Wellen wahrer Worte rund um Wal und Menschen

In „Zur See“ brilliert Dörte Hansen mit der Darstellung eiländischer Anti-Idylle

Von Anne Amend-SöchtingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne Amend-Söchting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine knappe Woche nach dem Kinostart der Verfilmung von Dörte Hansens zweitem Roman, Mittagsstunde (2015), ist Zur See erschienen. Obwohl die Autorin, so lässt sich vermuten, nicht zur Gruppe gewiefter Marketing-Strateg*innen gehört, liegt hier ein geschicktes Time-Management vor. Egal: zu hoffen ist allein, dass die bewegten Bilder, so vortrefflich sie auch sein mögen, niemanden von der Lektüre abhalten, weder von Mittagsstunde noch von Zur See, ein Folgeroman, der mindestens genauso gut ist wie sein Vorgänger.

Bereits das minimalistische, im Farbfeld Rot, Schwarz und Weiß gehaltene Cover stimmt nachdenklich und umfängt, nahezu wie der Text, seine Leser*innen mit unsagbarer Dichte. Die schwingende Fluke und das umgekippte Boot mit einem Menschen in roter Kleidung, die Sabine Kwauka in Tattoo-Strichtechnik gestaltet hat, bieten die perfekte Einstimmung auf das Kommende. Verzweifelt versucht die Figur, den Wal mit Stricken zu fangen. Dreht man die Abbildung um, mutieren die Stricke zu den Fäden einer Marionette, die von jemandem oder etwas dirigiert wird.

Die Handlung des Romans erstreckt sich über ein knappes Jahr. Sie beginnt im September, hält sprungraffend bei jeder Jahreszeit inne, fokussiert wesentliche chronologische Stationen und ist fast ausschließlich auf einer No-Name-Nordsee-Insel angesiedelt, „irgendwo in Jütland, Friesland oder Zeeland“ – einer Synthese aus vielen Nordsee-Inseln, in der Merkmale verschiedener Vorbilder, abhängig vom Kenntnisstand der Lesenden, auszumachen sind.

In der kleinen Inselstadt gibt es ein besonders betagtes und schmuckes Kapitänshaus, umrundet von einem Walfischknochenzaun, der in die Jahre gekommen ist. Dort lebt Hanne, knapp 70 Jahre alt. Seit kurzem hat sie ihren ältesten Sohn Ryckmer wieder bei sich aufgenommen, weil dieser sich „langsam, aber konsequent von der Kommandobrücke eines Tankers auf einen Nordseependelkahn herabgesoffen“ hat. Hannes Tochter Eske arbeitet als Pflegekraft im Seniorenheim der Insel und ihr Jüngster, Henrik, ein Wunschbaby, das vor genau 30 Jahren ihre Ehe kitten sollte, ist täglich an der Wasserkante unterwegs, um dort Treibgut aufzusammeln, das er zu Kunstwerken verarbeitet. Hannes Ehemann Jens lebt seit 20 Jahren als einziger Mensch auf einer nahegelegenen Vogelinsel. Als ihn ein junger Ornithologe ablöst, kehrt er sang- und klanglos zu Hanne zurück, teilt zwar nicht mehr das Bett, aber den Tisch und allabendlich die Fernbedienung des Fernsehers mit ihr.

Im Januar strandet ein Pottwal vor der Insel. Als feststeht, dass er nicht zu retten ist, wird er in einer blutigen Prozedur auseinandergenommen und seiner Fettschichten entledigt. Kurz darauf fährt Eske, so wie jedes Jahr, zum „Inselfasten“ auf das Festland, wo sie vier Wochen bleiben wird. Sie wohnt bei ihrer Freundin Freya, einer Tätowiererin. Danach packt sie, so wie früher, das Heimweh nach der Insel.

Innerhalb eines Jahres vollenden sich Entwicklungen, die sich zuvor abgezeichnet haben. An Pfingsten erreichen sie ihren tragischen Paroxysmus. In dieses narrative Kontinuum bindet Dörte Hansen zum einen eine Vielzahl von Rückblicken auf das frühere Leben der Familienangehörigen ein, zum anderen Verweise auf das, was man als mythischen Urgrund deklarieren könnte – ein Geflecht aus Metaphern, Personifikationen und Symbolen, kurzum ein rhetorisches Gerüst, das die Familie als typisch herauskristallisiert und als Teil einer kollektiven Traditionslinie ausweist, in der Episodisches und somit individuell Biografisches zu verorten ist.

Einer, der auf fiktionaler Ebene alle Fäden in der Hand hält, ist Ryckmer Sander, quasi das Gedächtnis der Insel:

Auf allen Inseln gibt es einen, der die Sagen kennt, die alten und die neuen Mythen, all die wahren, halbwegs wahren, frei erfundenen Geschichten über diese See, die Menschen, ihre Schiffe, ihre Angst. Er muss sie weitersagen, ob er möchte oder nicht, denn die Geschichten suchen den Erzähler aus, nicht umgekehrt.

Die Geschichten selbst haben ihn als Hüter der Inselnarrative auserkoren. Vor einem solchen Hintergrund erweist sich Hansens Roman als metanarrativ, als wirkmächtige Geschichte über die Geschichten, sich manifestierend als narrativer Flow, dieser wiederum getragen, prononcierter noch als in Mittagsstunde, von einer austariert heterodiegetischen, vorsichtig auktorialen, wechselnd fokussierenden und sich implizit positionierenden Erzählstimme. Sie ist präsent und empathisch, sie ist emotional, ohne zu sentimentalisieren, sie gibt Allgemeines von sich, ohne in Allgemeinplätze zu verfallen, sie typisiert, ohne das Individualisieren zu vernachlässigen. Sie ist eindringlich, durchdringend, anrührend, packend und lässt ein Procedere des initialen und dann in den meisten Kapitelanfängen zum Einsatz kommenden Voranschreitens vom Allgemeinen zum Besonderen erkennen. Genauso wie die gelungene Durchmischung von Typ und Individuum ist dieses Verfahren am ehesten mit der Kunstfertigkeit Honoré de Balzacs und zusätzlich mit dessen magischem Realismus zu vergleichen. Das rundum spannende Mosaik aus schillernden Bedeutungs-Atomen dynamisiert sich mit einer Sprache, deren syntaktischer Rhythmus – wie von Hansen gewohnt – die Intensität eines Prosagedichts erreichen kann, sich neben der Bildlichkeit im engeren Sinne nährt von Asyndeta, Parallelismen und anderen Wiederholungsstrukturen. Diese ausgeklügelte und ziselierte Wort-Welt vereinnahmt ihre Leser*innen und verzaubert sie.

Im Gegensatz zu Mittagsstunde hat Hansen nun auf Dialektpassagen verzichtet, was nicht verwundert, gibt es doch eigentlich keine Dialoge. Einmal wird Jens Sander von seinem Nachfolger angesprochen, reagiert aber nicht verbal. Die Eheleute Sander reden sowieso nicht miteinander, alle anderen Inselbewohnenden sind lakonisch unterwegs. Dennoch spielt Sprache eine nicht unbedeutende Rolle: Eske hat Sprachwissenschaft studiert. Während ihrer alljährlichen Festlandsaufenthalte besucht sie Flemming Jespersen, einen Professor, den sie aus Kindheitstagen kennt, weil er ein regelmäßiger Gast in der Pension war, die Hanne früher betrieben hat. Er ist außerdem der Einzige, dem Ryckmer jemals vom sexuellen Missbrauch durch einen anderen Touristen berichtet hat.

Nicht die Menschen haben ihre Themen, sondern tendenziell ist es umgekehrt: diese okkupieren jene, halten sie am Gängelband und determinieren sie. Hansen verdeutlicht die diachronische Tiefe der Themen: sie sind eingewoben in hierarchisierte Archetypen, adaptieren sich an die Zeitläufte und beweisen in ihrem Kern Konstanz. Im Gegensatz zu ihnen sind die Menschen vulnerabel und vergänglich. Eine Atmosphäre des Niedergangs ergreift peu à peu und mit der unsteten Bewegung eines Tremors fast alle der Familie Sander: Jens, der an der „Zitterkrankheit“ leidet; Hanne, die ihre Hände nicht ruhig halten kann; Ryckmer, der vergangene Sturmfluten ohne Unterlass analysiert, um die kommenden zu berechnen; Henrik, der schon als Kind niemals still halten und kein Schuhwerk an den Füßen ertragen konnte.

Die psychosomatische Unruhe doppelt das Tosen der Naturgewalten, akzentuiert, dass diese als Damoklesschwert über den Insulaner*innen schweben, als brachiale Stürme, die Monsterwellen verursachen. Der Kaventsmann, die weiße Wand und die drei Schwestern, letztere an die Nornen erinnernd, bezeugen auf prägnante Weise die Effizienz einer anthropomorphisierten Natur rund um das Meer als verschlingendes Ungeheuer, als grausame, dennoch nährende Mutter.

Nicht selten offenbart sich die Wirkmacht dieser Ambivalenz: Henriks Schuppen leuchtet schon von Weitem, er ist ein eigener, originärer Ort der Einkehr, aber „ein morbider Schiffsausrüster hätte seine Freude an dem Sortiment, es ließe sich damit ein Geisterschiff bestücken“, alles wurde „von der Nordsee ausgespuckt“. Für Eske, die alte Geschichten auf der Haut trägt und sich „fast verwandt“ mit den Pikten fühlt, ist das Meer so lange der Ort, um beim morgendlichen Bad den „Reset-Knopf“ zu drücken, wie sie dort „das Getragenwerden, wie auf dem Rücken eines Bruders“ spürt.

Nachdem die beiden Seiten des Ambivalenten in eine Dysbalance geraten sind, schwindet das Urvertrauen der Menschen in das Element Wasser. Über die Jahrhunderte hinweg waren die Inselbewohnenden in der Lage, die gute und die perniziöse Seite der Natur zu managen, das Stück Land und seine exponierten Gebäude zu bewahren und notfalls wieder aufzubauen. Alle Zeichen stehen nun auf Apokalypse, denn die Mutter ist ihrer Liebe verlustig gegangen: im Garten der Sanders trägt der Quittenbaum keine Früchte mehr und auf einem Gemälde, das jemand beim Hafenfest feilbietet, wurde er gleich ganz vergessen. Quitten gelten seit jeher als Symbol der Liebe. Zum sterbenden Quittenbaum passt, dass Freya, Eskes Freundin, deren Name sich von der germanischen Liebesgöttin ableitet, mit dem Leben auf der Insel nicht klarkommt. Im Winter schon strandete der Wal als „ein Wesen wie von einer anderen Welt“ am Inselufer, so „wie eine Botschaft“, Fanal eines „brutalen Tempo des Verfalls“.

Früher zählten im Kontinuum der Generationen Authentizität, Originalität und Faktisches, mit dem man sich arrangieren musste, alles auf einem unhinterfragten und unerschütterlichen Glauben gründend. Mit dem Tourismus hielt eine Welt des Uneigentlichen, des „Fake“, Einzug auf die Insel. Ähnlich wie in Mittagsstunde demonstriert Hansen, dass sich Transitionen auf leisen Sohlen anschleichen, langsam als lukrative Einnahmequellen daherkommen, bevor sie ihr wahres Gesicht der kalten Übernahme, eine im großen Stil angelegte kulturelle Appropriation, enthüllen.

In den Anfangszeiten des Tourismus, das ruft Zur See in Erinnerung, mussten die Kinder der Vermietenden ihre Zimmer an die Sommerfrischler*innen abtreten, im Fall von Ryckmer war es auch die Würde. Reifiziert wurde er, ausgeliehen „wie ein Fahrrad oder ein Strandkorb“. Als Erwachsener hasst er die Invasion der „Sonnenbrillenmenschen“ ab Ostern genauso wie Halloween, weil man mit dem Tod nicht scherze. Bevor er sich als Seebestatter verdingt, ist der Rausch sein einziges Refugium vor einem Alienationsprozess, der mit dem Bloggen über die Insel und konkret dem Hafenfest kulminiert. So wie am Hof von König Artus, von dessen Legenden Eske ein Fan ist, markiert Pfingsten einen Höhe- und Wendepunkt. Hanne geht, mit einer Dose klimpernd, durch die Reihen der Besuchenden, weil sie Spenden für das Walskelett, exzellentes Symbol für den Abschied von allen Inseltraditionen, sammeln möchte.

Trotz der Übermacht der Themen zeichnet Hansen plastische Charaktere voller Strahlkraft. Henrik und der Inselpastor Matthias Lehmann tun sich unter diesen als besonders tragische Protagonisten hervor. Jeden Morgen treffen die beiden am Strand aufeinander, Henrik suchend, Matthias Lehmann joggend. Dem trendigen Bedürfnis nach Spiritualität to go begegnet der Pfarrer mit „Seelensnacks im Inselkirchlein“. Er prostituiert seinen Glauben, bis er ihn selbst verliert. Seine Frau präferiert eine Teilzeitbeziehung, sein einziger Rückhalt bleibt die stets in Hornhautumbra gekleidete Kirchendienerin, die „beige Birte“, die ihm mit aller Regelmäßigkeit die dysphemisierenden Kommentare im Gästebuch der Kirche vorlegt. Seine „Pastoritis“ kuriert er mit einer persönlichen „Auferstehung“, einem „Ostern ohne Christus“. Eines Tages reißt sich der Pfarrer beim Joggen ausgerechnet die Achillessehne. Daraufhin fährt ihn Henrik auf seinem Treibgutkarren in die Nordseeklinik. So wie Lancelot, Geliebter von Guinevere, wird er auf den „Schandkarren“ gepackt. Dem „Pyrotechniker des Herrn“ ist die Munition ausgegangen.

Henrik, so beteuert seine Mutter, sei schon immer anders gewesen, ihn habe es „niemals auf ein Schiff gezogen“, „nur immer an den Strand und in die Wellen“. „Kein Landtier mehr und noch kein Wassertier“, so resümiert seine Schwester, „ein Zwischenwesen mit einem unstillbaren Heimweh nach dem Meer. Und einer unheilbaren Einsamkeit an Land“. Ohne Schuhe wurde er schon konfirmiert – seine Barfüßigkeit ist proleptisch, wenn man etwa an die Verschwörungstheorien im Umkreis des letzten Beatles-Albums, Abbey Road, und die Interpretation des barfüßigen Paul McCartney denkt.

Nach und nach werden die Persönlichkeiten der Familie Sander mit kräftigen Wortwogen in einen Roman gespült, der sich erneut zu einer unverkitschten Anti-Idylle formiert. In puncto Genre ist Dörte Hansen nach wie vor am ehesten mit Juli Zeh vergleichbar, die mit Über Menschen (2021) einen weiteren Dorfroman vorgelegt hat und der Inseln nicht fremd sind, was Nullzeit (2012) und Neujahr (2018) beweisen. Um einiges mehr als Zeh transzendiert Hansen realistisches Schreiben, geht aber nicht so weit wie Benjamin Lebert in seinem Sylt-Roman Mitternachtsweg (2014), der Zur See nichtsdestoweniger partiell zu präfigurieren scheint.

Womit Dörte Hansen ihre Schriftsteller-Kolleg*innen meilenweit übertrumpfen dürfte, ist die antithetische Spannung zwischen Text und Thema, Schönheit und Dekadenz. Beides geht so Hand in Hand, dass die Gemengelage die Spannung unterstreicht. Aus dieser Matrix perlen die sprachlich glasklaren und inhaltlich allusionsreichen Sätze, mit denen sich Dörte Hansen in das Gedächtnis ihrer Leser*innen schreibt. Ein ausgeprägter Primat-Rezenz-Effekt tritt hinzu: ein erster Absatz nämlich, der prompt zum Weiterlesen drängt und ein letzter, der sich festsetzt.

Das Inseltableau, aus dem einerseits Beklommenheit ohne Hoffnung resultiert und das transzendentale Obdachlosigkeit spiegelt, entbehrt andererseits keineswegs einer gewissen Komik, in erster Linie dann, wenn es um den Insel-Pastor Matthias Lehmann, den Treibgutkünstler Henrik Sander und die invadierende Gäste-Schar geht. Hansen hütet sich zudem immer vor Moralin-Injektionen und/oder der Feier einer vermeintlich guten alten Zeit. Vielmehr entfalten sich ihre tiefgründigen Aussagen in einer unglaublich inspirierenden Verbal-Sinfonie, einem multidimensionalen Textuniversum, in dem jedes Detail über sich selbst hinausweist, niemals unnützes Dekorum ist, sondern sich einordnet in einen klug elaborierten, symbolträchtigen, assoziationsstarken und bedeutungsschwangeren Kosmos. So funktioniert ein literarisches Kunstwerk, in dem die Ebenen nicht nur ineinander verschachtelt sind, sondern interagieren.

Dörte Hansens wunderbares Wortgestrick ist wie ein warmes Wams, das man sich beim Lesen umlegt, damit man sich gegen die Wucht des Inhalts wappnet.

Titelbild

Dörte Hansen: Zur See. Roman.
Penguin, München 2022.
256 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783328602224

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