Gedichte voller Empfindsamkeit und verinnerlichter Erlebniswelt

Zum 275. Geburtstag von Ludwig Hölty

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Auf den Klausbergen direkt am Saaleufer der Stadt Halle befindet sich die denkmalgeschützte steinerne Eichendorff-Bank, die an den Dichter Joseph von Eichendorff (1788-1856) erinnert, der in Halle 1805-1806 gemeinsam mit seinem älteren Bruder Wilhelm drei Semester Jura studierte. Sangesfreudige Hallenser*innen bringen hier mit Blick auf die Burg Giebichenstein dem Dichter jedes Jahr am 10. März ein Geburtstagsständchen – natürlich mit seinem von Gerd Ochs (1903-1977) vertonten Gedicht Da steht eine Burg überm Tale, das aber erst 1855 bei Eichendorffs zweitem Besuch in Halle entstand. Dazu gibt es schlesischen Streusel- und Mohnkuchen.

Was allerdings die wenigsten Hallenser wissen: Die Klausberge beherbergten früher noch eine zweite Dichterbank: die Hölty-Bank. Auf einer Felsenkuppe gegenüber der ehemaligen Kröllwitzer Papierfabrik soll sie gestanden haben. Bereits in einer halleschen Chronik von 1818 wurde diese „Felsenbank“ erwähnt: „Man hat von derselben eine der reizendsten Aussichten, die aber dem, wer schwindlig ist, nicht behagen möchte.“ Die Aussage der Chronik, dass Ludwig Hölty (1748-1776) ein Jahr in Halle studiert hat, ist jedoch eine liebenswürdige und hartnäckige Erfindung. Hölty war nie in der Saalestadt. Die Benennung war wohl Ausdruck einer romantischen Verehrung des Dichters; schließlich befand sich am Fuße der Klausberge Reichardts Garten, der als „Giebichensteiner Dichterparadies“ (auch „Herberge der Romantik“) in die Literaturgeschichte einging. Hier drückten um 1800 Ludwig Tieck, Clemens von Brentano, Friedrich von Hardenberg (Novalis), Achim von Arnim und andere sich quasi die Gartenklinke in die Hand. Auch Johann Wolfgang von Goethe schaute mit Christiane Vulpius regelmäßig vorbei. Der junge Eichendorff war allerdings als Student nur Zaungast.

Doch zurück zur Hölty-Bank, die auch von der Schriftstellerin Louise Brachmann (1777–1822) erwähnt wurde, als sie hier (oder an einer anderen Stelle des Saaleufers) wegen literaturkritischer und privater Enttäuschungen ihrem Leben ein Ende setze. Die Bank ist längst verschwunden, doch sie soll Anlass sein, an den 275. Geburtstag des früh verstorbenen Dichters zu erinnern.

Ludwig Heinrich Christoph Hölty wurde als Sohn einer Pfarrersfamilie am 21. Dezember 1748 in Mariensee bei Hannover geboren. Bereits als Kind litt er an einer schweren Pockenerkrankung, die lebenslange Narben hinterließ. Als die Mutter an Schwindsucht starb, war der Junge gerade neun Jahre alt. Zunächst unterrichtete ihn der ehrgeizige Vater vor allem in Latein, Griechisch und Hebräisch, ehe der Sohn dann im benachbarten Celle das Gymnasium absolvierte. Im Anschluss studierte er von 1769 bis 1772 an der Göttinger Universität Theologie. Auch nach Ablauf des Studiums blieb Hölty noch in Göttingen; der Vater ließ ihn gewähren, da er seinen sparsamen Lebensunterhalt als Privatlehrer für Griechisch und Englisch und mit Übersetzungen bestritt. Außerdem hatte Hölty inzwischen engen Kontakt zu den späteren Dichtern Johann Heinrich Voß (1751-1826) und Heinrich Christian Boie (1744-1806) oder dem Theologen Johann Martin Miller (1750-1814). Gemeinsam veröffentlichte man erste Beiträge in der literarischen Zeitschrift Göttinger Musenalmanach, die Boie 1770 begründet hatte.

Am 12. September 1772 gründete sich dann der Göttinger Hainbund, dem rund fünfzehn junge Dichtertalente (meist Studenten) der Sturm-und-Drang-Generation angehörten, darunter auch die beiden Grafen Christian (1748-1821) und Friedrich Leopold (1750-1819) zu Stolberg. Andere wie Gottfried August Bürger, Matthias Claudius, Friedrich Gottlieb Klopstock oder Christian Friedrich Daniel Schubart standen der literarischen Gruppe nahe. Die „Hainbrüder“ strebten ein gefühlsbetontes und naturverbundenes Weltbild an, mit dem sie das Gefühl und die Empfindsamkeit der Vernunft und dem Rationalismus der Aufklärung gleichstellen wollten. Hölty war sicherlich der lyrisch Begabteste von den engeren Mitgliedern des „Hains“. Seine Kränklichkeit gab all seinen Gedichten einen verklärten Ausdruck und einen Hauch von Melancholie. Viele Verse Höltys haben einen elegischen Ton, denn er fühlte wohl, wie schnell ihm das Leben durch die Hände rinnen würde. Bereits im November 1774 schrieb er in dem Gedicht Auftrag:

Ihr Freunde hänget, wann ich gestorben bin,
Die kleine Harfe hinter dem Altar auf,
Wo an der Wand die Totenkränze
Manches verstorbenen Mädchens schimmern.

Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden
Die kleine Harfe, rauscht mit dem roten Band,
Das, an der Harfe festgeschlungen,
Unter den goldenen Saiten flattert.
[…]

Trotz der Ahnung des frühen Todes strahlten seine Gedichte aber eine Lebensfreude aus, wie in Aufmunterung zur Freude (1776), das von Johann Friedrich Reichardt (1752-1814) vertont wurde:

Wer wollte sich mit Grillen plagen,
So lang uns Lenz und Jugend blühn;
Wer wollt‘, in seinen Blütentagen,
An finstrer Schwermut Altar knien!

Die Freude winkt auf allen Wegen,
Die durch dies Pilgerleben gehn;
Sie bringt uns selbst den Kranz entgegen,
Wenn wir am Scheidewege stehn.
[…]
Drum will ich, bis ich Asche werde,
Mich dieser schönen Erde freun!

Welche Zuversicht und welch Vertrauen sprach aus diesen Zeilen und das wenige Monate vor seinem Tod. Für den gesundheitlich geschwächten Hölty gab es wenig Abwechslung in Göttingen, abgesehen von einer Reise mit Miller nach Leipzig. Während eines Besuchs (mit Voß) bei dem Konrektor Johann Conrad von Einem in Münden lernte er dessen achtzehnjährige Tochter Charlotte kennen und befreundete sich mit ihr. Sie nannte den von Kindheit an blatternarbigen Hölty einen Menschen, bei dem „in dem allerhäßlichsten Körper die schönste Engelsseele“ wohnt. Es kam aber zu keiner engeren Beziehung.

Der Hainbund hatte sich schon 1775 aufgelöst, da seine Mitglieder das Studium beendeten und Göttingen verließen. Hölty war bereits ein Jahr zuvor ins Elternhaus nach Mariensee zurückgekehrt. Auch hier versuchte er, mit Privatunterricht seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Inzwischen litt Hölty an Tuberkulose und nach einem Besuch bei Klopstock, Voß und Claudius in Hamburg verschlimmerte sich sein Lungenleiden. Als sein Vater im Februar 1775 plötzlich starb, wurde seine Lage noch trostloser. Im Herbst ging er nach Hannover, wo er sich durch die verordneten Kuren des berühmten Arztes Johann Georg Zimmermann Linderung versprach. Doch unerwartet schnell kam sein Ende: Am 1. September 1776 starb Ludwig Hölty in Hannover, wo er auf dem St. Nikolai-Friedhof beigesetzt wurde.

Hölty hinterließ ein schmales Werk von 138 Gedichten, darunter auch einige Balladen wie Die Nonne oder Adelstan und Röschen, die neben den Balladen von Gottfried August Bürger zu den frühesten deutschen Versuchen dieser Gattung gehören. Erstmals wurden Höltys Gedichte 1782 von dem Schriftsteller und Verleger Adam Friedrich Geißler (1757-1800) in dem halleschen Verlag von Johann Christian Hendel (also doch eine Verbindung nach Halle) herausgegeben. Eine zunächst umstrittene Ausgabe, die aber im 19. Jahrhundert doch eine gewisse Anerkennung fand. Ein Jahr später besorgten dann Höltys ehemaligen Freunde Friederich Leopold Grafen zu Stolberg und Johann Heinrich Voß bei dem Hamburger Verleger Carl Ernst Bohn einen autorisierten Erstdruck seiner Gedichte.

Höltys Vorbild und Wirkung reicht von Friedrich Hölderlin, der die klassische Schönheit seiner Verse schätzte, über Novalis, Nikolaus Lenau und Eduard Mörike bis hin zu Johannes Bobrowski mit seinem Widmungsgedicht An Hölty (1965) „War deine Stimme. Mailied, unter der Erde.“ Neben Reichardt wurden Höltys Gedichte auch von Mozart, Schubert, Brahms, Mendelsohn Bartholdy und anderen vielfach vertont, sodass er häufig nur als Textdichter angesehen wurde.

Ludwig Hölty gehört zu den jung dahingegangenen Talenten der deutschen Literaturgeschichte um 1800: wie Friedrich von Hardenberg (Novalis, 1772-1801), Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773-1798), Wilhelm Hauff (1802-1827) oder Georg Büchner (1813-1837). Der österreichische Literaturwissenschaftler August Sauer (1855-1926) schrieb über Hölty: „Man kann sich ihn aus dem Gebäude der deutschen Literaturgeschichte hinwegdenken, ohne dass dieses zusammenbräche, aber es fehlte ein liebgewordener Schmuck, den wir ungern vermissen würden.“ Und so fehlt Hölty bis heute in keiner repräsentativen Lyrik-Anthologie – vom Echtermeyer über den Conrady bis zum Ewigen Brunnen. Auch in Reich-Ranickis Kanon der herausragenden Werke der deutschsprachigen Literatur (Gedichte, Band 2) ist er vertreten. 1998 erschienen seine Werke zu seinem 250. Geburtstag in einer kritischen Ausgabe des Wallstein Verlages, die auf den Handschriften basierte und zehn Jahre später eine Neuauflage erlebte. Vielleicht ist Höltys 250. Todestag in drei Jahren wieder ein willkommener Anlass für eine Neuausgabe.