Zwischen den Zeilen

Rainer Maria Rilke tauscht sich in „Briefwechsel 1907-1919“ mit der Künstlerin Edith von Bonin aus

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Gestalt des Schriftverkehrs verändert sich, doch noch immer weiß die hohe Kunst des Briefwechsels, zuweilen eine Kunst eigener Art, zu faszinieren, ja zu betören. Rainer Maria Rilke lernte 1907 in Paris die Malerin Edith von Bonin kennen und als Gesprächspartnerin rasch wertzuschätzen. Behutsam, insistierend und hartnäckig suchte der Dichter den anregenden Austausch mit der pointiert und lakonisch antwortenden Künstlerin, was dem schwermütigen Korrespondenzpartner offenkundig gefiel. Im August 1910 besucht Edith Bonin Mont St. Michel. Rilke hatte sicher mit poetischer Fantasie und schwärmerisch verklärt die felsige Insel in der Normandie beschrieben. Die Malerin sendet ihm „alle herzlichen Grüße“ von dort und bemerkt auf der Postkarte knapp, dass St. Michel sie doch offenbar etwas enttäuscht hat, „er füllt für mich nicht alle schönen Bilder Ihrer Erzählungen. – Ich dachte ihn mir zu schön.“

Edith von Bonin lebte von 1907 bis 1914 in Paris, wohnte nur wenige Gehminuten von Rilke entfernt, der seinerzeit in der Rue Cassette lebte. Mit ausgesuchter Höflichkeit und etwas umständlich versucht er, mit der Malerin näher in Kontakt zu treten. So schreibt er am 6. September 1907, dass er die Adresse von Karl von der Heydt empfangen habe – „fürchtete ich nicht, Sie zu stören, so würde ich Sie heute noch begrüßen kommen aus so naher Nachbarschaft“. Anscheinend wäre es ungebührlich oder geziemte sich doch nicht, so kündigt sich Rilke für den nächsten Tag an. Begegnungen folgen, ebenso Briefe. Sie unterhalten sich über Kunst, über Cézanne und Rodin, gewiss nicht weniger über die Dinge des Lebens – und über den Essayisten und Kulturphilosophen Rudolf Kassner, den Rilke sehr schätzt, besonders, nicht verwunderlich, dessen Werk Melancholia. Er bietet an: „Wollen Sie mir nicht die Freude machen, heute nach der Arbeit meine Terrasse zu besuchen: wir sprechen dann eine halbe Stunde davon.“ Diese „halbe Stunde“ des Konversationsglücks könnte ein Weilchen länger gedauert haben.

Rilke wird in Paris von gesundheitlichen Problemen geplagt, auch davon schreibt er, und Edith von Bonin sendet ihm Ansichtskarten von kleinen Reisen durch das „herrliche Land“ Frankreich, fährt aber auch wieder zu ihrem Halbbruder von der Heydt und zu den Eltern nach Berlin, berichtet von Kunst und Malerei, stöhnt ein wenig über den „Trubel von Berlin, den man nicht eigentlich Leben nennen, – diesem hin und her von lauter durcheinandergeworfenen Dingen, ich fühle mich da ganz verwirrt“. Allerdings strengt auch Paris an: „Paris war wirklich zu schlimm, mit allem, – seiner bleiernen Hitze.“ Die Künstlerin besucht ihre Mutter im Sanatorium. Die Kuranstalt Ebenhausen habe den „Vorzug, daß man niemand kennt, und daß man ganz allein sein kann im Walde, und in den schönen Isar-Wegen spazieren“: „Das Land ist sehr schön, und die Hitze glaub ich überstanden.“ Rilke, selbst unterwegs in Leipzig und Prag unterwegs, leidet ebenso unter der Hitze. Der Schriftverkehr wird seltener, der seelisch angespannte Dichter ist zunehmend erschöpft. Aus den Briefen erfahren wir biografisch nur wenig Neues über Rilke, aber einige Nuancen mögen für jene Leserinnen und Leser, die mit dem Dichter und seinem Werk gut vertraut sind, mit Blick auf seine Zeit in Paris horizonterweiternd sein. Über das Innenleben des empfindsamen Rilke selbst gibt ein Brief an Karl von der Heydt vom 12. Dezember 1908 Auskunft:

Ich lebe, wie ich rue Cassette gelebt habe, als ein Eingezogenster, der sich dennoch einbildet, Paris mehr zu empfinden und zu erfahren, als die Meisten, die herumkommen. Ob das nur Einbildung ist, oder der Wahrheit entspricht, wird so nach und nach zu beweisen sein. Der Unterschied ist nur der schöne Palast, in dem ich mich etwas wagehalsig eingemiethet habe; (derselbe in dem auch meine Frau wohnt und Fräulein von Bonin.) Aber es ist gut, einmal ein wirkliches Haus im Großen um sich zu haben, und mitten im innersten vorrevolutionären Paris durch äußerst aristokratische Fenster in einen langen stillen Garten zu schauen.

Rilke schreibt von sich und imaginiert ein anderes Paris, eine Stadt, die sich von dem, was er sieht, deutlich unterscheidet. Der Dichter sieht Paris gewissermaßen auf doppelte Weise, als fantasievoller Künstler, und als jemand, der eigentlich, wie in dem Band zu erfahren ist, in seinen großen, kalten Zimmern friert und leidet – und vielleicht auch darum in einem erträumten Paris zu Hause oder zumindest zu Gast sein möchte. Tröstet ihn der Blick in den „langen stillen Garten“? So könnte es sein. Rilke, der „Eingezogenste“, stellt sich als Poet der höchsten Empfindsamkeit vor, als zarte, sensible, vielleicht bisweilen lyrisch entrückte Seele. Ob er in diesen Gefilden der Künste die durchaus bodenständige, finanziell bestens situierte, sparsame und lebenspraktische Edith von Bonin getroffen hat? Auf gewisse Weise haben sich beide durchaus verstanden und auch etwas über Kunst zu sagen gewusst. Wer beide in Paris und anderswo etwas näher kennenlernen möchte, mag dieses Buch mit Freude und Interesse sorgsam studieren und zwischen den Zeilen vielleicht die Konturen der besonderen Freundschaft, die Rainer Maria Rilke mit Edith von Bonin verbunden hat, entdecken.

Titelbild

Rainer Maria Rilke / Edith von Bonin: Briefwechsel 1907–1919.
Wallstein Verlag, Göttingen 2022.
208 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783835352834

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