Rollenspezifische Sozialisation auf Türkisch

Fikri Anıl Altıntaş erzählt in „Im Morgen wächst ein Birnbaum“, was es heißt, die Herkunft hintanzustellen

Von Frank RiedelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Riedel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit über 50 Jahren verfügen türkische Einwander*innen in Deutschland schon über eine, wenn auch gesellschaftlich lange wenig beachtete Stimme, die sich über die Jahrzehnte natürlich auch verändert hat. In letzter Zeit mehren sich literarische Debüts und Sachbücher, die neue Perspektiven, Schreib- und Leseweisen einbringen: Während sich etwa Deniz Ohde in Streulicht (2020) mit Klassismus und Gün Tank in Die Optimistinnen (2022) mit der weiblichen Arbeitsmigration befassten, untersuchte der Leipziger Buchpreisträger Dinçer Güçyeter in seinem autofiktionalen Roman Unser Deutschlandmärchen (2022) anhand von Mutter-Sohn-Beziehungen den Einfluss verinnerlichter patriarchalischer Strukturen auf Männlichkeitsentwürfe der zweiten Generation. Auch der Journalist und Aktivist Fikri Anıl Altıntaş setzt sich in seiner Ethnobiografie Im Morgen wächst ein Birnbaum mit den lebensgeschichtlichen familialen Erfahrungszusammenhängen, der lange unhinterfragten und routinisierten Erinnerungs- und Disziplinierungsarbeit der Vorfahren, insbesondere der Eltern, auf seine Persönlichkeitsentwicklung auseinander. In einer poetisch angehauchten Prosa entfaltet er auf 172 Seiten eine leise, aber doch wirkmächtige Erzählung darüber, wie er zu dem Mann wurde, der er heute ist – „mit und durch meinen Vater, wegen und trotz Deutschland“.  

Altıntaşs Vater, sein Vorbild, Subjekt (und gewissermaßen Antiheld) seiner Geschichte, floh aus politischen Gründen in den 1980er Jahren nach Hessen und lebte als Türkischlehrer mit seiner Familie anfangs in einer Sozialwohnung in Aßlar. Er engagierte sich in der SPD und in der Gewerkschaft, da er „das Gefühl, die Veränderungen in der Gesellschaft mitbestimmen zu können“, brauchte, und lebte seinem Sohn eine Form des Mannseins vor, die auf Ehrlichkeit und Direktheit basierte und deswegen für den eigenen Weg durchaus als Richtschnur hätte dienen können: Nicht einmal in den seltenen Momenten der (verpönten) Schwäche, wenn er mitten in einem Gespräch in die Küche flüchtete, um zu weinen, erschien er seinem Sohn als hilfsbedürftig oder wenig handlungsfähig. Er stand auch privat, etwa bei Hochzeiten, gern im Mittelpunkt des Geschehens, auch hier ganz in seiner Lehrerrolle aufgehend. Den Umgang der in prekären Verhältnissen, mit Geldsorgen und Schulden lebenden Eltern mit ihrem – mitunter rassistischen – Umfeld bestimmte deswegen mehr als alles andere ihr Anpassungswillen, um – wie einst bei einer Wohnungsbesichtigung, bei der sich die von der Vermieterin erwartete Lehrerfamilie als die Familie Altıntaş entpuppte – nicht noch einmal „an einer Tür abgelehnt zu werden“. Er und seine Frau goutierten wohlwollend, wenn ihre Kinder Schule spielten, und hörten ihnen gern bei Tagträumereien von einem Studium zu, weil es in Deutschland ein Vorankommen ohne Bildung nicht gab.

Altıntaş interpretiert diese Erfahrungen als sinnstiftend für seine Entwicklung, die sich vordergründig zwischen der Heimat der Eltern und dem Kindheitsort, Mittelhessen, dem Ferienhaus in der Türkei und der mit dem Bildungsaufstieg einsetzenden Gegenwart in Berlin abspielt. Zu seinen Mustern der Selbstpräsentation gehört einerseits die (von den Eltern eingepflanzte) Sehnsucht nach dem einfachen Dorfleben, wofür der titelgebende Birnbaum steht. Sie wurde auch im Türkischunterricht erfolgreich reproduziert, in jenem geschützten Raum und Wohlfühlort, in dem „wir uns gesehen fühlten. Wo wir herkamen, sagten wir gern.“ Andererseits bemühte er sich früh um eine Grenzziehung zu individuellen und kollektiven Verhaltensweisen wie autoritärem Gehabe, Streit und den Bestrafungen, später auch zu überkommenen Traditionen sowie Nationalstolz, und stellte gefährlich-kritische Fragen zu den als unantastbar geltenden Kapiteln türkischer Geschichte. Die biografische Relevanz des Wir-Bildes erscheint dem Leser in seiner Argumentation für einen kurzen Moment nachvollziehbar, stellt es doch eine naheliegende Möglichkeit dar, gegenüber einer als potentiell bedrohlich wahrgenommenen Gesellschaft ermächtigend auf die Nachfahr*innen zu wirken, und dennoch regen sich im Jugendlichen – wie aus dem Text ebenfalls in aller Deutlichkeit hervorgeht – in Situationen, in denen Familienrituale nicht weiterhelfen, Zweifel an den tradierten Handlungsmustern und kontinuitätsherstellenden Erzählungen. Je mehr man sich als „Anıl aus Kinzenbach“ fühlt, der anders als sein Vater keine türkischen Vorbilder hat, seine sprechen nämlich Deutsch, Französisch, Englisch oder Italienisch, desto mehr Widerstand leistet er im Heimatland seiner Eltern – trotz asymmetrischer Kommunikationssituationen wegen seiner mangelhaften Türkischkenntnisse – gegen eine anmaßende Vereinnahmung bei gleichzeitiger Ausgrenzung, gelten ‚almancıs‘ wie er in der Türkei überheblich und arrogant.

Anıl wird Schulsprecher, zieht mit seiner Familie in ein Neubaugebiet, blendet Erinnerungen an Nazis und Rassismus aus („Denn wer will schon in seiner eigenen Heimat in Angst leben?“), verlässt schließlich die Enge der deutschen Provinz, weil er ein anderer Mann als seine Mitschüler werden will, entscheidet sich für ein Studium der Politikwissenschaften in Tübingen, sieht sich – entgegen der herkömmlichen Metapher und des Sie-Bildes der deutschen Gesellschaft – auf beiden Stühlen, nicht zwischen den Stühlen, sitzen, ohne ganz dazu zu gehören. Mit seinem Bildungsaufstieg geht die Erkenntnis einher, man lasse sich „gerne von der Gewohnheit umarmen, wenn man sich nach Sicherheit sehnt“, aber für seinen Neffen wäre er lieber ein Freund als „aus Reflex“ ein Vorbild. Steht ihm aber diese Entscheidung zu? Darf er ihm das „Gefühl der Zugehörigkeit in Zeiten der Sprachlosigkeit“ verwehren?

Mit dem Wechsel für das Masterstudium nach Berlin erwacht nicht zuletzt sein Bewusstsein für ein Machtgefälle, das er bisher ausgeblendet hat: Um ein erfolgreicher, intelligenter und wohlhabender Mann zu werden, musste er alles, wofür seine Eltern standen, hinter sich lassen. Aber auch so ist und bleibt man in der von Sicherheit und Selbstverständlichkeiten geprägten Realität des wohlhabenden Bildungsbürgertums eine Irritation. So entdeckt er im Schreiben jenseits des „Narrativ[s] von jungen Männern, deren Eltern nicht in Deutschland geboren waren“, sein berufliches Thema und „einen roten Faden für [s]ein Leben“.

Wer sich in Deutschland so intensiv wie Fikri Anıl Altıntaş aus der Innenperspektive mit Rollenbildern und (nicht-weißer, muslimisch gelesener) Männlichkeit beschäftigt, dessen Vaterbeziehung verdient und erfährt aktuell öffentlich viel Aufmerksamkeit. Dass ihm dabei die mächtigste Empfindung postmigrantischen Erzählens, nämlich Wut, fremd ist, ist ebenso überraschend wie erfrischend. Immerhin bemüht er sich, schreibend Anerkennung für „die Zwischentöne von Personen wie mir“ zu finden, ohne die „Erwartungen von weißen Menschen“ zu bedienen. Doch „Wegducken, um hochzukommen“, gilt lange nicht mehr. Mannsein heißt auch Meinung zu haben und dazu zu stehen. Und dies wohl nicht nur nach türkischen Maßstäben, also mit „besonderer Verantwortung“ gegenüber den Vorfahren.

Titelbild

Fikri Anıl Altıntaş: Im Morgen wächst ein Birnbaum.
btb Verlag, München 2023.
176 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783442759644

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