Eine Weltreisende wird kleingemacht

Der Verlag Brot und Spiele verstümmelt klammheimlich Ida Pfeiffers „Reise einer Wienerin in das Heilige Land“ von 1844

Von Karin S. WozonigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karin S. Wozonig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Gerade als die Morgenröte anbrach, standen wir an den Mauern Jerusalems, und mir ging der schönste Morgen meines Lebens auf! Ich war so in Gedanken und in Lobpreisungen versunken, dass ich nicht sah und hörte, was um mich vorging.“ Für die 44jährige Ida Pfeiffer (1797-1858) erfüllt sich an diesem Tag ein Lebenstraum. Schon als Kind wollte sie an jenen Stätten wandeln, die der Fuß Jesu berührt hatte. Im Jahr 1842 machte sich die Wienerin schließlich auf ins Heilige Land. Sie ließ sich all die Orte zeigen, die sie aus der Bibel kannte, Orte, an denen Jesus litt und starb. Sie verbrachte eine Nacht in der Grabeskirche, machte einen Ausflug nach Bethlehem, wandelte nicht nur auf den Spuren Jesu, sondern auch auf denen des Heiligen Johannes, der Gottesmutter Maria, anderer Heiliger und Propheten. Da Pfeiffer mit ihrer mitteleuropäischen Bekleidung in der Kirche unangenehm auffiel, besuchte sie in Jerusalem nur selten die Messen. Überhaupt war der Umstand, dass die Reisende durch ihre äußere Erscheinung reges Interesse weckte und von den Einheimischen bedrängt wurde, ein Ungemach, das ihr auf der Reise immer wieder begegnete.

Nachdem sie zwei Söhne großgezogen hatte, reiste die Dame im fortgeschrittenen Alter – eine Matrone, wenn auch nicht dem Stereotyp entsprechend, sondern zierlich und klein – allein über Konstantinopel und Beirut nach Jerusalem. Ihre Familie und ihre Freunde waren entsetzt über diesen Plan, sie und die Leserschaft des Reiseberichts konnten aber das religiöse Interesse als Rechtfertigung für diesen Ausbruch aus der biedermeierlichen Häuslichkeit gelten lassen. Das Motiv war jedoch, wie wir aus postum erschienenen autobiographischen Auskünften Pfeiffers wissen, ein vorgeschobenes. Pfeiffer wollte die Welt sehen. Die 1844 anonym (aus der Widmung, die in der vorliegenden Ausgabe fehlt, ließ sich die Identität der Autorin allerdings erschließen) in zwei Bänden veröffentlichte, mehrfach übersetzte und aufgelegte Reise einer Wienerin in das Heilige Land brachte ihr genug Geld ein, um sich sodann in den Norden aufzumachen, und schließlich absolvierte die Reisende aus gutbürgerlichem Haus sogar zwei Weltreisen. „Je mehr sie sah, desto mehr wollte sie sehen“, meint ihr Biograph Constantin Wurzbach. Und Ida Pfeiffer selbst sagt von sich nach der Besichtigung der Pyramiden von Giseh, sie sei eine Frau, „die bloß eine grenzenlose Neigung zum Reisen hierher brachte und die Kunst- und Naturschönheiten nur nach ihren einfachen Gefühlen zu betrachten vermag“.

Das Buch beginnt mit der Reise auf der Donau nach Konstantinopel. Pfeiffer widmet sich ausführlich den Gasthäusern, den Schiffen und der Gesellschaft an Bord. Sie ist interessiert an den Maßnahmen zur Eindämmung der Pest und muss später selbst für einige Zeit in Quarantäne; sie beschreibt Schiffsladungen und Landschaften. In der Türkei besucht sie die tanzenden Derwische und kommentiert das Aussehen des Sultans, „ein schmächtiges, aufgeschossenes Herrchen von neunzehn Jahren, blass, matt und abgelebt“. In Palästina, damals als Teil Syriens zum osmanischen Reich gehörig, interessiert sie sich für die Tracht der Frauen, die Bauweise der Häuser und die spärliche Vegetation. Sie beklagt sich über die schlechte Qualität des Olivenöls und des Weins, nur das Ungeziefer ist weniger störend, als sie gedacht hätte. Genau dokumentiert sie die Hitze und wieviel sie für Nahrung oder Reittier bezahlen muss. Oft ist es der arrogante Blick der Angehörigen der österreichischen Oberschicht auf ein „zurückgebliebenes“ Volk, gepaart mit Ressentiments gegenüber anderen Religionen, der diesen Reisebericht dominiert. Doch auch hier, in diesem unter deutlichem Rechtfertigungsdruck stehenden Text zeigt sich die prinzipielle Offenheit der Touristin und, dass sie diese Reise gut vorbereitet angetreten hat. Eine Vorbereitung, die nicht nur das Heilige Land betraf, sondern ihr generelles Interesse am Orient widerspiegelt, das auch die Politik und die sozialen Verhältnisse miteinschließt. Dabei ist Pfeiffer nicht unkritisch gegenüber dem Christentum, etwa wenn sie die österlichen Konflikte zwischen Griechisch-Orthodoxen und „Lateinern“ in der Grabeskirche von Jerusalem kommentiert:

Da gibt es nicht nur blutende Köpfe, sogar als Leichen werden einige fortgetragen. Da müssen dann gewöhnlich die Türken einschreiten, um unter den Christen Ordnung und Ruhe herzustellen. Was können dann jene Völker, die wir Ungläubige nennen, für einen Begriff von uns Christen haben, wenn sie sehen, mit welchem Hass und Neid eine christliche Sekte die andere verfolgt?

Die Notwendigkeit, dass sich diese reisende Frau durch eine religiöse Motivation absichern muss, zeigt sich im Vorwort des Verlegers der ersten Ausgabe, das hier jedoch fehlt. Es sei „doch nicht zu wundern, wenn vom religiösen Sinne durchdrungen Millionen aus der Christenheit den Wunsch, die heiße Begierde hegen, selbst zu wandeln die Wege des Erlösers, mit eigenen Augen zu schauen die Denkmäler des Gottmenschen von der Krippe bis zum Sarge“, schreibt er. Und weiter: „Dass aber eine zarte Frau aus höherem Stande, eine geborene Wienerin, den Heldenmuth besaß, das durchzuführen, woran Tausende von Männern scheiterten, dürfte fast dem Unerhörten angehören.“ Nach ihrem Aufenthalt in Jerusalem reist Pfeiffer nach Beirut, Damaskus, in den Libanon, und nach Ägypten. Dabei nimmt sie beträchtliche Strapazen auf sich, um die Orte zu erkunden, die sie aus der Reiseliteratur kennt. Fixe Anlaufstellen sind für sie die Konsulate der k.k Monarchie, aber nicht immer wird sie mit offenen Armen empfangen oder auch nur in praktischen Belangen unterstützt. Gelegentlich helfen Empfehlungsschreiben der Reisenden weiter. Da von touristischer Infrastruktur nicht die Rede sein kann, ihr die Hitze und das schlechte Essen zusetzen und ihre einheimischen Helfer sie immer wieder zu übervorteilen versuchen oder im Stich lassen, ist die „Reise in das Heilige Land“ auch ein Bericht über Widrigkeiten aller Art. Und dabei hat die Autorin die Belehrung anderer Reisender im Sinn:

Meine Freunde werden mir vergeben, dass ich meine Leiden so genau beschreibe, allein es geschieht nur, um alle jene abzuschrecken, die etwa Lust zu solch einer Reise hätten und nicht reich, vornehm oder doch recht abgehärtet sind, denn ohne den Besitz wenigstens einer dieser Eigenschaften möge jeder lieber zu Hause bleiben.

Pfeiffer findet dann doch immer wieder Begleiter und Beschützer, unter anderem Graf Z., wohl Graf Zichy, zwei böhmische Adelige und einen Maler, in deren Gesellschaft sie etwas bequemer reisen kann als ganz auf sich gestellt. Unverständlich ist ihr, dass nicht jeder privilegierte Mensch von Reiselust befallen ist:

Wenn ich so hingerissen ward von der Größe und Schönheit der Natur, wenn ich mich in ein so ganz neues, interessantes Leben und Treiben versetzt sah, da schien es mir beinahe unbegreiflich, wie es so viele Menschen geben kann, die Gesundheit, Geld und Zeit im Überfluss besitzen und keinen Sinn für bedeutende Reisen haben.

Zum Bild der zurückhaltenden, die Öffentlichkeit scheuenden Biedermeierdame gehört es, dass sie von ihrem Verleger erst zur Veröffentlichung ihres Reisetagebuchs überredet werden musste, wie er in seinem Vorwort betont. Ganz dem weiblichen Bescheidenheitstopos entsprechend, schließt Pfeiffer ihren Bericht mit den Worten:

Ich bin keine Schriftstellerin, ich habe nie etwas anderes als Briefe geschrieben, mein Tagebuch kann daher nicht als literarisches Werk betrachtet werden. Es ist eine einfache Erzählung, in der ich alles beschreibe, wie es mir vorkam; es ist eine Sammlung von Notizen, die ich anspruchslos niederschrieb, um mich immer an das Geschehene zu erinnern, und von denen ich nie glaubte, dass sie den Weg in die große Welt finden würden…

Es ist prinzipiell gewiss verdienstvoll, dieses Zeugnis eines ungewöhnlichen Frauenlebens wieder zugänglich zu machen. Das Lektorat der vorliegenden Ausgabe ist sorgfältig und das Layout leserfreundlich, aber das ganze Projekt krankt an dem lieblosen Umgang des Verlages mit der Quelle. Es ist unverständlich, warum sich keine Landkarte in diesem Buch findet, keine Worterklärungen, keine Informationen zur Geopolitik der Zeit. Auch ein erläuterndes Vorwort oder Nachwort sucht man vergebens. Aber damit nicht genug. Der Verlag hat willkürlich einzelne Textpassagen gestrichen, und am Ende fehlt sogar ein gutes Viertel, nämlich die gesamte Rückreise Pfeiffers über Malta und Rom. Diese Verstümmelungen sind nicht kenntlich gemacht und das bedeutet: Diese Ausgabe ist nicht nur eine verpasste Chance, sie ist unredlich.

Titelbild

Ida Pfeiffer: Reise einer Wienerin ins Heilige Land.
Brot und Spiele Verlag, Wien 2023.
306 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783903406162

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