Mozart, Erika Mann, Apollo und Hyazinth

Hintergründe zu einer Opernaufführung, die nicht stattfand

Von Wolfgang BühlingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wolfgang Bühling

Wolfgang Amadeus Mozart komponierte 1767 als Elfjähriger im Auftrag des Salzburger Fürstbischofs Sigismund von Schrattenbach (Amtszeit 1753–1771) die Musik zu einem Singspiel nach antiken Motiven, wobei Apollo, König Oebalus, dessen Tochter Melia und dessen Sohn Hyazinth sowie Zephyr, Freund des Letzteren, die tragenden Rollen verkörpern. Mozart kehrte 1767 nach einer dreijährigen Wunderkind-Tournee durch die europäischen Höfe zurück in seine Heimatstadt. Die Oper, besser gesagt das Singspiel, findet sich im Köchelverzeichnis, dem chronologischen Verzeichnis sämtlicher Werke Mozarts, als Nr. 38. Nach dem Singspiel Die Schuldigkeit des ersten Gebotes (KV 35) ist Apollo und Hyzinth die zweite Komposition dieser Art des jungen Mozart. Das Libretto verfasste der als Dozent für theoretische Philosophie an der Salzburger Benediktineruniversität lehrende Rufinus Widl auf Lateinisch unter dem historischen Titel Apollo et Hyacinthus seu Hyacinthi Metamorphosis. Gleichzeitig erschien, auf der Basis der gleichen Handlung, ein Theaterstück namens Clementia Croesi im Druck.

1882 wurde Apollo und Hyazinth schließlich bei dem Leipziger Musikverlag Breitkopf & Härtel unter diesem Titel im Rahmen einer Gesamtausgabe verlegt, galt aber gleichwohl zunächst als vergessenes Werk. Im Verlagskatalog von 1902 ist Apollo und Hyazinth nicht mehr gelistet. Viel später entdeckt der junge Kirchenmusiker Karl Schleifer, seinerzeit Kantor von St. Georgen in Bayreuth, „das Werkchen“ im Haus des Wagner-Dirigenten Hans Richter in einer Gesamtausgabe. Nach München – seiner Ausbildungsstätte – zurückgekehrt, wendet Schleifer sich nach einer ersten Übersetzung des lateinischen Librettos an Erika Mann mit der Bitte, dasselbe „in gute, sangbare Verse“ zu bringen. Erhaltenene Typoskripte lassen aus der Sicht des Rezensenten jedoch vermuten, dass der Mannsche Beitrag hierzu eher in marginalen Korrekturen besteht. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der unbekannte Schleifer die Tochter des in Künstlerkreisen vernetzten Hauses Mann bewusst als Zugpferd benutzen wollte. In jedem Fall kam es im April 1932 zu einer Aufführung des Singspiels im Festsaal des Hotels Vier Jahreszeiten, wo Thomas Mann vordem bei einer offiziellen Feier seine 1930 erschienene Novelle Mario und der Zauberer im Rahmen einer Lesung vorgestellt hatte. Die musikalische Qualität des zweiten Mozartschen Singspiels lässt sich als Frühwerk naturgemäß nicht mit den späteren Werken vergleichen, die Münchner Aufführung wurde aber von der Presse überwiegend gelobt.

Man fragt sich nun, was Apollo und Hyazinth mit dem mittelfränkischen Weißenburg zu tun haben. Dort gab es seit 1791 eine Tradition von Freilichtaufführungen in der „Schönau“ genannten Waldregion. Ab 1927 bemühte sich Bürgermeister Fitz um die Schaffung einer Freilichtbühne, welche – nach Plänen des Gartenarchitekten Bernhard Nill gestaltet – 1929 eingeweiht wurde. Von 1931 an gab es mit Egon Schmid einen Intendanten. Schmid trat nach der Münchner Aufführung 1932 an Erika Mann wegen der Aufführungsrechte heran, um Apollo und Hyazinth in das Weißenburger Festspielprogramm aufzunehmen. Erika Mann zeigte sich erfreut, sandte Partitur und Text. Der Intendant hatte allerdings die Rechnung ohne die Reaktion der in Mittelfranken schon vor der Machtergreifung dominanten Nationalsozialisten gemacht: Wenige Schmähartikel in fränkischen Zeitungen gegen die Tochter aus dem Hause der damals schon – aus Sicht der späteren Machthaber – verfemten Familie Mann genügten, um sowohl die Weißenburger Stadtväter als auch den Intendanten Schmid kopfscheu zu machen. Mozart wurde folglich aus dem Programm der Weißenburger Festspiele gestrichen. Bleibt zu sagen, dass es im Juni 2022, somit nach neunzig Jahren, doch noch zur Aufführung des Mozartschen Frühwerks in Weißenburg gekommen ist, wobei begleitend auch die Ereignisse von 1932 öffentlich diskutiert wurden.

Martin Weichmann, maßgeblich an der Weißenburger Inszenierung von 2022 beteiligt, hat die musikhistorisch wie zeitgeschichtlich interessanten Zusammenhänge, die hier nicht vollständig kommentiert werden können, akribisch recherchiert und facettenreich dargestellt. Davon zeugen nicht zuletzt die zahlreichen, aus Archiven erlangten Reproduktionen, zu denen auch Quellangaben beigegeben sind. So findet sich hier z.B. eine Fotorarität, die Erika Mann und Karl Schleifer bei den Proben zur Münchner Aufführung zeigt (Stadtarchiv München) und die handschriftliche Partitur Mozarts (Staatsbibliothek zu Berlin). Aus Weichmanns Feder stammt weiterhin ein die Opernaufführung begleitendes Historienspiel, welches als musikalisch-literarische Hommage an Erika Mann die Ereignisse von 1932 thematisiert. Eine Druckausgabe hiervon ist in Vorbereitung.

Martin Weichmann: W.A. Mozart-Erika Mann: Apollo und Hyazinth. Weißenburg 1932-2022 (Publikationen der Gruppe Weißenburg des Frankenbundes 8). Weißenburg 2022. 54. S., 7,00 Euro, zzgl. Versand. Bezug: https://frankenbund-weissenburg.de/publikationen/

Hinweis der Redaktion: Das Buch hat keine ISBN oder ISSN und ist  nicht über Buchhandel erhältlich.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen