Keine Helden der Arbeit

Brandblase, Krücke und der Ihmsche in Torsten Schulz‘ Heimatroman „Öl und Bienen“

Von Helmut SturmRSS-Newsfeed neuer Artikel von Helmut Sturm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie alle folgenden vermeldet die Überschrift des ersten Kapitels von Öl und Bienen, ähnlich wie bei Grimmelshausen oder auch bei Stefan Heyms Ahasver und Die Rättin von Günter Grass, worum es im Folgenden geht: „Wie Edwin Kronokiewitschky mit seiner Wutzner-Geschichte die Zeche bezahlt und Krücke einen Traum erwähnt.“ Die Geschichte wird vorgetragen in Lucy Schröders Wirtshaus am Rande von Nauen und erzählt von der aufgegebenen Siedlung Beutenberge in der Havvelländischen Heide. Hier hat um 1920 Adalbert Wutzner Erdöl gefunden, worauf die Siedlung entstand, und er nach dem Beginn der Förderarbeiten wegen Betrugs zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. 

Die unglückliche Suche nach dem Saft, der die Wirtschaft im Gang hält, hat sich vererbt. Der Sohn Egon gräbt bis zur Erschöpfung, kommt dafür ins Krankenhaus, Untersuchungshaft und an die Ostfront. Im Heimaturlaub schwängert er Lucinde Ihm, die wie die Nachbarinnen Edelgard Nickel und Elfriede Schrebnitz vor Gericht für ihn positiv ausgesagt hatte. Lucinde arbeitet als Putzkraft in einer Schule in Nauen und findet „die Kinder dort so nervtötend“, „dass sie hofft, der Führer werde die ungeheuer bald für seine großen Kriege benötigen“. Lothar Ihm, der den Vater, der zurück an der Front von einer Partisanenkugel getötet wird, also nicht kennen lernt, wächst im Haus der Mutter auf, arbeitet als Maurer, stürzt 1968 von einem Baugerüst und leidet seither an Rückenschmerzen, fühlt sich arbeitsunfähig, wohnt weiter bei der „Mutsch“ und wird von seinen Freunden „der Ihmsche“ genannt.

Dies alles, nur etwas genauer, erfahren wir wie die Zuhörer in Lucy Schröders Wirtshaus. Als Leser*in werden wir eingeweiht in den Freundschaftsbund des Ihmschen mit „Brandblase“, d. h. Edwin Kronokiewitschky, und Krücke, mit bürgerlichem Namen Heiner Schmidke, der Mann mit Vokuhila, der bei einem Autounfall einen Fuß verloren hat. Diese drei sind ausgesuchte Säufer und was in dem Kapitel berichtet wird, wird von manchen Rezensenten als magischer Realismus beschrieben, spiegelt aber bloß den Wahnsinn des Alkoholismus und des idyllischen Landlebens. Wir haben hier eine Art von Heimatroman, der nicht so scharf wie bei Thomas Bernhard oder so streng wie bei Franz Innerhofer daherkommt, aber durchaus kritisch das Skurrile, Verlogene und auch Morbide zur Sprache bringt. Gezeigt wird ein trotziges Festhalten an einer Tradition, die nur im Delirium enden kann: „Zum Bier als Hauptmahlzeit gehörte ohne Zweifel das Kompott.“ Edwin, Brandblase, der Chronist wird mit einer Flasche Wurzelpeter entlohnt. Für Lucy Schröder „könnte es auch ein anderer Kräuterlikör aus höherer Preisklasse sein, doch Edwin will nur seine Stammsorte. Das sei eben Tradition. Die brauche der Mensch.“

Die drei verbindet der Alkohol, früh verstorbene Väter und dass sie so gar nicht dem Ideal „Held der Arbeit“ entsprechen. Ihre Welt ist eine Art Gegenkultur zum DDR-Sozialismus. Dieses Anders-Sein macht Torsten Schulz ganz raffiniert sichtbar durch das ausführliche Einspielen der verbotenen Schallplatten, die Krücke, der in den Westen darf, mitbringt. Zu den Platten kommt er erstens durch „die Mitleidsnummer“ – „Nicht nur Krüppel, sondern auch Ostler. Der Ostler – in den Augen des Westlers ein Behinderter“, zweitens die „Fan-Nummer“ – „jeder im Westen ist von irgendwas Fan […] und jeder Fan unterstützt ab und zu einen anderen Fan“ – und drittens durch „Kirchen und Wohlfahrtsorganisationen: „die unterstützen den Ostler prinzipiell gern.“

Übrigens ist auch für Krücke, der doch nach Westberlin darf, die Welt von Beuteberg und Nauen eine abgeschlossene. Bezeichnend, wenn er feststellt: „Mein Draußen ist die Vergangenheit.“ Dieses Abgeschlossene ist typisch für die Idylle, die sich wie oft im modernen Heimatroman als Anti-Idylle herausstellt.

Viel Erstaunliches berichtet der Roman über die Spielarten der Liebe, besonders über das Verhältnis des Ihmschen zu Agnes, der „Huckerin“, die er am Bau kennengelernt hat, vor der er flüchtet und die ihn auf Grund einer von der Nachbarin nach dem Tod der Mutter verfassten Heiratsannonce schließlich im verbarrikadierten Haus wiederfindet. Agnes, der „Inhaberin einer kurzen Zündschnur“, hält die verschlossene Haustür nicht stand. Was die Heiratsannonce ausgelöst hat, ist Farce und Komödie, Einsamkeit und Melancholie.

Die verlassene Siedlung Beuteberg wird in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts von einem Investor aus Bremen gekauft. Er lässt sie verfallen, um einen Golfplatz anlegen und ein Hotel bauen zu können. Doch „tief in der Havelländischen Heide“ gibt es noch immer „außer Sand und Sträuchern kaum etwas zu sehen“. Hier „befand sich einst, von 1920 bis später, die Siedlung Beutenberge.“ Es lohnt sich ihre Geschichte zu lesen.

Titelbild

Torsten Schulz: Öl und Bienen.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2022.
224 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 9783608985009

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch