Ein Beitrag zum komplexen Journalismus

Alexander Mäders Lehrbuch „Journalistisches Schreiben“

Von Petra BrixelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Petra Brixel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Just in dem Moment, wo ich mich an die Rezension von Alexander Mäders Buch Journalistisches Schreiben begebe, wird bekannt, dass der als renommiert angesehene Journalist S. für die Durchführung eines Buchprojekts über den russischen Herrscher P. die nicht unbeträchtliche Summe von 600 000 Euro erhalten hat (nicht „habe“, denn S. bestätigt den Vorfall). Doch dass damit wohlwollendes Schreiben erkauft worden sei, weist der Journalist vehement zurück. Alles korrekt, die journalistische Unabhängigkeit sei gewahrt worden.

Dieser Vorgang unterstützt die weit verbreitete Meinung, dass politische und wirtschaftliche Interessen der Pressefreiheit Grenzen setzen, dass Journalist:innen abhängig sind von ihrem Auftrag- bzw. Arbeitgeber, von den Erwartungen der Leserschaft, von Abonnent:innen, von der Staatsräson.

Ein Buch als Stütze bei der Gratwanderung

Journalist:innen begeben sich mit ihrer Arbeit auf eine Gratwanderung zwischen Neutralität, Unabhängigkeit und komplexen Erwartungen. Neutralität und Unabhängigkeit sind keine Synonyme. Viele Tageszeitungen bezeichnen sich als unabhängig, doch neutral – d.h. unparteiisch und ausgewogen – sind sie nicht. Ließe sich überhaupt neutraler Journalismus verwirklichen angesichts einer sich mehr und mehr aufspaltenden, polarisierenden Gesellschaft in einer Welt komplexer politischer und gesellschaftlicher Vorgänge?

Um diese philosophische Frage geht es nicht in Mäders Buch. Der Autor nimmt für seinen Berufszweig in Anspruch, mit objektiver Berichterstattung und einem werteorientierten Kodex guten Journalismus zu präsentieren. Journalist:innen sollten die Stärke haben, frei von Einflussnahme des Staates, von Konzernen, Lobbygruppen oder „wichtigen“ Personen zu schreiben und davor gefeit sein, ihre Berichterstattung zu verformen oder zu bereinigen. Es ist eine Gratwanderung, die Mäder in seinem Buch mit vielen Beispielen beleuchtet und eindrucksvoll an der Berichterstattung zu dem Bahnprojekt Stuttgart 21 demonstriert.

Für wen schreibt Alexander Mäder?

Bevor es um die Arbeit von Journalist:innen geht, stellt sich die Frage, für wen  Alexander Mäder geschrieben hat. Sind es seine Student:innen an der Hochschule der Medien in Stuttgart, wo Mäder Professor für Crossmedia-Redaktion und Public Relations der Fakultät Electronic Media ist? Sein Lehrgebiet: Digitaler Nachrichtenjournalismus. Hier erscheint der Begriff „Journalismus“ im Zusammenhang mit dem Digitalen. Die Hochschule ist Deutschlands einziger Wirtschaftsingenieur-Studiengang mit Fokus auf Medientechnik und -nutzung und vermittelt Grundlagen in den Bereichen IT, Mediendesign und Wirtschaft.

Das alles klingt nicht nach dem, was Mäders in seinem Buch thematisiert, nämlich Journalismus für Print-Medien. Ein Mal befasst er sich mit dem digitalen Journalismus, ansonsten geht es um das „geschriebene Wort“. Für Mäder ist guter Print-Journalismus die Voraussetzung zum Digitalen. Auf 280 Seiten wäre es auch gar nicht möglich, den digitalen und den analogen Journalismus gleichrangig darzustellen, zu unterschiedlich sind beide Bereiche, wobei – aus Sicht der Rezensentin – der digitale Journalismus um ein Vielfaches komplexer erscheint.  

Die Intention Mäders für sein Werk lässt sich in einem langen Satz beantworten: Er schreibt für „fertige“ Journalist:innen, die ihre Arbeit verbessern wollen; für angehende Journalist:innen, die ein Hochschulstudium bzw. ein Volontariat absolvieren und sich Anregungen erhoffen; für Redakteur:innen, die auf die Herstellung von Texten blicken möchten; für akkreditierte und nicht-akkreditierte, für freie und Hobby-Journalist:innen, die für das Abfassen von Texten einen Feinschliff und Anregungen erwarten. Anstöße gibt es in der Tat zahlreiche bei diesem Schnelldurchgang in journalistischem Schreiben. Die meisten Themen reißt Alexander Mäder nur an. Es wäre auf 280 Seiten auch vermessen, jeden Aspekt in die Tiefe gehend aufzuarbeiten. Viele „Wenns“ und „Abers“ bleiben dabei naturgemäß ungehört; diese können nur im persönlichen Kontakt, im Seminar und im Kolloquium erörtert werden.

Dennoch hält Mäders Lektüre Tipps und Antworten – auch auf kritische Fragen – parat. Da gibt es Kapitel wie „Die Auswahl einer Meldung“, „Wie zitiere ich richtig?“, „Im Auftrag des Publikums auswählen“, „Die Fakten unabhängig prüfen“, „Interviews und ihre Autorisierung“, „Distanz wahren“, „Vorsicht beim Verdichten von Szenen“, „Wert- und Sachaussagen unterscheiden“, „Analysieren und argumentieren“, „Die Rezension“, „Mit Gegenmeinungen umgehen“, „Mit Fehlern umgehen“, „Journalistisches Marketing“ und „Bildunterschriften“. Literaturhinweise und -empfehlungen sowie ein Glossar von 18 Seiten mit Fachbegriffen bereichern das Buch.

Für wen arbeiten Journalist:innen?

Alexander Mäder stellt die Frage, für wen Journalist:innen arbeiten, und benennt  „die Öffentlichkeit“ als Adressaten. Als „vierte Gewalt im Staat“ haben Journalist:innen den Auftrag, „herauszufinden, wo die wichtigsten Probleme liegen und wie sie sich lösen lassen.“ Dabei sollen sie zeigen, „wozu guter Journalismus imstande ist. Zeigen, dass sie mit ihren Artikeln dem Publikum helfen, die Welt zu verstehen. Zeigen, dass der demokratische Austausch ärmer wäre ohne ihre Berichterstattung.“ Das ist ein hoher Anspruch, und man kann nur hoffen, dass die Leser:innen sich dessen bewusst sind und dankbar erweisen.

Einen zweiten Arbeitsauftrag sieht Mäder in der Erwartung von Abonnent:innen, ihre Meinung in dem Medium wiederzufinden. Und drittens ist der Arbeitgeber (z.B. die Verlagsgruppe) zu nennen, der seine Investitionen rentiert haben möchte. Diese drei Positionen zu erfüllen, bedeutet ein schwieriges Unterfangen, und so stellt sich laut Mäder die Medienwelt als eine Mischform dar, die unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden muss.

Der Autor benennt den raschen Wandel der Presselandschaft, der durch die sogenannten Neuen Medien, durch Internet und Fernsehen hervorgerufen wird. Während früher die Tageszeitung auf dem Frühstückstisch lag, befindet sich heute das Smartphone neben dem Müsli. Die Welt hat sich digitalisiert.

Dadurch werden die klassischen Printmedien unter Druck gesetzt. Doch Mäder – obwohl „Professor für digitalen Nachrichtenjournalismus“ – setzt sich in seinem Buch vehement für den Print-Journalismus ein. Es geht ihm dabei nicht um die Arbeit der Redaktionen – die sich derzeit mit einem schrumpfenden Anzeigenmarkt und ökonomischen Zwängen auseinandersetzen müssen, da mehr als 75 % der Bevölkerung Informationen im Internet sucht –, sondern um die analogen Journalist:innen.

Das Handwerk des Journalisten

Die Berufsbezeichnung „Journalist“ ist nicht geschützt, jede und jeder kann sich so nennen bzw. als Journalistin oder Journalist arbeiten, wobei die meisten Journalist:innen ein Hochschulstudium bzw. eine Ausbildung an einer Journalistenschule oder in einer Redaktion (Volontariat) absolviert haben. Mäder betont bereits in der Einleitung, dass die wichtigste Voraussetzung für das journalistische Schreiben nicht das Schreibtalent ist, sondern das Interesse an der Welt. Trotz aller Regeln und Rezepte für gute journalistische Texte sei die Basis der täglichen Arbeit die Neugier auf Neues.

Das Handwerk des Journalisten beruhe auf zwei Pfeilern: auf guter Recherche und gutem Schreiben, wobei für Mäder die Recherche Vorrang vor dem Schreiben hat. Er setzt kein herausragendes Schreibtalent voraus: „Sie können gut journalistisch arbeiten, ohne wirklich gut zu schreiben. Die Sprache sollten Sie als Werkzeug aber nutzen können […].“ Mäder sieht sich nicht als Deutschlehrer. Er geht davon aus, dass Artikel sowieso im Team, d.h. im Kreis von Kolleg:innen besprochen werden. „In Redaktionen werden Ihre Texte vor der Veröffentlichung durchgesehen […].“ Journalismus sei Teamarbeit, die Kolleg:innen „wählen die Themen gemeinsam aus, besprechen zusammen den Aufbau und die Ziele des Artikels, und anschließend geht der Text so lange hin und her, bis alle zufrieden sind.“ Da kommen mir Zweifel. Ist das wirklich so, oder spricht hier ein Idealist? Ich kann mir keine Redaktion vorstellen, in der in dieser krisengeschüttelten Zeit – wo Nachrichten wie im Sekundentakt hereinprasseln – Texte hin- und hergehen und jeder seinen Kommentar dazugibt. So war es einmal, möchte man seufzend sagen.

Bloß kein Sachbuch!

„Journalistisches Schreiben“ will kein Sachbuch sein und soll es doch sein. Wie geht das? Mäder „beichtet“ es in der Einleitung: „Der Reclam-Verlag hat mich gebeten, kein Lehrbuch zu schreiben – zumindest soll das Buch nicht auf den ersten Blick wie ein Lehrbuch wirken.“ Interessant. Ein „Lehrbuch“ würde abschreckend wirken und sich nicht so gut verkaufen lassen wie ein Buch, das auf den ersten Blick ein unterhaltsames Geschichtenbuch ist und von dem man nach dem Kauf merkt, dass es doch ein Lehrbuch ist. Ein Wolf im Schafspelz. Wobei sich der Wolf – in diesem Fall – als durchaus cleveres Schaf erweist. Um dem Begriff „Lehrbuch“ zu entkommen, folgert Mäder: „Also werde ich nicht nur Regeln und Rezepte aufzählen, sondern Ihnen auch ein paar Geschichten aus dem journalistischen Alltag erzählen.“

Gegliedert ist das Buch in vier Abschnitte: Berichten, Erzählen, Kommentieren und Marketing. Jeder Abschnitt hat die Unterkapitel „Grundlagen“, „Herausforderungen“ und „Möglichkeiten“, mit jeweils weiteren Unter-Unterkapiteln.

Mit Leselust

Alexanders Mäders Anspruch ist ambitioniert: „Als Journalistin und Journalist schreiben Sie Texte, die Ihr Publikum mit Lust liest.“ Was alles hat man nicht bisher mit „Lust“ gelesen? Gedichte von Erich Fried, Sketche von Loriot, Aphorismen von Goethe und Schiller, Geschichten, Romane und Krimis … nun auch Zeitungsartikel. Um Lust zu erzeugen, müssen Berichte professionell hergestellt sein. Das geht mit „Regeln und Rezepten, die helfen sollen, zuverlässig und zügig journalistische Texte zu schreiben.“ – „Sie greifen gesellschaftlich relevante Themen auf und informieren Ihr Publikum so, dass es mitreden kann.“

Voraussetzung sind verständliche Texte, denn „eine kunstvoll formulierte Passage, die Ihr Publikum zweimal lesen muss, um sie zu verstehen, gehört zum Beispiel nicht in Ihre journalistische Arbeit“. Dies ist der Maßstab, der Leselust bereiten soll: verständlich schreiben und in einem komplexen Vorgang den gordischen Knoten des Themas durchschlagen. Es gilt, die Geschichte in ihre Einzelteile zu zerlegen, sie zu sezieren, vielleicht auch in einen anderen Zusammenhang zu stellen („Kontextualisieren“ ist das aktuelle Schlagwort), aber auf jeden Fall erst einmal selber zu begreifen, um was es geht. Dann erst wird das Narrativ sozusagen als Filetstück mit Beilagen auf dem Silbertablett dem Publikum serviert. Recherche und Aufbereitung müssen dem Journalisten und der Journalistin wichtig sein. Nur mit eigenem Engagement kann das Feuer an die Leser:innenschaft weitergeben und Leselust erzeugt werden.

Als Professor hat Mäder die Mission, das Beste zu lehren und das Beste zu fordern. Er ist Journalist mit Leidenschaft und bekennt: „Journalismus ist aus meiner Sicht mehr als nur ein Geschäft.“

Der eigene Schreibstil

Mäder wendet sich auch an Aspirant:innen mit Ambitionen, anders zu schreiben als nur „verständlich“, die einen unverwechselbaren Schreibstil entwickeln wollen. Zwar entmutigt er sie nicht, doch bittet er um Geduld, da sich der eigene Stil mit der Zeit entwickle, was nur durch „viel schreiben und viel lesen“ erreicht werden könne. Es sei durchaus erlaubt, anders schreiben zu wollen als im Mainstream-Stil, aber es müssen sich auch eine Redaktion und ein Publikum finden, die diesen Stil wertschätzen.

Die Realität zeigt allerdings, dass der Schreibstil dem Stil des Mediums angepasst werden muss. Nur in Glossen, persönlichen Kommentaren und namentlich gekennzeichneten Stellungnahmen ist der eigene Stil erlaubt; doch dazu muss in der Redaktion erst eine geachtete Position erarbeitet worden sein.

Es kann frustrierend werden

Mäder idealisiert die Arbeit von Journalist:innen nicht. Er weiß, wovon er spricht, da er jahrelang an Zeitungen und Magazinen gearbeitet hat und sich dem häufig desillusionierenden Tagesgeschäft anpassen musste. Frustrierend ist es, nicht über das schreiben zu können, was einem am Herzen liegt. So warnt Mäder: „In manchen Redaktionen sieht die Arbeit anders aus, als ich es eben beschrieben habe. Dort werden mit minimalem Aufwand wie am Fließband Texte produziert, was die meist jungen Redakteurinnen und Redakteure frustriert.“

Es muss ihn besonders schmerzen, wenn er bekennt, dass viele Redaktionen nur noch einen finanziellen Mangel verwalten, da die Auflagen – wegen schwindender Abonnent:innenzahlen – unaufhörlich sinken, während die Klickzahlen auf digitale Artikel sich rasant erhöhen (wozu er als Professor für digitalen Nachrichtenjournalismus allerdings beiträgt). Der Lokaljournalismus wird abgebaut, Sparprogramme führen zu Schließungen von Druckereien, Stellen werden gestrichen. Mit dem strukturellen Abbau ist auch das hohe Niveau des Journalismus bedroht, Oberflächlichkeit von Artikeln führt zur qualitativen Verarmung der Medienlandschaft. Die Gründe für diese Misere sind bekannt, dazu kommt das schwindende Vertrauen der Bevölkerung in gute Berichterstattung.

Mäders Vorschläge für einen Ausweg aus der Abwärtsspirale beziehen sich jedoch auf digitale Medien. Detailliert beschäftigt er sich mit der Ökonomie der Berichte im Netz und damit, wie sich eine höhere Konversionsrate erreichen lässt. Er nennt Beispiele, befasst sich mit der „verkauften E-Paper-Auflage“ und weicht damit vom eigentlichen Thema ab.

Beispiele der Frustration

Dass auch die verfassungsrechtlich garantierte Meinungs- und Pressefreiheit Grenzen hat, werden Journalist:innen in dem Moment gewahr, wenn es um die Staatsräson geht, wie im Herbst 2023, beim Konflikt Israel-Hamas. In dieser kritischen Situation wurde dem Journalismus die Diktion für ihre Berichtserstattung vorgegeben. Da geht es in den öffentlich-rechtlichen Medien nicht mehr um eine ausgewogene Berichterstattung, sondern um eine Positionierung zugunsten Israels. Die Begründung dafür ist bekannt, und falls sich eine Zeitung entscheidet, einen Artikel abweichend von der Staatsräson zu veröffentlichen, muss sie das politisch und gesellschaftlich mit stichhaltigen Argumenten belegen.

Mäder bringt dazu ein prägnantes Beispiel. Zwar geht es nicht um deutsche Staatsräson, doch um Vergleichbares. Es betrifft das Bauprojekt Stuttgart 21 (S21). Hier hat vor Jahren die damalige Kanzlerin Angela Merkel den umstrittenen Weiterbau von S21 mit der Begründung forciert, dass sonst gar keine Großprojekte mehr in Deutschland durchsetzungsfähig wären.

Wie sehr die Stuttgarter Zeitung in einem abgekarteten Spiel mitgemacht hat – und es auch zugibt –, berichtet Mäder auf sieben langen Seiten. Keinem anderen Beispiel für mangelnde Fairness genehmigt er so viel Raum. Aber Mäder weiß, wovon er spricht, er hat das Wissenschaftsressort der Stuttgarter Zeitung geleitet. Er plaudert aus dem Nähkästchen und legt offen, wie manipulativ Journalismus sein kann bzw. welchen Bedingungen sich Journalist:innen unterwerfen müssen, wollen sie nicht ihren Arbeitsplatz riskieren bzw. verlieren.

Sich der Contenance unterwerfen?

Es geht um die Haltung der Stuttgarter Zeitung zum Bahnprojekt Stuttgart 21, wo sich die StZ schon sehr bald – als 2010 abzusehen war, dass pro und contra die Stadt spalten würden – ganz offen auf die Seite der Projektbefürworter gestellt hat. Ihre klare Haltung zu S21 wird am 1. September 2010 formuliert: „Wir sehen das Vorhaben positiv […]. Zu dieser generellen Einschätzung, die in einer großen und selbstbewussten Redaktion natürlich fast ebenso kontrovers diskutiert wird wie in der Stadt, steht die Stuttgarter Zeitung unverändert.“

Mäder berichtet, dass viele Kolleg:innen in der Redaktionskonferenz aufgebracht waren, da sie sich eine „andere Haltung ihrer Redaktion gewünscht“ hätten. Er fügt hinzu: „Aber dass eine Redaktion zum wichtigsten Thema der Stadt Stellung beziehen muss – daran würden wohl die meisten festhalten.“ Muss sie das tatsächlich? Ganz bestimmt nicht. Er begründet seine Aussage mit der Aufgabe des Journalismus, pointiert zu kommentieren. Bedeutet das, sich auf die Seite der Mächtigen, der Lobbyisten, der Bauwirtschaft zu stellen? Mäder geht es in diesem Kapitel nicht um kritischen Journalismus, um ausgewogene und ethische Berichterstattung, sondern er versucht, die Haltung seines ehemaligen Arbeitgebers zu rechtfertigen. Er stellt der StZ damit ein Armutszeugnis aus – und zudem allen Journalist:innen, die mitgemacht haben –, versucht dennoch eine Relativierung. 

Werteorientierter Journalismus?

Für Alexander Mäder als Vertreter des Journalismus ist die Berichterstattung „werteorientiert“. Einer dieser Werte ist die Fairness: „Die Redaktion bildet die politische Debatte in ihrer Berichterstattung ab, indem sie beide Seiten mit ihren Argumenten fair darstellt.“ An diesen Grundsatz hat sich die StZ in Bezug auf Stuttgart 21 nicht gehalten. Mäder hätte vor allem den entlarvenden Satz des Redakteurs Z. im Februar 2010 zitieren müssen: „Ohne die Zustimmung der Stuttgarter Zeitung zu diesem Großprojekt würde, so vermute ich, Stuttgart 21 nie gebaut.“ Es ist ein Beleg, dass die StZ zum Erfüllungsgehilfen der Projektbetreiber wurde.

Wenn Mäder die werteorientierte und faire Berichterstattung betont und sie mit S21 in Zusammenhang bringt, so begibt er sich auf unsicheren Boden. Er stellt sich nicht eindeutig auf die Seite eben dieser Werte. Ohne den Begriff der Ehre zu definieren, führt er die „redaktionelle Ehre“ an, die fordere, sich einheitlich zu positionieren. Ein Fragezeichen bleibt.

Mäder schließt widersprüchliche Gedanken und Kommentare zu dem Thema mit den Worten ab: „Das war ein kurzer Ritt durch ein schwieriges Terrain“. Damit entzieht er sich einer kritischen Reflexion des journalistischen Auftrags und legt gleichzeitig offen, wie korrumpierbar Journalist:innen sein können. Er diskreditiert den Journalismus und bestätigt den – zumindest in Stuttgart – viel benutzten Begriff „Lügenpresse“. Durch die einseitige Haltung der Stuttgarter Zeitung zu S21 und den oben zitierten Satz des Redakteurs Z. hat die Stuttgarter Zeitung ihre Unschuld verloren und hat das Misstrauen der Bevölkerung Medien gegenüber zugenommen, Abonnements wurden gekündigt.

Das Paradigma StZ zeigt beispielhaft Verwerfungen, denen der Journalismus ausgesetzt ist. Werte, die unabhängige Medien für sich beanspruchen, sind nicht immer einfach zu verwirklichen.

Kein Wermutstropfen?

Einige Anmerkungen sind im Hinblick auf eine weitere Auflage des Buches zu machen. Ich gehe davon aus, dass Mäder – und hier stellvertretend für viele Autor:innen – meinen Einwand vom Tisch wischen wird, wenn ich sage, dass mir das kumpelhafte „Wir“ nicht gefällt. „Wir schaffen das“ – dieser Satz der ehemaligen Kanzlerin ist ein Beispiel dafür, dass unklar ist, wen sie mit „wir“ gemeint hat. War es eine Umarmung von Regierung, Sozialstaat, Steuerzahler:innen und Kommunen? Hat sie auch mich persönlich gemeint, ohne mich zu fragen?

Mit „wir“, dem „Plural der Majestät“, wurde ein Herrscher benannt bzw. er bezeichnete sich selbst so. „Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser …“. Autoritäten sprechen für ihre Untertanen. Auch in wissenschaftlichen Arbeiten wird oftmals der „Pluralis Majestatis“, das vereinnahmende „Wir“, verwendet, welches sich aber nicht auf das Forschungsergebnis eines Teams bezieht. „Wir sind zu dem Ergebnis gekommen“, heißt nichts weiter, als dass die Meinung eines Einzelnen durch das „Wir“ bekräftigt wird. Es scheint beeindruckender zu sein, wenn eine vermeintlich größere Gruppe dahintersteht. „Wir“ kann jedoch übergriffig wirken und ein Einverständnis voraussetzen, das a priori nicht gegeben ist. „Ich“ zu sagen, ist im Journalismus verpönt, also wird daraus „ich und du“, d.h. „wir“.

Der Autor und ich

Anzumerken ist, dass das pauschalisierende, umarmende „Wir“ inzwischen als veraltet gilt, doch Alexander Mäder liebt es. Viele Male lese ich in seinem Buch „wir“ bei Aussagen, wo ich wirklich nicht mitgemeint sein kann bzw. keinen Anteil habe. Schon in der Bedienungsanleitung zu seinem Buch setzt Mäder voraus, dass er und ich einen Pakt geschlossen haben: „Im zweiten Kapitel ergänzen wir diese nüchterne Darstellungsform um lebendigere Elemente: Wir erzählen aufschlussreiche Geschichten und porträtieren außergewöhnliche Menschen. Im dritten Kapitel wenden wir uns einer klar abgegrenzten Kategorie von Artikeln zu […].“ Wir erzählen, wir porträtieren, wir wenden uns zu … Damit habe ich doch nichts zu tun, ich will erst lernen!

Ein weiteres Beispiel: „So haben wir es in der Einleitung zu diesem Kapitel besprochen.“ Wir? Ich habe gar nichts mit ihm besprochen, allerdings hat Mäder mir als Leserin etwas erzählt, und ich habe zugehört. Oder: „Heute fragen wir uns …“. Das stimmt nicht, denn ich frage mich in diesem Fall nichts.

Und wenn er schreibt: „Zunächst klären wir zwei Fachbegriffe, die wir vorhin verwendet haben“, so muss ich sagen, dass ich ihm keine Hilfe bin beim Klären von Fachbegriffen, und schon gar nicht habe ich welche vorhin verwendet. Warum schreibt Mäder nicht: „Zunächst sind zwei Fachbegriffe zu klären, die vorhin verwendet wurden?“ Mäder möchte mich einbeziehen, will mit mir auf Augenhöhe verhandeln. Dabei lässt er außer Acht, dass ich ihm nicht ebenbürtig bin.

Es ließen sich zig Beispiele zitieren, bei denen ich mich mit dem „Wir“ in Mäders Buch unwohl fühle, bei denen ich sage: „Lassen Sie mich aus dem Spiel.“ Ich empfinde das „Wir“ als übergriffig und unpassend.

Mut zum Ich

Mäder sollte „Mut zum Ich“ haben. Doch halt! In dem Kapitel über das Erzählen von Texten thematisiert er genau diese persönliche Komponente: „Bringen Sie sich selbst nur dann ins Spiel, wenn Sie ein wichtiger Bestandteil der Geschichte sind. Ansonsten wirkt das aufdringlich und eitel. In vielen Redaktionen sind Ich-Artikel daher Ausnahmen.“ Und wie ist es mit „Wir-Artikeln“? Für mich wirken sie noch aufdringlicher.

Ich schließe dieses Thema mit einem fast kabarettistischen Beispiel ab. Mäder schreibt: „Derzeit halten wir Hühner, Schweine und Rinder meist unter abstoßenden Bedingungen, wir produzieren dabei eine Menge Treibhausgase.“ Dagegen protestiere ich, denn ich halte keine Hühner und Rinder und produziere deshalb auch keine Treibhausgase; schon gar nicht, da ich Vegetarierin bin. Es wäre eine reizvolle Übungsaufgabe für ein Schreib-Seminar, diesen Satz ohne „wir“ in einen neutralen Schreibstil umzuformulieren.

Mit Würde „würde“ weglassen

Nun hat Mäder selbst gesagt, dass er in diesem Buch kein Deutschlehrer ist, doch maßregelt er unschlüssige Begriffe wie „könnte, „dürfte“ und „wohl“. Dennoch benutzt auch er unzählige Male das Wort „würde“, was seine Aussagen relativiert. Wenn er schreibt „würde ich sagen“, antworte ich: „Ja, dann sag´s doch!“ Und seinen Vorschlag „Die Argumentation würde ich so zusammenfassen“ kommentiere ich mit: „So mach´s doch, fasse zusammen!“

Weitere Beispiele sind: „Ich würde dem Zitat zustimmen“ – „Daher würde ich versuchen“ – „Ich würde eine Erläuterung in dieser Art vorschlagen“ und „Ich würde Ihnen zugestehen“. Bei einem weiteren Lektorat sollte das Ziel berücksichtigt werden, jedes „würde“ – das eine Relativierung andeutet – zu vermeiden.

Fazit

Wer Mäders Buch von 280 Seiten gelesen hat, widmet sich fortan der Zeitungslektüre nicht mehr so unbeschwert. Einfach drauflos schreiben? Mal sagen, was gesagt werden muss und man immer schon mal sagen wollte? Das Wissen, wie ein guter Artikel, ein spannender Bericht und eine informative Rezension gemacht werden können, dafür leistet das Buch einen Beitrag. Es ist ein weiterer Titel dieser Sparte, in der es bereits Story-Telling für Journalisten, Journalistisches Texten, Professionelles Schreiben für den Journalismus, Journalistisch schreiben lernen: Das Übungsbuch und Journalistische Praxis: Modernes Nachrichtenschreiben gibt. Welchen Zugewinn Mäders Buch bringt, kann nur beurteilen, wer die anderen Werke kennt. Offenbar hat der Reclam-Verlag hier eine Marktlücke gesehen. Ein Studium auf der Journalistenschule oder im Volontariat einer Zeitung soll das Buch nicht ersetzen, doch kann es als Vorarbeit mit vielen Tipps für journalistisches Schreiben dienen.

Titelbild

Alexander Mäder: Journalistisches Schreiben. Grundlagen und Möglichkeiten.
Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2023.
240 Seiten, 10 Abb., 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783150114155

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