Ein Œuvre von überragender Bedeutung

Mit „In der Feuerkette der Epoche“ hat Friederike Heimann ein unbedingt empfehlenswertes Buch über Gertrud Kolmar vorgelegt

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die als Jüdin von den Nazis ermordete Autorin Gertrud Kolmar wird seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert aus mehr als guten Gründen mit diversen Publikationen gewürdigt. Zu nennen wären zu allererst ihre eigenen Werke, die sowohl Gedichtbände wie auch Romane und Novellen umfassen. Hinzu kommen Editionen ihrer Briefe. Ergänzt und interpretiert werden sie durch etliche literaturwissenschaftliche Untersuchungen von Kolmars Œuvre und Biographien des viel zu kurzen Lebens der Dichterin, die keine fünfzig Jahre alt wurde.

Nun hat Friederike Heimann einen Band auf den Markt gebracht, der nicht nur Werkanalyse und Lebensbeschreibung auf das glücklichste verknüpft, ohne auch nur im Entferntesten biographistischen Lesarten anzuhängen, sondern auch einen ganz persönlichen Blick auf Kolmar und ihr Schreiben, fast ließe sich sagen, ihre persönliche Beziehung zu der Dichterin einfließen lässt.

Bindeglied all dessen ist ein Besuch eines nachgeborenen Verwandten Kolmars, mit dem die Autorin Orte und Stationen im Leben der Literatin aufsucht und so nicht nur wieder auferstehen lässt, sondern auch mit der so anderen Gegenwart des 21. Jahrhunderts kontrastiert. Dabei verfährt die Autorin nicht etwa streng chronologisch, sondern bewegt sich sicher zwischen ihrer eigenen Gegenwart und der vergangenen Kolmars, in die sie tief eintaucht. Selbst den jungen Großeltern der Dichterin stattet sie einen Besuch ab. Zudem erzählt sie ausführlich und oft detailreich aus dem Leben der Dichterin und dem von Kolmars Eltern. Dabei gerinnt ihr die Darstellung nie zum trockenen Bericht, auch gestattet sie es ihrer Fantasie nicht, sich bestimmte Episoden auszumalen.

Da Kolmar kein Tagebuch führte, aber zahlreiche Briefe schrieb und hinterließ, sind letztere eine zentrale biographische Quelle der Autorin, die zumal während der Zeit der nationalsozialistischen Zensur „stets auch unter dem Blickwinkel eines Verborgenen und Versteckten, zwischen den Zeilen Mitschwingende[m] gelesen werden“ müssen. Auch Walter Benjamin, ein etwa gleichaltriger Cousin Kolmars, zieht die Autorin gelegentlich als Gewährsmann heran. Beide kannten einander von Kindesbeinen an und verloren sich wohl nie für längere Zeit aus den Augen.

Ihre Kindheit verlebte das 1894 geborenen Mädchen „in festgefügten Bahnen“ wohlbestallter Bürgerlichkeit einer Familie, deren, wie sich damals verstand, männliches Oberhaupt der „Elite der Berliner Anwaltschaft“ angehört und Kontakte zu „allerhöchsten Kreisen“ pflegte.

Wie Heimann jedoch zeigt, entwickelte sich die Heranwachsende zur „heimliche[n] Rebellin“, die „den biederen, auf Konformität ausgerichteten, bürgerlichen Umgangsformen ihrer Zeit und ihres Umfeldes [eigensinnig begegnete]“. Diesen „Widerstandsgeist“ sollte sich die Tochter aus gutem Hause zwar sich zeitlebens bewahren. Doch als sie im Alter von etwa zwanzig Jahren ungewollt schwanger wurde, ließ sie sich von ihren Eltern zu einem Schwangerschaftsabbruch nötigen, unter dem sie ein Leben lang leiden sollte. So nahmen ihre Gedichte „die Stelle von Kindern“ ein, wie Heimann wohl nicht ganz falsch aus dem Umstand schließt, dass Kolmar „den Vorgang des Dichtens mehrfach mit dem einer Geburt verglich“.

Jedenfalls wollte die junge Frau von Mitte zwanzig nicht länger finanziell von ihren Eltern abhängig sein und versuchte, ökonomisch auf eigenen Beinen zu stehen. Zwar war sie aufgrund ihrer hervorragenden Fremdsprachenkenntnisse während des Ersten Weltkriegs in einem Kriegsgefangenenlager als Zensorin tätig und konnte so wohl auch einen gewissen eigenen Verdienst erwerben. Doch einige Jahre später misslang ihr Versuch, sich ökonomisch ganz aus der Abhängigkeit von ihren Eltern zu lösen und sie sah sich gezwungen, weiter bei Vater und Mutter zu leben.

1923 zog die Familie von der Berliner Innenstadt in die damals noch „beschauliche Villenkolonie“ Neufinkenkrug, die inzwischen längst zu einem Stadtteil des Ortes Falkensee geworden ist. Kolmar lebte mit ihren Eltern in dem fast idyllisch zu nennenden Ort, bis sie von den Nazis vertrieben wurden. Bis dahin hatte sie Neufineknkrug kaum einmal für längere Zeit verlassen. Nur 1927 ging sie für einige Monate nach Hamburg, wo sie eine Stelle als Erzieherin antrat. Ende August des gleichen Jahres unternahm sie mit ihrer Cousine Susanne Junge zudem eine etwa zweimonatige Reise nach Dijon. Es war ihre erste und auch ihre letzte Reise ins Ausland.

Mit der Machtergreifung der Nazis wurden die Freiheiten und Lebensmöglichkeiten jüdischer Menschen vom ersten Tag an immer weiter eingeschränkt, bis sie schließlich zu Millionen ermordet wurden. Kolmar selbst hätte wohl die Möglichkeit gehabt, sich rechtzeitig ins Ausland zu retten, doch blieb sie – wie so viele jüdische Töchter – im nationalsozialistischen Deutschland, weil sie ihren alten Vater nicht allein zurücklassen wollte, der „trotz seiner ihm allgemein nachgesagten liberalen Ansichten […] dem deutschen Kaiser treu ergeben“ und stets stolz auf Deutschland gewesen war. Nun, im hohen Altern  „vermochte“ er „nicht zu begreifen“, was ihm durch die Nazis „widerfuhr“.

Ihr Vater und sein Stolz auf Deutschland waren es, denen die als Gertrud Käthe Chodziesner geborene Schriftstellerin ihr literarisches Pseudonym verdankte. Denn er hatte ihre frühesten lyrischen Werke heimlich binden lassen und ihr 1917 als formvollendetes Buch mit dem Titel Gedichte unter den Weihnachtsbaum gelegt. Er war es auch, der ihren Namen Chodziesner für das Lyrikbändchen auf Kolmar eindeutschte und auf das Titelblatt drucken ließ; gerade so, wie die in Posen liegende Stadt Chodziesen 1878 von den deutschen Behörden in Kolmar umbenannt worden war. Die junge Frau wurde „so gleichsam von ihrem Vater zur deutschen Dichterin erklärt und mit der Publikation dem Publikum ihres Gedichtbandes der deutschen Kultur eingeschrieben“. Kolmar sollte den Namen als Autorin in allen ihren Publikationen weiterhin tragen – bis es ihr 1935 von den Nazis untersagt wurde. Denn jüdische Menschen durften von da an keine Pseudonyme benutzen. Kolmar, die für den „gewaltsamen Untergang“ der deutsch-jüdischen Literatur steht, wie keine andere Dichterin und kein anderer Dichter, könnte nach dem erfolgten Verbot unter ihrem ursprünglichen Familiennamen, „in dem sowohl die polnische Herkunft als auch die Geschichte einer Wanderung eingeschrieben ist, paradoxerweise sogar noch einmal auf neue Weise zu sich selbst gefunden haben“, mutmaßt Heimann.

Vielleicht mag das so gewesen sein. Jedenfalls zieht sich das  „nicht auflösbare[] Spannungsverhältnis zwischen dem Deutschen und dem Jüdischen“ ebenso durch Leben und Werk der Schriftstellerin wie auch durch den vorliegenden Band. Kolmars „‚Dazwischen’, das für ein jüdisches und zugleich weibliches Schreiben bezeichnend war und bis zum heutigen Tag ist“, gründe in einer „existentiellen Spannung, die jedoch von der Rezeption ihres Werkes bislang nicht hinreichend beleuchtet worden ist, konstatiert Heimann. Das habe dazu geführt, dass die „epochalen Aussagekraft“, von Kolmars Œuvre „für die deutsch-jüdische Geschichte“ bis auf den heutigen Tag nicht „angemessen gewürdigt“, ja vielleicht nicht einmal erkannt worden ist.

Dem will Heimann Abhilfe verschaffen und stellt eben dieses Spannungsverhältnis in den Fokus ihrer Interpretationen von Kolmars Werken. So bietet der vorliegende Band ebenso einfühlsame, wie literarisch und literaturhistorisch bewanderte Analysen etlicher Gedichte und Prosawerke von großer Ausführlichkeit. Aber auch die in den Band aufgenommenen Photographien aus Kolmars Leben nimmt die Autorin genauestens unter die Lupe. So ist weit mehr als eine Einführung in ihr Leben oder ihr Werk entstanden. Denn mit beidem macht der Band die Lesenden bestens, das heißt, so gut es eben auf Papier geht, vertraut. Insbesondere die Gedichte werden von Heimann ausführlich zitiert und gelegentlich auch einmal vollständig abgedruckt.

Vor allem aber überzeugen Heimanns ebenso kenntnisreiche wie innovative Interpretationen. In Kolmars frühem Gedicht Die Aztekin macht sie etwa eine „beeindruckende weibliche Erotik“ aus, wobei der titelstiftenden Protagonistin der „männliche Blick […] so tief in die eigenen Haut eingeschrieben [ist], dass die eigene weibliche Rede darunter zum Verschwinden gebracht wird“. So lasse das Gedicht „eine genaue Verarbeitung kolonialer wie patriarchaler Sichtweisen und Bewertungsmuster, [sic] sowie deren Auswirkungen auf eine weibliche Selbstwahrnehmung“ erkennen.

Doch erst mit dem sowohl von französischen Symbolismus „inspiriert[en] wie auch vom deutschen Expressionismus „beeinflusst[en]“ Gedicht Die Irre habe Kolmar Ende der 1920er Jahre (also nach ihrem Frankreichaufenthalt) „eine ganz eigene Sprache und Form [entwickelt], die ihre zweite und entscheidende Dichtungsphase einleitet“.

Doch nicht nur die Lyrik Kolmars, sondern auch ihre Romane haben eine besondere Beachtung verdient. So etwa Susanna, dessen Titelheldin, „eine betörend schöne[], junge[] Frau aus dem Osten“, „für die Sehnsucht nach dem unwiederbringlich Verlorenen steht“. In ihr erkennt Heimann „eine Personifikation der östlichen, so lange verbannten, weltfremd und gemütskrank gewordenen jüdischen Seele“, deren Schicksal Kolmar „vor dem düsteren Hintergrund ihrer Zeit entfaltet“.

Bedeutender noch ist wohl Kolmars in den Jahren 1930/31 entstandener und wie die meisten ihrer Werke erst postum veröffentlichter Roman Die jüdische Mutter. Das ergreifende Geschehen, „spricht“ auf „nur schwer erträglich[e]“ Weise „von einer vernichtenden, in ihrem Kern sexualisierten Gewalt, die auf schreckliche Weise symptomatisch für unsere Zeit war und weiterhin noch ist, die sich letztlich durch die Menschheitsgeschichte zieht und die im Deutschland der Nazizeit ihren grausamen Höhepunkt fand“. Die fünfjährige Tochter einer Jüdin wird vergewaltigt und danach wie „Unrat“ weggeworfen. Die ihm verbliebenen Tage verbringt das Kind im Krankenbett, ohne dass sich jedoch auch nur das geringste Anzeichen einer Besserung einstellen würde. Vielmehr geht es dem Mädchen von Tag zu Tag schlechter, bis sie schließlich von der verzweifelten Mutter getötet wird.

Heimanns Buch geht Kolmars Leben und Werk literarisch fundiert und historisch kenntnisreich nach, ist aber zugleich auch sehr persönlich. Alles Gründe, es unbedingt zur Lektüre zu empfehlen. Und zwar heute, wo jüdisches Leben so gefährdet ist wie seit der Shoa nicht mehr, dringlicher denn je.

Titelbild

Friederike Heimann: In der Feuerkette der Epoche. Über Gertrud Kolmar.
Jüdischer Verlag, Berlin 2023.
462 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783633543182

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch