Genial oder dilettantisch?
Viktor Jerofejew verquirlt in „Der grosse Gopnik“ eine vernichtende Kritik an Russland und Wladimir Putin mit seiner eigenen Biographie und wüsten, provokativen Fantasien
Von Karsten Herrmann
Der grosse Gopnik – das ist in Viktor Jerofejews neuem Roman ein Synonym für Wladimir Putin, der die ganze Welt gezwungen hat „nach seiner Pfeife zu tanzen“: „Er hat alle Ängste zusammengerafft. Er ist bereit zu allem. Alle sind erstarrt. […] Er ist der Held unserer Zeit, der Held Russlands“ und er „ist die Quittung für unsere hinfällige Demokratie“.
Gopnik ist ein unübersetzbares russisches Wort, dass so etwas wie Rowdy oder Hinterhofrabauke bedeutet und dem auch immer etwas Kleines und Mittelmäßiges anhaftet. Putin sei so nur aus reinem Zufall im Jahr 2000 vom Taxifahrer zum Präsidenten aufgestiegen und sei letztlich nicht mehr als „ein Friedhof von Kindheitskränkungen“.
Für Jerofejew ist der „Gopnik“ der Schlüssel zum Putin-gläubigen russischen Volk und seinen Großmachtphantasien, die im Jahr 1523 durch die Proklamation Moskaus als dem Dritten Rom begonnen habe: „Das russische Volk glaubt an seine Einmaligkeit, im kollektiven Unterbewussten schlummert die Idee von Moskau als Drittem Rom“. 500 Jahre später werde diese Idee durch Propaganda und Fake News aufrechterhalten und „Alles funktioniert nach dem Prinzip – das Eigene – das Fremde, Freund – Feind“. Bis heute habe der Westen diese Lektion vom russischen Wesen nicht gelernt.
Seine Generalabrechnung mit Wladimir Putin und dem russischen Volk verbindet der 1947 geborenen Viktor Jerofejew in Der grosse Gopnik mit eigenen biografischen Stationen und Episoden. Zusammen mit seinem Vater, der Stalins Dolmetscher und später unter anderem russischer Kulturattaché in Paris war, nahm er als Kind auf dem Roten Platz in Moskau stolz die Militärparaden ab. Später sorgt er mit der 1979 erschienenen skandalumwitterten Anthologie Metropol dafür, dass sein Vater entlassen und er selbst aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wird. Mit Romanen wie Die Moskauer Schönheit oder Leben mit einem Idioten avanciert er schließlich zum Nobelpreis-Aspiranten und bewegt sich in der internationalen Kunst- und Politprominenz – dies schildert er in diesem Roman ausführlich und nicht ohne leichte Tendenz zur Selbsterhöhung.
Aufgrund des russischen Überfalls auf die Ukraine floh Jerofejew 2022 zusammen mit seiner Frau und den Kindern mit dem Auto über St. Petersburg nach Finnland und von dort aus weiter nach Deutschland. Auf die Frage, warum er Russland psychisch und physisch verlassen haben, antwortet er in seinem Roman: „Nicht doch […], nicht ich habe es verlassen. Es ist Russland, das mich verlassen hat.“
Als Schriftsteller war Viktor Jerofejew schon immer ein großer Provokateur und lässt so auch in diesem Roman wüsten Fantasien und Assoziationen freien Lauf: Da wird hemmungslos gevögelt und gesoffen, da geht es um kommunizierende Ani, Porno und Inzucht und häufig bewegt er sich dabei auf der Schneide zwischen plump und poetisch. Jerofejew erklärt zugleich die Zeit der Kunst und der deftigen Provokation als abgelaufen, denn das Leben in Russland habe die „Kunst in den Schatten“ gestellt: „jetzt sind wir am Limit angelangt, da sich selbst die kompromissloseste Kunst, Kunst am Rande der Selbstverbrennung, in Routine verwandelt, denn die Zeit hat die stärksten Bilder und stellt jede Kunst der neuen Avantgarde in den Schatten.“
Nichtsdestotrotz scheint Jerofejew in seiner Poetik der unfassbaren Brutalität und Willkürlichkeit der Verhältnisse weiter hinterher zu hecheln und kann kaum Schritt halten: Episodisch und fragmentarisch wirbelt er in seinem Roman die biographischen, historischen und fiktionalen Elemente durcheinander, lässt sie sich überlagern, wiederholen und durchdringen, versucht noch einmal zu provozieren – bis dem Leser am Ende der 600 Seiten der Kopf gehörig schwirrt und er sich erschöpft fragt: Ist das jetzt genial oder doch eher beliebig und dilettantisch?
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