Zwei gewitzte Ermittler und ein Papst in Nöten

Zum dritten Mal bringt Stefan von der Lahr in „Dämonen im Vatikan“ sein bewährtes Duo aus einem Kommissar und einem Weihbischof zusammen

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Irgendwann in nicht so ferner Zukunft. Auf dem Heiligen Stuhl sitzt ein afrikanischer Papst, der erste seit 1.500 Jahren. Einer dazu, der willens ist, seine Kirche ähnlich dem derzeitigem Pontifex maximus Franziskus zu reformieren. Denn die steckt nach wie vor in der Krise, wird gebeutelt von Mitgliederschwund, Missbrauchsskandalen und den Folgen ihrer weiterhin unnachgiebigem Haltung gegenüber dem Zölibat und der Rolle der Frau. Da kommt es alles andere als gelegen, dass dem Weihbischof von Neapel, Gian Carlo Montebello, zu seinem 50. Geburtstag ein merkwürdiges Geschenk gemacht wird. Denn in der seltenen Ausgabe des mittelalterlichen Bestsellers Legenda Aurea aus der Feder des Dominikanermönchs Jacobus de Voragine finden sich vier Strichzeichnungen, die, interpretiert man sie richtig, nahelegen, dass der erste Papst und oberste Priester der Christenheit, Simon Petrus, „als verheirateter Mann in Rom gelebt hat“ und eine Witwe hinterließ, deren Grab wie das seine in den Fundamenten des Petersdoms zu finden ist.

Sofort macht sich Seine Exzellenz Montebello auf nach Rom. Denn was ihm da per Zufall in die Hände gefallen ist, birgt Sprengstoff, der das gesamte Gebäude des katholischen Glaubens in die Luft jagen könnte. Petrus ein verheirateter Papst – welche Berechtigung steckt dann noch hinter dem Zölibat? Die Gebeine seiner Frau unter den seinen begraben im Petersdom – also bestünde das Fundament der Kirche nicht nur aus einem Mann, sondern aus einem Mann und seiner Frau? Vieles, was jahrhundertelang als unumstößlich galt, würde mit einem Schlag pulverisiert und „unvorstellbare Zentrifugalkräfte“ die Kirche auf eine Probe stellen, die sie in ihrer überlieferten Form kaum zu bestehen vermöchte.

Dämonen im Vatikan ist nach Das Grab der Jungfrau (2020) und Hochamt in Neapel (2022) der dritte Kriminalroman des Altertumswissenschaftlers und Verlagslektors Stefan von der Lahr (Jahrgang 1958), in dem es etablierten Autoritäten und ihren scheinbar für die Ewigkeit gemachten Lehrmeinungen ans Eingemachte geht. Und wieder bringt der belesene Ex-Bibliothekar und versierte Kirchenhistoriker Montebello zu seinen Recherchen in der Unterwelt des Kirchenstaates jenes bewährte Trio mit, das ihm bereits bei seinen vorherigen Abenteuern gute Dienste leistete: seinen Privatsekretär Padre Luis, die promovierte Archivarin und Papyrusspezialistin Jaqueline Napolitano und deren Mann Savio, dem auch als Montebellos Fahrer seine Beziehungen zu den mafiösen Kreisen Italiens noch durchaus von Nutzen sind.

Komplettiert wird die kleine neapolitanische Fraktion nach ihrer Ankunft im Vatikanstaat schließlich noch durch den römischen Kommissar Vincenzo Bariello. Der läuft seinem alten Bekannten Montebello nämlich gleich am ersten Tag von dessen Aufenthalt wieder über den Weg. Zu Knabbern hat er zunächst noch an einem eigenen Fall – dem Fund der tiefgefrorenen Leiche eines Redakteurs des Kirchenblattes Osservatore Romano außerhalb der vatikanischen Mauern nämlich. Aber weil tiefgefroren und Hochsommer nicht so recht zueinander passen wollen, landet er mit seinen Ermittlungen alsbald im Untergrund des Vatikans, wo der Konzern eines chinesischen Tycoons gerade dabei ist, als Geschenk des Reiches der Mitte an die katholische Kirche eine nagelneue U-Bahn-Station zu errichten. Und weil sich zwischen dem Tunnel für die unterirdischen Schnellzüge und dem Grab, hinter dem die Montebello-Truppe her ist, nur ein paar Mauern befinden, müssen die beiden ebenso eigensinnigen wie eigenwilligen Detektive schnell einsehen, dass ihre auf den ersten Blick so unterschiedlichen Aufgaben mehr miteinander zu tun haben, als es zunächst den Anschein hatte. 

Der tiefgefrorene Journalist Veneziano bleibt übrigens beileibe nicht der einzige Tote in einer Geschichte, die nach der Ankunft Montebellos in Rom schnell Fahrt aufnimmt und zeigt, dass nicht nur im Staate Dänemark, sondern auch im Kirchenstaate so einiges faul ist. Denn der keineswegs unumstrittene Papst Laurentius und sein Privatsekretär Lisimba sind praktisch rund um die Uhr damit beschäftigt, sich jener Kräfte zu erwehren, die den Status quo vor seiner Besteigung des kirchlichen Throns lieber heute als morgen wieder herstellen würden. Allen voran der ehemalige Vorsitzende der päpstlichen Glaubenskongregation, Kardinal Ludovico Panettiere, scheut keines, auch nicht das rüdeste Mittel, um seine alte Macht, verbunden mit lukrativen Pfründen und vielen ihm durch Laurentius entzogenen Privilegien, wiederherzustellen. Und natürlich ist ihm und allen, die er mit kleinen Bestechungen und großen Versprechen für die Zeit nach dem erhofften Sturz des gegenwärtigen Papstes bei der Stange hält, das Grab der Frau des Petrus, nach dem Montebello sucht, mehr als ein Dorn im Auge.

Mit Dämonen im Vatikan hat Stefan von der Lahr einen gut lesbaren, sich auf ausgesprochen unterhaltsame Weise der Widersprüche und Probleme der katholischen Kirche unserer Zeit annehmenden Roman vorgelegt. Bischof Gian Carlo Montebello, dessen neapolitanische Zeit mit diesem dritten Band der Reihe schon wieder zu Ende geht, und der geschiedene Commissario capo Vincenzo Bariello, der seiner heimlichen neuen Liebe in diesem Buch einen guten Schritt näherkommt, sind Figuren, denen man gern noch in ein nächstes Abenteuer folgen würde. Es müsste nicht einmal so actionreich zugehen wie bisher – denn manchmal ist weniger auch mehr.

Wer sich im Übrigen von dem fast vierzigseitigen Anhang, den der Autor seinem Kriminalroman beigegeben hat – Begriffserklärungen und Übersetzungen fremdsprachlicher Textstellen, Register der fiktiven Roman- und der mit ihnen interagierenden Personen der Zeitgeschichte sowie umfangreiche Recherche- und Quellenhinweise ergänzen die Lektüre – nicht abschrecken lässt, wird nicht nur besser unterhalten, sondern auch umfangreicher belehrt. Doch auch für jene Leser, die sich dieser Mühe nicht unterziehen wollen, hat Stefan von der Lahr eine kurzweilige Geschichte erfunden und in ihr sogar noch eine kleine Anspielung auf die lange Bauzeit des Berliner Flughafens BER untergebracht. Dass der Vatikanstaat weltweit den höchsten Weinverbrauch pro Jahr und Kopf hat, wussten wir ja sowieso. Oder etwa nicht? 

Titelbild

Stefan von der Lahr: Dämonen im Vatikan.
Verlag C.H.Beck, München 2023.
441 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783406800023

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