Queer auf Russisch

Mikita Franko erzählt in seinem Debütroman „Die Lüge“ am Beispiel einer Regenbogenfamilie, wie wichtig es ist, sich selbst anzunehmen

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der in Kasachstan geborene und heute in Moskau lebende Mikita Franko (Jahrgang 1997) zeigte sich in einem Interview verwundert über das große Interesse an seinem Roman:

Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich Menschen in anderen Ländern für meinen Roman interessieren könnten und war der Meinung, was ich als Problem thematisiere, beziehe sich vor allem auf Russland. Ich dachte, in Europa wäre die Situation von Regenbogenfamilien ein längst abgeschlossenes Kapitel.

Gewiss, queeres Leben gehört zu unserem westlichen Alltag, begleitet von Antidiskriminierungsgesetzen und der Ehe für alle. Es wurde viel erreicht, und die urbanen Räume von Großstädten sind unverkennbar von Diversität geprägt. Und trotzdem gehören Anfeindungen, Hass und auch Gewalt gegen Homosexuelleund Transmenschen zur Tagesordnung. Worte wie Schwuchtel und schwul gehören nach wie vor zu den häufigsten Diffamierungen, verbunden mit einer manifesten Homofeindlichkeit – auch in einer Stadt wie Berlin, in der ich lebe, ist das so.

Der Held des Romans heißt nicht zufällig wie sein Autor Mikita, kurz Miki, denn wir dürfen den Roman wohl als autofiktional lesen. In welchem Umfang sich darin das Leben des Autors widerspiegelt, der sich im wahren Leben als trans* definiert, ist zweitrangig, denn im Vordergrund steht nun mal das Literarische, von dem ein Roman mit fast 400 Seiten genügend bieten sollte. Im Vergleich mit einem anderen, ebenfalls schwulen Debütroman, nämlich Ocean Vuongs Auf Erden sind wir kurz grandios, der 2019 im Carl Hanser Verlag erschien, gibt sich Franko literarisch weniger experimentell, und bevorzugt eine geradlinige, streng chronologische und sehr eingängige Erzählweise.

Die Geschichte beginnt mit dem frühen Tod von Mikis Mutter. Sein Onkel Slawa, der Bruder seiner Mutter, nimmt sich des Vierjährigen an. Slawa lebt mit dem um einige Jahre älteren Lew, einem Arzt, zusammen. Sie sind schwul und so entsteht mit dem hinzukommenden Kind eine Regenbogenfamilie. Es lebe die Diversität, die Queerness. Aber so einfach ist das nicht, denn die drei leben in Russland, wo Homophobie staatlich gefördert wird und im Alltag ohnehin allgegenwärtig ist. Also lernt Miki als erstes, dass es zwei Sprachen gibt: die in den eigenen vier Wänden gesprochene und jene für draußen, wo die anderen leben. Für Miki beginnt ein Versteckspiel und eine Dauerlüge. Die Konflikte sind vorprogrammiert und sie hinterlassen bei ihm mental ihre Spuren.

Doch die Sache mit der Lüge entwickelt sich noch in eine andere Richtung, mit der wir Leser*innen mit dem Älterwerden Mikis konfrontiert werden. Unklar indes, ob das der Autor so beabsichtigte. Denn ausgerechnet Miki, der mit seinen beiden schwulen Vätern doch eigentlich verstanden haben sollte, wie wichtig es im Leben ist, sich selbst anzunehmen, und was Selbstbewusstsein bedeutet, hat seine Lektion nicht gelernt und versagt jämmerlich. Wie aber sollen einen andere akzeptieren, wenn man es für sich selbst nicht fertigbringt. Eines scheint jedoch klar, schwul zu sein in Russland, ist zwar nicht unmöglich, aber eine ziemliche Herausforderung.

Franko reiht Episode an Episode und mit jeder gehen wir ein kleines Stück voran im Leben von Miki, wobei wir die Regel bestätigt bekommen: Kleine Kinder kleine Sorgen und große Kinder große Sorgen. Der Alltag dieser russischen Regenbogenfamilie gewinnt schon durch die erzählerische Ausführlichkeit eine beeindruckende Plastizität. Nichts wird ausgelassen und Mikis Schulalltag haarklein mit seinen wenigen Höhen und vielen Tiefen ausgebreitet. Wobei der Junge nur mit Widerwillen die Regeln des Versteckspiels annimmt und seine beiden Väter auch mal Lügner schimpft. Bewundernswert die Engelsgeduld der beiden.

Je älter Miki wird – irgendwann landen wir in seiner Pubertät – desto deutlicher zeigt sich sein größtes Problem zwischen all dem Drama und dem großen Kino: Er steht sich selbst im Weg. Jedes Angebot an ihn wird durch seinen moralischen Rigorismus nachgerade selbstzerstörerisch zum Problem umfunktioniert. Und so erleben wir ihn als einen überheblichen, ständig beleidigten, weinerlichen Egoisten. Was ihm und so auch dem Roman eigentlich fehlt, das wird im Vergleich zu dem hier erwähnten Roman von Ocean Vuong, der ebenfalls randvoll mit Problemlagen aller Art ist, sofort sichtbar: Es fehlt das Begehren, es fehlt die Liebe. Dort, wo sie bei Franko erst ganz zum Schluss in der Begegnung von Miki und Gleb aufscheint, wird sie auch sofort in Ekel ertränkt, obschon Miki sich eingesteht: „meinem Körper hatte der Kuss gefallen“. Einmal jedoch gibt es diese Selbsterkenntnis, die freilich folgenlos bleibt: „Menschen, die mich verstanden hätten, gab es zur Genüge, aber gerade die wollte ich merkwürdigerweise nicht in meiner Nähe.“

Sollte Mikita Franko weiter Romane schreiben, dann wäre ihm zu wünschen, die Liebe doch wenigstens ins Kalkül zu ziehen und vielleicht doch noch eine Lektion zu lernen: sich selbst anzunehmen wie man ist. Die letzten Zeilen des Romans enden in diesem Sinne immerhin verhalten optimistisch, dass es gelingen könnte. Denn Miki verabschiedet sich von seinen Suizidgedanken, indem er einen Brief mit der Aufschrift „Öffnen, wenn ich schon tot bin“ zerreißt: „Ich werde mich niemals umbringen.“ Viel Glück!

Titelbild

Mikita Franko: Die Lüge.
Aus dem Russischen von Maria Rajer.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2022.
400 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783455013672

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