Ein Wolpertinger, der auszog, um ein Mann zu werden

Henri Jakobs erzählt in seinem Debütroman „Paradiesische Zustände“ eine berührende Geschichte über große Entscheidungen und das Selbstwerden

Von Caesy Victoria StuckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Caesy Victoria Stuck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ich produziere Lieder vom Leben, der Schwermut und dem Unfug der Welt, spiele Bass und Theater, schreibe und versuche mich in Aktivismus. Ich bin folglich aktiver als ein Rudel junger Ameisen.

Mit dieser beeindruckenden Range präsentiert sich der Autor Henri Maximilian Jakobs als kreativer Wirbelwind, der in verschiedenen künstlerischen Sphären seine Spuren hinterlässt. Geboren und aufgewachsen in München, studierte Jakobs E-Bass und Musikjournalismus. Er war Mitglied der Band TUBBE, tourte, veröffentlichte zwei Alben und brachte 2021 seine erste Solo-EP Bizeps Bizeps heraus. Neben der Musik ist er auch als Autor, Schauspieler und Synchronsprecher tätig. Als trans Mann engagiert er sich prominent für die Rechte von trans Personen und veröffentlichte in diesem Rahmen gemeinsam mit Christina Wolf im Februar 2023 All die brennenden Fragen – Ein Gespräch über Transerfahrungen, in welchem er über seine Transition und das Leben als trans Mann spricht. Nun hat Jakobs mit seinem autobiographisch inspirierten Debüt Paradiesische Zustände einen berührenden Coming-Of-Age-Roman geschaffen. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der in einer Welt aufwächst, die keinen Platz und keine Sprache für ihn vorgesehen hat.

Der Titel Paradiesische Zustände ist ironisch zu verstehen, da die Lebensumstände des Ich-Erzählers Johann durch Wut und Absurdität gezeichnet sind. Das Buch beginnt in medias res mit Johann, wie er betrunken versucht, seinen Namen zu pinkeln und dabei „Johain“ statt „Johann“ „schreibt“. In klassisch autobiographischer Manier rekapituliert er, wie er zu diesem Punkt gekommen ist:

Ich habe ein T-Shirt an und keinen Schneeanzug, obwohl ich das im Sommer immer so gemacht habe. Also, quasi. Wenn alle anderen besonders wenig anhatten, war ich in ein Zelt aus Kleidung und Selbsthass gewickelt. Dieser unfassbare Selbsthass. Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich versucht, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Nicht weil ich sterben wollte. Ich wollte nicht weiterleben, wie es war. Wie ich war. Das klingt alles total konfus, aber ich bekomme keinen klaren Gedanken zustande. Der Suff…O.K., von vorne.

Die Erzählung beginnt mit dem 19-jährigen Johann, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht Johann heißt und ein liebloses Abitur abgelegt hat. Gefangen in seinem negativen Selbstbild, ist er unschlüssig über seinen weiteren Weg. Wo andere eine junge Frau sehen, sieht er einen „Wolpertinger“: ein bayrisches Fabelwesen, das eine parodistische Mischung aus Körperteilen verschiedener Tiere ist.

Er und seine beste Freundin Louise machen zur Feier ihres Abiturs einen Urlaub, in welchem er sich nach einer wilden und durchzechten Nacht damit konfrontiert sieht, Entscheidungen über seine Zukunft zu treffen. Wegen scheinbar mangelnder Alternativen beginnt er ein Studium an einer zwielichtigen Schauspielschule in einem kleinen Ort. Dort wird er zur Prinzessin wider Willen gemacht und seine Abneigung gegen sich und die Welt weiter kultiviert. Als er sich jedoch in eine Kommilitonin verguckt, beginnt er zum ersten Mal, seine vorgefertigte Rolle in der Gesellschaft zu hinterfragen.

Nach einem gebrochenen Herzen beschließt er, zu Louise nach Berlin zu ziehen. Sie gründen eine Wohngemeinschaft und arbeiten zusammen in einem „Wurst-Start-Up“, welches von einem Chef mit einer Vorliebe für Nasenzucker geleitet wird. In Berlin erlebt Johann das erste Mal queerfeindliche Gewalt. Damit spricht Jakobs über ein Thema, welches zunehmend präsenter im Leben queerer Menschen wird. In den letzten Jahren gab es einen signifikanten Anstieg von queerfeindlich motivierten Straftaten und trans Personen werden zu Feinden in politischer Propaganda stilisiert.

Johanns gesundheitlicher Zustand verschlechtert sich in Berlin drastisch und er lässt sich in die Psychiatrie einweisen. Die Darstellung des tief verwurzelten Schmerzes der Hauptfigur ist in diesem Abschnitt besonders eindringlich und schwer verdaulich – eine Trigger-Warnung für Leser*innen mit psychischen Erkrankungen wäre hier sinnvoll gewesen. Im Verlauf seiner Therapie durchläuft Johann den schmerzvollen, doch ertragreichen Reflektionsprozess, der ihn erkennen lässt, dass er transident ist.

Die Geschichte des Wolpertingers scheint ein glückliches Ende zu nehmen, wenn sein wahres Wesen als Prinz enthüllt wird. Doch dies stellt lediglich den Anfang für Johann dar, der keine magische Verwandlung erlebt, sondern vielmehr eine anspruchsvolle Reise vor sich hat. Diese ist geprägt von Gutachten, Testosteronspritzen und dem unablässigen Kampf um Akzeptanz. Es wird rasch klar, dass eine Transition keineswegs unkompliziert ist. Die Leser*innen werden mit der harten Realität konfrontiert, die transgeschlechtliche Personen täglich erfahren: ständige Outings, erniedrigende rechtliche Vorgaben für medizinische und soziale Transition, Gewalterfahrungen.

Mit fortschreitender Transition sieht Johann sich zudem mit der Frage konfrontiert, was für eine Art Mann er tatsächlich sein möchte. Das Buch diskutiert damit nicht nur seine medizinische Transition, sondern auch sein Heranwachsen zum Mann und hinterfragt Männlichkeitsbilder.

„Warum grinst du denn den Typen so an? Kennst du ihn?“

„Nein, keine Ahnung. Ich habe einen im Tee. Was ist das Problem?“

„Man grinst nicht irgendwelche Proll-Typen an. Die geben dir dafür ziemlich flott aufs Maul.“ Verstanden. Die Reste meiner spärlichen weiblichen Sozialisation, gepaart mit Unsicherheit, lächeln zu oft.

Johann ist an vielen Stellen irritiert von dem unreflektierten Verhalten seiner Freunde und dem aggressiven Miteinander von Männern. Zudem erfährt er mit zunehmendem Passing (äußerliche Wahrnehmung entspricht dem präsentierten Geschlecht) auf eine neue Weise, wie tief Geschlechterrollen in der Gesellschaft verankert sind: Frauen wechseln nachts die Straßenseite, wenn sie ihm begegnen und Männer pöbeln ihn an, wenn er zu freundlich zu ihnen ist. Die Leser*innen begleiten Johann dabei, wie er die Welt und sich selbst neu erlebt.

Jakobs‘ Roman ist in seiner Komposition überaus gelungen. Mit kunstvollen Metaphern versucht Johann über das zu sprechen, wofür er noch keine Sprache hat oder wofür es keine Sprache gibt. Der Roman ist dabei poetisch, witzig und schonungslos. Er agiert meist in kurzen, pointierten Kapiteln mit episodischem Charakter. Das macht den Roman trotz seiner Länge von knapp 350 Seiten zu einer schnellen Lektüre.

Doch die Wirklichkeit scheint zu prall auf mein Gesicht, als dass sich ein Bartschatten bilden könnte. Es sieht eher aus, als hätte mir eine Katze ins Gesicht gehustet. Ich wische die Haare weg und lasse sie ins Waschbecken regnen. Durch mein bewölktes Denken. Mittlerweile haben alle Haare auf meinem Kopf die gleiche Länge. Ich sehe aus wie ein depressiver, braunhaariger Kresseigel. Ich setzte mich auf den Badewannenrand und betrachte das Resultat meines Kahlschlags. Weiblichkeit zusammenkehren und in den Müll damit. Dann endlich entspannt den Alltag genießen. Ich ziehe die Mullbinden enger zusammen, schnappe nach Luft, aber bin nach außen begrenzt und kann mich nicht ausdehnen.

Obwohl der Roman von schwarzem Humor als Mittel zur Weltbewältigung durchzogen ist, zeichnen sich die Beschreibungen des Transitionsprozesses und der queerfeindlichen Erfahrungen doch durch eine beeindruckende Präzision und schmerzhafte Eindringlichkeit aus. Diese Wirkung entspringt der realen Absurdität, die durch eine nüchterne Sprache noch deutlicher zum Ausdruck gebracht wird. Mit seinem zynischen Ton schafft es Jakobs, die Leser*innen im selben Absatz zum Lachen zu bringen und danach mit einer schmerzhaften Überraschung wieder in der Realität zu verankern.

Auch wenn das Thema Transidentität sehr präsent ist, ist der Roman nicht darauf zu beschränken. Der Roman dürfte alle Leser*innen ansprechen, welche mit großen Entscheidungen und sich selbst zu kämpfen haben.

Jakobs‘ Buch beschränkt sich außerdem nicht darauf, darzulegen wie unglücklich alle trans Personen seien. Er zeigt zwar Johanns tiefsitzenden Schmerz, aber auch seine Freude und wachsende Selbstsicherheit. Solche Portraits sind rar und geben womöglich gerade jungen trans Personen Hoffung auf eine Zukunft und ein Ankommen. Am Ende des Countdowns, welcher sich über 347 Seiten erstreckt, sehen wir, wie Johann nach seiner Mastektomie das erste Mal angekommen ist und nun ein erfülltes Leben beginnen kann. Deswegen endet der Roman mit dem appellierenden Ausruf: Los!

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Henri Maximilian Jakobs: Paradiesische Zustände. Roman.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023.
352 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 9783462004281

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