Wie lebt man weiter, wenn Hass und Wut in einem stecken?

Die französische Psychoanalytikerin Cynthia Fleury gibt in „Hier liegt Bitterkeit begraben“ Rat für ein befreites Dasein

Von Martin LowskyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Lowsky

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zunächst Grundsätzliches zur Übersetzung. ‚Ressentiments‘ ist das wichtigste Wort dieses Buches, wobei der französische Ausdruck ‚ressentiment‘, der im Original erscheint, eine andere Bedeutung hat als der analoge deutsche. ‚Ressentiment‘ im Deutschen ist der vorurteilshafte und kaum zu rechtfertigende Unwille und die ablehnende Haltung gegenüber einem Mitmenschen oder einer Gruppe von Mitmenschen, während ‚ressentiment‘ – jedenfalls so, wie die Autorin das Wort verwendet – den Hass und die Wut nach erlittenem Unrecht bezeichnet. So lesen wir hier von zwei Musterfällen: Ein Angestellter wird von seinem Chef unter Zeitdruck gesetzt (Aktendurchsicht bis zum „nächsten Morgen“!), und der Bewohner einer Kolonie wird vom Eroberer in „mörderische Ordnungen“ eingeschnürt. Im Deutschen wird man die Empfindungen dieser Opfer nicht als ‚Ressentiments‘ bezeichnen, doch geschieht es in diesem Buch. Einmal wird in diesem Buch „Toleranz gegenüber Ungerechtigkeit“ empfohlen, ein Rat, der nicht für einen Ressentiment-, sondern für einen Wutgeladenen gelten kann. Es ist tatsächlich so: Fast immer, wenn die Autorin in dieser Übersetzung von Ressentiment oder Ressentiments spricht, muss man sich stattdessen die Begriffe ‚Hass‘ oder ‚Wut- und Hassgefühle‘ denken.

Ansonsten ist die Übersetzung zu loben. Sie liest sich flüssig, und insbesondere bringt es die Übersetzerin fertig, den etwas verbohrten Hang der Autorin zu Abstraktionen gut im Deutschen wiederzugeben. Sie verwendet die Ausdrücke dialektisieren, ontologisieren, Ent-Entfremdung (im Original: dialectiser, ontologiser, désaliénation) und spricht von einer „Ethik, die die Verdinglichung außer Kraft setzt“. Doch gibt es auch kleinere Ungeschicklichkeiten: Anmerkungen der Autorin und die der Übersetzerin werden nicht immer klar unterschieden, und die Fußnote „Siehe die Definition von Littré“ läuft ins Leere, denn der Leser der Übersetzung erfährt nicht, dass es die Vokabel „discernement“ ist, die er in dem berühmten Wörterbuch nachschlagen soll.

Eine sehr interessante Stelle ist die, in der die Autorin Fleury die faschistische Lebenseinstellung erklärt. Der Faschist lebt aus der „selbstgefälligen Panik vor der kleinen Gegenwart“, nämlich aus dem engen Glauben, das Glück stehe einem zu. Er erinnert sich an die Opferrolle, die er einst erlebt hat, und sein Hass wird zum „Bollwerk gegen die eigene Depression“. Er wird feige und diese Feigheit wird „zu einem sehr effizienten und kontinuierlichen Mechanismus“, der sogar zum Verbrechen bereit macht. Fleury bezieht sich hier auch auf Hannah Arendt, die die Entlastung genannt hat, die die faschistischen Täter des Holocaust in ihrem hasserfüllten Tun sich selbst ausgesprochen haben.

Von hier aus geht Fleury über zur Situation in den Kolonien der Europäer, wo letzten Endes das menschliche Sein kolonisiert, also „entmenschlicht“ wurde. Dem Opfer – und hier beruft sich Fleury auf den Psychiater und ersten postkolonialen Theoretiker Frantz Fanon und sein Werk Die Verdammten dieser Erde – hilft auf lange Sicht nicht die legitime Selbstverteidigung, die pure Gewalt, sondern der innere Aufstieg, das, was die Autorin die „revolutionäre Sublimierung“ nennt: an seiner Individuation zu arbeiten, um „schließlich als Mensch zu existieren und nicht als nur dieser oder jener, diese Frau, dieser Schwarze, dieser andere“. Auf dieses universalistische Streben, das heutzutage überrascht, werden wir noch zurückkommen.

Ganz elementar geht es dabei um ein allgegenwärtiges politisches Problem, um den Zusammenhang von „der psychischen Gesundheit der Individuen und der demokratischen Gesundheit“. Unsere Institutionen, die Schulen etwa und die Universitäten, „müssen darauf achten, nicht eine Verdinglichung zu produzieren, die sich, nachdem sie sich gegen die Individuen gewendet und sie krank gemacht hat, gegen die Demokratie selbst richtet“. Der Technik stehen die „Humanwissenschaften“ entgegen; nur diese können etwas über „die ganzheitliche Wahrheit der Person“ aussagen. Die Psychoanalyse schließlich liefert uns die Möglichkeit des „analytischen Prozesses, der die Würde und Freiheit des Menschen respektiert“. Solchen analytischen Prozessen schadet die heute verbreitete Verwendung der Sprache: Die Sprache, eigentlich „das unentbehrliche Werkzeug für den Aufbau der öffentlichen Rationalität“, also für eine humane Gesellschaft, steht allein im Dienste der Macht, wenn sie das „Auskotzen in sozialen Netzwerken quasi ständig“ vollzieht.

Soweit Einblicke in die politischen Abschnitte des Buches. Vor allem aber hat die Autorin den einzelnen Menschen, den psychisch Erkrankten im Sinn, der von Hassgefühlen beherrscht wird und unter dem „schmerzhaften Wiedererleben“ leidet. Ihm sind die ersten Teile des Buches gewidmet. Fleury appelliert an seine „kreative Lebensenergie“ und speziell an die „Erweiterung des Ichs“ durch die ästhetische Erfahrung. Sie erinnert an den Traum von der großen Reise, den Herman Melvilles Moby Dick vorführt, an das „ozeanische Gefühl“ von Romain Rolland und an den Begriff des „Offenen“ bei Rilke – beides wird hier nicht religiös verstanden – und allgemein an die Schaffenskraft und den Spieltrieb.

Zwei Punkte fallen hier besonders auf. Zum einen: Das letzte Ziel müsse sein, nicht sich singulär zu fühlen oder gar mit Stolz seine Besonderheit vorzutragen, sondern sich „universell als Mensch“ zu verstehen. Emanzipation sieht Fleury nur in diesem weitgreifenden Sinne. Sie fordert die „Anerkennung des Unpersönlichen“ und wagt die paradoxe Aussage „Entpersonalisierung ist Personalisierung.“ Sodann: Fleury hat Respekt vor dem Psychopathen: „Das Subjekt kann, der Patient kann.“ Er solle nicht fügsam und friedlich die Kränkungen übersehen, sondern sie durchschauen und durch sein Tun außer Kraft setzen. Eine Therapie könne dabei das Schreiben sein: Zu schreiben bedeutet, „auszusagen und nicht vom anderen ausgesagt werden“.

Fleurys Hochachtung vor der inneren Kraft des Subjekts, dieser kühne und durchaus sympathische Optimismus, hat auch seine Kehrseite. Manchmal hat man den Eindruck, dass ihre Ratschläge darauf hinauslaufen, sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Doch Cynthia Fleury denkt auch ganz pragmatisch: Oft empfiehlt sie, die Professorin und praktizierende Psychoanalytikerin, den Betroffenen, sich in die psychiatrische Behandlung zu begeben.

Titelbild

Cynthia Fleury: Hier liegt Bitterkeit begraben. Über Ressentiments und ihre Heilung.
Aus dem Französischen von Andrea Hemminger.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2023.
314 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783518587959

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