Queer oder nicht queer

Mary Renaults „Freundliche junge Damen“ als deutsche Erstveröffentlichung

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die englische Autorin Mary Renault, 1905 in London geboren, 1983 in Südafrika verstorben, ist im deutschsprachigen Raum vor allem als Verfasserin zahlreicher Romane bekannt geworden, die in der griechischen Antike spielen. Rowohlt hat nun in einer Reihe von literarischen Neuentdeckungen einen der ersten Romane Renaults aufgelegt, eine deutsche Erstveröffentlichung, die 80 Jahre gebraucht hat. Erstaunlich eigentlich, berücksichtigt man die Intensität, in der Renaults historische Romane im Deutschen verlegt wurden. Mit dazu beigetragen aber haben wird, dass der Roman in den vierziger und fünfziger Jahren vielleicht doch zu aufmüpfig und offenherzig war, in den sechziger und siebziger Jahren hingegen schon wieder ein wenig Patina angesetzt hatte, um in Deutschland erkennbares Interesse und damit Verleger zu finden. Das hat sich mit der gestiegenen Aufmerksamkeit für weibliche Autoren mittlerweile geändert, wie auch das Interesse an LGBT-Themen bei allen Querelen, die es darum gibt, doch recht groß ist.

Denn in der Tat spielt Renault in diesem 1944 in England erschienenen Text mit Varianten queerer Themen, hier noch mit weiblichen Figuren, die nach ihrer persönlichen Identität und ihrem angemessenen Lebensentwurf suchen. Allerdings geht Renault, die selbst in einer lesbischen Beziehung lebte und sich wohl als bisexuell verstanden hat, recht zurückhaltend vor, wenn man denn nicht attestieren muss, dass sie vor einer offenen Gestaltung homosexueller Beziehungen zurückgeschreckt zu sein scheint. Hinzu kommt, dass der Roman einen strukturellen Bruch aufweist, der ihm möglicherweise auch im Weg gestanden hat.

Dieser Bruch besteht darin, dass Renault anfangs aus der Perspektive einer jungen Heranwachsenden erzählt, später aber im wesentlichen zur älteren Schwester wechselt, deren weiteres Schicksal auf einmal das größere Interesse der Erzählung beansprucht. Im Vergleich dazu wird der Lebensgang der Jüngeren uninteressant.

Elsie, so ihr Name, entflieht aus ihrem biederen und unglücklichen Elternhaus in der englischen Provinz und folgt der zehn Jahre älteren Schwester, Leonora, kurz Leo, die bereits vor einigen Jahren, mit Krach und Skandal, das Elternhaus verlassen hat. Die Gründe sind dem seinerzeit achtjährigen Mädchen, das aufgrund seiner Folgsamkeit der Stolz der Mutter war, nie ganz klar geworden. Zehn Jahre später, als Heranwachsende ohne jede Lebenserfahrung (was wohl heißt, dass sie weder eine Berufsausbildung noch erste sexuelle Erfahrungen gemacht hat), verlässt sie die zerstrittenen Eltern, nicht zuletzt motiviert durch die Bekanntschaft mit einem zehn Jahre älteren Arzt, Peter, dessen (abgeschmacktem) Charme sie – zumindest ideell – hoffnungslos erliegt und der sie zur Selbstermächtigung ermutigt. Immerhin reicht das zur Flucht, auch wenn die Hoffnungen Elsies auf eine Liaison mit Peter nicht erfüllen werden, was nicht unerwartet ist.

Leo nun lebt in einer völlig anderen, ungeregelten und in vielem recht unkonventionellen Welt. Sie wohnt auf einem Hausboot mit einer anderen Frau zusammen, arbeitet als Schriftstellerin (sie schreibt Westernromane), kleidet sich in ihrem Alltag gern in Hosen, pflegt ein offenes Sexualleben und ist mit einem benachbarten amerikanischen Schriftsteller, Joe, befreundet, dessen Werk sie kollegial bewundert.

Die Handlung wird davon vorangetrieben, dass Peter, nachdem er den heimatlichen Landarzt, der Elsie behandelt, vertreten hat, nach London zurückkehrt, um in einem Krankenhaus zu arbeiten. Naheliegend besucht er Elsie, die ihm geschrieben hatte, und startet den Versuch, neben Leo auch deren Mitbewohnerin Helen anzubaggern, was sich einigermaßen hoffnungsvoll angeht.

Spätestens mit den Anbändelungsversuchen Peters – also etwa in der Mitte des Romans, Elsie ist nun auf dem Hausboot einigermaßen angekommen und fühlt sich heimisch – richtet die Erzählung ihren Fokus auf die beiden älteren Frauen, vor allem aber auf Leo, und lässt Elsie fast schon abrupt fallen. Das coming of age-Thema wird abgebrochen, Elsie kehrt nach Hause zurück.

Allerdings kommt auch Peter nicht zum Zuge, stattdessen entwickelt sich aus der teils burschikosen Freundschaft zwischen Leo und Joe eine Liebschaft, was dazu führt, dass Leo dem abgereisten Freund hinterher in die USA, dem Land ihrer Romane, folgt. Ende gut, alles gut und in seiner heterosexuellen Ordnung.

Freilich nicht in der Lesart Nicole Seiferts, einer der beiden Herausgeberinnen der Reihe, die dem Roman ein Nachwort beigesteuert hat. Seifert liest den Roman im Ganzen als Frühform eines queeren Textes, nicht zuletzt durch ein späteres Votum Renaults bestätigt, mit dem sie das Ende (die Bildung eines Heteropaares) als einigermaßen dämlich („silly“) bezeichnet hat. Im O-Ton Seifert:

Es sei naiv von ihr (Renault) gewesen, als Happy Ende zu präsentieren, dass Leo ihre lesbische Beziehung und ihre ganze Identität, für die sie einen hohen Preis gezahlt hat, aufgibt, um eine heterosexuelle Beziehung zu führen, die den Regeln der Zeit entsprechend wohl in eine Ehe münden würde.

Dem ist – auch gegen Renault – die Erzählung selbst entgegenzuhalten, die weder die homosexuelle Beziehung der beiden Frauen bestätigt, noch die Aufgabe der Identität Leos durch die Liebesbeziehung zu Joe. Das Verhältnis Leos zu Helen, ihrer Mitbewohnerin, wird im gesamten Text nie als sexuell gekennzeichnet, sondern als enge, vertraute Freundschaft. Dass die beiden Frauen das Hausboot gemeinsam bewohnen, ist nicht zwingend ein Hinweis auf eine homosexuelle Beziehung. Zwar kleidet sich Leo maskulin und führt ein recht burschikoses Leben. Aber das bleibt im ikonografischen Rahmen noch der 20er Jahre und der garçons, als deren späte Wiedergängerin sie erscheint. Ihre sexuellen Neigungen richten sich, soweit sie thematisiert werden, auf Männer, was bei Helen nicht wesentlich anders ist. Leo weiß sich auch entsprechend weiblich zu kleiden, wenn’s es darauf ankommt, auf Peter etwa zu wirken. Ansonsten sind die Hinweise auf eine queere Identität Leos eher zurückhaltend gesetzt. Es gibt eine Stelle, in der vom Jungen in ihr die Rede ist, ansonsten ist wohl das stärkste Signal in dieser Hinsicht die Kürzung ihres Vornamens zur männlichen Form.

Keine Frage, Leo lebt ein unkonventionelles Leben, aber kein offen homo- oder bisexuelles. Soll mithin heißen, wenn Renault später den Schluss ihres Romans bedauert hat, dann ist sie damit insofern nicht ganz ehrlich gewesen, als sie wohl eher die Durchführung der Erzählung als Ganzes anders hätte anlegen sollen, um Themen wie die Legitimität oder die Schwierigkeiten in Zusammenhang mit einer homo- oder bisexuellen Lebensweise erzählen zu können. So wie die Geschichte jetzt erzählt wird, ist der Schluss eben auch konsequent und bewegt sich im Rahmen dessen, was zuvor vorgestellt wurde. Das mag die Herausgeberin anders sehen, sie wird sich freilich eingestehen müssen, dass die Erzählung ihre Lektüre nicht wirklich bedient, sondern bestenfalls ansatzweise eine Form unkonventionellen Lebens in den 1940ern präsentiert. Das macht den Roman nicht minder interessant, weist ihn aber nicht zwingend als Zeugen früher queerer Existenz aus.

Titelbild

Mary Renault: Freundliche junge Damen. rororo Entdeckungen Band 2.
Herausgegeben von Nicole Seifert und Magda Birkmann.
Aus dem Englischen von Gertrud Wittich.
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2023.
444 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783499012808

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