Lob der Demokratie, Kritik an Männern

Die japanische Literatin Akiko Yosano erörtert in ihren Essays aus den Jahren 1911-1930 zeitkritische Themen und erscheint dabei ebenso kosmopolitisch wie aktuell

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Akiko Yosano (1878-1942), eine in Japan zu den führenden Persönlichkeiten der literarischen Moderne zählende Poetin und Publizistin, ist in Europa kaum bekannt. Eine Auswahl ihrer essayistischen Beiträge in deutscher Sprache präsentiert nun der Band Männer und Frauen aus dem Manesse Verlag. Zusammengestellt und übersetzt hat die darin enthaltenen Texte Eduard Klopfenstein. In seinem Kommentar betont der Züricher Japanologe, dass die Autorin sowohl mit dem lyrischen Werk wie auch mit ihrem auf „die Veränderungen in der Politik und in der Gesellschaft gerichteten Schreiben“ endlich als Schlüsselfigur des kulturellen Lebens in der japanischen Moderne zu entdecken wäre. Er wünscht sich, die europäische Leserschaft möge sich mit der Schriftstellerin vertraut machen – zumal ihre Themen auch die Basis für ein differenzierteres Japanbild bieten würden. In der Tat besitzen die Essays – nach zehn Dekaden gerade heute wieder eine eigenartige Aktualität.  

Kunst, Geld, Öffentlichkeit 

Entgegen dem Klischee von der schweigsamen, unterwürfigen Japanerin äußert sich die Autorin unerwartet temperamentvoll und direkt. Sie zeigt sich schon eingangs bei ihren Überlegungen zum Paradigma Kunst und Geld als ebenso engagiert für die Sache einer anspruchsvollen Literatur, wie sie pragmatisch den Realitäten des Alltags gegenübertritt: „Populäre Inhalte lassen sich eben leichter in Geld für den Lebensunterhalt verwandeln als Texte mit eigenem künstlerischem Anspruch.“ Für sie scheint es wichtig, bei der Frage nach dem Standpunkt zwischen Kunst und Verdienst, eine klare Position zu beziehen. Akiko Yosano möchte selbst Auftragsarbeiten den „angemessenen ‚Ich‘-Stempel“ aufdrücken, da es ihr widerstrebe, sich zu „maskieren“, d.h. auf unterschiedlichen Qualitätsebenen zu schreiben und als Verfasserin je nach Endprodukt mehrere Rollen einzunehmen – journalistische Beiträge sollen nicht schlechter behandelt werden als das geliebte lyrische Gedicht, das, wie sie mit Bedauern anmerkt, von „der Menge“ zu wenig gekauft werde. Die selbstbewusste Literatin, die in jungen Jahren durch ihre Liebesheirat gesellschaftliche Konventionen verletzte, reflektiert die Lage des schriftstellerisch tätigen Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ungeschönt: „es gibt nichts Erbärmlicheres als die Existenz eines unbegabten oberflächlichen Künstlers. Nach außen hin lässt sich das vielleicht überspielen, aber die innere Qual des Betroffenen dürfte kaum zu übersehen sein.“ Literatur als Berufung und Quelle für die Daseinssicherung sei nichts für zart besaitete Gemüter, hätte man ja zunächst die Konkurrenzsituation zwischen Kollegen zu bewältigen, um sich zudem nach außen hin bewähren zu müssen: „und dann ist da auch noch etwas so Furchteinflößendes wie die öffentliche Reputation. Wer einen schwachen Willen oder einfach Pech hat, kann aufgrund der Reputation für immer in der Versenkung verschwinden.“ 

Kritik am System 

Die Schriftstellerin, die durch ihren Erfolg wesentlich zum Erhalt der kinderreichen Familie beitrug – vor allem in der Phase, in der ihr Mann, der Lyriker und Herausgeber Tekkan Yosano (1873-1935), eine berufliche Durststrecke durchstehen musste –, betrachtet nicht nur das Literaturgeschäft kritisch. Durchdacht hat sie zusätzlich die gesellschaftlichen Zusammenhänge von politischen Entscheidungen (oder mangelndem Engagement der Politiker), negativen Marktentwicklungen und den dergestalt oft eingeschränkten Möglichkeiten des Einzelnen, seine Lebenszeit erfüllend zu gestalten.  

Viele Unzulänglichkeiten des japanischen Systems mit seinen alten Machtstrukturen seien, so im Aufsatz „Die politischen Verhältnisse unseres Landes aus dem Blickwinkel der Frauen betrachtet“ (1920), auf dem Weg der Beseitigung:  

Die parasitären Cliquen vom Schlage der feudalen Clans, der Parteioligarchien und der Plutokraten sind dem Untergang geweiht, sobald die Japaner ein demokratisches Bewusstsein entwickelt haben. Die feudalen Clans sind bereits verschwunden. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Parteioligarchen das Feld räumen. 

Yosano wirft den Parteien Altersschwäche und geistige Unbeweglichkeit vor. Man träume „nur vom Eigennutz und der autokratischen Willkür vergangener Zeiten“. Geleitet würden deren Mitglieder „allein von der unmittelbar vor Augen stehenden politischen Machtausübung und den sie begleitenden selbstsüchtigen Ränkespielen“ oder vom „brennenden Verlangen, sich die aktuelle Position eines Ministers oder Parlamentariers zu sichern“. Außen- und innenpolitische Missgriffe seien zutage getreten:  

Wen trifft die Schuld für die zunehmende Entfremdung zwischen China und Japan? Wer hat mehrere Hundert Millionen an Staatsvermögen für die sibirische Regierung verbraucht? Wer hat siebzig Millionen Yen zugunsten der staatlichen Importreis-Politik vergeudet und das Los des ohnehin von heftigen Preissteigerungen gebeutelten Volkes noch verschlimmert? 

Insofern hofft die Literatin darauf, dass die parasitären Eliten, die zu einem grundlegenden Wandel im Sinne der Demokratisierung nicht mehr fähig seien, ihren unaufhaltsamen Niedergang beschleunigten. Jüngste Volksbewegungen hätten sich für „das allgemeine Wahlrecht und für die Lösung der Preis- und Arbeitsprobleme“ eingesetzt; sie unterstützt ein solches Engagement unbedingt und konstatiert: „Politische Übung erwirbt man sich durch Teilnahme an der Politik“.  

Männer 

Da die Politiker meist Männer sind, schließt sich hier die Kritik am männlichen Geschlecht, dessen Erhöhung über das Weibliche Yosanos Meinung nach keinesfalls gerechtfertigt sei, gleich an. Im Essay „Männer und Frauen“ (1911 / 1915) heißt es grundsätzlich: „Vergleicht man Männer untereinander, zeigt sich alsbald, dass viele in Bezug auf Wissen, inneren Reichtum und Willenskraft nicht an durchschnittliche Frauen heranreichen.“ Weiter:  

Es gibt viele ungebildete, unfähige Männer, Männer ohne gesunden Menschenverstand, von Aberglauben besessene Männer, Männer, denen jegliche Lebenstüchtigkeit abgeht, arbeitsscheue Müßiggänger, Feiglinge und Schwächlinge, die jede Anstrengung vermeiden. 

Für die Zukunft plädiert sie dafür, weniger zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden, sondern idealerweise nur den Menschen als solchen wahrzunehmen und sein Wissen und seine Fähigkeiten zum Maßstab einer Beurteilung zu machen. Als gutes Zeichen erkennt die Autorin, dass „Bewegungen für die politischen Rechte der Frau jetzt überall in der Welt an Dynamik gewinnen, und es ist kein Wunder, dass auch in unserem Land Frauen bereits als Abgeordnete, Verwaltungsbeamtinnen, Professorinnen oder Anwältinnen wirken.“  

Frauen mögen sich als Wahlkampfhelferinnen für eine fortschrittliche Regierung – bis man endlich das allgemeine Wahlrecht für Frauen einführt – nicht etwa leichtgläubig dem Reputationsbedürfnis der Kandidaten unterordnen, sondern deren Qualifikation als Vertreter des Wahlvolks hinterfragen. Den Frauen, die kaum von der Macht kontaminiert wären, traute Yosano damals zu, die besseren Menschen zu sein und die Gesellschaft entsprechend zu erneuern. In ihrem Lied für das Frauenwahlrecht dichtet sie u.a. die Strophe: 

Unser Fleiß unsere Liebe und unsere Anmut 
wird alle Rohheit allen finsteren Hass besiegen 
Dort wo die Kraft der Frauen sich entfaltet 
da werden erstmals Friedenslichter leuchten 

Demokratie: Als ein Wort Energien freisetzte 

Bereits im Beitrag „Die japanische Politik aus der Perspektive der Frauen betrachtet“ (1917) hebt die Verfasserin hervor, wie sehr sie die „heutigen sogenannten Parteien“ als Zusammenschlüsse versteht, die „keinen anderen vordringlichen Zweck hätten, als sich auf der Grundlage der Volksrechte der Staatsgewalt zu nähern“. Das Land solle deshalb nicht mehr „von überparteilichen militaristischen Bürokratenkabinetten oder autokratischen, demokratisch maskierten Pseudoparteien“ bestimmt werden. Für die jüngere Generation, die deutlich spüre, „wie die Gegenwart von zukünftigen weltweiten Kräften mehr und mehr in Mitleidenschaft gezogen“ würde, gelte es, auf genuin demokratische Art und Weise das Volk an Entscheidungen zu beteiligen und daher der großen Mehrheit des Volks durch Erweiterung des Wahlrechts Gehör zu verschaffen.  

Demokratie habe als Schlagwort „gewaltige Energien“ freigesetzt, erklärt Yosano in „Meine Überlegungen zur Demokratie“ (1919). Wenn der demokratische Gedanke im Lande wahrhaftig den Status der Unangreifbarkeit erreicht haben sollte, würde sie sich sehr freuen. Echte demokratische Verhältnisse blieben allerdings für etliche Bereiche der japanischen Gesellschaft erst noch herzustellen. Gemeint ist zum Beispiel der Sektor Erziehung. Hier wäre eine Koedukation von Knaben und Mädchen zu fordern, „von der Elementarschule bis zur Universität“, sowie darüber hinaus die Abschaffung des Eintrittsprüfungssystems, das den Zugang zur Bildung erschwere. Ebenso müsse die Arbeitswelt stärker demokratisch geformt sein, was man zu einer „Liebesdemokratie“ ausweiten müsse. Die Liebesbeziehung zwischen einer Tochter aus begüterter Familie und einem Chauffeur dürfe nicht skandalisiert werden. Worin bestünde denn die moralische Überlegenheit einer „Geldhochzeit“ oder die einer „lieblosen“, durch Ehevermittlung zustande gekommenen Verbindung? 

In „Frauen und Politik“ hält die Schriftstellerin eine Maxime der modernen Demokratie fest: Der demokratische Geist postuliere „Freiheit, Gleichheit, Menschenliebe“. Nicht statthaft sei es, wenn der Innenminister Kanetake Ôura (1850-1918) per „Polizeieinsatz und der Macht des Geldes“ Vertreter der Regierungsparteien ihren Platz behaupten ließe. Der Politiker möge – wieder baut Yosano auf das Moment der Empörung – seine „Hinterlist“, seine „Pressionen“ und seine „starrsinnige Willkür“ am besten weiter auf die Spitze treiben, damit sich das „Freiheitsdenken“ der alten Meiji-Verfassung am Ende aufs Neue entfalten könne.  

Man sieht: Andere Zeiten, andere Namen und nicht ganz unähnliche Verhältnisse gegenüber jenen zu Beginn des 21. Jahrhunderts – abschließend wird noch die 1918er Pandemie („Spanische Grippe“, 1918-1920) erwähnt. Der vorliegende Band ist auf verschiedenen Ebenen – als Einlassung zur Politik sowie als Dokument der Frauenemanzipation – sehr lesenswert, auch wenn Akiko Yosanos Kritik an ihren Maßstäben nach naiven, ungebildeten Geschlechtsgenossinnen sowie ihre Härte und Konsequenz heute wohl eher auf weniger Verständnis treffen dürften. 

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Akiko Yosano: Männer und Frauen.
Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein.
Manesse Verlag, München 2022.
160 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 9783717525424

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