Die Neuentdeckung eines deutschen Exilschriftstellers

Einige Neuerscheinungen machen mit Ulrich Becher und der aktuellen Brisanz seiner Werke bekannt

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der deutsche Schriftsteller Ulrich Becher (1910-1990) ist einer der heute fast vergessenen Exilautoren, dessen Romane und Erzählungen in den letzten Jahrzehnten nur selten verlegt wurden; meist waren sie nur antiquarisch zu erwerben. Als die Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 die Macht in Deutschland übernahmen, stand Becher am Beginn einer vielversprechenden Karriere. Sein erster Geschichtenband Männer machen Fehler (1932) verschwand jedoch bereits wenige Monate später vom nationalsozialistisch dominierten deutschen Buchmarkt. Häufig liest man auch, dass der Band ein Opfer der Bücherverbrennung wurde; doch inzwischen gibt es Zweifel an dieser Aussage, denn Bechers Name taucht in keiner Liste der verbotenen Autoren während der NS-Zeit auf.

Mit nicht einmal dreißig Jahren war einer der erfolgversprechendsten jungen Autoren des Landes vergessen. Ulrich Becher wurde am 2. Januar 1910 als Sohn eines Rechtsanwaltes und der Schweizer Pianistin Elisa Ulrich in Berlin geboren. Hier besuchte er das Werner-Siemens-Realgymnasium und die Freie Schulgemeinde Wickersdorf (bei Deutschlehrer Peter Suhrkamp), wo er das Abitur ablegte. Danach studierte er von 1928 bis 1932 Jura in Genf, Berlin und schließlich in Leipzig, wo er Grafikschüler von Georg Grosz (1893-1959) war. Der Anfang einer lebenslangen Freundschaft.

1931 debütierte der Jura-Student mit dem Christusdrama Niemand, das zunächst von Erwin Piscator zur Uraufführung angenommen, aber später verboten wurde. Die Uraufführung fand erst fünf Jahre später, im Januar 1936, am Berner Stadttheater statt. 1932 erschien dann im renommierten Rowohlt Verlag Berlin der Novellenband Männer machen Fehler, dessen Cover eine Zeichnung des Autors zierte. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ging Becher nach Wien, wo er als Zeitungskorrespondent arbeitete. Hier heiratete er Dana Roda Roda (*1905), eine frühere Kommilitonin und die Tochter des österreichischen Schriftstellers Alexander Roda Roda (1872-1945).

1938 erhielt der politisch linke, aber parteilose Becher zwar das Bürgerrecht Österreichs, das ihm aber bald wieder entzogen wurde. Kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs ging der „Staatenlose“ mit seiner jüdischen Frau in die Schweiz. Obwohl seine Mutter Schweizerin war, wurde ihm jedoch kein dauerhafter Aufenthalt gewährt. Nachdem der Versuch, in die USA auszuwandern, gescheitert war, emigrierte das Paar 1941 über Frankreich, Spanien und Portugal nach Brasilien, wo man in verschiedenen Städten (u.a. Teresópolis, Rio de Janeiro und São Paulo) wohnte. Becher verdiente als Farmer und als Publizist für Emigrantenzeitschriften den Lebensunterhalt; daneben entstanden auch einige literarische Texte, die aber erst 1962 in dem Band Brasilianischer Romanzero erschienen. Das brasilianische Exil thematisierte er später auch in zwei Theaterstücken: Samba (1950) und Der Herr kommt aus Bahia/Makumba (1958).

Ansonsten ist über den dreijährigen Aufenthalt in Brasilien wenig bekannt. Ständig hoffte man auf das Visum für die USA. Dank der Bemühungen der Schwiegereltern und von George Grosz, der bereits seit Januar 1933 in den USA lebte, gelang 1944 schließlich die Übersiedlung nach New York, wo im selben Jahr der Sohn Martin Roda Becher zur Welt kam. Neben den New Yorker Novellen (1974), in denen Becher seine Exilerfahrungen verarbeitete, entstand mit dem Co-Autor Peter Preses (1907-1961) das Theaterstück Der Bockerer (1946). Nachdem Becher 1948 nach Wien zurückgekehrt war, wurde die tragische Posse im Neuen Theater an der Scala mit großem Erfolg uraufgeführt. Die Handlung spielt in den Jahren 1938 bis 1945. Karl Bockerer, Fleischhauer und Selchermeister in der Wiener Vorstadt, hat zwar ironischerweise am gleichen Tag Geburtstag wie Adolf Hitler, aber er ist nicht bereit, den Führerkult und den Rassen-Unfug mitzumachen – ganz im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern. Rund um die Hauptfigur hatten Becher und Preses eine Schar von scharf gezeichneten Typen gruppiert: Täter, Mitläufer, Wendehälse und Weggefährten. Bockerer ist kein Widerstandskämpfer, aber mit seiner Naivität entlarvt er die Verlogenheit des NS-Regimes und begibt sich dabei immer wieder in gefährliche Situationen. Becher selbst nannte das Bühnenstück: „Eine schwejkartige Satire auf sieben Jahre Hitlerei in Österreich.“ Große Bekanntheit erreichte es dann 1981 durch die Verfilmung unter der Regie von Franz Antel und mit Karl Merkatz in der Titelrolle.

Von Wien aus pendelte Becher zwischen Berlin, München und Basel, wo er sich ab 1954 schließlich dauerhaft niederließ. Er schrieb weiter fürs Theater; so mit den Komödien Mademoiselle Löwenzorn (1954) oder Biene gib mir Honig (1974). In den 1960er Jahren machte sich Becher vor allem mit dem Kurzroman Das Herz des Hais (1960) und seinem Opus magnum Murmeljagd (1969) als ausdrucksvoller Erzähler einen Namen.

In Das Herz des Hais erzählt Becher die Geschichte des Basler Künstlerehepaares Turian, eines ebenso exzentrischen wie ungleichen Gespanns. Auf der einen Seite die junge, extravagante Malerin mit dem klangvollen Namen Lulubé, die für wilde Fasnachtsbräuche, Stierkampf und vulkanische Inseln schwärmt – auf der anderen Seite der ausgeglichene und etwas langweilige Gatte Angelus.

Während eines Urlaubs auf den Liparischen Inseln gerät die eher gemütliche Ehe außer Kontrolle. Hier begegnet die temperamentvolle Lulubé dem gutaussehenden englischen Archäologen John Crossman, der für sie der „Wilde Mann“ ist, die Verkörperung einer archetypischen Männlichkeit, nach der sie sich schon immer verzehrt hat. Als Lulubé ihn sucht, liegt auf der Straße vor ihren Füßen das herausgerissene Herz eines Menschenhais. „Ich suche einen Mann. Hautfarbe egal. Einen Mann der Deine Herzensgüte […] im Kopf hat und dazu das Herz eines Hais“, schreibt sie in einem Abschiedsbrief an Angelus. Becher lässt jedoch die Möglichkeit einer sich anbahnenden Liebesgeschichte offen. Neben der Dreiecksgeschichte beschreibt er auch eindrucksvoll die einmalige Natur der Liparischen Inseln.

Mit dem Roman Murmeljagd, an dem Becher länger als ein Jahrzehnt gearbeitet hatte und der einen starken autobiografischen Charakter trägt, legte er einen der großen Romane der deutschen Literatur zum Thema Exil vor. Der Wiener Journalist Albert Trebla, der im Ersten Weltkrieg Jagdflieger war, flieht im Frühjahr 1938 mit seiner Frau aus dem von deutschen Truppen besetzten Österreich auf Umwegen in die Schweiz, in die Bergwelt des Engadins. Hier fühlt sich der Marxist allerdings immer noch in die Enge getrieben und von der Gestapo verfolgt. Wie ein Murmeltier versucht Trebla, in Deckung zu gehen, aber wo er auch hinkommt, meint er die Nähe eines Liquidationskommandos, in Person der beiden Wiener Kurgäste (oder Spitzel) Krainer und Mostny, zu spüren. Eine Serie von mysteriösen Todesfällen schürt noch weiter seine Befürchtungen und Ängste. So häuft Trebla Verdacht auf Verdacht und erliegt dabei auch Täuschungen. Damit präsentiert sich Murmeljagd auch als Kriminalroman voller Überraschungen. In den Erinnerungen Treblas gelang Becher eine genaue Beschreibung der langsamen faschistoiden Ausrichtung der österreichischen Gesellschaft. Darüber hinaus war der Roman eine Kritik am Verhalten der Schweizer Behörden gegenüber den Flüchtlingen, die in der „Alpenkatakombe“ Zuflucht suchten, aber meist keine Arbeitserlaubnis bekamen oder häufig sogar des Landes verwiesen wurden.

Neben Das Herz des Hais und Murmeljagd entstanden in der Basler Zeit noch zahlreiche Publikationen, darunter Novellen und die beiden Romane Kurz nach 4 (1957) und William’s Ex-Casino (1973). Am 15. April 1990 starb Ulrich Becher im Alter von achtzig Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof am Hörnli.

Obwohl Bechers Werke in mehrere Sprachen übersetzt wurden, blieb er über Jahrzehnte eine Randerscheinung der deutschen Nachkriegsliteratur. In manchen Literaturgeschichten suchte man seinen Namen sogar vergeblich. Selbst sein Roman Murmeljagd, der heute als einer der besten Romane gilt, die nach 1945 in deutscher Sprache geschrieben wurden, hatte bei seinem Erscheinen nur einen mäßigen Verkaufserfolg. Exilliteratur war Ende der 1960er Jahre passé; genauso wie Bechers expressionistische Erzählweise und seine oft überzeichneten Figuren, die irgendwie an Zeichnungen von George Grosz erinnerten, nicht mehr zeitgemäß waren.

In der Schweiz, wo Becher immerhin dreieinhalb Jahrzehnte lebte, wurden seine Bücher nur in niedrigen Auflagen gedruckt. Abgesehen von einem Förderbeitrag von Seiten der Schweizer Schillerstiftung (1976) erhielt er zeitlebens keinen Schweizer Literaturpreis. In Deutschland wurde er 1955 mit dem Dramatikerpreis des Deutschen Bühnenvereins geehrt und 1980 erhielt er das Österreichische Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für Literatur und Wissenschaft. Einzelne Werke wurden zwar vom Rowohlt Verlag und vor allem vom Ostberliner Aufbau-Verlag (u.a. in der bb-Taschenbuchreihe) herausgegeben, doch Becher blieb auf dem deutschen Buchmarkt weiterhin ein Außenseiter.

Erst zwanzig Jahre nach seinem Tod, zu seinem 100. Geburtstag, weckte der Schöffling Verlag, der bereits mehrfach Klassiker der Moderne dem Vergessen entrissen hatte, mit der Neuausgabe von Murmeljagd das Interesse an „Uli“ Becher. Die Kritiker waren begeistert und das Publikum wurde aufmerksam, sodass weitere Ausgaben seiner Werke folgten. Nun erinnert der Diogenes Verlag mit zwei Taschenbuchausgaben von Das Herz des Hais und Murmeljagd an den „heimatlosen“ Schriftsteller. Die beiden Neuausgaben werden jeweils durch ein Nachwort der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse ergänzt, die von den Schöffling-Ausgaben übernommen wurden. Während Menasse in Ode an die unerschrockene Frau besonders die weibliche Hauptfigur Lulubé näher beleuchtet, bezeichnet sie in So lacht die Hölle Treblas Exil als eine Geisterbahnfahrt, „bei der man nicht weiß, was hinter der nächsten Kurve lauert“.

Neben den beiden Diogenes-Titeln sind im Leipziger Buchfunk Verlag auch die vollständigen Lesungen der beiden Romane erschienen. Während in Das Herz des Hais (Spieldauer ca. 4 h) der Schauspieler und Sprecher Bodo Primus in die Rollen der Hauptprotagonisten (Angelus, Lulubé und „wilden Mann“) schlüpft, gelingt es dem österreichischen Schauspieler Wolfram Berger mit feiner Ironie, das Groteske und die satirischen Anspielungen in Murmeljagd (Spieldauer ca. 30 h) hörbar zu machen.

Das neuerliche Interesse an Becher veranlasste die Schweizer Literaturzeitschrift orte, ihm unter dem Titel … wir kommen überall vorbei – Der Schriftsteller Ulrich Becher ein Heft (Nr. 221, Mai 2023) zu widmen. Gemeinsam mit Martin Roda Becher – Sohn des Autors – zeichnen die Gastredakteure anhand von persönlichen Erinnerungen und Familiendokumenten „ein zeitlos aktuelles, vielschichtiges Bild des Autors“. So erinnern sich die beiden Schweizer Schriftsteller Peter K. Wehrli und Dieter Bachmann an ihre persönlichen Begegnungen mit Becher. Nach einigen kurzen Romanauszügen aus Murmeljagd berichtet Norbert Weiß über Neues vom Erfinder des Murmeljägerjägers, während Erwin Messmer eine kurze Stilstudie zu dem Roman Das Herz des Hais vorlegt. Abschließend beschäftigt sich Jeroen Dewulf mit Ulrich Becher als Dramatiker, vor allem mit seinem Stück Der Herr kommt aus Bahia, in dem sich Becher mit den afrobrasilianischen Religionen auseinandersetzte. Neben einigen Zeichnungen und privaten Fotos Bechers wird die Ausgabe durch den kurzen apokalyptischen Text Jahrtausende gingen dahin (1945/46) ergänzt, in dem der langerwartete Messias am Weltuntergang doch noch den zwei allerletzten, uralten Juden vor ihrem Tode erscheint.

Ulrich Becher ist also wieder da und höchst aktuell. Endlich bekommt er seinen Platz in der deutschen Literatur. Nach den Hardcover-Ausgaben nun auch in Taschenbuchformat und als Hörbuch … und man sollte davon Gebrauch machen. Denn was Karl Bockerer am Ende des Stücks noch zu sagen hat, das gilt auch heute noch: „Aufpassen müss‘ ma halt – wia a Luchs.“

Titelbild

Ulrich Becher: Das Herz des Hais. Roman.
Mit einem Essay von Eva Menasse.
Diogenes Verlag, Zürich 2023.
202 Seiten , 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783257246780

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Titelbild

Ulrich Becher: Murmeljagd. Roman.
Mit einem Essay von Eva Menasse.
Diogenes Verlag, Zürich 2022.
720 Seiten , 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783257246490

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Titelbild

Ulrich Becher: Das Herz des Hais.
Buchfunk Verlag, Leipzig 2022.
1 CD , 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783868479881

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Kein Bild

Ulrich Becher: Murmeljagd.
Buchfunk Verlag, Leipzig 2022.
Online-Ressource (mp3), 17,99 EUR.
ISBN-13: 9783868476248

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Kein Bild

Redaktion orte (Hg.): „… wir kommen überall vorbei“. Der Schriftsteller Ulrich Becher.
Schweizer Literaturzeitschrift, Nr. 221, Mai 2023, Seite 4-45.
orte Verlag, Schwellbrunn 2023.
83 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783858303110

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