Doppelte Chronik

Nora Krugs „Im Krieg“ – llustrationen zweier Berichte aus dem Ukrainekrieg

Von Ulrich KlappsteinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrich Klappstein

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Jahr lang hat sich die Autorin und Illustratorin Nora Krug den Krieg in der Ukraine von New York aus von der Kiewer Journalistin K. und dem russischen Künstler D. beschreiben lassen, ihre Alltagserfahrungen erfragt und ihre Berichte jeweils montags verschriftlicht und illustriert. Die anonymisierten Tagebücher erschienen freitags in der Los Angeles Times parallel auf einer Doppelseite. Ausschnitte daraus wurden auch in der italienischen, spanischen und niederländischen Presse und in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt. Ihre Honorare daraus spendete die Autorin an verschiedene Hilfsorganisationen. Aus den 52 Beiträgen zwischen dem Februar 2022 und dem Februar 2023 entstand ihr Buch Diaries of War, das nun in der Münchener Penguin House Verlagsgruppe unter dem Titel Im Krieg. Zwei illustrierte Tagebücher aus Kiew und St. Petersburg erschienen ist.

„Visuellen Journalismus“ nennt Nora Krug ihre Arbeit, wobei sie die Identität ihrer Informanten jedoch schützt. In Nora Krugs Texten – den zusammengefassten Erzählungen der beiden bruchstückhaft übermittelten Berichte, bei denen nur gewisse Details wie z. B. die Namensangaben geändert wurden – spiegeln sich die Ängste, Sorgen, Hoffnungen und Emotionen dieser beiden Menschen und liefern illustrierte Innenansichten. Während die Ukrainerin einen Kampf ums nackte Überleben führt, stellt sich der Künstler in St. Petersburg ebenso existentielle Fragen, z.B. wie er eine Arbeitserlaubnis für Lettland bekommen könnte, damit er in Riga Arbeit finden kann, um seine Familie durchbringen zu können. Krugs Ziel war es, beide Personen in jeweils komplexen Perspektiven darzustellen. In ihrem Vorwort erklärt die „Enkelin eines deutschen Mitläufers des nationalsozialistischen Regimes“, wie wichtig es ihr ist, „ambivalente, komplexe und zuweilen widersprüchliche Geschichten zu dokumentieren – Geschichten, die womöglich schwer zu akzeptieren sind –, weil gerade sie zu unserem Verständnis davon beitragen, wie Diktaturen entstehen und aufrechterhalten werden.“

Krugs Illustrationen – pro Seite werden zwei Zeichnungen abgebildet – kontrastieren gängige Narrative des Krieges, denn Krug will bewusst machen, dass „individuelle Erfahrungen nie weder gänzlich objektiv sein [können], noch ein vollständiges Bild der politischen Situation vermitteln.“ Im Kopf der Leserinnen und Leser entstehen auf diese Weise eigene, die Texte begleitende Bildvorstellungen. Das Vorwort schließt mit einem Appell, nicht untätig zu bleiben und Widerstand zu leisten: „Auch wir haben heute eine Wahl. Und was wir beschließen zu tun – oder nicht zu tun –, hat nicht nur unmittelbare Konsequenzen für unser eigenes Leben, sondern auch für das Leben anderer.“

Das von Alexander Weber aus dem Englischen übersetzte Buch enthält vier Großkapitel – Winter und Frühling, Frühling und Sommer, Sommer und Herbst, Herbst und Winter –, die jeweils durch ein gelbfarbiges Zwischenblatt mit einer stilisierten Fotografie unterteilt sind. Pro Doppelseite stehen die Wochenberichte, links auf seidengelbem Untergrund die Geschichte der K., rechts, grün hinterlegt, die Geschichte von D. Das Buch ist durchgehend vierfarbig illustriert. Die Texte sind wie das gesamte Buch – samt Innentitel, Vorwort und abschießender Danksagung der Autorin – in einfacher Typografie ausgeführt. Sie dienen anfangs als kürzere Bilderläuterungen, erhalten aber dann als längere Passagen zunehmend den Charakter fortlaufender Erzählungen.

Nach ihrem Studium von Bühnenbild, Dokumentarfilm und Illustration in Liverpool betätigte sich die Autorin vor allem als Zeichnerin. Ihr gelingt es in ihren Büchern, Bilder und Texte in ein Spannungsverhältnis zu setzen und so ein Nebeneinander von Narration und Bildästhetik zu erzeugen, das sich von herkömmlichen Graphic Novels deutlich unterscheidet. Nora Krugs neues Buch bietet eine thematische und stilistische Vielfalt, die ihm eine ganz eigene Präsenz auf dem Buchmarkt sichern wird. Schon der Vorgänger, eine Adaption von Timothy Snyders geschichtswissenschaftlicher Brandschrift Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand, war von der New York Times zu einer der „Best Graphic Novels of 2021“ gekürt und von der deutschen Stiftung Buchkunst zu einem der „Schönsten Deutschen Bücher 2021“ gewählt worden. Auch ihr Debüt Ein deutsches Familienalbum feierte internationale Erfolge.

Titelbild

Nora Krug: Im Krieg. Zwei illustrierte Tagebücher aus Kiew und St. Petersburg.
Aus dem Englischen von Alexander Weber.
Penguin Verlag, München 2024.
128 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783328603252

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