Das Hundeleben einer Mutter

Rachel Yoders Roman „Nightbitch“ erzählt von phantastischen Freuden und gewaltigen Schrecken des Mutterdaseins

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bekanntlich steckt in jedem Mann ein Kind. Was aber steckt in einer Frau? Nun ja, eine Hündin. Jedenfalls, sofern sie eine Mutter und die titelstiftende Protagonistin in Rachel Yoders Roman Nightbitch ist. Den Namen – Nightbitch – hat sie sich selbst gegeben. Denn sie fühlt etwas Animalisches, genauer gesagt Hündisches in sich, natürlich nicht im Sinne der dem Tier nachgesagten Unterwürfigkeit, sondern wegen seiner vermeintlichen Wildheit. Die tatsächliche oder vielleicht auch nur eingebildete Verwandlung der Frau zum (Mutter-)Tier manifestiert sich zunächst in einem kleinen, aber merkwürdigen Haarbüschel, das sie eines Morgens in ihrem Nacken ertastet, und nicht lange darauf in einem Abszess am Kreuzbein, aus dem ebenfalls ein Büschel hervorquillt, als sie ihn aufschneidet. Auch scheinen ihr die Eckzähne langsam zu Reißzähnen heranzuwachsen. Außerdem nimmt sie nachts, oder auch nur in ihren Träumen (dies wird nicht so ganz klar) die Gestalt eines Hundes an, der auch schon mal ein Kaninchen reißt.

Mit ihrer Namenswahl Nightbitch verweist sie darauf, dass sie kein braves Muttchen sein möchte, denn Bitch will sie in der Doppelbedeutung von „Hündin“ und „Miststück“ verstanden wissen. Und Nightbitch nennt sie sich, weil ihre animalischen Anwandlungen nächtens auftreten. Allerdings erobert sie auch bald das helle Tageslicht. „Nightbitch zu sein“, bedeutet, „immer auf der Hut zu sein, anzuzweifeln und anzusprechen, zu kritisieren und zu hinterfragen, auch ihren Mann, ihre Mutterschaft, ihre Karriere, […], Kapitalismus, Opportunismus, Politik und Religion“. So kritisiert Nightbitch die gesellschaftlich oktroyierte Mutterrolle und schimpft, dass „ein unsinnigeres Konzept als das der arbeitenden Mutter […] nie erfunden“ worden sei. Denn „welche Mutter arbeitet denn nicht? Und was ist sie bitte, wenn dann noch ein Job hinzukommt? Eine arbeitende Mutter mit Arbeit? Niemand sagt arbeitender Vater.“

Anderen Müttern, denen Nightbitch regelmäßig auf dem Spielplatz und in der Kinderbibliothek oder bei der Vermarktung von Kräutertees, die eine von ihnen als scheinbar tüchtige Geschäftsfrau anbietet, begegnet, weicht sie so gut es eben geht aus, bleiben sie ihr doch stets fremd. Anders als Nightbitch, die von der Erzählinstanz nur „die Mutter“ oder eben Nightbitch genannt wird, haben sie alle einen ‚richtigen’, je eigenen Namen. Das ist aber auch fast schon alles, was sie unterscheidet. Als ansonsten namenlose Protagonistin steht Nightbitch für den ‚Typus Mutter’ überhaupt. Auch ihr Sohn und dessen Vater bleiben namenlos und dürfen entsprechend als Vertreter des ‚Typus Sohn’ und des ‚Typus Vater’ interpretiert werden.

Ihre ehemaligen Studienfreundinnen von der Kunsthochschule und ihre früheren Kolleginnen von der Galerie mit ihren erfolgreichen Karrieren sind zwar samt und sonders kinderfrei, dafür aber ebenso wie die Spielplatz-Mütter mit individuellen Namen gesegnet. Nightbitch aber fühlt sich weder ihren Mitmüttern noch ihren Ex-Kolleginnen verbunden. Und auch ihr Mann wird ihr zunehmend fremd, steht er ihrer mütterlichen Entwicklung ins Animalische doch zweifelnd gegenüber. Als sie ihm von ihrer mutmaßlichen Verwandlung in eine Hündin erzählt, nimmt er sie nicht ernst und beginnt zu lachen. Erst im Laufe der Zeit, als sie immer mehr hündische Eigenheiten entwickelt, reagiert er dann doch etwas besorgt. Dass sie seit einiger Zeit auf wilden, animalischen Sex steht und am liebsten ‚von hinten genommen’ werden will, liebt er hingegen.

Viel bekommt er von ihrer mutmaßlichen Verwandlung nicht mit, befindet er sich doch die meiste Zeit auf Geschäftsreise. Ist er an den Wochenenden kurz zuhause, nimmt er, ohne bösen Willen, nicht einmal wahr, dass sie die ganze (Erziehungs-)Arbeit leistet, sondern beschäftigt sich hingebungsvoll mit seinen Videospielen. Sieht er sich doch einmal genötigt, etwas im Haushalt zu erledigen, erweist er sich als völlig ungeeignet. So ist die Mutter zwar „dankbar dafür“, wenn er ausnahmsweise einmal „seinen Sohn badete, auch wenn sie das Handtuch im Wäschetrockner vorwärmen muss[] und dem Jungen einen Toast und dann einen Pyjama holen muss[], während ihr Mann neben der Wanne auf dem heruntergeklappten Klodeckel [sitzt] und ins Handy schaut[]“. Manche Leserin wird da vielleicht den ihr Angetrauten wiedererkennen. Für Nightbitch ist es jedenfalls „in gewisser Weise […] ohne ihn leichter“ und sie ist froh, wenn er montags wieder verschwindet.

Überhaupt gibt es nur einen Menschen auf der Welt, mit dem sie sich immer besser versteht und geradezu eine symbiotische Beziehung entwickelt: ihr etwa dreijähriger Sohn. Hat sie die „paranoide Vorstellung, sie könnte sich in einen Hund verwandeln“ zunächst geängstigt, identifiziert sie sich immer stärker mit dem bald nicht mehr nur spielerischen Hundedasein, das sie gemeinsam mit ihrem Sohn, der vielleicht noch mehr darin aufgeht als sie selbst, nun immer mehr inszeniert und kultiviert. Schließlich erzieht sie ihn auf eine Weise, dass er sich, ebenso wie sie selbst, immer stärker mit der animalischen Lebensweise identifiziert, was einen pädagogischen Vorteil mit sich bringt. Denn erst als sie ihm erklärt, Hunde würden keine Schnuller in die Schnauze nehmen, legt er ihn ein für alle Mal ab. Doch nachdem sie eines Tages, vom wilden Hundewahn befallen, die Hauskatze grausam in der Küche gemeuchelt hat, erschrickt Nightbitch, als sie bemerkt, dass ihr Sohn zugesehen hat. Der aber findet gar nichts groß dabei, die Mutter mit dem Messer in der einen, der aufgeschlitzten Katze in der anderen Hand in dem von ihr angerichteten Blutbad zu sehen. Zwei richtig wilde Hunde also, voller Mordlust und Blutdurst.

Tatsächlich aber ist ein Hund alles andere als ein Wesen im „reinen, pulsierenden Urzustand“, wie die Mutter meint, sondern vielmehr ein domestiziertes Haustier. Wirklich wild sind nicht Hunde, sondern Wölfe, worauf Clarissa Pinkola Estés’ feministisch-esoterisches Kultbuch aus den 1990er Jahren Die Wolfsfrau: Die Kraft der weiblichen Urinstinkte rekurriert. Kaum vorstellbar, dass die Autorin des vorliegenden Romans es nicht kennt. Es scheint sogar durchaus nicht abwegig, dass Yoder sich durch Pinkola Estés’ Buch zu ihrem fiktiven Verzeichnis der magischen Frauen inspirieren ließ, das sie einer – womöglich nur angeblichen – Professorin namens Wanda White zuschreibt. Denn in ihm gibt es tatsächlich wilde Wolfsfrauen. Die heißen allerdings „WerMütter“. Sie sind halb Frau, halb Wolf, leben irgendwo in den Tiefen Sibiriens und pflanzen sich per Parthenogenese fort. Nightbitch hat den phantastischen Band in einer Bibliothek entdeckt und ausgeliehen. Schon bald wird er zur alltäglichen Lektüre, wenn nicht gar zur Bibel der Mutter. Wanda White hat zwar eine eMail-Adresse, über die Nightbitch vergeblich versucht, sie zu kontaktieren, ansonsten hat sie aber, abgesehen von ihrem Buch, keine Spuren in der Welt hinterlassen. Dabei will sie doch durch alle Kontinente gereist und dort ein ums andere Mal auf alle nur erdenklichen „magischen Frauen“ gestoßen sein. Zwar beschreibt Wanda White in ihrem Buch allerlei phantastische Frauenwesen, nur Mütter, die sich „in gewöhnliche Hunde, die man sogar als Haustier halten könnte“ verwandeln, kommen in ihrem esoterischen Verzeichnis nicht vor.

Als domestizierte Hündin, und eben nicht als wilde Wölfin, hat Nightbitch lange Zeit ein ausgesprochen ambivalentes Verhältnis zum Mutterdasein. Einerseits lehnt sie die „rückhaltlose[] Unterwerfung unter das Leben als Mami“ strikt ab, andererseits aber will sie „einfach ihrer Bestimmung folgen und ein Tier sein, das sich um seinen Nachwuchs kümmert und darüber hinaus keine Wünsche oder Sorgen hat“, bis sie sich schließlich „klammheimlich ins Vollzeitmutterland verabschiedet“. Ihr Dasein als Hündin symbolisiert damit sowohl die animalischen Anteile am Muttersein, als auch die gesellschaftliche Reduzierung aufs Muttersein.

Zwar scheint Nightbitch, die trotz allem Hundeleben ihr vormütterliches Dasein als Galeristin und Künstlerin vermisst, eine glückliche Symbiose mit sich selbst als Tier und Mutter und mit ihrem Sohn einzugehen, letztlich aber „wünscht[]“  sie „ihr Hundeschicksal keiner anderen Mutter, niemals, denn obwohl die Zeit als verwilderte Mami großen Spaß machte und man sich dabei lebendig, stark und schamlos fühlte, war sie im Kern sehr privat und traurig“. So ist der zwar oft (auf nicht eben subtile Weise) humoristische Roman im Grunde eher traurig als lustig oder gar, wie manche meinen, ermächtigend. Da tut auch sein vielleicht unerwarteter und (scheinbar?) versöhnlicher, jedenfalls aber phantastischer Schluss keinen Abbruch.

Titelbild

Rachel Yoder: Nightbitch.
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2023.
304 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783608986877

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