Über Heimat und Hoffnung

In Matthias Göritz‘ Roman „Die Sprache der Sonne“ begibt sich eine Studentin auf die Suche nach ihren Wurzeln

Von Lena BergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lena Berg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Januar 2016 reist die Protagonistin Lee, eine junge Amerikanerin, aus Berlin ab. Sie verlässt nicht nur Deutschland und seine Hauptstadt, sondern auch ihren türkischen Freund Ayaz, der – wenig elegant – per Sprachnachricht von der Trennung erfährt. In ihrem Gepäck befinden sich die Tagebücher ihrer Großmutter Helene, die in den vierziger Jahren aufgrund ihrer jüdischen Herkunft vor dem NS-Regime nach Istanbul geflohen ist. Lee setzt die Arbeit ihrer Großmutter fort und verfasst ihre Dissertation über das Leben der deutsch-jüdischen Auswanderer in Istanbul. Zahlreiche Leerstellen in den Tagebüchern faszinieren die Protagonistin, insbesondere die fehlenden Informationen über Naumann, den zeitweiligen Geliebten der Großmutter. Daher beschließt Lee, den wenigen Spuren nachzugehen und mehr über die Vergangenheit ihrer Familie zu erfahren.

Lee trifft in Istanbul schließlich den weit über hundertjährigen und von Kriegsfolgen geschädigten Naumann in einem Krankenzimmer an. Als Journalist war Naumann in den 1930er-Jahren in Istanbul vor Ort gewesen und hatte somit die Zeit des ehemaligen türkischen Präsidenten Kemal Atatürk miterlebt, der zu diesem Zeitpunkt als Befürworter eines laizistischen Staates den Juden Asyl bot. Dabei hatte er vor allem Ingenieure, Ärzte und Juristen im Blick, da diese zu einer maßgeblichen Neugestaltung der Türkei beitragen sollten. Göritz verbindet so geschickt historische Ereignisse, wie die Kultur- und Gesellschaftsmodernisierung unter Atatürk, mit dem persönlichen Schicksal der Protagonisten.

Neben der fesselnden Erzählung über die persönlichen Schicksale der Figuren werden in Die Sprache der Sonne auch kulturelle Differenzen und gesellschaftspolitische Themen angesprochen: Zum einen wird die Problematik erläutert, in ein anderes Land zu emigrieren und ein neues Leben zu beginnen, ohne dabei Ausgrenzung erleiden zu müssen. Zum anderen werden die Herausforderungen von Menschen mit Migrationshintergrund geschildert, die bereits in dem Land geboren oder aufgewachsen sind, in das ihre Eltern einst emigriert sind. Damit spielt Göritz in kritischer Weise auch auf die Situation in Deutschland bezüglich des Umgangs mit unterschiedlichen Kulturen an.

Ein essentieller Aspekt des Romans, der daran anknüpft, ist die Idee der „Sprache der Sonne“, die als eine Anspielung auf Atatürks Sprachreform zu verstehen ist und sich als utopische Vorstellung herausstellt. Göritz greift damit die Sonnensprachtheorie auf, die zwischen 1936 und 1938 in der Türkei als Staatsdoktrin galt und den Beginn und das Ende der radikalen Phasen der Sprachreformen-Bewegung markierte.

Es gibt Heinrich Heine mit seiner Aussage, die Sprache sei ein portatives Vaterland, auch den eher romantischen Versuch, die Sprache und die Poesie dann als Zuhause, als Zufluchtsort aufzurufen. Aber wenn man auf der Flucht ist, bietet die Sprache einem kein Dach über dem Kopf.  

Göritz eröffnet somit nicht nur Einblicke in die Ursprünge und die Entstehung von Sprache, sondern beschäftigt sich auch mit der Reflexion über Sprache und Sprachgebrauch bis hin zur Sprachreform. Demnach stellt er sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen der Sprache in all ihren Facetten dar.

Der studierte Philosoph und Literaturwissenschaftler Matthias Göritz, der 1969 in Hamburg geboren wurde und selbst in vielen Metropolen lebte, arbeitet heute als Schriftsteller und Übersetzer. Er greift – wie in seinem vorherigen Roman Parker –gesellschaftspolitische, kulturelle und historische Themen auf. Dabei gelingt es ihm, die komplexe Sprachenpolitik in einer linguistisch-philosophischen Darstellung zu erfassen und dem Leser einen anschaulichen Einblick in die Tiefen von Sprache zu geben. Mit einer gekonnten Mischung aus Rückblicken, lebhaften Erzählungen und einer vielschichtigen Handlung entsteht so dank Göritz erzählerischem Talent ein Roman, der sowohl historische Ereignisse als auch persönliche Geschichten auf beeindruckende Weise miteinander verknüpft. Eine klare Empfehlung für Liebhaber anspruchsvoller Literatur und Leser, die sich für Geschichte, Kultur und Sprache interessieren.

 

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Matthias Göritz: Die Sprache der Sonne.
Verlag C.H.Beck, München 2023.
331 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783406800047

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