Was eine Frau zur Frau macht

Susanne Kaiser sucht in ihrem Buch „Backlash“ neue Formen der Gewalt gegen Frauen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Wir erleben einen Backlash gegen den Aufstieg der Frauen, mit ganz neuen Formen der Gewalt“, konstatiert Susanne Kaiser eingangs ihres Buches Backlash, wobei zur traurigen Wahrheit gehört, dass Frauen „von immer mehr Seiten“ angegriffen werden. Über individuelle Angriffe gegen immer mehr Frauen hinaus richtet sich der misogyne Hass zunehmend erfolgreicher ganz grundsätzlich gegen „sicher geglaubte Frauenrechte in westlichen Demokratien“. Daher konzentriert sich Kaisers Kritik der gegen Frauen gerichteten Männergewalt denn auch auf ‚den Westen’, obwohl Rechte von Frauen in anderen Ländern ebenso sehr zurückgedrängt oder sie völlig entrechtet werden. So etwa in Russland, wo die von Männern ausgeübte Partnerschaftsgewalt legalisiert wurde, im Iran, wo Frauen ihr Leben riskieren, wenn sie sich nicht dem rigiden Kopftuchdiktat der Herren Mullahs unterwerfen, oder in Afghanistan, wo die Taliban nach dem Abzug westlicher Truppen ihren Frauenhass ganz nach Lust und Laune austoben können.

Zugleich ist in einigen Demokratien Westeuropas oder Süd- und Mittelamerikas auch ein „feministischer Fortschritt“ zu verzeichnen, der allerdings selbst dort mit einer „reaktionäre[n] Gegenbewegung“ konfrontiert ist. Kaiser bezeichnet dies als „feministisches Paradox“, womit sie einen neuen Begriff für ein altes Phänomen geprägt hat. Denn es ist spätestens seit der vorletzten Jahrhundertwende bekannt. Als die Welle der Ersten Frauenbewegung hierzulande kräftig anschwoll, reagierte beispielsweise der damals äußerst umtriebige Deutsche Bund gegen Frauenemanzipation anno 1914 mit einem Aufruf an die Frauen und Männer Deutschlands zur Erhaltung deutscher Frauenart und zum Kampfe gegen das Frauenstimmrecht.

Heute ist es Kaiser zufolge nicht etwa in erster Linie der sprichwörtliche ‚Alte Weiße Mann’, der „Hass, Sexismus und Gewalt gegen Frauen befürworte[t] und verbreite[t]“, sondern es sind „vor allem junge Männer und sogar Jugendliche“. Daher sei die hoffnungsfrohe Annahme, das Patriarchat erledige sich über kurz oder lang von selbst haltlos. Vielmehr drohe es, künftig weiter zu erstarken.

Kaiser unternimmt es anhand verschiedener Beispiele „von Frauen, aus der Mitte der Gesellschaft, die mit gewalttätigen Männern zusammen waren“, ihre These zu untermauern, dass es „neue Gewaltformen“ gibt, die „von einer neuen Qualität“ sind und Frauen „unter anderen Umständen“ sowie „mit neuen Motiven und Methoden“ angetan werden. Doch gelingt ihr dies nur in Maßen. Denn tatsächlich sind die von Kaiser genannten Motive keineswegs sonderlich neu. So geht es Maskulinisten schon von jeher darum, „Frauen auf ihren Körper zu reduzieren, sie zu unterwerfen und zurück auf einen untergeordneten gesellschaftlichen Platz zu verweisen“. Zwar neu, aber ebenfalls wenig einleuchtend ist hingegen Kaisers These: „Dadurch, dass Frauen auf ihren Körper reduziert werden, werden sie überhaupt erst zu Frauen.“

Besonders überzeugend sind hingegen ihre Ausführungen zur Institution des Frauenhauses, das sie als ambivalenten „Ort“ analysiert, „der geradezu symbolisch dafür ist, wie scheinheilig mit dieser alltäglichen Gewalt gegen Frauen umgegangen wird“. Alleine schon die Tatsache, dass es Frauenhäuser „gibt und geben muss, ist an sich schon ein Triumph für das Patriarchat“. Bereits die Bezeichnung Frauenhaus lasse die patriarchale Realität klar vor Augen treten: „Hier die Welt der Männer in der Öffentlichkeit, wo man sich frei bewegen kann. Und da ein ‚Frauenhaus’ für Frauen, versteckt, privat, unsichtbar.“ Denn von dem Moment an, in dem eine Frau vor ihrem Peiniger Zuflucht in einem Frauenhaus sucht, verliert sie alle sozialen Kontakte, muss ihre Arbeit aufgeben und kann sich weder gesellschaftlich noch politisch engagieren. So werden die Frauen „aus der sichtbaren Öffentlichkeit gedrängt“ und stehen „vor dem existentiellen Nichts“. Nicht einmal eine Anschrift haben sie noch. Zu groß ist die Gefahr, dass er sie aufspüren könnte. Er kann sein misogynes Leben hingegen wie gewohnt mit seinen Kumpels weiterführen. Frauenhäuser seien daher im Grunde kein „Ort“, sondern ein „Unort“.

Überhaupt, so führt Kaiser weiter aus, solle die Männergewalt gegen Frauen „unsichtbar bleiben und für jegliche Auseinandersetzung unzugänglich sein“. Das mag zwar in seiner Absolutheit übertrieben klingen und ist es, was die Möglichkeit der Thematisierung und Auseinandersetzung misogyner Männergewalt betrifft, wohl auch. Doch kann die Autorin auf einige altbekannte und oft kritisierte sprachliche Konventionen verweisen, mit denen Männergewalt gegen Frauen verschleiert wird, wie etwa der berühmt-berüchtigte Euphemismus der ‚Familientragödie’ oder auch die Rede von der ‚häuslichen Gewalt’. „Die Gewalt ist ja an sich nicht ‚häuslich’, sondern ‚männlich’“, argumentiert Kaiser. Aber auch das ist noch zu unscharf. Denn damit könnte etwa auch die Prügelei eines heranwachsenden Brüderpaars im elterlichen Wohnzimmer bezeichnet werden. Einzig treffend ist die zugegebenermaßen etwas sperrige Wendung Männergewalt gegen Frauen in (Ex-)Partnerschaften.

Mit einigen Formen dieser Art männlicher Gewalt in (Ex-)Partnerschaften befasst sich die Autorin näher. So etwa mit dem perfiden Psychoterror des Gaslighting, dessen Bezeichnung auf Thorold Dickinsons Spielfilm Gaslight aus dem Jahr 1940 Bezug nimmt, der selbst wiederum auf Patrick Hamiltons zwei Jahre zuvor uraufgeführtem Schauspiel gleichen Namens fußt. Auch das zunehmend frauenfeindlichere Schwangerschaftsrecht in den USA und „Onlinehetze gegen Politikerinnen“ nehmen in Kaisers Buch breiteren Raum ein. An Fakten bietet sie dabei allerdings meist nur Altbekanntes. Und wenn sie schreibt, „die Kölner Silvesternacht“ sei „von rechten Trollen zu einem Riesenskandal aufgebauscht“ worden, klingt das gerade so, als seien die damals auf dem Domplatz massenhaft verübten sexuellen Angriffe auf Frauen nur halb so schlimm gewesen.

Ebenfalls fast schon verharmlosend klingt ihre Feststellung, dass „jede zweite Frau […] Formen psychischer Gewalt [kennt]: Einschüchterungen Anschreien, Drohungen, Beschimpfungen, Verleumdungen Demütigungen, Psychoterror, systematische Kontrolle, Isolierung, extreme Eifersucht.“ Tatsächlich dürften eine oder mehrere dieser Formen psychischer Gewalt nicht weniger als 100% der Gesamtbevölkerung aus eigener Erfahrung kennen. Wer wurde denn noch nie angeschrien oder beschimpft?

Gegen Ende des Buches wird es theoretisch. Denn die Autorin legt nun dar, warum sie die Kategorie Frau nicht als „Geschlechterkategorie“, sondern als „Diskriminierungskategorie“ verstanden wissen will. Ersteres führt Kaisers Meinung nach zu der falschen Aussage „‚Frauen brauchen eigene Safe Spaces, weil sie von Natur aus schwächer sind als Männer’“, letzteres hingegen zu der Kaiser zufolge richtigen „‚Frauen brauchen eigene Safe Spaces, weil sie im Patriarchat von gewalttätigen Männern als Frauen und damit als schwächer konstruiert werden’“. Letztlich aber plädiert sie für einen Vorschlag, von dem sie sich offenbar verspricht, er werde alle zwischengeschlechtlichen Probleme lösen. Denn alleine damit, „Gewalt gegen Frauen zu beenden, […] kommen wir […] nicht aus dem grundsätzlichen Dilemma“. Daher sei „langfristig eine andere nachhaltigere Perspektive“ notwendig. Und die sieht die Autorin darin, „die Kategorien [zu] sprengen“. Denn es gehe nicht darum, „dass sich am Ende ein ‚Geschlecht’ durchsetzt und Macht erringt“, sondern „um die Frage, ob wir diese Kategorien, die mit Macht verbunden sind überhaupt noch brauchen“. Doch selbstverständlich sind die Kategorien weiterhin notwendig, in der Medizin beispielsweise. Oder um Männergewalt gegen Frauen auch nur benennen und thematisieren zu können.

Titelbild

Susanne Kaiser: Backlash. Die neue Gewalt gegen Frauen.
Tropen Verlag, Stuttgart 2023.
221 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783608501728

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