Verwandlungserzählungen aus der Aurakarie

Birgit Mattauschs Familienroman „Bis wir Wald werden“ erzählt bildgewaltig und fein nuanciert die Lebensgeschichte einer sowjetischen Aussiedlerfamilie

Von Christina BickelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christina Bickel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von Babulya und ihrer sowjetischen Aussiedlerfamilie berichtet Babulyas Urenkelin, die Ich-Erzählerin Nanush. Beheimatet ist die russlanddeutsche Familie auf betoniertem Terrain, in einem 16-stöckigem Hochhaus á fünf Wohnungen mit 323 Fenstern. Mattausch entführt ihr Lesepublikum zunächst in Babulyas große Wohnküche. Diese war ursprünglich als Wohnzimmer angedacht. Die Küche bildet das Zentrum, in dem die Geschichten entstehen. Mit dem von der Decke hängenden Salbei wirkt der Raum wie die Hexenküche einer Heilerin, der Heilerin Babulya, einer alten, weisen Frau, die als „Hüterin der Erinnerungen“ bezeichnet wird und mit Schwänen zu sprechen vermag.  

Diese Gabe hat sie an ihre Urenkelin, ihr „Kätzchen“ Nanushkina, das „Auge der Geschichte“, vererbt. Es sind Geschichten, die zwischen Wirklichkeit und Mythos changieren, die durch Bilder Unausgesprochenes, Verschwiegenes, Geheimnisvolles mal deutlich, mal weniger deutlich aufzeigen. Geschichten, die hinter den Zeilen oder druckstark die Vergangenheit heraufbeschwören, von Krieg, Schuld, Faschismus und Entbehrungen, aber auch von Liebe, verbindender Kultur und hoffnungsvollen Zukunftsträumen reden. Geschichten, denen die Kraft innewohnt, durch ihre einfühlsam-warmherzige Erzählweise, durch Fantasie und ohne zu werten und zu urteilen, Heilung und inneren Frieden bringen zu können.

Metapher für die Webart der Geschichten ist das Bild der „Aurakarie“, einer in die Tiefe reichenden Pfahlwurzel, die das Wohnhaus der Familie bezeichnet. Erzählungen voller Tiefe, Besonderheit, auratischer Atmosphäre, Geheimnis, Erzählungen, die unterschwellig auch gesellschaftskritisch wie in Hermann Hesses Adoleszenzroman „Steppenwolf“, aus dem das Bild der „Aurakarie“ entlehnt ist, gelesen werden können.

Mattauschs Roman überzeugt durch die Vielfalt seiner literarischen Formen, durch Nähe mittels Bewusstseinsströmen der Figuren, durch Verwendung poetischer Bilder, originelle Metonymien, märchenhafte Metaphern und Herkunftsmythen, die tastend und vorsichtig das Unsagbare zum Ausdruck bringen – Andeutungen, die sich im Laufe des Romans zu konkreteren Ahnungen und schließlich zu Gewissheiten verdichten oder in erschreckender Direktheit, slamartig, staccatohaft verkündet werden wie der Tod des kleinen Jungen Georg auf dem beschwerlichen Weg nach Deutschland, der schließlich im Wald begraben worden, zu Wald geworden ist. Oder Babulyas Ehemann, der in die Trud verschleppt sich in ihrer Phantasie in einen großen kraftvollen Bären verwandelt hat.

Auf lebendige Weise malt die Autorin sprachlich Menschen aus dem Milieu der Spätaussiedler und hält sie den Rezipient:innen vor Augen, einem Milieu, in dem rosa Plastikblumen und Da Vincis Abendmahl in knallbunten Bonbonfarben zum Interieur gehören, sich die ältere Generation in Steppdecken hüllt, in dem Puzzlebilder die Wände schmücken, Wasser im Samowar erhitzt wird, Pelmeni (russische Teigtaschen) und Salzgurken gegessen werden. In ihrer Wohnung spricht die Familie Russisch, außerhalb Deutsch.

Die Senior:innen tragen typisch russische Kopftücher mit Fransen, „leicht wie ein Nachtfalter“. Die Familie ist kirchennah und sämtliche Kinder sind getauft und konfirmiert worden. Besucher:innen werden mit Fußmatten begrüßt, auf denen „Welcome“, „Home“ und „Mallorca“ steht. Hier spürt man Mattauschs Humor.

In ebendiesem Milieu ist die Protagonistin Bubulya beheimatet. Babulya, die, euphemistisch gesprochen, aus dem sowjetischen Frühling gekommen ist. In der erzählten Zeit ist Babulya mittlerweile sehr alt und pflegebedürftig, im Laufe der Zeit klein geworden, dement, mit arthritischen Händen, künstlichem Gebiss und weißen, immer dünner werdenden Zopf. Babulya duftet nach Tosca und gedünsteten Gurken. Sie besitzt einen volkstümlichen geprägten Glauben, der einst dazu führte, dass sie unorthodox ihre Urenkelin, ihr „Kätzchen“ Nanushka wieder taufen lies und heimlich das Kreuzkettchen ins Taufwasser gelegt hat, um ihr – quasi mit der Magie der weisen Frau – den dreifachen Engelsschutz zu schenken. Mit Babulya hat Mattausch eine Heldin modelliert, in der sich die Spuren der Zeit, des Schicksals der heimatvertriebenen Russlanddeutschen typologisch in den Körper eingeschrieben haben und deren Geschichte die Geschichte vieler ist. Gleichsam besitzt sie freigeistig-originelle, fast schelmische Züge, was sich in ihren Taufvorstellungen und phantastischen Geschichten zeigt. Beim Lesen erweckt die Figur der Babulya den Eindruck, man kenne sie schon viele Jahre, was von Mattauschs präziser Wahrnehmung und Beobachtungsgabe und ihrem intimen Erzählstil aus der nahen Perspektive der Urenkelin herrührt.

Mattauschs verwebt in Bis wir Wald werden kunstvoll verschiedene Erzählstränge miteinander, verknüpft Vergangenheit und Zukunft, lässt Motive in immer neuen Variationen und Verbindungen neu aufblitzen und mal grell, mal eher verhalten latent fortwirken. So tritt der Wald mit den Tieren, von dem Georg ein Teil geworden ist, als Todesbote um die Aurakarie auf: „Bis wir den Tieren folgen, hinein in den Wald. Tiefer und tiefer. Nach Osten, nach Norden. Bis wir Wald werden, Wurzel und Wind und Reh. Bis uns Knospen wachsen, Hufe, Geweih. Bis wir es sind.“

Mattausch gelingt mit ihrem Debutroman eine poetisch-bezaubernde Verwandlung der deutsch-russischen Geschichte. Sie bannt ein Stück weit die Schrecken der Vergangenheit, indem sie deren Tragik anmutig anrührend, leise tastend, verrätselt und mitunter liebevoll verschmitzt in Worte und Bilder fließen lässt und auf diese Weise durch die Geschichten von Babulya und Nanush gekonnt die Wunden der Vergangenheit versorgt und als Heilerin wirkt.

Titelbild

Birgit Mattausch: Bis wir Wald werden.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2023.
176 Seiten , 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783608986938

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