Über die Grenzen der Literaturkritik

Der zweite Vorlesetag des Bachmannpreises in Klagenfurt

Von Bozena Anna BaduraRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bozena Anna Badura

Der ‚Bachmannfreitag‘ beginnt mit strahlender Sonne und (traditionell) einer kurzen Rückschau auf die Diskussionen des Vortages. Auch heute erfolgte die Begrüßung aus dem Garten, während die Jury, von ihrem Moderator noch getrennt, in einem schalldichten Raum auf ihren Auftritt wartete. Am ersten Vorlesetag war sich die Autorin dieses Beitrags recht sicher, dass die neue räumliche Anordnung die Literatur vor die Tür setzen würde. Doch heute hegt sie nun den Verdacht, dass es die Kritik ist, die heimlich eingeschlossen wird, während man den Vorlesenden im Garten eine in alle Richtungen der Welt offene, mit Büchern und Blumen drapierte Bühne anbietet. Symbolisch erscheinen hier nicht nur die gewählten Orte, sondern auch die damit verbundenen Folgen. Denn während im Fernsehstudio allein den Juror*innen die Stimme erteilt wird, herrscht um die Lesebühne ein buntes und lebendiges Treiben. Und immer wieder drängt sich die Welt persönlich in die vorgelesene Literatur, ob als Vogelgezwitscher, als Summen der Flugzeugmotoren oder in Form des Martinhorns. Dann entsteht meist eine kurze Lesepause, die bedeutungsträchtig das Vordringlichsein des echten Lebens über das erzählte fordert. Manchmal gelingt es aber auch der Welt, sich in die Literatur einzuschreiben, indem sie passend für eine dramaturgische Untermalung des Textes sorgt.

Wie kam der erste Vorlesetag nun bei den fachkundigen Beobachter*innen an? Eine keineswegs repräsentative und (zugegeben) sehr beliebig durchgeführte Umfrage ergab, dass die meisten Texte des ersten Tages tendenziell als schwach bewertet wurden, was wiederum unweigerlich zu der Frage führt, welche Erwartungen an die Texte herangetragen werden. Was sollen, können, müssen in Klagenfurt vorgetragene Texte leisten? Dass man mit gewissen Themen, einer bestimmten Struktur, mit bestimmten sprachlichen und stilistischen Mitteln durchaus mehr Chancen auf den Gewinn des Wettbewerbes hat als ohne sie, wurde in der Vergangenheit mehrfach bewiesen. Und verfolgt man die Urteile und die Diskussion der Juror*innen, kommt man nicht nur zu dem Schluss, dass jede/r mit einer Handvoll eigener Kriterien an die Texte herantritt, sondern vor allem, dass von den Erzählungen ein Drahtseilakt gewünscht wird: die Befolgung bestimmter literarischer Regeln und Traditionen bei deren gleichzeitiger (aber doch mäßiger!) Missachtung (Hashtag: ‚Individualität und Innovation‘). Diese Erwartung schien auch in der Jurydiskussion mitzuschwingen.

Nun aber zum Wesentlichen. Heute wurden erneut fünf Texte vorgelesen, wobei dem Publikum im Garten und den im Studio Eingeschlossenen folgende Protagonist*innen begegneten: Eine schwangere Eremitin mit dem Wunsch einer Abtreibung, ein belesener Gefängnisinsasse, ein Flüchtiger, der sich an seine Kindheit erinnert und uns über das Leben zwischen zwei Sprachen unterrichtet, eine Frau, der nach einer Diagnose der Boden unter den Füssen entgleitet, und last but not least ein amerikanischer, recht geschwätziger anonymer Autor, der „kurz vor Fertigstellung der ersten Szene bei dem Versuch, die Straße vor seinem Haus zu überqueren, spurlos verschwunden“ ist.

Der erste Text des zweiten Tages stammt von Ana Marwan, die auf Einladung von Klaus Kastberger an dem Klagenfurter Literaturwettbewerb teilgenommen hat. Wechselkröte erzählt das Porträt einer Eremitin, die in der mehr oder minder freiwilligen Abgeschiedenheit einer ländlichen Idylle wohnt und unerwartet schwanger wird. Der Text besteht aus zwei Teilen, wobei die Verkündung der Schwangerschaft nicht nur das Leben der Protagonistin, sondern auch den Text an sich verändert. Die Jury erachtet den Text als gelungen, dabei wurde ausführlich über die in ihrer literarischen Qualität und sprachlichen Präzision differierenden Textabschnitte diskutiert, und zwar hauptsächlich vor dem Hintergrund, wie diese Teile miteinander zusammenhängen und aufeinander bezogen werden können. Gelobt wurden außerdem die reife Sprache, die besondere Textmelodie, die eingesetzten Motive, die Möglichkeit der Einordnung in die literarische Tradition sowie die durchgeführte Dekonstruktion einiger Mythen, wie z.B. des Landlebens als einer Idylle. Viel beachtet wurde zudem die offene Form des Textes, was nicht nur als ein Qualitätsmerkmal dieses Textes, sondern der Literatur allgemein bezeichnet wurde.

Weniger wohlgesonnen war die Jury dem zweiten Vorleser des Tages. Denn Behzad Karim-Khani entzündete mit seinem Text über den zwar belesenen, doch auch zwanghaften Gefangenen eine hitzige Jurydiskussion und ließ die Jury über einige Grundlagen der Literaturkritik und Voraussetzungen guter Literatur disputieren. Showing oder Telling? Die Meinungen gehen auseinander. Müsste man anstelle des Satzes „Die Gedanken kamen und gingen“ nicht doch besser zeigen, welche Gedanken dem Insassen in seiner Einzelzelle kommen, fragte u.a. Brigitte Schwens-Harrant. „Muss man das?“ Erwiderte Philip Tingler. Und welche Rolle spielen die eigenen Erfahrungen bei der Fähigkeit, einen guten literarischen Text erstellen zu können? Diskutiert wurde zudem über die Genreliteratur, wobei der Begriff keinesfalls abwertend zu verstehen sei, und über die von Vea Kaiser als überholt erklärte Trennung zwischen E- und U-Literatur. Für eine humorvolle Einlage sorgte Michael Wiederstein, als er sein Fachwissen bezüglich des gewöhnlichen Zustandes der Blechspiegel im Knast teilte. Und auch wenn die Jury den Text allgemein als interessant empfunden hat, wurde ihm dennoch ausdrücklich ein Lektorat empfohlen.

Wer regelmäßig Nicola Steiners Literaturclub anschaut, dem wird der nächste Autor des Tages kein Unbekannter sein. Ob es an dem Text lag oder an der Tatsache, dass es sich bei Usama Al Shahmani nicht nur um einen Autor, sondern gleichfalls um einen Kritikerkollegen handelt, lässt sich nicht zweifelsfrei herausfinden, doch sein Text namens Porträt des Verschwindens ließ die Jury ambivalente Haltungen entwickeln. Denn so gut wie alle Jurorinnen und Juroren haben sich über den Text gleichermaßen positiv wie negativ geäußert. Der wichtigste Kritikpunkt an dem Text war seine Konventionalität. Dennoch wurde der Text an anderen Stellen gelobt, z.B. für die gut gewählte Perspektive eines Kindes oder den Umgang mit der Geschichte. Doch schien sich die Diskussion immer wieder im Kreis zu drehen, ohne neue Argumente hervorzubringen.

Der lyrisch angehauchte Text Sand von Barbara Zeman schaffte dann das scheinbar Unmögliche: Er ließ Klaus Kastberger und Philipp Tingler ein gemeinsames Lager aufschlagen! Er brachte die Jury auch scheinbar an ihre Grenzen, denn nach der anfänglichen Kritik – der Text nutze aus der Mode gekommene literarische Mittel, sei wegen seiner Nähe zu Venedig und zahlreichen Anspielungen auf Klassiker der Literatur überfrachtet –, haben sich zunehmend positive Stimmen gemeldet. Unklar blieb allerdings, ob es sich bei dieser Diskussionsrunde wirklich um die Verteidigung des Textes handelte, oder vielmehr darum, ein Gegenlager zu Kastberger und Tingler zu bilden. Nach einem regen Austausch über den Text verlagerte sich die Diskussion zum Teil auf die allgemeine Frage, ob die Literaturkritik an einem literarischen Text scheitern könne. Die Antwort von Brigitte Schwens-Harrant kam prompt: Verstehe man als Kritiker einen Text nicht, dann helfe eine erneute Lektüre.

Für einen heiteren Ausklang des Tages sorgte Mara Genschel, die einen Schnurrbart trug – was nach eigenen Angaben zu ihrem persönlichen Stil gehöre, sie habe sich fürs Vorlesen schick machen wollen. Ihr Text erhielt so einen performativen Charakter. Damit sorgte sie nicht nur beim Publikum für eine ausgelassene Stimmung, sondern zunächst auch unter den Juror*innen, insbesondere als Insa Wilke von Philipp Tingler nach der Motivation gefragt wurde, diesen Text vorzuschlagen. Tingler war bereits auf die poetologischen Traditionen und literarischen Stilmittel gespannt, die sie in diesem Text gefunden haben wollte. Die Juryvorsitzende verteidigte ihre Wahl damit, dass es sich hierbei um einen Text handle, der sich einer Botschaft verweigere. Generell war zu erkennen, dass es der Jury nicht leicht fiel, den Text getrennt von der Performance zu betrachten, sodass die Diskussion immer wieder bewusst auf den Text zurückgeführt werden musste.

Morgen erwarten die Beobachter*innen des Wettbewerbs die letzten vier Texte. Die Spannung steigt.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen