeit bewährte Signum der auch kommerziell erfolgreichen Buchreihe. Indem der Wallstein-Verlag jetzt einige ihrer Gestaltungselemente wieder aufnimmt (der Pappband mit bedrucktem Einbandpapier fühlt sich in der Hand ähnlich an wie sein dreiundneunzigjähriger Vorgänger), vermittelt er den Eindruck, es werde ein vergleichbares Publikum wie bei der Originalausgabe angesprochen. Für den kulturinteressierten Leser ohne akademische Pflichten weckt der zum Teil durch pastellfarbene Briefe illustrierte Umschlag aber falsche Erwartungen. Gewiss, irgendwelche stilistischen Ungereimtheiten des Nachworts werden ihm nicht auffallen, und die Endnoten kann er getrost überblättern. Es bliebe für ihn also eine mehr oder weniger inspirierende Lektüre übrig – wenn da nur nicht die Briefe des jungen Dichters wären.

Denn genau in der wichtigsten Errungenschaft dieser Ausgabe liegt auch ihr wesentlicher Nachteil. Schon lange durften wir miterleben, wie Schriftsteller sich mit Rilke austauschten (Lou Andreas-Salomé, Boris Pasternak) oder einfach nur an ihm vorbeiredeten (Marina Zwetajewa). Diese im Laufe der Jahre veröffentlichten Korrespondenzen sind eine lohnenswerte und manchmal beklemmende Lektüre. Als er 1966 in Ost-Berlin verstarb, hinterließ Franz-Xaver Kappus jedoch kein Werk, das uns auf seine Briefe und Einsichten besonders neugierig machen würde. Fünf bisher unbekannte Gedichte von ihm sind im Anhang abgedruckt (wie schon erwähnt war ein sechstes bereits in der Originalausgabe zu finden), und sie können das Rilkesche Urteil eines Mangels an „eigener Art“ leider nicht entkräften. Einprägsamer, weil in einer körperlich und geistig aufreibenden Situation entstanden, ist ein längeres Feuilleton über eine „Neujahrsnacht an der Grenze“ vom 7. Januar 1909. Mithilfe konventioneller Stilmittel aber in einer klaren und einfachen Sprache schildert Kappus aus eigener Erfahrung die Leiden eines Soldaten, der an einem isolierten Ort abseits aller feiernden Menschenmassen den entfesselten Naturelementen und dem Ausbleiben eines greifbaren Geschehens standhalten muss.

Abgesehen von einem rein literaturgeschichtlichen Wert haben die Briefe, die Gedichte und dieser Bericht von Franz-Xaver Kappus aber wenig zu bieten. Sie bringen den Rezensenten vielmehr in Versuchung, es ihm nachzumachen und ohne Rücksicht auf den Leser eine langweilige Kindheitserinnerung zu teilen. Früher einmal, da gab es ein kleines Dorf in tiefster deutscher Provinz und dort standen alte Fachwerkhäuser. In den siebziger oder achtziger Jahren hatten sie alle einen Anbau bekommen. Obgleich vieles für eine solche Vergrößerung sprach (im Untergeschoss eine doppelte Garage, im Erdgeschoss ein großes Wohnzimmer und darüber eine angenehme Terrasse für die Sommertage), zerstörte sie das Gleichgewicht und war ungemein hässlich. So verhält es sich auch mit dieser neuen, erweiterten Ausgabe der Briefe an einen jungen Dichter. Sie beraubt Franz-Xaver Kappus seines wohl einzigen wirklich fruchtbaren Gedankens: den Platz freizuräumen und uns den Eindruck zu vermitteln, wir könnten ihn ausfüllen und seien selbst dieser etwas banale und formlose junge Dichter.

Oder vielleicht hätten sich Verlag und Herausgeber einfach den ersten Brief ins Gedächtnis rufen sollen. Sein Leben und seine Kunst, schreibt Rilke, solle man immer nach der Notwendigkeit richten. 

Titelbild

Erich Unglaub (Hg.) / Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter. Mit den Briefen von Franz Xaver Kappus.
Wallstein Verlag, Göttingen 2021.
147 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783835339323

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